Warum geht es nicht ohne Frauen,
Herr Bischof?

Zu Jahresbeginn gab es mit der ersten Synodalversammlung in Frankfurt viel Hoffnung auf Reformen. Dann kam Corona - mit allen Beschränkungen. Doch der Synodale Weg geht weiter. Und mit ihm auch die Arbeit der vier Foren. Das Forum "Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche" leitet der stellvertretende DBK-Vorsitzende Bischof Franz-Josef Bode (gemeinsam mit Dorothea Sattler). Ein Gespräch mit ihm über Frauenfragen, Chancen der geschlechtergerechten Beteiligung und vier Schwestern.

Von Jutta Laege

Frau und Mutter: Wie hat sich der Ausbruch der Pandemie auf die innerkirchliche Aufbruchsstimmung gelegt?

Franz-Josef Bode: Das Corona-Virus hat zunächst alle Abläufe lahmgelegt. Wir haben aber im Präsidium der Synodalversammlung schnell festgestellt, dass die Themen, die wir zu behandeln haben, sich jetzt fast noch beschleunigen.

Das ist sehr deutlich geworden, wo Männer und Frauen gemeinsam tätig sind, sich gerade in Corona-Zeiten mit vielen Ideen gleichermaßen einzubringen - auch im diakonischen Bereich. Die Themen des Synodalen Wegs, angefangen beim Miteinander von Frauen und Männern über Liturgie und Gottesdienstgestaltung, über gelingende Beziehungen und Beziehungsethik bis hin zu Machtfragen sind alle vom Corona-Geschehen beeinflusst.

Die verstärkte Digitalisierung, die die Corona-Krise erzwungen hat, hat auch Auswirkungen auf die Demokratisierung. All das müssen wir deuten und herausstellen. Wir können nicht bei der nächsten Versammlung an Corona vorbeigehen.

Sie leiten innerhalb des Synodalen Weges das Forum "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche". Was haben Sie aus der bisherigen Zusammenarbeit mit den Delegierten, vor allem den weiblichen, gelernt?

Wir sind mit unserer Arbeit sehr früh gestartet und haben uns vor der Corona-Krise schon einmal physisch getroffen. Das war sehr intensiv. Die Vorstellungsrunde hat allein zwei Stunden gedauert. Es herrschte eine sehr gute Atmosphäre und eine große Sachlichkeit.

Drei Arbeitsgruppen arbeiten jetzt an verschiedenen Fragen. In der ersten Gruppe geht es um das kirchenrechtlich Mögliche wie etwa die Frage nach einer weiblichen Generalsekretärin für die Deutsche Bischofskonferenz. Die zweite und größte Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit grundsätzlichen Fragen von Geschlechteranthropologie und Gender. In der dritten Gruppe geht es konkreter um den Diakonat der Frau, um neue Dienste und um die Argumentationen rund um die Weihe.

Weil Sie gerade die Frage nach einer Generalsekretärin für die DBK ansprechen: Die Benennung muss ja geklärt werden, weil Amtsinhaber Pater Langendörfer angekündigt hat aufzuhören.

Ja, das ist in der Tat ein Thema. Die Bischofskonferenz hat grundsätzlich zugestimmt, dass das Amt durch Laien besetzt werden kann. Demzufolge kann es auch eine Frau werden.

Was muss das "Frauenforum" der Synodalversammlung mindestens vorlegen, damit die Kirche nicht weiter an Glaubwürdigkeit verliert?

Zunächst einmal muss die Stärkung der Frauen in Leitungsfunktionen weitergehen. Da müssen Positionen und Möglichkeiten noch mehr benannt werden.

Was heißt das konkret? Wir sprechen von über 30 Prozent?

Ja, wenigstens. Das haben sich die Bischöfe bis 2023 vorgenommen. Es gibt ja in den Diözesen auch schon die ein oder andere Neubesetzung mit Frauen.

Aber aus Ihrer Sicht darf es ein bisschen mehr sein?

Auf jeden Fall. Ich bin sehr dafür, wenn es mehr Frauen werden und noch mehr darauf geachtet wird. Deshalb ist dieses Frauenforum so wichtig, das die Räume erkennt und benennt, wo die Besetzung mit Frauen möglich ist.

In manchen Bistümern gibt es in bestimmten Gremien vielleicht eine Frau unter sechs oder sieben Männern. Und da reden wir nicht nur über die Leitungsebene, sondern auch über die mittleren Ebenen.

Da sind wir beim Diakonat der Frau."

Und schließlich sehen wir gerade in diesen Corona-Zeiten, dass der soziale, karitative und pädagogische Einsatz von Frauen, der ja erheblich größer war und ist als der von Männern, mehr und auch sakramental gewürdigt werden muss. Da sind wir beim Diakonat der Frau.

Wirkt man mit der Diskussion um Leitungsfunktionen den vielfach kritisierten unbeweglichen Kirchenstrukturen und Machtmissbrauch entgegen?

Ich kann nur aus meiner Erfahrung sagen: Wir haben im Bistum Osnabrück seit 18 Jahren eine Frau als Leiterin des Seelsorgeamtes. Es verändert einfach etwas, wenn Frauen verantwortlich beteiligt sind. Das geht hin bis zu den Missbrauchsdebatten. Frauen diskutieren anders über diese Themen - als Mütter, als Betroffene. In den Gremien der Aufarbeitung müssen zwingend Frauen mitarbeiten.

Wenn Bischöfe zusammensitzen, sind Frauen dann überhaupt ein Thema?

(lacht) Das ist jetzt ein bisschen eine Nähkästchen-Frage. Ich würde sagen: Ja. Sie sind es, wenn etwas geschehen ist und es wahrgenommen wird, also in der Auseinandersetzung. Und ich werde natürlich auch als Vorsitzender der Unterkommission Frauen bei der DBK gefragt, wenn man wissen will, was denn im Moment so los ist ...

Dann sind Sie der Frauen-Versteher?

(lacht) Ja, ein bisschen. Aber sowohl Kardinal Reinhard Marx als auch Bischof Georg Bätzing und andere, die an der Frauen- oder der Pastoralkommission der Bischofskonferenz teilnehmen, machen sich für das Thema "Frauen in Leitungsfunktionen" stark und treten dafür offen ein - auch in Rom.

kfd-Frauen haben zuletzt hunderttausende Unterschriften für die Erneuerung der Kirche und für Geschlechtergerechtigkeit gesammelt und zu den Vollversammlungen der Deutschen Bischöfe auch an Sie persönlich überreicht. Wird bei den Konferenzen darüber eigentlich gesprochen?

Nicht direkt, weil die Tagesordnungen meist so voll sind. Die Fragen, die sie mit den Unterschriftenaktionen aufwerfen, sind eher Teil der Reflexion beim Synodalen Weg. Diese Aktionen der kfd sind aber wichtig, weil die Fragen so immer wieder ins Bewusstsein der Bischöfe kommen. Wir können nicht mehr an der Kultur des Miteinanders vorbeidenken.

Wir müssen die Kräfte stärken, die eine Öffnung und Veränderung insgesamt wollen."

Das klingt nach Ermutigung für die kfd-Frauen, damit weiterzumachen.

Ich sage mal so: Wer den Fragen nach Erneuerung von vornherein kritisch gegenübersteht, wird dann manchmal noch kritischer. Wer eine offene, differenziertere Haltung hat, wird bestärkt.

Wir müssen die Kräfte stärken, die eine Öffnung und Veränderung insgesamt wollen. Dafür sind solche Aktionen gut. Sie sehen doch - und das ist ja auch kein Geheimnis -, dass das in der Bischofskonferenz und beim Synodalen Weg die große Mehrheit ist.

Aber es gibt prominente Gegner des Synodalen Weges und der geschlechtergerechten Kirche, wie den Kölner Kardinal Woelki und den Regensburger Bischof Voderholzer, die sich sehr deutlich positioniert haben. Wie erklären Sie sich deren Haltung und was halten Sie dagegen?

Es hat in der Kirchengeschichte immer Auseinandersetzungen gegeben. Es gibt die, die aus der Tradition argumentieren und sagen: Die Wurzeln sind maßgeblich, das darf man nicht verändern. Aber der Baum lebt nicht von den Wurzeln allein, er braucht Licht, Luft, Wasser. Er entwickelt sich vielfältig. Und so verstehe ich auch die Dogmen. Sie sind entwickelt worden, um sie in die Diskussion ihrer jeweiligen Zeit zu geben.

Aber ich bin mir auch darüber im Klaren, dass die Probleme nicht leicht zu lösen sind. Vielfalt auszuhalten, fällt manchen Leuten schwer. Manche wollen eine glasklare Wahrheitsabgrenzung. Aber die wird es kaum geben. Jesus sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Diesen Satz finde ich sehr treffend. Die Wahrheit ist immer ein Weg - und der ist lebendig.

Machen Sie sich angesichts der vielen Unwägbarkeiten dieser Zeit Sorgen um den Erhalt der Kirche?

Nicht als Kirche weltweit. Es kann aber sein, dass es in unseren Breiten zu einem Traditionsbruch kommt, dessen Folgen wir noch gar nicht absehen können. Die Corona-Krise hat das verstärkt und kann dazu führen, dass die institutionelle Sichtbarkeit der Kirche noch mehr abnehmen wird. Die Entwöhnung nimmt zu.

Wir müssen neue Gemeinschaftsformen finden und andere Beteiligungen. Das wird in Zukunft unerlässlich sein. Und dazu braucht es natürlich Frauen."

Gleichzeitig wurde aber auch zu Hause gebetet, es wurden Kerzen aufgestellt, Hausgottesdienste gefeiert. Die Digitalisierung hat uns die Bibel im Internet oder auf dem Smartphone nahegebracht, es wurde gestreamt.

Wir haben das hier in Osnabrück auch mit verschiedenen Gottesdienstformen gemacht. Es gab viele neue Ideen. Wir müssen neue Gemeinschaftsformen finden und andere Beteiligungen. Das wird in Zukunft unerlässlich sein. Und dazu braucht es natürlich Frauen.

Die kfd hat auch neue "Formate" entwickelt. Es gab im Mai unter dem Motto "12 Frauen.12 Orte.12 Predigten" den ersten bundesweiten Predigerinnen-Tag. Was haben Sie davon mitbekommen?

Ich habe davon gehört und gelesen. Die Diözesen schauen auf die Forderungen, und die meisten suchen einen Weg, das Miteinander von Frauen und Männern in der Wortverkündigung zu fördern.

In der Eucharistie ist es schwieriger. In manchen Bistümern spricht der Priester eine Einleitung oder eine Segensformel vor der Wortverkündigung der Frau. Es ist mir wichtig, dass die Verkündigung des Wortes eingebunden bleibt in die Eucharistie und in den Auftrag des Priesters. Dabei sollte es ungeachtet der Forderungen nach Priesterinnen künftig ein eigenes Amt für die Frauen geben.

Ich finde, die Auseinandersetzung, ob Frauen auch Priesterinnen sein dürfen, ist nicht zu Ende."

Papst Franziskus spricht ja auch in seinem Schreiben zur Amazonas-Synode "Querida Amazonia" davon, dass das Lektorenamt eine wirkliche Beauftragung sein soll, das dann auch in Eucharistie eingreift.

Die kfd und andere Frauenverbände hätten sich da bekanntlich mehr erhofft. Wenn Sie für einen Tag Papst wären, würden Sie sich um das Thema Frauenweihe kümmern, haben Sie im Frühjahr in einer Videobotschaft gesagt. Was haben Sie konkret gemeint?

Mir geht es darum, dass wir die Aussagen aus dem Schreiben "Ordinatio Sacerdotalis" von 1994 von Papst Johannes Paul II., die so eine Endgültigkeit beschreiben, noch einmal genauer betrachten.

Ich finde, die Auseinandersetzung, ob Frauen auch Priesterinnen sein dürfen, ist nicht zu Ende. Das sehen ja auch mit mir viele Kirchenrechtler und Dogmatiker so. Und da die Diskussion darüber nicht aufhört, müssen wir sie aufnehmen.

Im Mai machte die französische Theologin Anne Soupa von sich reden, weil sie sich als Bischöfin von Lyon bewerben wollte. Was halten Sie davon?

Damit kann ich nicht so viel anfangen. Ich finde, dieser Sprung bringt uns aktuell nicht weiter. Wir müssen aber mit den Frauen reden, die sich zum Priesteramt berufen fühlen, über ihre Neigungen, Erfahrungen und geistlichen Auseinandersetzungen. Ich habe mit einigen gesprochen. Das hat mich innerlich sehr berührt. Auch, mit welcher Geduld sie den Bischöfen ihr Anliegen immer wieder deutlich vortragen.

Wer ist die wichtigste Frau in Ihrem Leben?

(lacht) Ja, zunächst mal, wie das immer so ist, meine Mutter. Sie ist ja meine Herkunft. Und dann meine vier Schwestern. Ich bin das jüngste Kind. Diese Konstellation kann man natürlich negativ sehen: der einzige Junge, der Jüngste, überbehütet. Aber für mich hatte dieses Miteinander in unserer Familie sehr viel Positives. Es hat mir den Umgang mit Frauen natürlich erleichtert.

In meiner 45-jährigen Priesterlaufbahn habe ich Frauen kennengelernt, die mein Leben wirklich bereichert haben - als Freundinnen. Ich hatte ja zunächst nur die Erfahrungen von zu Hause und aus der Studienzeit. Mit 24 bin ich Priester geworden. Da fängt das eigentliche Leben an - wenn man in der Gemeinde ist. Die Begegnungen in meiner Gemeindezeit sind wirklich wichtig geworden für mein Leben und meinen Dienst.

Sind Sie Papst Franziskus schon persönlich begegnet?

Tatsächlich bin ich ihm bei der Familien-Synode in Rom 2017 öfter begegnet. Da war ich für die Pastoralkommission der Bischofskonferenz und habe ihm berichten können. Aktuell haben wir die Absicht, mit dem Präsidium des Synodalen Wegs nach Rom zu fahren, um mit dem Papst und einigen Männern der Kurie zu sprechen. Diese Reise ist wegen Corona bisher nicht zustande gekommen. Aber sie soll kommen. Dann hätte ich Gelegenheit, vom Frauenforum direkt zu erzählen

Der Termin ist nur aufgeschoben?

Ja, auf jeden Fall! Wenn wir insgesamt etwas erreichen wollen, müssen wir während des Synodalen Wegs die Beziehung nach Rom halten. Kardinal Marx hat das in seiner Rolle als Vorsitzender auch getan. Wir müssen unsere Anliegen immer früh genug ins Gespräch bringen.

Wenn es Synodalität unter uns gibt, muss es die auch nach oben geben und umgekehrt von Rom zu uns. Ich bin der Ansicht, die Antwort aus Rom auf unseren Synodalen Weg muss auch synodal sein. Ich wäre für eine Art europäische Regionalsynode, so wie die Amazonas-Synode. Das wäre die angemessene Form.

Der Synodale Weg: So geht es weiter

Die kfd hat immer wieder Kontakt zum Präsidium des Synodalen Weges und den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), wie zuletzt bei der Unterschriftenübergabe für eine geschlechtergerechte Kirche in Mainz im März 2020.

Die nächste Synodalversammlung wird aufgrund von Corona-Beschränkungen an fünf verschiedenen Orten, Berlin, Dortmund, Frankfurt, Ludwigshafen und München ausgerichtet. Die dezentrale Konferenz mit dem Titel "Fünf Orte - ein Weg" wird am Freitag, 4. September, von 10 bis 18 Uhr stattfinden.

Für die kfd nehmen daran teil: Die Bundesvorstandsmitglieder Prof'in Dr. Agnes Wuckelt (stv. kfd-Bundesvorsitzende) und Lucia Lagoda sowie kfd-Bundesgeschäftsführerin Brigitte Vielhaus. 

Die kfd auf dem Synodalen Weg

Stand: 17.06.2020