"Frau und Mutter"-Serie: 30 Jahre Mauerfall
Geschichten zur Einheit: November 1989

Und dann war es doch wie ein Wunder

Der 9. November 1989 in Ost- und Westberlin: Zwei kfd-Frauen berichten, wie es ihnen vor und nach dem Berliner Mauerfall ergangen ist. Die eine auf Ostberliner, die andere auf Westberliner Seite. Die Mauer hat ihr Leben bestimmt. Als sie fiel, waren beide nicht wirklich darauf gefasst.

Von Jutta Laege 

Ursel Wenzel und Christa Scholz kannten sich schon vor dem Mauerfall. Auch wenn die eine im West-, die andere im Ostteil Berlins lebte. Es gab Austausch über die Berliner Gemeinden, denen beide angehörten, und über die kfd, die noch vor dem Mauerbau 1960 als Diözesanverband für das Bistum Berlin gegründet wurde und aus früheren sogenannten Pfarrfrauengemeinschaften hervorgegangen war.

Trotz der Teilung der Stadt gab es einen Bischof für Ost und West - und zwei Ordinariate. Im Ostteil Berlins blieben die Frauen in Frauengruppen in den Gemeinden organisiert, im Westteil der Stadt gingen sie offiziell in der kfd Berlin auf.

Vor allem Ursel Wenzel, heute 81 Jahre, war in all den Jahrzehnten im wahrsten Sinne eine Grenzgängerin. Ihr Leben war von der Mauer geprägt.

"Wir haben als kfd immer Kontakte zu den Frauengruppen nach Ostberlin gepflegt", berichtet Wenzel, die von 1983 bis 1994 auch Vorsitzende der kfd in Berlin war. "Mit westdeutschen kfd-Gruppen, ich erinnere mich vor allem an die Frauen aus Aachen, sind wir nach Ostberlin gefahren, haben dort die Frauen in den Pfarreien besucht", sagt sie.

Offiziell hieß das Bildungs- und Begegnungsreisen. "Natürlich haben die Frauen uns dort erzählt, was dringend gebraucht wird - und wir haben uns bemüht, es rüberzubringen."

Eigentlich stammte auch Ursel Wenzel aus Ostberlin. Ihr Mann Manfred studierte auf Westberliner Gebiet, weil er dort seinen Chemie-Ingenieur machen durfte. In der DDR war er aus politischen Gründen von der Oberschule geflogen, durfte auch nach zweijähriger Bewährung in der Produktion als Chemiearbeiter und in der Abendoberschule der Werktätigen in der DDR nicht studieren.

Als dann im August 1961 der Mauerbau begann, sah Manfred Wenzel nur einen Ausweg: die DDR zu verlassen. Doch seine Frau konnte ihn nicht begleiten, weil sie nicht nur ein kleines Kind hatte, sondern zudem mit einem zweiten hochschwanger war.

"Wir sind noch in die Kirche gegangen, und er hat später stundenlang am Teltowkanal am Wasser gesessen", erinnert sich Ursel Wenzel. Im Schutz der Dunkelheit wagte ihr Mann die Flucht: Er schwamm, nur mit seiner Kleidung am Leib und seiner Aktentasche, die er schützend über den Kopf hielt, durch den Kanal auf die Westberliner Seite.

Ursel Wenzel ist erstaunlich ruhig, als sie von der dramatischen Zeit erzählt. Es ist lange her, und will das heute überhaupt noch jemand hören? Sie hat die Dinge genommen, wie sie kamen, und es mit Gottes Hilfe geschafft.

Flucht mit zwei kleinen Kindern

Mehr als ein Jahr lang waren sie und ihr Mann getrennt, aber in brieflichem Kontakt. Dann schickte er ihr diese Zeilen: "Wachet und betet, denn ihr wisst nicht wann der Herr kommt!" Es war die Aufforderung, sich zur Flucht bereitzuhalten, doch Ursel Wenzel verstand nicht und war nicht zu Hause.

Zum Glück kamen Fluchthelfer und Fluchtwagen, ein Opel Kapitän, als Diplomatenwagen getarnt, ein zweites Mal. Die Flucht war gefährlich, auch, weil Ursel Wenzel ihre Kinder mit Schlafmitteln so ruhigstellen musste, dass sie nicht zur falschen Zeit irgendeinen Ton von sich gaben. "Ich besaß einen gefälschten Pass und trug einen roten Teddymantel, damit ich westlicher aussah. Die Kinder lagen wie zwei Bündel im Gepäckraum."

Der "Diplomatenwagen" passierte die Grenzstation am Checkpoint Charlie ohne Kontrolle. Am 20. November 1962 waren die Wenzels wieder vereint. Ursel Wenzel atmet nun doch tief durch: "Ich kann über die Zeit danach nur eines sagen: Ich habe mich immer ungern in der Nähe der Mauer aufgehalten."

Christa Scholz, heute 63, stammt aus Cottbus, studierte in Leipzig Bibliothekswesen und kam 1981 nach Ostberlin. "Ich habe in der katholischen Studentengemeinde gearbeitet, mein Cousin war dort Studentenpfarrer", erzählt sie.

Berufsbegleitend studierte sie im Fernkurs der Universität Würzburg Theologie. Das war möglich, ebenso wie die ein oder andere Reise in den Westen.

"1986 war ich das erste Mal in Westdeutschland bei Verwandten. Im Sommer 1989 noch einmal - zum 50. Geburtstag einer Cousine in Lingen. Da wurde ich auch gefragt: 'Christa, willst du nicht einfach hierbleiben?'" Sie wollte nicht, erstens: "Weil auch im Westen nicht alles Gold war, was glänzt", sagt sie.

Und zweitens: Hatte sie doch Hoffnung geschöpft, dass sich in ihrer Heimat die Zeiten ändern.

Beim ersten Katholikentreffen 1987 in Dresden war sie dabei gewesen und Feuer und Flamme für die Anliegen der katholischen Frauen in der DDR: "Ich gehörte zum Vorbereitungsteam. Wir durften erstmals in der kirchlichen katholischen Öffentlichkeit Resultate aus dem Arbeitskreis 'Frauen entdecken sich in der Bibel' präsentierten - unter großem Beifall der Teilnehmerinnen!"

Gründung des Arbeitskreises "Frau in der Kirche"

Dieses Treffen, bei dem sie "mit Sicherheit auch bespitzelt wurden", war für Christa Scholz und viele Frauen aus den ostdeutschen Frauengruppen die Initialzündung.

Unter Leitung von Eva-Maria Schlosser aus Magdeburg wurde im Frühjahr 1989 der Arbeitskreis "Frau in der Kirche" gegründet. In Ostberlin traf Christa Scholz auch die besagten Frauen aus Westberlin und deren "Reisegruppen".

Etwa ein Jahr vor dem Mauerfall begannen die Vorbereitungen für eine besondere Veranstaltung, die am 9. und 10. November 1989 grenzüberschreitend stattfinden sollte:

Gemeinsam mit der Westberliner kfd sollte Weihbischof Ernst Gutting aus Speyer zu einem Treffen nach Köpenick kommen. Gutting galt in katholischen Kreisen als der "Frauenbischof", hatte ein viel beachtetes Buch mit dem Titel "Offensive gegen den Patriarchalismus" geschrieben.

Der 9. November 1989

Und so schloss sich an diesem denkwürdigen Datum auch der Kreis der beiden Frauengeschichten: Ursel Wenzel hatte in Westberlin den Weihbischof empfangen. "Wir hatten in unserer Pfarrei St. Ansgar am Hansaplatz einen interessanten Abend erlebt. Ich habe den Bischof noch zur U-Bahn gebracht und bin in den Wedding zu meinem Mann gefahren." Der hatte zwar von der Pressekonferenz des Politbüro-Mitglieds Günter Schabowski und dessen legendärem Halbsatz über die Reisefreiheit für DDR-Bürger: "Das trifft nach meiner Kenntnis ... ?ist das sofort, unverzüglich" gehört - aber ihn nicht verstanden.

Erst der Anruf von Katja Wegener, kfd-Diözesanfrauenreferentin aus Aachen, um Mitternacht mit der Frage: "Was ist denn bei Euch in Berlin los?" ließ die Wenzels langsam begreifen. Währenddessen verbreitete sich die Stammelei Schabowskis als unwiderrufliche Nachricht von der "Öffnung der Mauer" über Nachrichtenagenturen, Radio- und Fernsehsender.

In West und Ost hörten Menschen Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrich sagen: "Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen." Die Nacht, die die deutsche Geschichte für immer veränderte, nahm ihren Lauf.

Christa Scholz war an diesem Abend nicht auf den Mauerfall gefasst. Was sie beschreibt, klingt so unwirklich wie tragisch: "Wir waren im Palast der Republik im Konzert: Händels Messias mit Videoeinspielungen von den Demonstrationen. Auf dem Weg nach Hause habe ich wohl registriert, dass die Straßen so voll sind, aber mir nichts dabei gedacht. Als ich im Pfarrhaus in Köpenick ankam, erfuhr ich von meinem Cousin: Du, die haben die Grenzen aufgemacht! Ich war wie vor den Kopf geschlagen und habe geheult, weil ich nicht dabei war. Wir hätten vom Palast der Republik nur in die andere Richtung fahren müssen."

Dort, Richtung Brandenburger Tor, entstanden die Bilder dieser Nacht: Menschen, die an und auf der Mauer stehen, tanzen, jubeln, sich in den Armen liegen. Ursel Wenzel und Christa Scholz holten das "in den Armen liegen" am 10. November nach.

Am Tag, als sich die ganze Republik schüttelte und fragte: "Ist das, was wir erlebt und gesehen haben, real?", hatten sie ja eine Verabredung. Ursel Wenzel, begleitet von Weihbischof Gutting, fuhr nach Ostberlin. Christa Scholz erinnert sich: "Sie hatte eine Kiste Sekt unterm Arm. Und ich stand da mit vielleicht einem Drittel der angemeldeten Teilnehmerinnen für unsere Veranstaltung und entschuldigte mich bei ihr und dem Bischof: Es ist Ausnahmezustand, alle sind drüben."

Am Ende war es dann doch ein bisschen wie ein Wunder, sagen beide Frauen. "Eine gnadenvolle, einmalige Zeit", resümiert Scholz. Am 10. hat sie sich dann auch noch auf den Weg nach Westberlin zu einer Freundin gemacht.

"Am Grenzübergang Rudower Chaussee wurden wir einfach durchgewunken. Wir haben bis zwei Uhr nachts gefeiert und sind bis um vier noch durch die Stadt gefahren. Man war in einem Hochgefühl!"

Die Geschichte der Vereinigung von Ost und West nahm ihren Lauf. Und auch die einer gesamtdeutschen kfd. Christa Scholz schmunzelt: "Im Februar 1990 saßen wir zur Besprechung schon bei mir im Wohnzimmer ...!"

Anmerkung: 1994 fand die Vereinigung der kfd Berlin mit dem Leitungsteam kfd Neue Bundesländer statt.

In der nächsten Ausgabe lesen Sie: Studientag der kfd mit Zeitzeugen in Berlin, Erinnerungen an eine spannende Zeit 1989/1990

Bereits erschienen:

Stand: 31.10.2019