Gegen Hass und Hexenwahn

Zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert wurden in Europa während der Hexenverfolgung rund 60.000 Frauen, aber auch Männer und Minderjährige, brutal getötet. Wer glaubte, Menschenrechtsverletzungen dieser Art seien ein Relikt dunkelster mittelalterlicher Zeiten, der irrt. Sie flammen nahezu unbeobachtet von der Weltöffentlichkeit in 29 Ländern wieder auf. Besonders betroffen sind Frauen in Papua-Neuguinea. Hier kämpft die mutige Ordensfrau Lorena Jenal gegen Hass und Hexenwahn.

Von Jörg Nowak

 

Wäre ihr nicht der Trick mit dem kleinen Stein eingefallen, hätte Cristina Dio den ersten Augusttag im Jahre 2012 nicht überlebt: Auf dem Dorfplatz von Mendi im südlichen Hochland von Papua-Neuguinea versammeln sich mehrere Hundert Menschen.

Als die 40-Jährige mit ihrer Mutter und ihrem Sohn Jonathan hinzukommt, denken sie zuerst, ein großes Fest fände statt. Neugierig reihen sie sich in die Menge ein. Ein Mann erzählte etwas von den "gefährlichen Sangumas". Diese bösen Hexen seien mitten unter ihnen, ruft er mit drohender Stimme. "Wir glauben an Hexerei. Wenn jemand krank wird und stirbt, dann muss jemand verantwortlich sein. Wir suchen den Schuldigen, der ihn mit seiner bösen Hexerei getötet hat", sagt der Dorfbewohner Roger.

Cristina weiß nicht, wie ihr geschieht. Sie sieht, wie mehrere Männer sich den Weg an den vielen Frauen, Männern und Kindern vorbeibahnen und direkt auf sie zusteuern. "Sanguma, Sanguma, Sanguma", rufen die Dorfbewohner mit wütenden Blicken.

Dann greifen die Männer Cristina an den Händen und zerren sie nach vorne. Sie fesseln die Frau an die Pfähle und verbinden ihr mit einem blauen Tuch die Augen. Mit gespreizten Armen und Beinen sieht sie wie eine Gekreuzigte aus. Das ganze Dorf schaut zu, als die Folterer der wehrlosen Mutter die Kleider vom Leibe reißen. Die umstehenden Männer starren mit dumpfen und gierigen Blicken auf den entblößten Frauenkörper. "Gib zu, dass du eine Hexe bist", fauchen die Männer Cristina an und halten ihre Buschmesser und Metallstangen ins Feuer. Dann pressen sie die glühenden Eisen langsam auf die Arme und Beine von Cristina. Plötzlich ziehen dunkle Wolken auf. Heftiger Regen prasselt auf den Dorfplatz.

Die Menschen spannen ihre bunten Regenschirme auf und starren weiter auf Cristina, die sich vor Schmerz auf dem Scheiterhaufen windet. Immer stärker wird der Regen, der Dorfplatz wird vom Wasser aufgeweicht, die Flammen des Feuers werden kleiner.

Die Folterer entscheiden, eine Pause einzulegen, und schleppen Cristina in eine Hütte. Sie liegt auf dem nackten Lehmboden. "Ich darf nicht aufgeben", sagt sie zu sich. "Für Jonathan und meine Mutter muss ich überleben."

Dann entdeckt sie einen kleinen Stein in der Hütte. In ihrem Kopf denkt sie sich eine Geschichte aus, um die Folterer zu überlisten. In einem unbeobachteten Moment schiebt sie sich den Stein zwischen die Beine. Dann ruft sie: "Schnell, kommt her. Die Hexe, sie ist in mir. Befreit mich. Holt sie raus." Die Männer betasten und begrabschen Cristina und fingern schließlich einen von Lehm und Blut verschmierten Stein hervor. Wie eine Trophäe halten die Männer den Stein in die Höhe. "Sanguma", rufen die Folterer stolz.

Einige Zeit später findet sich Cristina im Krankenbett der nahegelegenen katholischen Missionsstation wieder. Eine Ordensschwester setzt ihr Kanülen für den Tropf mit Schmerzmitteln und behandelt ihre Wunden.

In ihrem Heimatdorf wird sie nicht überleben

Lange kann sie hier nicht bleiben. In ihrem Heimatdorf hat Cristina keine Chance zu überleben. Deshalb bringen die Ordensschwestern die Überlebende weit weg. Fünf Autostunden entfernt liegt die Stadt Kundiawa, wo Cristina mit ihrem Sohn und ihrer Mutter ein neues Leben aufbauen will. Weil sie schwer traumatisiert ist, erhält sie Hilfe von Schwester Lorena Jenal. Denn neben den körperlichen Verletzungen, müssen die seelischen Wunden geheilt werden.

Die 69-jährige Ordensschwester führt viele Gespräche mit Cristina. Sie spürt, wie sehr Cristina von der Verzweiflung und dem Trauma innerlich aufgefressen wird. "Ich habe eine Idee", sagt Schwester Lorena und drückt Cristina einen Holzstock in die Hand und geht mit ihr auf eine Wiese mit hohen Bäumen. "Du darfst jetzt deine ganze Wut rauslassen."

Cristina schlägt mit dem Stock auf den Boden, gegen den Baumstamm, sie weint und schreit sich den Schmerz von der Seele. Dann wird sie ganz still. Schwester Lorena umarmt Cristina. Sie spürt die heilsame Wirkung der Anteilnahme, der Gespräche und der Gebete. Für Cristina ist der Heilungsprozess ein langer Weg. "Du hast mitgeholfen, meinen inneren Frieden zu gewinnen", sagt Cristina zu ihrer Retterin.

Erklärungsversuche für die Gewalt in Papua-Neuginea

Wie ein Flächenbrand weiten sich die Hexenverfolgungen in Papua-Neuguinea aus. 1.443 Fälle von sogenannten Hexenprozessen in Papua-Neuguinea hat die australische Professorin Miranda Forsyth in den vergangenen 20 Jahren dokumentiert. Andere Quellen wie die Vereinten Nationen schätzen, dass Jahr für Jahr rund 200 Menschen als Hexen in Papua-Neuguinea getötet werden.

Schwester Lorena sucht nach Erklärungen für die sadistische Gewalt. "Als ich 1979 nach Papua-Neuguinea kam, war ich fasziniert von der Schönheit des Landes. Alles schien mir sehr friedlich und harmonisch", erinnert sie sich. Gleichzeitig "lebten die Menschen wie in der Steinzeit". Als internationale Konzerne Öl, Gas und andere wertvolle Rohstoffe entdeckten, da sei die Moderne mit voller Wucht hereingebrochen.

Plötzlich gab es die Möglichkeit des schnellen Geldes mit Fernsehern, Handys und Autos. Hinzu käme, dass die Männer traditionell Krieger seien, die immer mit Pfeil und Bogen oder Steinaxt unterwegs waren.

"Heute tauschen sie das wildwachsende Marihuana gegen Schusswaffen", berichtet die Ordensschwester. Der Hexenglaube wird auch benutzt, wenn sie sich habgierig Vorteile verschaffen wollen. So hält Schwester Lorena Kontakt zu der selbstbewussten Stella, die seit einem Jahr mit ihrer Tochter auf der Flucht ist. Die eigenen Brüder warfen Stella vor, eine Hexe zu sein. In Wirklichkeit wollten sie ein Stück Land haben, das sie der eigenen Schwester nicht gönnten. Der Familienstreit spitzte sich zu, Stella wurde verteufelt und ist seitdem ihres Lebens nicht mehr sicher.

Das ist Gewaltpornographie, was sich da abspielt."

Der Hexenwahn vergiftet die Gesellschaft in Papua-Neuguinea. Da gibt es als erstes die Anstifter und ihre zahlreichen Motive, jemanden an den Pranger zu stellen. Dann kommen die gewaltbereiten Täter, die als Folterer ihre sadistischen Fantasien ausleben.

"Das ist Gewaltpornographie, was sich da abspielt", kritisiert Schwester Lorena. Zuletzt folgt die große Gruppe der Schaulustigen, die zu den Hexenprozessen eilen, deren Mitgefühl abstumpft und die einen immer größeren Kick brauchen.

Unterstützung von missio

Schwester Lorena hat mit Unterstützung der katholischen Hilfsorganisation missio ein breit aufgestelltes Programm gestartet, um langfristig diese brutalen Menschenrechtsverletzungen zu bekämpfen: in Schulen, Familien, Dorfgemeinschaften, bei der Polizei und in den Pfarreien.

Zum Team gehören neben Schwester Lorena zwei weitere Ordensschwestern aus der Schweiz, ein Katechist, ein Polizist, eine Dorfrichterin, zwei ehemalige Opfer sowie eine kirchliche Laienmitarbeiterin. Um flächendeckend in den Dörfern präsent sein zu können, werden weitere Freiwillige ausgebildet.

Eine langfristige Perspektive sieht Schwester Lorena bei den Aufklärungsprogrammen mit Schülerinnen und Schülern. So hofft sie, dass eine aufgeklärte Generation heranwächst, für die dann der Hexenglaube ein Märchen aus uralten Zeiten ist. 

Hexenverfolgung - bis heute ein globales Phänomen

+ + + Der Aberglaube an Hexen existiert(e) nicht nur in Europa, sondern auf anderen Kontinenten wie in vielen afrikanischen Regionen, in Ländern wie Mexiko, Bolivien, Saudi-Arabien oder Indien. In 29 Ländern der Welt sind Menschen wegen dieses Wahns in Gefahr.

"Zu allen Zeiten und über den Globus verteilt" gäbe es dieses Phänomen der Hexenverfolgung, heißt es in einer Studie der Vereinten Nationen. Es tauche in christlich, muslimisch, buddhistisch und hinduistisch geprägten Regionen auf.

+ + + Das Wort "Hexe" ist noch tief in unserem Sprachgebrauch verankert. Bei der medizinischen Diagnose Hexenschuss (lat. Lumbago) etwa: So geht die Wortbedeutung darauf zurück, dass der sogenannte Schadenszauber und der Aberglaube in nahezu allen Gesellschaften und in allen Zeiten weiterleben.

+ + + In unserer Kultur und Geschichte taucht immer wieder das Hexenmotiv auf, verbunden mit Furcht und Faszination: Angefangen bei den Gemälden mit nackten Hexen in Museen, Goethes Walpurgnisnacht, Hänsel und Gretel, Harry Potter bis hin zu den Hexen von Eastwick und Fastnachtshexen.

Bilderausstellung in Aachen

Jeden Monat betreut Schwester Lorena ein bis zwei neue Opfer der Hexenverfolgung. Sie leistet medizinische und psychologische Hilfe. Langfristig möchte sie mithilfe von missio ein Frauenschutz-Zentrum aufbauen. Eine Bilderausstellung zur Hexenverfolgung zeigt missio ab dem 7. November in Aachen in der Goethestraße 43. Schwester Lorena wird an ausgewählten Tagen selbst durch die Ausstellung führen. Termine und Informationen unter www.missio-hilft.de/frauundmutter

Gewalt gegen Frauen: Gottesdienste

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November hat die kfd Gottesdienstvorschläge erarbeitet. Darin werden die strukturelle Gewalt und Ausgrenzung, die Frauen in der Kirche erfahren, thematisiert. Mehr

Lesetipps
Stand: 29.10.2019