100 Jahre Frauenwahlrecht - 100 Jahre Frauengeschichten

Seit Frauen am 19. Januar 1919 erstmals wählen durften, haben sie sich nicht mehr von ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung abbringen lassen. In dieser Serie stellen wir starke Frauen aus zehn Jahrzehnten vor, die Politik, Gesellschaft und Kirche prägten und für Freiheit, Glauben und Gleichberechtigung eingetreten sind. Alle historischen Frauenporträts im Überblick

Folge 10: Angela Merkel (geb. 1954)

 

Von der Pfarrerstochter zur mächtigen Lenkerin

Angela Merkel ist Deutschlands bisher einzige Kanzlerin. In 15 Jahren von Null an die Spitze: In der Politik ist das atemberaubend schnell. War Angela Merkel im frisch vereinten Deutschland 1990 nur wenigen ein Begriff, ist sie heute auf der nationalen und internationalen politischen Bühne eine der wichtigsten Figuren.

Von Isabelle De Bortoli

Evangelische Pfarrerstochter aus der DDR: Es waren genau diese Attribute, die Angela Merkel wohl im Jahr 1990 auf die Spur einer rasanten politischen Karriere brachten.

Als Helmut Kohl nach der Wiedervereinigung ein erstes gesamtdeutsches Kabinett zusammenstellen musste, war Merkel die perfekte Besetzung als Ministerin für Frauen und Jugend: eine ostdeutsche Frau ohne sozialistische DDR-Karriere.

Dass Merkel in der DDR aufwuchs, ist in der Entscheidung ihres Vaters begründet, 1954, kurz nach Merkels Geburt am 17. Juli in Hamburg, freiwillig als evangelischer Pfarrer in die DDR zu gehen - obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits viele Menschen in Richtung Westen zogen.

Christliche Werte und Weltoffenheit

Merkels Kindheit und die ihrer jüngeren Geschwister Marcus und Irene waren laut Merkel "von christlichen Werten und der Weltoffenheit ihrer Familie geprägt". In der Schule erzielte sie Bestnoten, machte das Abitur mit 1,0.

Das Physikstudium, so deutete sie in Interviews an, war auch ein Weg, möglichst weit entfernt von Einflüssen der DDR-Ideologie zu forschen.

Den Weg in die Politik fand Angela Merkel erst kurz vor der Wiedervereinigung: Die promovierte Physikerin engagierte sich im Demokratischen Aufbruch (DA), wird 1990 zur stellvertretenden Regierungssprecherin der DDR-Regierung unter Lothar de Maizière.

Angela Merkel gelingt bei den ersten gesamtdeutschen Wahlen im selben Jahr der Sprung in den Bundestag - und sie fällt bei ihrem ersten CDU-Parteitag Bundeskanzler Helmut Kohl auf. Der Spitzname "Kohls Mädchen" wird geboren, als Kohl sie zur Ministerin macht und Merkel außerdem bereits 1991 stellvertretende CDU-Parteivorsitzende wird - nur zwei Jahre nach ihrem Eintritt in die Partei.

1994 wird Merkel Umweltministerin, 1998 Generalsekretärin der CDU. Sie versucht, sich von Helmut Kohl abzunabeln - erst recht, als die Spendenaffäre ans Licht kommt.

Merkel geht so weit, dass sie die Parteimitglieder im Dezember 1999 öffentlich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) dazu aufruft, sich von Kohl zu distanzieren: "Es geht um die Glaubwürdigkeit Kohls, es geht um die Glaubwürdigkeit der CDU, es geht um die Glaubwürdigkeit politischer Parteien insgesamt." Am 10. März 2000 wird Merkel zur Parteivorsitzenden der CDU gewählt.

Sie räumt so einige Männer aus ihrem Weg

Im Rückblick war es ein kluger Schachzug von Merkel, im Jahr 2002 nicht direkt selbst als Kanzlerkandidatin anzutreten, sondern Edmund Stoiber den Vortritt zu lassen:

So schwächte sie nicht nur den unterlegenen Stoiber, sondern ersetzte Friedrich Merz als Fraktionschefin und wurde damit Oppositionsführerin im Bundestag. Während ihrer politischen Laufbahn wird Merkel übrigens noch so einige Männer aus dem Weg räumen: Christian Wulff, Roland Koch, Norbert Röttgen, Karl-Theodor zu Guttenberg - ja sogar Wolfgang Schäuble, der von Helmut Kohl eigentlich immer als "Kronprinz" und damit künftiger Kanzler vorgesehen war.

Stattdessen sind es zwei Frauen, die Merkel seit Jahren beraten: Beate Baumann ist Merkels Büroleiterin, begleitet sie schon seit ihrer Zeit als Frauenministerin in den 90ern. Eva Christiansen gilt ebenfalls als Top-Vertraute im Kanzleramt: Sie kümmert sich um alles rund um die Marke Merkel.

Und der Kanzlerin gelingt es immer wieder, Vertraute an wichtigen Schlüsselpositionen zu installieren, wie sie erst jüngst nach der Europawahl eindrucksvoll bewies: Über Nacht setzte sie Ursula von der Leyen als EU-Kommissionschefin durch, Annegret Kramp-Karrenbauer wurde nicht nur CDU-Vorsitzende, sondern nun auch Verteidigungsministerin.

Mit 51 Jahren erste und jüngste Kanzlerin der Geschichte

Doch zurück ins Jahr 2005 und dem Moment, der Merkel überhaupt zur Kanzlerin machte: Nach der legendären Elefantenrunde, bei der sich Kanzler Gerhard Schröder noch als Wahlsieger ausrief ("Sie wird keine Koalition mit meiner Partei zustande kriegen. Machen Sie sich da nichts vor."), wurde Angela Merkel Bundeskanzlerin einer großen Koalition: als erste Frau, erste Ostdeutsche - und mit 51 Jahren auch als jüngste Kanzlerin der Geschichte.

Merkels erster großer Auftritt auf internationalem Parkett war der G-8-Gipfel in Heiligendamm im Jahr 2008. Auffällig: Merkel ist im weißen Blazer die einzige Frau zwischen lauter dunkel gekleideten Anzugträgern. Ein Bild übrigens, das sich im Laufe der Jahre stetig wiederholte - so erst beim G-7-Gipfel in Biarritz im August dieses Jahres. Merkel erhält von der Presse 2008 übrigens den Beinamen "Klimakanzlerin": Als Gastgeberin sorgte sie dafür, dass US-Präsident George W. Bush einer Wende im Klimakampf zustimmt.

Klimakanzlerin, Mutti, Fußballkanzlerin, Kohls Mädchen, Flüchtlingskanzlerin - so richtig passt Angela Merkel in keine Schublade.

Denn über Merkel weiß man wenig, ihre Entscheidungen kommen oft überraschend, so wie etwa die Abkehr von der Atomkraft im Jahr 2011 - kurz nachdem sie sich für eine längere Laufzeit der deutschen Atomkraftwerke ausgesprochen hatte. "Fukushima hat meine Haltung zur Kernenergie verändert", so Merkels Begründung damals.

Sachlich und ruhig, besonnen, pragmatisch, vorsichtig, vernünftig - mit diesen Attributen wird ihr Politikstil gern beschrieben: Alle Varianten durchdeklinieren, in Absprachen um eine Lösung ringen, die am Ende möglichst viele mittragen können. Und das auch, wenn man dafür bis spät in der Nacht am Verhandlungstisch sitzen muss - Merkel hat dabei in der Vergangenheit ein extremes Durchhaltevermögen bewiesen.

Wenn wir jetzt noch anfangen müssen, uns dafür zu entschuldigen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land."

In jüngster Zeit hat die Kanzlerin zu kämpfen: Die Flüchtlingskrise und ihr unerschütterliches "Wir schaffen das" ließen ihre Umfragewerte purzeln.

Merkel sagte dazu: "Wenn wir jetzt noch anfangen müssen, uns dafür zu entschuldigen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land."

In diesem Sommer 2019 schien sie gesundheitliche Probleme zu haben, hat sie ihre bisher vielzitierten "kamelartigen Fähigkeiten" - was ihre Energiereserven angeht - vielleicht überstrapaziert? Auch hier gab es aus Merkels Umfeld keine genauen Informationen.

"Sie kennen mich" - mit diesem Satz war Merkel im Wahlkampf 2013 enorm erfolgreich. In Wahrheit hält sie sich aber extrem bedeckt, was ihr Privatleben angeht. Außer ihrer Vorliebe für Opern in Bayreuth und Wandern in Südtirol ist wenig über ihr Leben bekannt; Gärtnern und Kochen im Landhäuschen in der Uckermark sollen ein Ausgleich zum Berliner Politikbetrieb sein.

Klar ist aber: Bis 2021 will Merkel Kanzlerin bleiben - damit wird sie länger im Amt gewesen sein als Konrad Adenauer und mit Helmut Kohl gleichziehen.

Und sie hat noch viel vor: Dem Klimawandel entgegentreten, beispielsweise. Ein Ziel, das sie über Finanz-, Euro- und Flüchtlingskrise aus den Augen verloren hatte: Bei der Generaldebatte im Bundestag im September aber sagte sie, sie begreife die Aufgabe als eine "Menschheitsherausforderung".

Weitere wichtige Frauen des Jahrzehnts 1999-2009

Eigentlich müsste jede Frau Karin Dorrepaal kennen. Denn die Niederländerin hat im September 2004 das geschafft, was zuvor noch keiner Frau gelungen war: in den Vorstand eines DAX-Unternehmens einzuziehen, beim Pharmakonzern Schering.

Im Jahr 2009 wurde außerdem Margot Käßmann erste und bislang einzige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Stand: 29.10.2019