Serie: Meine wichtigste Bibelstelle

Bibelverse können berühren, ermutigen, verwundern, bereichern. Was bedeuten sie aber jeder und jedem Einzelnen? In unserer neuen Serie haben wir Theologinnen und Theologen gebeten, uns ihre wichtigste Bibelstelle zu nennen und zu erklären, was sie daran fesselt und begeistert.  

Alle Folgen im Überblick

Die erste Zeugin der Auferstehung

Das neue Bild der Maria von Magdala

 

Folge 4: Margit Eckholt, Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie

Joh 20,11-18

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sah zwei Engel in weißen Kleidern dasitzen, einer am Kopf und einer an den Füßen, wo der Körper Jesu gelegen hatte. Sie sagten zu ihr: "Frau, warum weinst du?"

Sie sagte zu ihnen: "Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben." Als sie dies gesagt hatte, drehte sie sich um und sah Jesus dastehen, aber sie wusste nicht, dass es Jesus war.

Jesus sagte zu ihr: "Frau, warum weinst du? Wen suchst Du?" Sie dachte, dass er der Gärtner wäre, und sagte zu ihm: "Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sage mir, wo du ihn hingebracht hast, und ich werde ihn holen."

Jesus sagte zu ihr: "Maria!" Sie wandte sich um und sagte zu ihm auf Hebräisch: "Rabbuni!" - das heißt Lehrer. Jesus sagte zu ihr: "Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Ursprung, aufgestiegen. Geh aber zu meinen Geschwistern und sage ihnen: Ich steige auf zu meinem Gott und eurem Gott, zu Gott, der mich und euch erwählt hat."

Maria aus Magdala kam und verkündete den Jüngerinnen und Jüngern: "Ich habe Jesus den Lebendigen gesehen." Und dies hat er ihr gesagt."

Papst Franziskus hat per Dekret im Juni 2016 den Gedenktag von Maria von Magdala am 22. Juli zum "Fest" erhoben.

Am Beginn des Dekretes heißt es: "Die erste Zeugin der Auferstehung des Herrn und die erste Evangelistin, die heilige Maria Magdalena, wurde von der Kirche im Westen und im Osten immer mit höchster Ehrfurcht geachtet, wenn sie auch auf verschiedene Weise verehrt wurde."

Maria von Magdala wird als "Paradigma für das Ministerium von Frauen in der Kirche" vorgestellt und es wird an die Würdentitel erinnert, die sie in der Geschichte erhalten hat: "Zeugin der göttlichen Barmherzigkeit" und "Apostolin der Apostel".

Im neugefassten Text der Präfation für dieses Fest heißt es, dass Jesus Christus Maria von Magdala "den Aposteln gegenüber mit dem Apostelamt geehrt" habe.

Damit rückt das Bild von Maria von Magdala als "Sünderin" in den Hintergrund, das über Jahrhunderte in der westlichen Tradition der Kirche leitend war, und die wunderbare Ostergeschichte (Joh 20,11-18) wird in Erinnerung gerufen, in der sie zur "ersten Evangelistin" wird.

Welch große Bedeutung das Apostolat der Maria aus Magdala hatte, haben die Kirchenväter erahnt, als sie Maria von Magdala die "apostola apostolorum" genannt haben."

Maria von Magdala eilt zum Grab, um dem geliebten Freund den letzten Dienst zu erweisen. Auf den Portalen der gotischen Kirchen wird sie - oft zusammen mit den klugen jungen Frauen - mit dem Salbgefäß dargestellt, Zeichen der diakonischen Kirche. Sie erhält die Sendung, das Evangelium zu verkünden, und so steht sie in der Geschichte christlichen Glaubens für eine Verkündigung, die in der gelebten Liebe ihren Grund hat.

Diese Sendung erwächst aus der Begegnung mit dem Auferstandenen, eine Geschichte der Bekehrung, der "Wende" vom Tod zum Leben. Der Garten, in dem sich diese Wende zum Leben ereignet, erinnert an den Garten des Hohen Liedes (Canticus canticorum), dem wahrscheinlich ältesten uns überlieferten Liebeslied in der Heiligen Schrift.

Der Abschnitt, der am Fest der Maria von Magdala den Lesungstext bildet (Hld 3,1-4a), zeichnet die Liebe als "unruhige", nicht unglückliche Liebe, vielmehr sehr lebendige Liebe. Die Liebe lebt aus der Dynamik von Suchen, Finden und Gefundenwerden, und dies wird auch in der Ostererzählung deutlich.

Maria aus Magdala hat den verloren, "den ihre Seele liebt", das ist die Erfahrung eines radikalen Verlustes. Jesus, der für Maria das Leben bedeutete, wird am Kreuz hingerichtet, wird zu Grabe gelegt.

Und ihre Liebe: Ist sie auch begraben? Maria macht sich frühmorgens auf den Weg zum Grab, sie hat die Nacht vielleicht durchwacht, sie sucht nach dem, "den ihre Seele liebt". Ihre Liebe lebt in ihr, sie ist auch am Kreuz und am Grab bis in alle Fasern ihres Wesens von dieser Liebe belebt, und die drängt sie wieder auf den Weg.

In ihrer Liebe ist eine Stärke, die wach hält für die Begegnung mit dem Auferstandenen. Ihre Liebe will nicht aufgeben, es ist eine Liebe, die über den Tod hinausgeht und genau darin die "Befähigung" erfährt, dem Auferstandenen zu begegnen. Sie findet den, den ihre Seele liebt.

Das macht der Johannestext deutlich, wenn er von der mehrfachen "Wendung" der Maria von Magdala spricht: Sie sieht das leere Grab, sie weint, sie fragt einen Mann, den sie für den Gärtner hält, nach dem Leichnam. Und als Antwort hört sie ihren Namen: Maria - nichts als ihren Namen, und ihre Liebe, die ja den Toten suchte, erkennt den Lebenden.

Sie wendet sich, sie antwortet: "Rabbuni", Meister. Diese Szene - in der Anrede der beiden - ist ein Meisterstück der sich erfüllenden Liebe. Die beiden Liebenden stehen sich gegenüber, sie sprechen sich mit ihrem Namen an, und darin lebt die Liebe.

Das ist Symbol für die Lebens- und Liebesgeschichte Gottes mit dem Menschen, aus der die Sendung erwächst. Denn Liebe lässt sich nicht "festhalten".

Jesus selbst weist Maria den Weg, wie die Liebe auch in Zukunft leben kann: Sie muss zum Wort werden, sie muss ihre - und das heißt auch Gottes - Geschichte erzählen. Der Auferstandene gibt Maria die Aufgabe, den Brüdern zu "verkünden", dass er, Jesus, der geliebte Freund, lebt. In diesem Apostolat der Maria von Magdala wird die Liebe lebendig.

Welch große Bedeutung das Apostolat der Maria aus Magdala hatte, haben die Kirchenväter erahnt, als sie Maria von Magdala die "apostola apostolorum" genannt haben.

Maria von Magdala als "Apostelin" ernst zu nehmen, wird vieles ermöglichen können, gerade auch neue Räume für Dienste und Ämter von Frauen in der Kirche."

Sie wussten noch, dass ihr in der frühen Gemeinde eine bevorzugte Stellung zukam, ihr, der Erstzeugin der Auferstehung des Herrn. Maria von Magdala als "Apostelin" ernst zu nehmen, wird vieles ermöglichen können, gerade auch neue Räume für Dienste und Ämter von Frauen in der Kirche.

Maria von Magdala ist die "erste Evangelistin", weil an ihr deutlich wird, dass Nachfolge und Sendung wahrhaftig sind in der Liebe und aus ihr allein erwachsen.

Christ und Christin zu werden bedeutet, in neuen "Wendungen" auf Gott, auf Jesus Christus hin diese Liebe zu entdecken, die unser Leben bewegt und lebendig macht.

Vielmehr kehrt sie zurück mit einem neuen Selbstwertgefühl. Denn sie bezieht ihren Wert nicht mehr aus ihrem Nutzen, ihrer Arbeit oder aus ihrer Rolle als Mutter von Abrahams Sohn. Sie hängt nicht mehr am Tropf äußerer

Anerkennung. Sie kann ihren Wert und ihre Würde nun aus anderer Hinsicht beziehen: Dass sie sich nämlich von Gott immerfort angeschaut und wertgeschätzt weiß. Diese innere Quelle gibt ihr Kraft, die schwierige Situation mit Sarai zu meistern.

Und sich später von Abraham endgültig zu trennen und mit ihrem Sohn in ein neues Land zu ziehen. Der Brunnen, aus dem Hagar den Mut zu neuem Aufbruch empfängt, ist das Ansehen, das Gott ihr schenkt.

Lesetipps

Außerdem in der neuen "Frau und Mutter"

Stand: 25.03.2020