Die alte Zeit ist zu Ende!

Der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, hatte es in seinem Hirtenwort im Januar irgendwie schon prophezeit: "Die alte Zeit ist zu Ende." Die Amtskirche ist im Jahr 2019 mächtig ins Wanken geraten. Missbrauchsskandal, Frauenausschluss, Zölibat, mangelnde oder wenig sichtbare Reformbereitschaft - das Kirchenvolk, allen voran die Frauen, begehren auf.

Von Isabelle De Bortoli und Jutta Laege

Wo sich überall der Widerstand regt und manifestiert, wer sich mit welchen Forderungen beteiligt und wie sich die verschiedenen Gruppen zusammenfinden, hat "Frau und Mutter" zusammengetragen. Und so viel ist jetzt schon deutlich sichtbar: Schweigen war gestern. Jetzt sind alle in Bewegung.

#MachtLichtAn!

Es sind Bilder, die sich in der Öffentlichkeit eingeprägt haben: Während der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im März versammelten sich vor der Lingener St.-Bonifatius-Kirche Hunderte kfd-Frauen und skandierten "Macht Licht an!" - gegen den Machtmissbrauch und die verkrusteten Strukturen in der katholischen Kirche.

Mit Taschenlampen leuchteten sie die Kirchentüren an und beteten in einer Klageandacht für die Erneuerung der Kirche. Schon am 12. Dezember 2018 hatte die kfd bundesweit zur "#MachtLichtAn"-Aktion aufgerufen.

Tausende Frauen und Männer beteiligten sich. 30.000 Unterschriften und Postkarten kamen dabei insgesamt zusammen. Sie wurden schließlich den Bischöfen in Lingen überreicht. Die sind jetzt am Zug. Ein "Weiter so", das hat unlängst die kfd-Bundesvorsitzende Mechthild Heil klargestellt, kommt nicht infrage.

www.machtlichtan.de

MARIA 2.0

Im Mai rief dann die im Münsterland gegründete Initiative "Maria 2.0" zum Kirchenstreik auf - Tausende Frauen, darunter auch zahlreiche kfd-Gruppen, beteiligten sich.

Die Kirchen waren leer, draußen feierten die Frauen Gottesdienste, hielten Mahnwachen, äußerten sich mutig zu Missbrauchsfällen und machten den Funktionsträgern der Amtskirche klar: Es reicht!

"Maria 2.0" fordert die Abschaffung des Pflichtzölibats und den Zugang von Frauen zu allen Ämtern der katholischen Kirche. Wer in der Kirche Missbrauch begangen habe, solle sein Amt verlieren.

Nach dem Streik soll es mit Gesprächen und Austausch mit den Bischöfen weitergehen.

www.mariazweipunktnull.de

ZdK und synodaler Weg

Auch das Zentralkomitee Deutscher Katholiken macht Druck. Machtabbau bei Klerikern, Zölibat, Sexualmoral und auch die Beteiligung von Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche sollen Themen des so genannten "synodalen Weges" sein, den die Bischöfe beschlossen haben.

Auch die kfd ist in diese in verschiedene Arbeitsgruppen aufgeteilte Debatte involviert. Die stellvertretende Bundesvorsitzende Prof'in Dr. Agnes Wuckelt ist für die kfd dabei.

https://www.zdk.de/veroeffentlichungen/reden-und-beitraege/detail/Synodaler-Weg-Leitantrag-des-Praesidiums-424e/ 

Pinker Punkt

Beim nationalen Frauenstreik in der Schweiz am 14. Juni warben Christinnen mit pinken Punkten für "Gleichberechtigung. Punkt. Amen."

Es gab Gottesdienste, Diskussionen, pinke Mitras und pinke Kekse. Getragen wird das Engagement von einzelnen Personen und von Organisationen wie dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund SKF und den Evangelischen Frauen Schweiz EFS.

https://www.frauenbund.ch/was-wir-bewegen/kirche-und-spiritualitaet/gleichberechtigungpunktamen/

Gebet am Donnerstag

Gläubige auf der ganzen Welt sind dazu aufgerufen, immer donnerstags für die Erneuerung der Kirche zu beten. Initiatorin ist die Priorin des Klosters Fahr in der Schweiz, Irene Gassmann.

https://www.gebet-am-donnerstag.ch/ 

Overcoming silence

#overcomingsilence ist eine Online-Kampagne der katholischen Initiative "Voices of Faith" aus Rom. Dabei können sich Menschen dafür aussprechen, warum Frauen neben Männern in Führungs- und Entscheidungspositionen in der katholischen Kirche vertreten sein sollen.

#overcomingsilence macht klar: Mehr als die Hälfte aller Katholiken weltweit sind Frauen. Die Initiative fordert deshalb, Frauen auf allen kirchlichen Ebenen in Führungsrollen zu bringen - auch im Vatikan. Außerdem sollen Ordensschwestern auf Bischofs-Synoden Stimmrecht
erhalten.

https://overcomingsilence.com/?lang=de 

Reaktionen auf die Frauenproteste

Der Missbrauchsskandal und die daraus entstandenen Protest-Aktionen haben Zeitungen und Nachrichtenkanäle in den vergangenen Wochen und Monaten täglich gefüllt und die Debatten hochgehalten.

Und dabei waren natürlich viele Verantwortliche in der katholischen Kirche, allen voran die Bischöfe, gefragt. Nicht alle äußerten sich öffentlich. Und die wenigsten klingen nach konkreter Idee. Im Gegenteil: Gerade was die Frauenfrage angeht, sehen selbst die, die für Gespräche offen sind, wenige Chancen für eine echte Veränderung in der Weltkirche.

Aber immerhin: Es wird diskutiert - und die Fragen bleiben auf dem Tisch. "Frau und Mutter" hat Stimmen gesammelt.

"Momentan halte ich freilich die Möglichkeit, Frauen zu Priestern
 zu weihen, noch für unwahrscheinlich, da dies von zahlreichen Katholiken nicht mitgetragen und die Einheit unserer Kirche daran zerbrechen würde. Andererseits aber wird dies kommen. Vor einiger Zeit hätte ich das so noch nicht denken können."

Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg


"Es führt uns keinen Millimeter weiter, wenn wir uns die Geschichte der Kirche zurechtbasteln, um uns dann am Ende etwa ein Frauenpriestertum zu genehmigen."

Rudolf Vorderholzer, Bischof von Regensburg


"Das Anliegen der Frauen ist für mich verständlich. Die Aktion verdeutlicht den enormen Veränderungsbedarf in der katholischen Kirche und führt uns buchstäblich vor Augen, was ohne das große Engagement der Frauen in unserer Kirche nicht möglich wäre."

Klaus Pfeffer, Generalvikar im Bistum Essen


"(...) Für ihre Enttäuschung und ihren Frust, dass Frauen zu den Weiheämtern unserer Kirche nicht zugelassen werden, habe ich Verständnis. Mir ist es ein wichtiges Anliegen, dass die aktive und verantwortliche Präsenz von Frauen in der Kirche weiter vorankommt, wenn dies auch aufgrund der bisherigen lehramtlichen Entscheidung im Blick auf das Weiheamt derzeit nicht möglich ist. (...)"

Stephan Burger, Erzbischof von Freiburg


"Ich glaube, dass wir ernsthaft über die Wege der Zulassung zum Priestertum diskutieren müssen."

Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim


"(...) Wir können nicht weiterhin fünfzig Prozent der Bevölkerung von der Leitung der Kirche ausschließen. Viele junge Frauen finden aufgrund dieser Ungerechtigkeit in der Kirche keine Heimat mehr. Und mit der Frage der Leitung hängt auch die Frage der Weihe zusammen."

Thomas Andonie, Vorsitzender BDKJ


"Ich mir auch!"

Ulrich Neymeyr, Bischof von Erfurt, zu der Frage, ob er sich die Zulassung von Frauen in ordinierte Ämter vorstellen könne.


"Der Eindruck, dass die Kirche, wenn es um die Macht geht, letztlich eine Männerkirche ist, muss in der Weltkirche und auch hier im Vatikan überwunden werden. Sonst werden die jungen Frauen bei uns keine wirkliche Gestaltungsmöglichkeit finden. Es ist höchste Zeit!"

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz


"Ich glaube, wir müssen es "aushalten", dass wir auf die Frage der Weihe von Frauen einerseits eine definitive Entscheidung des Papstes Johannes Paul II. und andererseits trotzdem noch keine letzte Antwort haben. Diese Frage wird zumindest in Deutschland ja sehr offen diskutiert, vor allem unter Theologen und Theologinnen.
Es ist klar, dass es hierzu einen weltkirchlichen Konsens braucht, den es derzeit nicht gibt. Ich finde es schade, dass die Diskussion um die Zulassung von Frauen zur Weihe oft überlagert und gering schätzt, wie viel Gestaltungsspielraum Frauen als Laien an vielen Stellen längst haben."

Alfons Hardt, Generalvikar im Erzbistum Paderborn


"Wir sind überzeugt, dass es ein erster notwendiger Schritt hin zu einer glaubwürdigen Kirche ist, Frauen genauso wie Männern - gemäß ihrer Berufung und entsprechenden Begabung - die Diakonatsweihe zu spenden. Nur mit Männern und Frauen im diakonischen Weiheamt ist unsere Kirche zukunftsfähig!"

Claudia Lücking-Michel, Vizepräsidentin des ZdK


"Die alte Zeit ist zu Ende."

Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen


"(...) Die Ungeduld vieler Frauen in der katholischen Kirche muss man sehr wahrnehmen. Dahinter steckt eine ganz tiefe Verletzung, dass sie sich in der Kirche nicht so angenommen fühlen, wie es ihrem Einsatz entspricht. Wir kommen an der Frauenfrage nicht vorbei."

Franz-Josef Bode, Bischof von Osnabrück


"Ich wundere mich, dass man die Präsenz Christi auf das Mannsein reduziert. Wir haben hier bei uns auch qualifizierte Theologinnen, denen nur die Weihe fehlt - sonst nichts."

Priorin des Priorats Tutzing der Missions-Benediktinerinnen, Ruth Schönenberger

Stand: 26.03.2019