Frau und Mutter

Madame X

In jeder Ausgabe von "Frau und Mutter" fragt Autorin Cordula Lissner nach rätselhaften Bekannten.

 

 

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Madame X aus Heft 12/2019

Die Geschichte von Madame X führt zurück in die biblische Zeit der Knechtschaft der Israeliten in Ägypten. Da verkündete eine weise Frau, es werde bald ein Befreier geboren, der das Volk aus der Knechtschaft herausführen werde.

Diese kluge und bedeutende Frau war Madame X. Sie ist die erste Frau, die in der Bibel als Prophetin bezeichnet wird. Der von ihr vorausgesagte Befreier war ihr kleiner Bruder, dessen Rettung in einem Körbchen sie beobachtete und an der sie teilhatte.

Aber nicht nur der inzwischen erwachsene Bruder, sondern auch sie selbst und ein weiterer Bruder, drei Geschwister waren es schließlich, die das Volk Israel aus der Sklaverei herausführten. Mehrmals begegnet uns Madame X in den biblischen Texten über die zentrale Befreiungsgeschichte des Volks Israel.

Nach der Durchquerung des Schilfmeers, das sich für die Flüchtenden geteilt und die Verfolger verschlungen hatte, priesen die Israeliten Gott für ihre Rettung mit Gebeten und Gesang. Madame X schlug eine Trommel und führte den Lobgesang und Freudentanz der Frauen an.

Aber es kamen auch Tage der langen Wüstenwanderung, an denen sie unglücklich war und zweifelte. Eines Tages wagte sie es, sich gegen den alleinigen Führungsanspruch ihres kleinen Bruders offen aufzulehnen. Als sie daraufhin von Gott mit Aussatz bestraft wurde, weigerte sich das Volk, ohne sie weiterzuziehen.

Der Weg durch die Wüste konnte erst fortgesetzt werden, als Madame X nach sieben Tagen wieder geheilt war. Madame X starb auf dem langen Weg in die Freiheit, und plötzlich fehlte das in der Wüste lebensnotwendige Wasser. Wunderbarerweise war ihr Begräbnisort aber auch der Ort, an dem bald darauf eine Quelle aus einem Felsen heraussprudelte.

Zum Dank wird beim Sederabend, mit dem in der jüdischen Tradition das Pessachfest beginnt, in feministischer Tradition nicht nur ein Kelch für den Propheten Elias, sondern auch ein mit Wasser gefüllter Kelch für Madame X auf den Tisch gestellt.

Auch die Frauen in den christlichen Kirchen erinnern an die Prophetin und Wegbereiterin. Aus der Ökumenischen Dekade „Kirche in Solidarität mit den Frauen“ ging ein besonderer Sonntag hervor, der mit Madame X verbunden ist. Bereits in den 1980er-Jahren gab sich die nicaraguanische Frauenrechtsorganisation den Namen von Madame X.

Denn, so die Aktivistinnen, Madame X stehe für Frauen jeden Alters, die sich auf den Weg machen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen.

 

"Madame X"-Auflösung

Gesucht ist die Prophetin Mirjam, nach Überlieferung des Alten Testaments (Num 26,59) die Tochter des Amram und der Jochebed aus dem Stamm Levi und eine Schwester von Moses und Aaron. Mirjam starb in Kadesch, einer wichtigen Station der Wüstenwanderung und wurde dort begraben.

Madame X aus Heft 11/2019

Von einer Gattin des deutschen Außenministers wurde in den 1960er-Jahren kaum mehr erwartet, als bitte nicht aufzufallen. Madame X hielt ihre neue Aufgabe allerdings für ausbaufähig und stürzte sich mit Feuereifer hinein. Während einer diplomatischen Mission in den USA beharrte sie darauf, auch selbst ein sinnvolles Programm zu absolvieren.

Die Gastgeber organisierten eine Tour durch verschiedene Hospitäler. Die Begegnung mit freiwilligen Helferinnen, die Madame X an den amerikanischen Krankenbetten kennenlernte, sollte zu einer Lebensaufgabe führen.

In eine Bankiersfamilie aus Breslau hineingeboren, hatte Madame X in Berlin eine höhere Schule besucht, aber die Mutter drängte auf eine anschließende Ausbildung als Hauswirtschafterin. Wegen jüdischer Vorfahren durfte die junge Frau im nationalsozialistischen Deutschland nur mit Sondergenehmigung einen Juristen heiraten.

Der Verlobte an der Front musste auf eine Offizierskarriere verzichten. Nach der Befreiung im Mai 1945 engagierten sich beide Ehepartner, inzwischen Eltern von drei Kindern, tatkräftig im Wiederaufbau demokratischer Strukturen. Die evangelischen Arbeitskreise der CDU boten ihnen eine politische Heimat.

Madame X wurde Stadträtin, der Gatte schließlich Innenminister und vier Jahre später Außenminister der jungen Bundesrepublik unter Kanzler Adenauer. Die erste Initiative von Madame X im Auswärtigen Amt war die Gründung eines Frauen- und Familiendienstes, der bis heute besteht.

Aber nach besagter USA-Reise reifte ein größerer Plan in der organisatorisch begabten Chefdiplomatengattin. Auch die bundesdeutschen Krankenhäuser könnten von freiwilligen Helferinnen profitieren, die den kranken Menschen Zeit widmen und Zuwendung schenken könnten. Die ersten Schritte waren mühsam.

Jede Stationsschwester musste einzeln vom Sinn eines zusätzlichen Ehrenamts in der Pflege überzeugt werden. Aber schon bald waren die freiwilligen Helferinnen aus dem Krankenhausalltag kaum noch wegzudenken. Als sich auch die ersten Herren für das Amt zu interessieren begannen, managte Madame X, nur mit Schreibmaschine und Telefon ausgestattet, bereits eines der größten bundesdeutschen Freiwilligen-Netzwerke: die Grünen Damen.

 

"Madame X"-Auflösung

Gesucht ist Brigitte Schröder, geb. Landsberg (*28.7.1917 in Breslau, †27.10.2000 in Bonn), Gründerin der Evangelischen Krankenhaus-Hilfe, der so genannten „Grünen Damen und Herren“. 1941 heiratete sie den Juristen Dr. Gerhard Schröder (1910-1980), den späteren Innen-, Außen- und Verteidigungsminister. 1993 erhielt Brigitte Schröder den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen.

Madame X aus Heft 10/2019

Die eine Rolle, durch die Madame X bis heute einem Millionenpublikum bekannt ist, war der klugen und wandlungsfähigen Schauspielerin, die sie war, eigentlich gar nicht angemessen. Eine naive Hausfrau musste sie spielen, die gutmütig alle Schikanen und Beschimpfungen ihres unausstehlichen Gatten Alfred („ein echtes Ekel“!) ertrug, der sie und die Familie tagtäglich traktierte.

Zweifellos gewann die Fernsehserie, von der hier die Rede ist, von Woche zu Woche mehr an Kultstatus. Der bundesdeutschen Gesellschaft wurde ein Spiegel vorgehalten, der hinter der bitterbösen Satire doch sehr viel Realität erahnen ließ. Und die Frauen hatten gerade erst begonnen, sich gegen die männliche Dominanz im eigenen Haus und in der ganzen Gesellschaft zur Wehr zu setzen.

Aber Madame X hätte nicht gewollt, dass sie bis heute auf diese Rolle festgelegt wird. Im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs hatte die damals 18-Jährige ihr Debüt als Tänzerin gegeben. Die Ausbildung im klassischen Ballett, so erklärte es Madame X später, habe sie die nötige Disziplin und Selbstbeherrschung gelehrt, von der sie bis ins hohe Alter auch als Schauspielerin profitiert habe.

Gustaf Gründgens holte sie aus Berlin nach Düsseldorf, wo sie dann für mehrere Jahre zum Ensemble des Schauspielhauses gehörte. Weitere Stationen an anderen großen Bühnen folgten. Am Deutschen Theater in Santiago de Chile inszenierte sie das Stück „Biedermann und die Brandstifter“.

Aber nachdem Madame X das erste Mal eine Rolle in einem Fernsehfilm bekommen hatte, ließ dieses Medium sie nicht mehr los. Die goldene Kamera einer TV-Zeitschrift bekam sie lange vor dem Beginn ihrer Serienpräsenz.
Madame X verkörperte ernste, dramatische und lustige Frauenrollen, auch in den lustigen war sie sehr gut, obwohl sie von ihrem Ehemann des Öfteren den Satz zu hören bekam: „Ach mein Mäuschen, wie schade, dass du gar keinen Humor hast.“

ach dem Tod des Gatten heiratete Madame X noch einmal, und auch diese Ehe wurde sehr glücklich. Ihre beiden Ehemänner hätten das Talent gehabt, einer Frau das Leben angenehm zu machen, konstatierte Madame X im Alter. Aber eigentlich war sie auch selbst sehr gut dazu in der Lage, für sich und andere zu sorgen.

"Madame X"-Auflösung

Gesucht war die deutsche Schauspielerin und Tänzerin Elisabeth Wiedemann (*8.4.1926 in Bassum; †27.5.2015 in Marquartstein). Dem deutschen Fernsehpublikum bekannt wurde sie ab 1973 durch die Rolle der Else Tetzlaff in der ARD-Serie ‚Ein Herz und eine Seele‘.

Madame X aus Heft 9/2019

Als Tochter eines Ruhrbarons hätte Madame X auch Chefin eines Großkonzerns werden können. Aber nach dem Tod des Vaters bevorzugte ihre Mutter in der Erbfolge die Söhne. Madame X probierte also etwas anderes aus. In Berlin arbeitete sie als Regieassistentin bei einer Filmgesellschaft und lernte ihre Unabhängigkeit lieben.


Schon als Kind hatte sie sich eher für Maschinen als für Puppen interessiert. Nun fuhr sie an jedem Wochenende Autorennen und stand mehr als einmal auf dem Siegertreppchen. Aber Madame X hatte noch ein bisschen mehr vor. Klein und niedlich, lacht laut und viel, trägt Hosen, spricht mehrere Sprachen, so beschrieb ein Reporter die 26-Jährige nach der Pressekonferenz, auf der sie ihre Pläne vorgestellt hatte.

In einem Pkw der Adler-Werke Modell Standard 6, das gerade erst in Serie gegangen war, wollte sie um die Welt fahren. Bald darauf ging es wirklich los. Von Frankfurt am Main gen Süden, über den Balkan nach Konstantinopel, weiter nach Bagdad und Teheran und von dort aus Richtung Norden.

Auf dem Weg von Moskau nach Sibirien gaben zwei ihrer drei Begleiter auf. Der dritte, der vor allem mit dabei war, um das Abenteuer auf Celluloid zu bannen, blieb an ihrer Seite. Er bewunderte die Nerven seiner kettenrauchenden Chefin. Niedlich fand er sie eher nicht.


Mit dem Adler Standard 6 durchquerten sie den Ural und die Wüste Gobi. Reißende Flüsse wurden auf wackligen Fähren passiert. Extreme Kälte und extreme Hitze wechselten sich ab. Schlaglöcher, Schlamm, Schnee und Straßen, die im Nirgendwo endeten, gehörten zu den kleineren Herausforderungen. Als das Eis auf dem zugefrorenen Baikalsee brach, hätten die Globetrotter das erste Mal fast das Leben verloren.

Mit dem Schiff ging es nach Japan, weiter in die USA und nach Südamerika. In den Anden musste der Wagen mehr als einmal über zuvor freigesprengte Felspassagen geschoben werden. Aber schließlich erreichte man glücklich New York, von wo die Rückreise angetreten wurde.

Fast 47.000 Kilometer standen auf dem Tacho, als Madame X ihren Wagen auf der AVUS ausrollen ließ. Frauen konnten alles in den 1920er-Jahren, aber die Aufmerksamkeitsspanne für ihre Erfolge war ausgesprochen kurz. Madame X wusste, wie schnell ihre Fahrt um die Welt vergessen sein würde.

Sie heiratete den Kameramann und zog auf eine Farm in Südschweden. Eine ganze Schar von eigenen und adoptierten Kindern zogen die beiden hier groß. Ihre Trecker konnte Madame X selbstverständlich selbst reparieren.

 

"Madame X"-Auflösung

Die Gesuchte war die deutsche Renn- und Rallyefahrerin Clärenore (Clara Eleonore) Stinnes, verh. Stinnes-Söderström (*21.01.1901 in Mülheim an der Ruhr; †7.09.1990 in Björnlunda (Schweden). Ihre Weltreise von 1927 bis 1929 war die erste Erdumrundung mit einem serienmäßigen Pkw überhaupt.


Madame X aus Heft 7 und 8/2019

In dieser Familie muss es einen Menschen geben, der nicht schreibt.“ Madame X verknüpfte ihre Rolle als Mittelpunkt einer Schriftsteller-Familie ausdrücklich nicht mit eigenen Ambitionen. Dabei hätte sie, Tochter eines Professors und einer Schauspielerin, Enkelin einer Frauenrechtlerin, durchaus eine eigene Karriere anstreben können.

Als eine der beiden ersten Frauen wurde sie in München zum Abitur zugelassen und später auch zur Universität. Mit ihrem Leben war die junge Dame rundherum sehr zufrieden. In der elterlichen Villa gaben sich interessante Gäste die Klinke in die Hand, mit Brüdern und Freundinnen vergnügte sie sich beim Tanzen und im Tennisclub, die Seminare in Physik und Mathematik fielen ihr leicht.

Als ein sieben Jahre älterer Schriftsteller ihr Avancen machte, war sie zunächst nicht begeistert, gab aber schließlich seinem Werben nach. Einer Romanfigur, der er ihre Züge verliehen hatte, attestierte der Gatte später „ins Weibliche gewendete Klugheit und Tapferkeit“. Von ihrer Klugheit und Tapferkeit, die ihm den Rücken freihielten, profitierte seine Karriere zweifellos.

Dem anstrengenden Alltag mit schließlich sechs Kindern wusste sich Madame X nur durch lange Sanatorien-Aufenthalte im Hochgebirge zu entziehen. Die Sprösslinge, deren Vater sich zu Erziehungsaufgaben nicht berufen fühlte, wurden derweil von einer Schar Kindermädchen betreut. Der Alltag änderte sich kaum, als ihrem Ehemann der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde.

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten bedrohte die gesamte Familie. Obwohl evangelisch getauft, stammte Madame X aus einer jüdischen Familie. Ihr Ehemann und mehrere der Kinder waren sofort in Opposition zum neuen Regime gegangen. Madame X organisierte Flucht und Exilalltag, bis schließlich die gesamte Familie in den USA wieder vereint war.

Zwölf Jahre später sollte die Schweiz eine letzte Heimat werden. Auch nach dem Tod des Gatten vereinsamte Madame X nicht im großen Haus am Zürichsee. Gäste und auch die Kinder, von denen sie drei überleben sollte, waren meistens nicht weit, vier Enkelkinder gingen ein und aus. Madame X erreichte ein hohes Alter, und aus einem langen Interview wurde schließlich doch noch eine Art Autobiographie: „Meine unveröffentlichten Memoiren“.

 

"Madame X"-Auflösung

Gesucht war Katia (Katharina Hedwig) Mann, geb. Pringsheim (*24.7.1883 in Feldafing bei München, †25.4.1980 in Kilchberg bei Zürich), Ehefrau des deutschen Schriftstellers Thomas Mann, Mutter von Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael Mann.

Madame X aus Heft 05/2019

Mit einer Opernsängerin als Mutter und einem Sänger als Vater gehörten Bühnenbretter zum Kinderzimmer von Madame X. Die Familie war von Kiel nach Dortmund gezogen, und die kleine Tochter lernte den Ruhrpottdialekt auf der Straße. Gutmütig war sie schon als Kind und fand schnell Freunde.

Nach dem Abitur nahm Madame X Schauspielunterricht, lernte andere Städte und ihre Theater kennen. Aber schließlich kam sie zurück ins Ruhrgebiet und ließ sich von keinem Burgtheater dort weglocken.

Das Bochumer Schauspielhaus wurde ihr Lebensmittelpunkt, auch wenn der Schrebergarten in Herne ebenfalls eine gewisse Aufmerksamkeit beanspruchte und sie wurde das Herz des Ensembles.

Ihr trockener Humor prädestinierte Madame X für komische Rollen, aber wechselnde Regisseure erkannten auch ihre Begabung, "jeden Tschechow zu spielen" und Hauptrollen in einer Tragödie zu übernehmen.

So trat sie auf in Stücken von Brecht und Shakespeare, von Garcia Lorca und natürlich Helge Schneider, brachte das Publikum zum Lachen und zum Weinen.

Singen konnte die "Ruhrgebiets-Duse" oder "Perle aus dem Pott", wie sie von Journalisten getauft worden war, natürlich auch. Und weil im Ruhrgebiet andere Gesetze gelten als in Hollywood, wurde sie mit zunehmendem Alter immer bekannter.

Dazu trugen nicht nur ihre Soloprogramme und ihre Rollen in Kinofilmen bei - viele davon mit einem Ruhrpottschwerpunkt -, sondern auch ihre Auftritte in Fernsehserien wie dem "Tatort". Nicht ganz zufällig erschienen ihre Lebenserinnerungen unter dem Titel "Jeden Morgen dasselbe Theater".

Privatleben und Bühne waren bei Madame X nie weit voneinander entfernt. In ihrer von Andenken übersäten Garderobe stand für die Gäste stets ein Piccolöchen bereit, und wer von ihr einmal in den Arm genommen worden war ("Komma bei mich bei"), blieb ihr lebenslang verbunden.

Madame X gehörte zum alten Ruhrgebiet mit seinen Zechen und Strahlöfen, mit seinem rauen Charme und dem Arbeitermilieu. Der Herzlichkeit dieses Reviers gab sie ein Gesicht und eine Stimme. Ein Denkmal, das die Bochumer ihr errichtet haben, erinnert dort heute noch sichtbar an Madame X.

 

"Madame X"-Auflösung

Gesucht war die Schauspielerin Tana Schanzara, eigentlich Konstanze Schwanzara, geb. am 19.12.1925 in Kiel, gest. am 19.12.2008 in Bochum. Neben ihrem fünf Jahrzehnte umfassenden Engagement am Schauspielhaus Bochum wirkte sie auch in Kinofilmen und Fernsehserien mit.

Madame X aus Heft 04/2019

"Es war einmal ein kleines Mädchen. Es hieß Friederike und hatte komische Haare. Einige waren so rot wie Tomaten. Die Haare über der Stirn hatten die Farbe von Möhren."

So beginnt das Bilderbuch, mit dem Madame X als ausgebildete Grafikerin zum ersten Mal an die Öffentlichkeit trat. Die Geschichte von der rothaarigen Friederike, die sie zu ihren Zeichnungen dazugeschrieben hatte, zog kleine wie große Leser und Leserinnen sofort in ihren Bann.

Dann werde ich eben Schriftstellerin, beschloss Madame X, die in der eigenen Jugend charakterlich einige Ähnlichkeiten mit ihrer ersten Buchheldin aufgewiesen hatte.

Zu Friederike gesellte sich in den nächsten Jahren eine ganze Schar von Mädchen und Jungen, darunter auch ein kleiner Franz mit Ringellocken und Piepsstimme, der viel an sich auszusetzen hatte.

Alle Kinderbücher, die Madame X in ihrem Leben schrieb, und das waren schließlich weit mehr als hundert, hatten etwas gemeinsam: Die Helden und Heldinnen waren ganz normale Kinder, die es nicht leicht im Leben hatten. Sie waren nicht immer brav, hatten nicht nur komische Haare, sondern auch ihren eigenen Willen, und in der Welt um sie herum ging es manchmal böse und ungerecht zu.

Gegen Ungerechtigkeit und Bosheit kann man sich aber zu wehren versuchen, das vermitteln die Bücher der Madame X, und oft hilft einem dabei auch jemand oder spendet zumindest ein bisschen Trost.

Sie halte es mit Tucholsky, erklärte Madame X. Mit zehn Fingern auf der Schreibmaschine könne man zwar nicht die Welt verändern, aber flankierende Maßnahmen ergreifen.

Obwohl es also mitunter regnet und stürmt in der Kinderwelt der
Madame X, sind ihre Geschichten doch sehr lustig. Kinder und Erwachsene lachen zwar nicht an den gleichen Stellen, aber sie lachen, freute sich die Verlegerin.

Humor und hintergründige Ironie lassen sich bei Madame X fast immer finden. Das gilt für ihr "Köchelverzeichnis für Männer" - die Autorin selbst kochte einfach himmlisch, sagen ihre Gäste - wie für ihre klugen Zeitungsartikel, die Gedichte im Wiener Dialekt, ihre Hörfunkserien und Fernsehspiele. Beide Töchter traten als Illustratorinnen in ihre Fußstapfen.

 

"Madame X"-Auflösung

Gesucht ist die österreichische Schriftstellerin Christine Nöstlinger, geb. Draxler (*13.10.1936 in Wien, †28.10.2018 ebd.), bis heute eine der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen von Kinder- und Jugendbüchern. "Die feuerrote Friederike"(1970) war ihr erstes Kinderbuch, die "Geschichten vom Franz"  erschienen bis 2011.

Madame X aus Heft 03/2019

Ihre Mutter hatte in der Band von Elvis Presley gesungen und ermunterte die Tochter zu eigenen Ausflügen in die populäre Musik. Nicht nur eine außergewöhnliche Stimme, auch besondere Schönheit waren Madame X in die Wiege gelegt worden.

Mit 14 sang die Schülerin das erste Mal ein Lied im Tonstudio. "Life's a Party" hieß der Song, für den sie eindeutig ein bisschen zu jung war. Auch eine Modelkarriere begann Madame X noch als Teenager. Ihr Porträt war das erste Foto einer jungen schwarzen Amerikanerin auf der Titelseite der Zeitschrift "Seventeen" (Siebzehn).

Ihr erstes eigenes Album, von einer ambitionierten Plattenfirma mit bekannten Liebesliedern bestückt, wurde 13 Millionen Mal verkauft. Mit Mitte zwanzig war Madame X bereits eine der erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten. Zu den 24. Olympischen Spielen lieferte die junge Frau eine regelrechte Hymne.

Drei Jahre später sang sie beim Super Bowl - in den USA das Sportereignis des Jahres - im Football-Stadion die amerikanische Nationalhymne. Madame X war zu einer Pop-Ikone geworden. Mit ihren Auszeichnungen konnte sie Wände tapezieren.

In ihrem Privatleben lief nicht alles so reibungslos wie im Beruf. Sie heiratete einen Rapper, der sie schlug, mit dem sie aber eine Tochter bekam. In einem Interview mit der Talkmasterin Oprah Winfrey berichtete Madame X später von ihrer Drogensucht und ihrer unglücklichen Ehe. Auf einer letzten Welttournee konnte die Sängerin nicht an ihre früheren Erfolge anknüpfen.

Und obwohl die Plattenfirma keine Mühen für das Comeback-Album ihres größten Zugpferdes gescheut hatte, fanden viele Rezensenten es langweilig. Zu einer großartigen Stimme, die noch immer mühelos drei Oktaven umfasste, müsse doch einmal ein bisschen mehr Persönlichkeit hinzukommen, befand eine enttäuschte Musikkritikerin. Madame X war es nicht vergönnt, in Würde zu altern.

"Wann kann ich endlich ich sein?", soll sie ihren Plattenproduzenten schon bei den Aufnahmen zu ihrem zweiten Album gefragt haben. Nach ihrem frühen und tragischen Tod erschien der fünfte Film der Ausnahmekünstlerin, die auch als Schauspielerin ein weltweites Publikum verzaubert hatte.

 

"Madame X" Auflösung

Gesucht ist die US-amerikanische Pop- und Souldiva Whitney Elizabeth Houston (*9.8.1963 in Newark, New Jersey; †11.2.2012 in Beverly Hills, Kalifornien). Die weibliche Hauptrolle im Film "Bodyguard" (1992) und weitere Filme brachten der weltweit erfolgreichen Sängerin zusätzliche Popularität.

Madame X aus Heft 02/2019

In der Mitte ihres Lebens wurde Madame X eine berühmte Komödiantin. Dabei war ihre Kindheit von Tragödien überschattet. Ein gewalttätiger Vater in psychiatrischer Obhut, eine Mutter, die sich das Leben genommen hatte, die Rückkehr der Dreijährigen aus Indien nach London - all das erfuhr Madame X im Alter von zwölf Jahren durch einen Zufall.

Eine liebevolle Tante, bei der das Mädchen aufwuchs, hatte sie vor dieser Entdeckung behüten wollen. Madame X brauchte lange, um die Geschichte zu verarbeiten. Länger als ein Jahr konnte sie nicht zur Schule gehen. In einem Internat mit dem düsteren Namen "Raven's Croft" gewann sie neuen Lebensmut, lernte Klavierspielen und das Rezitieren von Texten.

Nach dem Schulabschluss pflegte Madame X die erkrankte Tante, arbeitete als Klavierlehrerin und Sprecherzieherin. Ein kleines Erbe ermöglichte es ihr schließlich, Schauspielunterricht zu nehmen.

Bei ihrem ersten Auftritt in London war sie, inzwischen 33 Jahre alt, keine typische Debütantin. Aber wie sie später in einem Interview bekundete: Es ist niemals zu spät, um nach einer langen, dunklen Phase doch noch glücklich zu werden. Nachdem sie einmal auf der Theaterbühne gestanden hatte, ließ sich Madame X nicht mehr entmutigen.

Nach einer langen Reihe kleiner Rollen kam der Erfolg. Ohne dass sie je eine Prinzessin hätte sein dürfen, wurde Madame X als unerschrockene, etwas schrullige ältere Dame zu einem Publikumsliebling. In ihren Filmrollen beherrschte sie nicht nur das Golfspielen, sondern konnte auch von gewonnenen Meisterschaften im Fechten und Pistolenschießen berichten.

Die Verbrecherjagd bereitete ihr großes Vergnügen, und mit ihrem trockenen britischen Humor gewann sie den schwierigsten Situationen eine komische Seite ab. Im wirklichen Leben gewann sie auch einen exzentrischen Ehemann und einen Oscar als beste Nebendarstellerin. Queen Elizabeth fügte einen Orden des Britischen Empire hinzu. Die kleine traurige Madame X war endgültig zu einer glücklichen älteren Dame im Ritterstand geworden.

"Mein Erfolg kam spät", erklärte sie mit ihrem verschmitzten Lächeln, "aber - wenn ich so sagen darf - in recht sensationeller Art."

 

"Madame X" Auflösung

Gesucht ist die britische Film- und Theaterschauspielerin Dame Margaret Rutherford (*11.5. 1892 in London, †11.5.1972 in Chalfont St. Peter, Buckinghamshire), dem deutschen Publikum vor allem als "Miss Marple" bekannt. In vier Agatha-Christie-Verfilmungen spielte Margaret Rutherford die Amateurdetektivin, an ihrer Seite Ehemann Stringer Davis als Bibliothekar "Mr. Stringer".

Madame X aus Heft 01/2019

"Respect" - selten hat ein Lied so viele Menschen zutiefst berührt. Es hat die Welt vielleicht ein bisschen besser gemacht. Madame X legte ihre ganze Seele hinein. Und Soul, das Musikgenre, in dem sie ihre größten Erfolge feierte, bedeutet ohnehin "Seele".

Sie war das vierte Kind einer sehr religiösen und außerordentlich musikalischen Familie. Ihr Vater stand als Prediger einer Baptistengemeinde in den amerikanischen Südstaaten vor.

Die Mutter, eine Gospelsängerin und Pianistin, trennte sich von der Familie, als Madame X sechs Jahre alt war. Mit zwölf sang das begabte Mädchen ihr erstes Solo in der Kirche ihres Vaters. Im selben Jahr bekam sie ein Kind.

Auch bei der Geburt ihres zweiten Sohns war sie noch nicht erwachsen. Mit 18 verließ die junge Frau Detroit und ging nach New York, um ihr Glück zu suchen. Die beiden Kinder ließ sie in der Obhut einer liebevollen Großmutter zurück.

Zehn Alben nahm Madame X auf, bevor etwas Entscheidendes passierte: 1967 interpretierte die 25-jährige Sängerin ein Lied des Soul-Stars Otis Redding: Respect. Erst durch ihre Interpretation wurde eine Liebesklage zu einer politischen Forderung, zur Selbstermächtigung einer Frau, zum Protestsong einer schwarzen Frau - und zu einem weltweiten Hit.

Immer wieder unterstützte sie in den folgenden Jahren die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA mit ihrer Stimme. Zur Amtseinführung des ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Barack Obama, sang sie 2009 vor zwei Millionen Menschen.

Privat war Madame X oft traurig, in sich zurückgezogen. Zwei Ehen scheiterten. Aber auf der Bühne, so beschrieb es ein Kritiker, verwandelte sie den Schmerz des Lebens in Schönheit. Wenn sie sang, war sie stark, sicher und frei. Wer ihre Musik hörte und selbst bedrückt war, schöpfte wieder Hoffnung.

Bis zu ihrem Tod blieb Madame X die Sängerin mit den weltweit meisten Auszeichnungen. 75 Millionen Tonträger mit ihrer Musik wurden weltweit verkauft. Im Genre der Soulmusik konnte Madame X Zeit ihres Lebens niemand das Wasser reichen. Sängerinnen, die ihre Töchter sein könnten, wie Adele und Beyoncé, wissen um die Messlatten, die Madame X so hoch gelegt hat. Eine bösartige Krankheit ließ sie nur 76 Jahre alt werden. Ihre Stimme und ihre Musik werden die Welt so schnell nicht verlassen.

 

"Madame X" Auflösung

Gesucht ist die US-amerikanische Soul-Sängerin, Songwriterin und Pianistin Aretha Louise Franklin (*25.03.1942 in Memphis, Tennessee, †16.08. 2018 in Detroit, Michigan). Ihr Hit "Respect" wurde zur Hymne der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und der amerikanischen Frauenbewegung.

Madame X aus Heft 6/2019

Warum kann das kleine Mädchen nicht mit mir spielen? Sie ist doch in meiner Klasse. Sie ist genauso alt wie ich und sieht aus wie Schokolade.‘ Ganz leise und traurig endet das Lied. Die beiden Mädchen werden keinen Nachmittag miteinander verbringen, und die Zuhörer fühlen, dass Madame X ihre eigene Trauer in den Song mit hineingelegt hat.


Die strikte Trennung in ein weißes und ein schwarzes Amerika gehörte zu ihrer Kindheit als etwas Unabänderliches hinzu. Ihre Familie war arm und schwarz. Aber Madame X hatte einen Traum. Sie wollte Konzertpianistin werden.

In der methodistischen Kirche, in der ihre Mutter sonntags predigte, gab es eine Orgel. Mit vier Jahren kam die kleine Madame X so gerade an die Pedale. Mit zehn durfte sie musikalisch durch den Gottesdienst leiten. Inzwischen bekam sie Klavierunterricht, ermöglicht von einer vorurteilslosen Unterstützerin, für die ihre Mutter das Haus putzte.

Tag für Tag übte das Mädchen, liebte die Fugen und Präludien von Johann Sebastian Bach genauso wie Beethovens Klavierkonzerte. Dass sie am Ende ihrer privaten Ausbildung nicht zum Studium an einem renommierten Musikinstitut zugelassen wurde, war eine bittere Enttäuschung.

Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, bewarb sich die junge Pianistin in Bars und Varietés, sang und spielte nun Blues und Jazz. Madame X gab sich einen Künstlernamen, der an die von ihr bewunderte Schauspielerin Simone Signoret erinnern sollte.


Ihr erstes Album erschien in New York, nachdem sie das Publikum in der Town Hall mit ihrer Stimme und ihrem neuartigen Stilmix aus Klassik, Soul und Jazz zu Ovationen hingerissen hatte. In New York war es auch, dass Madame X mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in Berührung kam.

Nach einem Attentat auf Schwarze in einer Kirche in Alabama schrieb sich Madame X ihren Zorn und ihre Verzweiflung mit einem anklagenden Song von der Seele. Mehr und mehr wurde sie mit ihrer Musik zu einer Botschafterin gegen den Rassismus. Ihre Lieder rüttelten auf und ermutigten ihre Weggefährten.

So aufsehenerregend ihre Karriere verlief, so wechselvoll blieb ihr Privatleben. In ihren letzten zehn Lebensjahren war die Provence ihr ein Zuhause. Die einstige „Hohepriesterin des Soul“ erlebte es noch, dass ihre Songs wiederentdeckt und von jüngeren Musikern und Musikerinnen neu interpretiert wurden.


"Madame X"-Auflösung

Die Gesuchte war die US-amerikanische Jazz- und Soulsängerin, Pianistin, Songschreiberin und Bürgerrechtsaktivistin Nina Simone, eigentlich Eunice Kathleen Waymon (*21.02.1933 in Tryon, North Carolina, USA, †21. April 2003 in Carry-le-Rouet, Frankreich).


Stand: 24.10.2019