Unterwegs in der Schöpfung

Die kfd-Aktionswoche vom 21. bis 27. September steht in diesem Jahr unter dem Motto "Frauen, wem gehört die Welt?". Auf einem nachhaltigen Pilger*innenweg können sich Frauen, Männer, Familien und Freunde für den Erhalt der Schöpfung einsetzen. Unterwegs mit der Koordinatorin der Aktionswoche, Katharina Kosub, auf einem beispielhaften Weg.

Von Isabelle De Bortoli

Das Land, auf dem Heinrich Hannen steht, während er einen Blick auf den Spitzkohl wirft und ein bisschen Unkraut zupft, hat schon seinem Ur-Ur-Großvater gehört. Und eines Tages wird es seinen vier Kindern gehören und dann den Enkeln und Urenkeln.

Heinrich Hannen ist Landwirt, sein Hof ist der Lammertzhof in Kaarst bei Düsseldorf, ein Bioland-Hof. Und deshalb wachsen hier rund um die Felder mit Rucola, Mangold, Pastinake und Brokkoli breite Blühstreifen als Lebensraum für Insekten und Nützlinge, Äpfel-, Birnen- und Pflaumenbäume säumen die Allee zum Hof und bieten Nistplätze für viele Vogelarten.

"Die Umwelt, die Natur ist nicht der Besitz Einzelner oder einer Generation", sagt Heinrich Hannen. "Sie muss nicht nur für unsere Kinder und Enkel geschützt werden, sondern auch für alle, die danach kommen, und für die Tier- und Pflanzenwelt."

Verantwortungsvoll mit der Schöpfung umgehen und diese bewahren - das ist das Credo der gesamten Familie Hannen und der wichtigste Grund, warum sich Heinrich Hannen vor 30 Jahren, als er selbst noch im Studium war, gemeinsam mit seiner Frau Petra und seinen Eltern dazu entschieden hat, den Hof von konventioneller Schweinemast auf Bio-Landbau umzustellen.

Und so ist der Lammertzhof auch der ideale Startpunkt für einen möglichen nachhaltigen Pilger*innenweg, wie ihn kfd-Gruppen in Begleitung von anderen  interessierten Frauen, Männern, Kindergartengruppen oder befreundeten Verbänden zur Aktionswoche im September gehen.

"Der Weg kann sich, so wie dieser, den wir heute beispielhaft gehen, mit dem Thema nachhaltige Landwirtschaft beschäftigen. Aber auch faire und nachhaltige Arbeitsbedingungen, Klimagerechtigkeit und Energiesparen, Mobilität oder Abfallvermeidung sind mögliche Themen", sagt Katharina Kosub, Koordinatorin der Aktionswoche beim kfd-Bundesverband.

"Toll ist es natürlich, wenn man sich beispielsweise ein Wasserwerk einmal ansehen kann, einen Unverpackt-Laden besucht oder auch einen Entsorgungsbetrieb. Oder eben einen Bio-Bauernhof."

Bei einer Führung über den Lammertzhof, die Heinrich Hannen regelmäßig anbietet, erfährt man auch, wie dieser zur Bio-Landwirtschaft kam - und warum der Hof ein großes Gemeinschaftswerk ist, an dem mittlerweile drei Generationen mitarbeiten:

"Meine Schwestern und ich haben schon als Jugendliche die Haltung unserer Schweine sehr kritisch gesehen. Es mussten Antibiotika eingesetzt werden, und das Futter kam aus Entwicklungsländern in Südamerika. Ein weiterer Grund für die Umstellung war die Nitratdiskussion, die in den 80er-Jahren aufkam. Direkt an unsere Felder schließt ein Wasserwerk an, und da war es sehr wichtig, dass wir weniger Dünger auf den Feldern haben. Es ging mir also um Gerechtigkeit, für die Tiere, die Menschen und die Umwelt - und meine Frau ist glücklicherweise aus genau dem gleichen Grund Landwirtin geworden."

Heute düngt der Lammertzhof seine Felder mit dem Mist von Junghennen. Läuse oder Milben werden mit Marienkäferlarven, so genannten Nützlingen, bekämpft. Pilzbefall wird durch mehr Abstand zwischen den Pflanzen vermieden, Unkraut muss auch mal von Hand gezupft werden. Und so sieht man, wenn man vom Lammertzhof Richtung Wasserwerk läuft, viele Menschen auf den Feldern, die sich um das Gemüse kümmern. Vertrieben wird das über den Hofladen - und über die Öko-Kiste, den Bio-Lieferdienst des Hofes, der das Gemüse quasi vom Feld zu 2.500 Kunden nach Hause bringt. 

An der Ecke eines Feldes steht auf einem Pfahl die Skulptur eines Mannes, der gen Himmel schaut. Er kam im Rahmen eines Kunstprojekts auf die 45 Hektar Acker der Familie Hannen. "Er ist der Sternengucker", sagt Heinrich Hannen. "Wir Bauern schauen immer nur auf den Boden, er erinnert uns daran, den Blick auch mal zu heben."

An den Feldern vorbei geht es zu einer kleinen Gruppe Schafe, auch die gehört zum Lammertzhof und ersetzt den Rasenmäher. "Die Aktionswoche hat für die kfd eine lange Tradition", sagt Katharina Kosub, während sie die Lämmer und ihre Mütter beobachtet. "Es geht darum, die kfd vor Ort sichtbar zu machen und zu zeigen, was wir tun."

Ich kann einen Weg gehen, der altbekannt ist, oder etwas ganz Neues wagen - so, wie es am passendsten ist"

In diesem Jahr werden also zwischen dem 21. und 27. September überall in Deutschland kfd-Gruppen in der Natur unterwegs sein. Dabei ist es unerheblich, ob man zu zweit oder zu dritt, mit 20 oder 50 Frauen pilgert. Sollte es auf Grund der Corona-Verordnungen nötig sein, kann man auch auf Abstand bleiben, sich in Zweier-Grüppchen zusammentun. Genauso wie es der Gruppe überlassen ist, wie viele Kilometer der Pilger*innenweg umfasst. "Ich kann einen Weg gehen, der altbekannt ist, oder etwas ganz Neues wagen - so, wie es am passendsten ist", sagt Kosub.

Direkt an die Felder der Familie Hannen grenzt das Wasserwerk Büttgen-Driesch. Es hat acht Grundwasser-Förderbrunnen und versorgt über 190.000 Menschen in der Region mit jährlich fast 10,1 Millionen Kubikmetern aufbereitetem Grundwasser. Umso wichtiger, dass die Felder drumherum nicht mit synthetischen Düngemitteln und Pestiziden bearbeitet werden.

Der Weg führt an einem Kartoffelacker vorbei. Genug Zeit, sich mit den Mit-Pilger*innen darüber auszutauschen, wie nachhaltiges Leben heute gelingen kann. "Man kann sich zum Beispiel fragen, wie die eigenen Großeltern gelebt haben und was wir von ihnen lernen konnten", sagt Katharina Kosub. "Auch die Frage 'Was ist fair' lädt zur Reflektion ein." Eine Möglichkeit wäre auch, auf dem Weg Müll zu sammeln.

Im Pilger*innen-Heftchen zur Aktionswoche finden die kfd-Gruppen Impulse für die Gestaltung ihres Weges. Auch ein Leitfaden für eine besondere Aktion ist dabei: für den Baum-Steckbrief.

An der Mauer eines alten Bauernhofes am Ortsrand macht Katharina Kosub halt. Dort steht ein großer Baum mit üppiger Krone: "Für den Baumsteckbrief überlegen wir uns eine Geschichte für einen Baum. Wie ist er hier gewachsen? Was hat er in seinem Leben alles gesehen? Diese kleine, fiktive Biografie schreiben wir auf und tragen sie den Mit-Pilgernden vor."

Dieser Baum hier könnte etwa vom Wandel des Hoflebens erzählen, von der schweren Arbeit vor 80, 100 Jahren, von dem Einzug von Traktoren und Maschinen. Und von der Spargelernte auf dem Feld nebenan.

Einige Meter weiter führt die Straße an einem kleinen Hain vorbei. Unter üppig verwachsenen Sträuchern verborgen steht eine kleine Bank neben einem Holzkreuz. Gelegenheit, einen der Impulse aus der Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus zu hören, die vor fünf Jahren erschienen ist und in der er seine Sorge um das "gemeinsame Haus", die Schöpfung, teilt.

Der Pilger*innenweg endet nach rund 2,5 Kilometern an der Antoniuskapelle in Kaarst/Büttgen. Sie geht auf eine Einsiedelei im Büttger Wald zurück, die 1401 erstmals erwähnt wird. Das Gebäude bestand aus einem kleinen Kirchenraum, den Wohnungen der Eremiten und einem Schulraum, in dem die Mönche mehr als 100 Jahre unterrichteten. Im 19. Jahrhundert diente die Kapelle nach der Auflösung der Eremitage als Zentrum der Kapellengemeinde und später der Pfarrei St. Antonius.

Umgeben von hohen Bäumen und einem schönen Garten ist hier ein idealer Platz, um gemeinsam zu beten: "Gib uns die Kraft, alles, was in unserer Macht steht, zu tun, um deine Schöpfung zu schützen und zu bewahren. Stärke uns in unserem Bemühen, die Selbstverpflichtung, die jede von uns heute für sich eingegangen ist, in unserem Alltag umzusetzen und so ein Zeichen zu setzen."

Jede und jeder soll das eigene zukünftige Handeln und Verhalten in den Blick nehmen"

Erfüllt mit Erfahrungen, Erlebnissen und Erkenntnissen geben sich die Pilger*innen am Ende des gemeinsamen Weges außerdem ein Versprechen: "Jede und jeder soll das eigene zukünftige Handeln und Verhalten in den Blick nehmen", sagt Katharina Kosub.

Und dann konkret werden: "Ich verspreche, dass ich öfter mit dem Fahrrad fahre und weniger mit dem Auto." Oder: "Ich lebe einen Monat ohne Plastik." Oder: "Ich trinke nur noch fairen Kaffee." Oder eben: "Ich kaufe umweltbewusst im Bioladen ein."  Wie beispielsweise auf einem Hof wie dem Lammertzhof, wo der Pilger*innenweg begonnen hat.

Checkliste:

Vor dem Pilger*innenweg

  • Planung des Weges: Welche Themenstationen kann ich einbauen? Kontakt zu Bio-Bauernhof, Wasserwerk, Unverpackt-Laden et cetera aufnehmen und Termine machen
  • Wegstrecke abgehen, Pausen einplanen
  • kfd-Frauen meiner Gruppe einladen
  • kfd-Postkarte "Frauen, wem gehört die Welt?" bestellen und als Einladung an andere Frauen und Männer verschicken

Auf dem Pilger*innenweg

  • Notizbuch, Stifte, Papier einpacken, zum Beispiel für den Baumsteckbrief
  • kfd-Fahne, Flyer, Aufkleber und Beitrittsformulare mitnehmen: Auf dem Pilger*innenweg können Teilnehmer*innen natürlich Mitglied werden!
  • Wenn Müll gesammelt werden soll: Müllbeutel mitnehmen und
    gegebenenfalls Müllgreifer organisieren.

Alles rund um die Aktionswoche gibt es unter www.kfd.de/aktionswoche

Stand: 22.06.2020