Junia

Mme X & Mrs. Y

"Madame X", die bewährte alte Dame, die auf den Spuren verstorbener großer Frauen war, bekommt Zuwachs. Im neuen Junia-Magazin wird sie um eine lebende Person erweitert. Ab sofort heißt es: Mme X & Mrs. Y.  Beide können übrigens durchaus eine Gemeinsamkeit haben. 

Mme X & Ms Y aus Magazin 01/2022

Ms Y folgt Mme X in ein Amt, in dem es erst drei Frauen gab. Doch während Mme X 
längst keine Unbekannte auf dem politischen Parkett war, muss Ms Y erst in der breiten Öffentlichkeit bekannt werden.

Mme X: Populärste Frau des Landes
„Ich habe mich in der Fraktion selber vorgeschlagen. Glauben Sie, man hätte mich sonst genommen?“ So beschrieb Mme X selbstbewusst ihren Weg ins zweithöchste Amt der deutschen Demokratie. Denn: Sie war die erste Frau in dieser Position, von 1972 bis 1976. Und das gefiel zunächst nicht jedem: Im Bundestag war ihr Aufstieg umstritten. Auch Volk und Medien mussten sich an die Frau im Amt erst gewöhnen. Die Frankfurter Allgemeine kommentierte 1972 noch ziemlich machohaft: „Mme X hat den unschätzbaren Vorteil, dass sie gut aussieht. Aber eine Kapazität, was das Geschäft der Repräsentanz des Parlaments und der Handhabe der Geschäftsordnung angeht, kann Mme X kaum sein.“ Ein Irrtum. Mit großem politischen Geschick leitete sie die Geschäfte und genoss höchstes Ansehen, laut Umfragen war sie die populärste Frau des Landes. 

Mme X wurde am 7. Oktober 1919 als fünftes Kind ihrer Eltern in Leipzig in eine sozialdemokratisch geprägte Familie hineingeboren. Das führte im Dritten Reich zu Problemen, der Vater kam in Haft, sie selbst durfte nicht weiter das Lyzeum besuchen, machte eine Lehre im Verlagswesen. Im Krieg verlor sie ihren Mann, mit dem sie gerade sechs Jahre verheiratet war und einen kleinen Sohn hatte. Nach dem Krieg begeisterte Mme X der Gedanke, die Demokratie neu aufzubauen: Sie war so angetan von den Worten des SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher, dass sie mal wieder die Sache selbst in die Hand nahm und ihm ihre Mitarbeit andiente. Sie wurde seine engste Vertraute, Büroleiterin und Haushälterin. Nach Schumachers Tod zog Mme X 1953 als SPD-Abgeordnete in den Bundestag ein. Bis 1990 wird sie ihm ununterbrochen angehören – 37 Jahre lang. In zahlreichen Organisationen setzte sie sich für die Gleichbehandlung von Mann und Frau und für die Lösung des Nahostkonflikts ein. Am 3. März 2008 starb Mme X im Alter von 88 Jahren. (debo)

Ms Y: Ruhrpottkind an der Spitze
Vielen war ihr Name bis vor Kurzem nicht bekannt. Nach Mme X und der CDU-Politikerin Rita Süssmuth ist Ms Y erst die dritte Frau im zweithöchsten Amt der Bundesrepublik. Dabei liegen zwischen ihrer Wahl im Oktober 2021 und dem Amtsantritt von Mme X immerhin fast 50 Jahre! „Die Verantwortung ist lange noch nicht gerecht auf alle Schultern verteilt“, sagte Ms Y dann auch nach ihrer Wahl.

Von unten an die Spitze – dieser Weg ist Ms Y gut bekannt: Sie wurde am 3. Mai 1968 in Duisburg geboren, sie hat fünf Geschwister. Gemeinsam spielten sie am liebsten Fußball. Nach dem Abschluss der Hauptschule fand Ms Y keinen Ausbildungsplatz in ihrem Wunschberuf: Technische Zeichnerin. Stattdessen lernte sie Schweißen an einer technischen Berufsfachschule. Als auf 80 Bewerbungen weiterhin nur Absagen kamen, schwenkte sie um: Bei der Duisburger Verkehrsgesellschaft arbeitete sie sich von der Bürogehilfin und Sachbearbeiterin über Aus- und Fortbildungen einschließlich Fachstudium zur Sozialversicherungsangestellten, Krankenkassenbetriebswirtin und Personalmanagerin hoch, bis Ms Y zuletzt Abteilungsleiterin einer Betriebskrankenkasse war. 

Und auch das politische Engagement lernte Ms Y an der Basis, als Kommunalpolitikerin. Schon in der Ausbildung sprach sie für die Azubis, mit 20 Jahren trat sie in die SPD ein und schloss sich den Jusos an. Ihr politisches Herzensthema: Gesundheitspolitik, insbesondere die Pflege. Seit 2009 sitzt Ms Y im Bundestag. (debo)

Auflösung Mme X und Ms. Y in diesem Heft: Mme X: Annemarie Renger, Ms. Y: Bärbel Bas 

Mme X & Mrs Y aus Magazin 6/2021

Mme X & MsY: Was zu Zeiten von Mme X eine Sensation war, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Dennoch steht auch Ms Y für etwas, das es so vorher noch nicht gab in der Welt des deutschen Fernsehens.  

Mme X: Vorlesen war nicht ihr Ding
Am 12. Mai 1971 war das deutsche Fernsehpublikum aus dem Häuschen: Da wurden doch glatt die Nachrichten von einer Frau vorgelesen! Das hatte es bis dahin nicht gegeben. Die Nation war in Aufruhr: Proteste kamen vor allem von Zuschauerinnen, die von Mme X verlangten, sie solle sich um Mann und Kinder kümmern, statt als Nachrichtensprecherin zu arbeiten. Dabei war man im ZDF extra vorsichtig gewesen: Mme X las zuerst die Nachrichten der Spätausgabe, bevor sie zwölf Tage später für die „heute“-Nachrichten um 19 Uhr vor der Kamera stand. Doch während vor allem Frauenverbände und Aktivistinnen begeistert waren über die Frau zur besten Sendezeit, war Mme X von ihrem Job nicht sonderlich angetan: „Anderer Leute Texte vorzulesen ohne eigene Interpretation war mein Ding nicht. […] Ich wollte weg. Dann aber sähe das aus, als sei das ‚Experiment‘ Nachrichtenfrau gescheitert. Das wollte ich nicht riskieren“, sagte sie in der Rückschau. Und so blieb Mme X für 380 Folgen „heute“ beim ZDF – und eine Frau als Sprecherin wurde für das Publikum zur Selbstverständlichkeit. Mme X‘ journalistische Karriere war von vielen Stationen geprägt, sie arbeitete bei Zeitungen und Magazinen ebenso wie beim Fernsehen. Der Zeit beim ZDF folgte die Arbeit für den WDR, dann für den Stern. Für dessen Redaktion ging sie mit ihren zwei Töchtern – ihr Mann starb früh – vier Jahre nach Jerusalem, anschließend nach Washington. Bewegt und bewegend ist auch Mme X‘ Familiengeschichte: Ihr Vater, der sich vom Nazi-Begeisterten zum Mitwisser des Hitler-Attentats 1944 wandelte, wurde dafür hingerichtet und die Familie mit den fünf Kindern in Sippenhaft genommen. Die Familie geriet in Armut, Mme X musste zeitweise ins Kinderheim, bis die Mutter es ab 1949 schaffte, eine diplomatische Laufbahn einzuschlagen Sie ging mit ihren Kindern nach Stockholm, Kopenhagen und London. In ihrem Bestseller „Meines Vaters Land“ erzählte Mme X die Geschichte ihrer Familie. Übrigens: Über Jahrzehnte hielt sich das Gerücht, Mme X habe eine Affäre mit dem früheren Bundeskanzler Willy Brandt gehabt. Sie gewann mehrere Prozesse gegen Medien, die dies berichteten. Mme X starb am 20. Juni 2019 im Alter von 80 Jahren in Hamburg. debo    

Ms Y: Engagement gegen Rassismus
Nach Mme X Debüt als Nachrichtensprecherin folgten ihr viele Frauen auf diesem Posten. Doch tatsächlich hat es bis ins Jahr 2021 gedauert, bis mit Ms Y im Juli die erste schwarze Frau ihren Auftritt in den 19-Uhr-Hauptnachrichten hatte. „Mme X hat den Weg bereitet für uns Frauen. Ich hoffe sehr, dass es auch selbstverständlich wird, dass es Nachrichtenmoderatorinnen und -moderatoren aus Einwandererfamilien und schwarze Moderatorinnen und Moderatoren gibt. Es ist wichtig, dass sich in den Medien die Bevölkerung widerspiegelt. Dass die nächste schwarze Generation sieht, dass es auch schwarze Moderatoren und Moderatorinnen im Nachrichten- und Politikbereich gibt und nicht nur bei den Musiksendern“, sagte Ms Y, die im Jahr 1981 in Hamburg geboren wurde, zu ihrer neuen Aufgabe. Ihre Mutter stammt aus Deutschland, ihr Vater aus Simbabwe, allerdings wurde Ms Y kurz nach der Geburt adoptiert. Ihre Wurzeln vergaß sie nie: Nach dem Abitur arbeitete sie ehrenamtlich in Harare, der Hauptstadt Simbabwes, anschließend studierte sie Politologie und Afrikanistik. Nach verschiedenen Stationen in diversen Medienhäusern arbeitete sie ab dem Jahr 2014 als Moderatorin des Morgenmagazins beim ZDF. Ms Y engagiert sich auch im Kampf gegen Rassismus. Dazu drehte sie selbst im Jahr 2017 einen Film, der sich mit Rassismus gegenüber Schwarzen in Deutschland beschäftigt. debo

Auflösung aus Heft 05/2021: Gesucht war Lina Hähnle (*3. Februar 1851 in Sulz am Neckar; † 1. Februar 1941 in Giengen an der Brenz). Im Jahr 1899 übernahm Lina Hähnle mutig den Vorsitz des neuen Bundes für Vogelschutz – zu der Zeit noch äußerst ungewöhnlich für eine Frau. Sie führte den Verein dann 38 Jahre lang und gewann durch ihre charismatische und zupackende Art viele neue Mitglieder.  

Die Gesuchte ist Luisa Neubauer (*21. April 1996 in Hamburg). Die Klimaschutzaktivistin ist in Deutschland eine der Hauptorganisatorinnen des von Greta Thunberg inspirierten Schulstreiks Fridays for Future. Sie tritt in Talkshows auf und diskutiert mit Politikerinnen und Politikern ebenso wie mit Wirtschaftsgrößen. Sie studiert Geographie in Göttingen.    

Mme X & Mrs Y aus Magazin 5/2021

Mme X & Mrs. Y sich für unseren blauen Planeten ein. Und beide hatten und haben dabei das Charisma, andere von ihrer Idee zu überzeugen und eine große Bewegung zu begründen.

 

Mme X: Vogelmutter mit Charisma

Stirnrunzelnd verfolgt die Männerwelt, was sich da 1899 in Stuttgart tut: Eine Frau wird Vorsitzende des neuen Bundes für Vogelschutz (aus dem 1990 der Naturschutzbund Deutschland, NABU, wird). Dass Mme X den Verband ganze 38 Jahre führen wird, ahnt da niemand. „Ich konnte die rücksichtslose Ausbeutung der Natur nicht mehr mit ansehen“, sagt sie zu ihrer Wahl. Von ihrem Mann sind folgende Worte überliefert: „Du kannst es tun und ich will es unterstützen, aber mache unserem Namen keine Unehre.“ Denn ihr Name ist kein kleiner: Mme X wird am 3. Februar 1851 in Sulz am Neckar als Tochter eines Salineninspektors geboren, der seine Tochter auf langen Spaziergängen für Flora und Fauna begeistert. Mit 20 Jahren heiratet sie ihren Vetter – der denselben Nachnamen trägt – und der sich vom Färbergesellen zum erfolgreichen Geschäftsmann hinaufgearbeitet hat. Mme X wird wohlhabende Fabrikantengattin. Im Haus herrscht ein liberaler Geist. Das Einrichten einer Krankenversicherung für ihre Arbeiter und Arbeiterinnen und einer Krippe für deren Kinder zeigt die soziale Einstellung der Familie. Bei allem Reichtum – man residiert mit sechs Kindern in zwei Villen samt eigenem Weinberg – bleibt Mme X materiell bescheiden. Ihr besonderes Charisma ist es, auf die Menschen zuzugehen: In Kürze hat sie die ersten 1000 Mitglieder des neuen Vereins zusammen. Vor allem Frauen sind von Anfang an auf allen Ebenen des Verbandes präsent. Bald zählt er, dank des starken Organisationstalentes von Mme X, 40.000 Mitglieder, die sich für den Schutz der Vögel einsetzen. Im Dritten Reich agiert Mme X nicht offen gegen das Regime, wird aber 1938 als Vorsitzende von einem treuen Nationalsozialisten abgelöst. Sie stirbt am 1. Februar 1941, zwei Tage vor ihrem neunzigsten Geburtstag. Ihr Sohn Hermann baut nach dem Krieg den „Deutschen Bund für Vogelschutz“ neu auf. (debo)

 

 

Ms Y: Mit Social Media für den Klimaschutz


Sie ist mit dem Internet, mit den Sozialen Medien aufgewachsen und nutzt sie selbstverständlich für ihre Ziele: Wenn Mrs. Y online zum Klimastreik aufruft, dann folgen ihr – in Nicht-Corona-Zeiten – Tausende junge Menschen. Nicht umsonst wird sie auch die „deutsche Greta“ genannt, bezogen auf die Schwedin Greta Thunberg, Initiatorin der Fridays For Future-Bewegung. Mrs. Y gehört zu den deutschen Gesichtern der Bewegung, äußert sich in Talkshows, trifft hochrangige Politikerinnen und Politiker sowie Wirtschaftsgrößen. Geboren wurde Mrs. Y am 21. April 1996 in Hamburg als jüngstes von vier Geschwistern. Großen Einfluss auf ihre Entwicklung in Sachen Umwelt- und Klimaschutz nahm ihre Großmutter: Diese engagierte sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung der 1980er-Jahre und sensibilisierte Ms Y für das Klimaproblem. Als Schülerin ging Mrs. Y als Austauschschülerin nach Namibia, sie arbeitete nach dem Abitur für ein Entwicklungshilfeprojekt in Tansania und auf einem Biobauernhof in England. Mrs. Y kämpft heute vor allem gegen den Kohleabbau, tritt für einen Kohleausstieg bis 2030 in Deutschland ein: „Wir müssen aufhören, Öl, Gas und Kohle zu fördern“, sagte sie in einem Interview. Außerdem setzt sich Mrs. Y, die „Geographie: Ressourcenanalyse und -management“ an der Uni Göttingen studiert, mit großer Leidenschaft für die Bekämpfung extremer Armut in Afrika sowie die Stärkung der Rechte zukünftiger Generationen ein. Ihre wichtigste Botschaft: „Der menschengemachte Klimawandel ist real und wir erleben diese Tage die gravierenden Veränderungen, die er mit sich bringt. (…) ,Wir‘ sind auch die letzte Generation, die noch in der Lage sein wird, die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise abzuwenden.“ (debo)

 

 

Auflösung aus Heft 4/2021

Gesucht war Antonia Brico 

(*26. Juni 1902 in Rotterdam; † 3. August 1989 in Denver, Colorado). Mit ihrem Debüt 1930 bei den Berliner Philharmonikern gilt sie als die erste Dirigentin weltweit. Doch die großen Orchester buchen sie zwar als Gast am Pult – an einem großen Haus wird sie als Frau aber nie festangestellt. So gründet sie zwischenzeitlich ihr eigenes, reines Frauenorchester.

Gesucht war Joana Mallwitz 

(* 1986 in Hildesheim). Schon als Kind musikalisch außerordentlich begabt, wurde Mallwitz für die Spielzeit 2014/2015 vom Theater Erfurt mit 27 Jahren als europaweit jüngste Generalmusikdirektorin berufen und trat 2018/2019 in derselben Funktion bei der Staatsphilharmonie Nürnberg als Dirigentin an.

 


Mme X & Mrs Y aus Magazin 4/2021

Mme X und Ms Y

träumten beide von einem Beruf, der eine reine Männerdomäne war und ist. Doch während Mme X der Weg an die Spitze noch verwehrt blieb, ist Ms Y auf einem guten Weg nach ganz oben.

 

Mme X: Die erste am Pult

Ihr Start ins Leben war schwer: 1902 in Rotterdam geboren, wird Mme X von ihrer Mutter weggegeben. Mit ihren Pflegeeltern emigriert sie in die USA. Mit zehn Jahren erhält das musikalisch begabte Kind Klavierunterricht – dabei gibt es eigentlich nur einen Platz, wo Mme X aufspielen möchte: vor dem Orchester – als Dirigentin. Doch eine Frau am Pult? Undenkbar! Und so wird sie – parallel zu ihrem Studium – Assistentin des Dirigenten Paul Steinhoff. Später geht sie nach New York, arbeitet dort als Platzanweiserin bei den New Yorker Philharmonikern. Der Legende nach verschwindet Mme X nach Konzertbeginn stets in die Herrentoilette – weil dort die Musik am besten mitzuhören ist. 1926 kommt Mme X nach Hamburg und wird Schülerin des Dirigenten Karl Muck, die einzige, die er je akzeptierte. Gleichzeitig studiert sie weiter, diesmal an der Staatlichen Musikakademie in Berlin. Und dann, im Jahr 1930, passiert es tatsächlich: Mme X debütiert als Dirigentin mit den Berliner Philharmonikern, gilt seitdem als weltweit erste Dirigentin. Es folgen Engagements als Gastdirigentin weltweit – auch in New York am Metropolitan Opera House im Jahr 1933. Doch trotz großen Erfolges gibt es kein festes Engagement: Einer der Sänger weigert sich, mit einer Frau am Pult zu arbeiten. Um überhaupt einmal dauerhaft einem Orchester vorstehen zu können, gründet Mme X schließlich ihr eigenes, das „New York Women’s Symphony“, ein reines Frauenorchester. Doch der große Erfolg bleibt aus. „Ich habe fünf Konzerte im Jahr. Aber ich bin stark genug, um fünf im Monat zu haben! Es ist, wie wenn man einem Verhungernden nur ein kleines Stück Brot gibt“, ist von Mme X überliefert. Schließlich lässt sie sich 1942 in Denver nieder und arbeitet dort als Klavierlehrerin. Mme X stirbt 1989. (debo)

 

Mrs. Y: Generalmusikdirektorin mit 27 Jahren

Von den 20 besten Orchestern der Welt hatte keines je eine Chefdirigentin. Unter den 50 besten Dirigenten aller Zeiten ist – keine Frau. Die Zeiten für Frauen mit Taktstock scheinen sich auch nach der Karriere von Mme X nicht verbessert zu haben – oder doch? Hoffnung macht Ms Y! 1986 geboren, wird sie mit 27 Jahren Generalmusikdirektorin am Theater in Erfurt. Heute ist sie in gleicher Funktion am Staatstheater Nürnberg. Ihr Start am Dirigentenpult ist ein Sprung ins kalte Wasser: Mit 19 Jahren ist Ms Y als Pianistin frisch von der Hochschule ans Theater in Heidelberg gekommen. Plötzlich sind alle Dirigenten krank oder auf Reisen – die junge Musikerin übernimmt die Premiere von Puccinis „Madame Butterfly“. „Ich erinnere mich noch, dass ich zwischendurch gedacht habe, es ist eigentlich genau so, als würde ich das Stück am Klavier spielen. Nur halt nicht mit zehn Fingern, sondern mit 50 Musikern und zwei Armen“, sagt sie später. Ms Y gilt schon früh als musikalisch hochbegabt, sie spielt mit drei Jahren Klavier, kurz darauf auch Geige. Mit 13 Jahren weiß sie, dass sie Dirigentin werden möchte. Folgerichtig wird sie mit der Spielzeit 2014 jüngste Generalmusikdirektorin Europas am Theater Erfurt. Die Diskussionen um die Frauen am Pult nervt Ms Y allerdings, wie sie in einem Interview zugibt: „Ich glaube, wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, wo man einfach nicht mehr zu viel darüber reden sollte. Weil dadurch tut man, als wäre das irgendwie speziell. Es gibt keine Art, als Frau zu dirigierenoder als Frau ein Orchester zu leiten. Es ist entweder gut, oder es ist nicht gut. Und mittlerweile habe ich auch viele fantastische Kolleginnen, die einen fantastischen Job machen. Und ich bin auch optimistisch, dass es immer mehr geben wird.“ (debo)


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Madame X - Rätselhafte Bekannte

Weitere Rätsel von 2021

Mme X & Mrs. Y aus Magazin 3/2021

Beiden liegt die Gesundheit der Menschen am Herzen, und beide haben sich in einem männerdominierten Umfeld durchgesetzt. Während aber für Mrs. Y der Zugang zu ihrem Beruf selbstverständlich war, musste Mme X lange kämpfen - und gar Friedrich den Großen um Erlaubnis bitten.

Mme X: Vorreiterin für Akademikerinnen

Sie war ein zartes Kind, kränklich - doch dass in ihr ein starker Geist steckte, entdeckte ihr Vater früh und förderte seine Tochter. Der Arzt und Stadtphysikus von Quedlinburg unterrichtete Mme X, die im Jahr 1715 geboren wurde, in Naturwissenschaften, theoretischer und auch praktischer Medizin, sie erhielt Lateinunterricht. Ab ihrem 16. Lebensjahr begleitete sie den Vater zu seinen Patienten.

Mme X' größter Wunsch war ein Studium - doch das konnte sie in der damaligen Zeit nur in Begleitung ihres Bruders absolvieren. Als dieser zum Militär einberufen wurde, blieb ihr der Zutritt zur Universität versperrt. Doch Mme X gab nicht auf: Sie schrieb mit ihrem Vater einen Brief an den König, an Friedrich den Großen höchstselbst. Und sie veröffentlichte eine Schrift, in der es hieß: "Die Verachtung der Gelehrsamkeit zeigt sich besonders darin, dass das weibliche Geschlecht vom Studieren abgehalten wird."

Tatsächlich wies der König im Jahr 1741 die Universität Halle an, Mme X zur Promotion zuzulassen. Doch da diese in der Zwischenzeit einen verwitweten Diakon mit fünf Kinder geheiratet hatte, nahm sie das königliche Privileg - vorerst - nicht wahr.

Das änderte sich im Jahr 1753. Mme X war inzwischen 39, hatte selbst vier Kinder bekommen - und die väterliche Praxis übernommen. Weil sie von männlichen Kollegen wegen der fehlenden universitären Ausbildung nicht länger als Dilettantin abgestempelt werden wollte, reichte sie ihre Dissertation ein, und am 12. Juni 1754 wurde sie feierlich zum "Doktor der Arzeneygelahrtheit" erklärt.

Mme X starb im Jahr 1762 als hoch angesehene Bürgerin Quedlinburgs. Erst im Jahr 1899 werden Frauen im Deutschen Reich offiziell zu den Staatsprüfungen der Medizin zugelassen.

 

Mrs. Y: Erste an der Spitze

Für Mrs. Y, die 1965 geboren wurde, war der Zugang zum Medizinstudium mit sehr viel weniger Hürden gepflastert als für Mme X. Ein hervorragendes Abitur an einem Duisburger Gymnasium - aber weder brüderliche Begleitung noch königliche Erlaubnis waren 1984 vonnöten, um an der Universität Münster Medizin zu studieren.

Nach ihrer Approbation 1991 arbeitete sie in verschiedenen Abteilungen der Kliniken Osnabrück und erhielt 1999 die Anerkennung als Fachärztin für Innere Medizin. Die Hygiene in Krankenhäusern machte Mrs. Y, die zwei Kinder hat und mit einem Mediziner verheiratet ist, zu ihrem Thema: Nach einer entsprechenden Weiterbildung leitet sie heute als Oberärztin für Krankenhaushygiene das Hygieneteam des St. Josefs-Hospitals Rheingau in Rüdesheim.

Doch nicht nur die Hygiene, auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Ärztinnen und Ärzten und die verbesserte Versorgung der Patienten lagen Mrs. Y am Herzen, und sie beschloss, sich berufspolitisch zu engagieren.

Seit November 2019 ist sie die erste weibliche Vorsitzende des Marburger Bundes, des Verbandes der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands. Dabei rückt Mrs. Y das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient in den Mittelpunkt ihrer Arbeit, das sie durch den zunehmenden Kostendruck in der Medizin gefährdet sieht. Mrs. Y ist zudem im Vorstand der Bundesärztekammer.

 

Auflösung:

Bei Mme X handelt es sich Dorothea Christiane Erxleben, bei Mrs. Y um Susanne Johna.

Mme X & Mrs. Y aus Magazin 2/2021

Madame X & Mrs. Y gelangten durch ihre Ehemänner ins Licht der Öffentlichkeit. Und doch waren und sind beide so viel mehr als nur "die Frau von". Ohne sie wären ihre Männer nicht dort angekommen, wo sie waren und sind. Und beide hatten und haben ein Herzensthema, dem sie sich mit ganzer Kraft widmen.

Mme X: Im Einsatz für die Natur

Mindestens fünf verschiedene Pflanzen sind nach Mme X benannt - dabei platzte ihr Traum vom Biologie-Studium: Zu hoch waren in den Kriegsjahren die Studiengebühren. Stattdessen wurde die Hamburgerin, die am 3. März 1919 geboren wurde, Lehrerin. Über 30 Jahre lang arbeitete sie ab 1940 voller Engagement in diesem Beruf, finanzierte so auch das Studium ihres Mannes. 68 Jahre waren die beiden verheiratet, traten stets als starkes Duo auf.

Dabei musste Mme X einiges verkraften: Ihr erstes Kind, ein Sohn, starb im ersten Lebensjahr, vor und nach der Geburt ihrer Tochter (1947) erlitt sie mehrere Fehlgeburten. Ihrem Mann wurden zudem zahlreiche Affären nachgesagt. Seine politische Karriere und ihre damit verbundene Bekanntheit nutzte Mme X, um sich für ihr Herzensthema einzusetzen: den Schutz bedrohter Pflanzen.

Sie beteiligte sich etwa an Forschungsreisen von Wissenschaftlern. Dabei entdeckte sie im Jahr 1983 in Mexiko ein bis dahin unbekanntes Ananasgewächs. Zu ihrem 80. Geburtstag erhielt sie von der Hamburger Universität für ihre Verdienste im Bereich der Botanik die Ehrenprofessur. Noch heute kürt eine nach ihr benannte Stiftung die "Blume des Jahres". Im Oktober 2010 starb Mme X im Alter von 91 Jahren. Tausende Menschen kamen in den Hamburger Michel, um sich von ihr zu verabschieden. Übrigens: Ihren Spitznamen, unter dem sie ihr Leben lang bekannt war, gab sie sich als kleines Mädchen selbst. 

 

Mrs. Y: Im Einsatz für die Bildung

"Ich bin der Mann von ..." - so stellt sich der Gatte von Mrs. Y gerne vor. Dabei kennt ihn seit einigen Wochen die ganze Welt. Schon einmal stand Mrs. Y, die im Juni 70 Jahre alt wird, an der Seite ihres Mannes im Rampenlicht. Nach ganz oben ging es damals aber nicht. Das haben sie erst jetzt geschafft, gemeinsam.

Dabei ist für Mrs. Y klar: Als Englischlehrerin möchte sie die neu gewonnene Macht dazu nutzen, sich für die Bildung in ihrem Land einzusetzen. Und dass sie ihre Arbeit an einem Community-College aufgeben wird, nur um demnächst in Kameras zu winken, kann sich bei der als herzlich, eloquent und energiegeladen beschriebenen Mrs. Y niemand so recht vorstellen. Dass Mrs. Y eine Kämpferin ist, zeigt nicht nur, dass sie mit 55 Jahren noch eine Doktorarbeit schrieb. Sie wehrte auch zwei Aktivistinnen ab, die ihrem Mann bei einer Veranstaltung zu nahe kamen - schneller als seine Personenschützer.

Vor allem aber hat Mrs. Y für ihr Glück gekämpft. Denn dass sie mit ihrem Mann, den sie 1977 heiratete, heute ein unzertrennliches Duo bildet, war keineswegs selbstverständlich. Sie war noch Studentin in Pennsylvania, als sie den acht Jahre älteren Senator bei einem Blind Date kennenlernte. Er war ein gebrochener Mann: Bei einem Autounfall starben seine erste Frau und seine Tochter. Mrs. Y nahm die Aufgabe an, die das Leben ihr stellte: Sie zog mit ihrem Mann dessen Söhne groß, gemeinsam bekamen sie eine Tochter. Rückblickend sagt Mrs. Y: "Wie bringt man eine gebrochene Familie wieder zusammen? Genauso, wie man eine Nation zusammenbringt: mit Liebe und Verständnis und kleinen Gesten der Güte, mit Mut, mit unerschütterlichem Glauben." 

 

Auflösung:

Bei Mme X handelt es sich um Loki Schmidt. Mrs. Y ist Jill Biden. 

Mme X & Mrs. Y aus Magazin 1/2021

Mme X: Sternensucherin

Wenn es nach Mme X' Mutter gegangen wäre, dann wäre heute kein Komet nach Mme X benannt - und auch kein Mondkrater. Denn weil Mme X, die 1750 in Hannover geboren wurde, durch mehrere Krankheiten im Kindesalter kleinwüchsig und schmächtig blieb, hatte ihre Mutter für sie die Rolle der Haushaltshilfe für die Familie vorgesehen.

Doch dem Nähen, Sticken, Putzen und Kochen entkam Mme X im Alter von 22 Jahren, als sie mit ihrem Lieblingsbruder Friedrich Wilhelm nach England ging. Dort verfolgten beide zunächst eine musikalische Karriere, bevor sie sich der Astronomie widmeten.

Mme X - die dank ihres Vaters eine umfassende Schulbildung erhalten hatte - half ihrem Bruder dabei, seine Beobachtungen des Nachthimmels aufzuzeichnen, gemeinsam bauten sie Teleskope. Dann die Sensation: Der Bruder entdeckte im Jahr 1781 Uranus, einen neuen Planeten, wurde Königlicher Hofastronom. Und Mme X, als Teil seines Forschungsteams, erhielt ein jährliches Gehalt von 50 Pfund von König Georg III. Damit war sie die erste Frau, die als Astronomin tätig war und für ihre wissenschaftliche Tätigkeit ein Gehalt erhielt.

Und Mme X entdeckte auch eigene Himmelskörper: zwischen 1786 und 1797 acht Kometen, außerdem kartierte sie Sternhaufen und Nebelflecke, die heute Deep-Sky-Objekte genannt werden. Als erste Frau wurde sie 1828 mit der goldenen Medaille der Royal Astronomical Society sowie der goldenen Medaille der preußischen Akademie der Wissenschaften geehrt (1846). Am 9. Januar 1848 starb Mme X im Alter von 97 Jahren. Heute sind ein Komet, der alle 155 Jahre wiederkehrt, und ein Mondkrater nach ihr benannt. 

 

Mrs. Y: Sternendeuterin

Sie gehörte zwischen den Jahren 2000 und 2006 zum Frühstücksfernsehen dazu wie kaum eine zweite: Mit Mrs. Y startete man vor allem deshalb bestens gelaunt in den Tag, weil sie für die Zuschauer in die Sterne schaute.

Anders als Mme X suchte sie dort aber nicht nach Himmelskörpern - vielmehr war es die Sternenkonstellation, die die Astrologin des Senders RTL interessierte. Und so bekam man von Mrs. Y jeden Morgen ein Horoskop für den Tag, das natürlich je nach Sternzeichen variierte.

Mrs. Y ist übrigens - ebenso wie Mme X - in Hannover geboren worden, allerdings 212 Jahre später, am 14. Januar 1962. Sie wuchs in Kairo und Kassel auf, machte Abitur und studierte Freie Kunst. Das Studium brach sie aber zugunsten einer Karriere als Radio- und Fernsehmoderatorin ab.

In den 80er-Jahren moderierte Mrs. Y verschiedene Musiksendungen, etwa die "Disconight" auf WDR 1. 1994 wurde sie zunächst Wetterfee bei RTL, begann parallel eine Ausbildung bei einer Astrologin, wurde Mitglied des Deutschen Astrologenverbands. Ab dem Jahr 2000 arbeitete Mrs. Y dann als Astrologin im Frühstücksfernsehen, auf Astro TV und auf ihrem YouTube-Kanal. 

 

Auflösung

Mme X: Die Gesuchte ist die deutsche Astronomin Caroline Herschel (*16. März 1750 in Hannover; † 9. Januar 1848 ebenda). Zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere unterstützte sie ihren Bruder Wilhelm Herschel bei seinen Forschungen, entdeckte dann aber selbstständig eigene Himmelskörper, darunter acht Kometen, Sternenhaufen und Nebel. Heute ist ein Komet nach ihr benannt, der 35P/Herschel-Rigollet.

Mrs. Y: Die Gesuchte ist die deutsche Moderatorin und Astrologin Antonia Langsdorf (*14.1.1962 in Hannover). Einem breiten Publikum wurde sie als Astrologin beim RTL-Frühstücksfernsehen bekannt. In den 80er-Jahren moderierte Langsdorf verschiedene Musiksendungen im Radio, von der Wetterfee wurde sie dann zur Astrologin.

Stand: 23.02.2021