Franziskus und die Frauen

Frauen im Vatikan - sind doch gar nicht so selten ... Eine von ihnen ist Gudrun Sailer, seit 16 Jahren Redakteurin für das deutschsprachige Portal von Radio Vatikan (heute: Vatican News). "Frau und Mutter" traf die gebürtige Österreicherin an ihrem Arbeitsplatz vis à vis der Engelsburg, fünf Minuten vom Petersdom entfernt. Ein Gespräch über Papst Franziskus und einige drängende Frauenfragen.

Von Jutta Laege

Traumjob Vatikan-Berichterstatterin? Wie muss man sich Ihre Arbeit für den Vatikan vorstellen?

Gudrun Sailer: Es ist eine sehr besondere und gleichzeitig eine Nischenaufgabe, für die man sich in all den Jahren spezielles Wissen aneignet. Unser wichtigster Job ist es, den Päpsten genau zuzuschauen und zuzuhören. Und das ist gerade mit Franziskus im Gegensatz zu seinen Vorgängern Johannes Paul II. und Benedikt XVI. nochmal anders geworden. Er ist halt der Papst der Überraschungen.

Dass Franziskus sich nicht an Protokolle, Abläufe und Texte hält - davon ist immer wieder zu hören.

Als ich 2003 hier anfing, war Johannes Paul II. schon sehr krank. Ich kann Franziskus also nur mit Benedikt XVI. vergleichen. Der hat sich sehr gewissenhaft vorbereitet, seine Reden waren exakt so, wie er sie geschrieben hatte.

Generalaudienzen passten auf den Punkt genau. Bei Franziskus geht das nicht mehr auf. Das, was er in freier Rede sagt, ist das Spannendste - das gibt die Schlagzeile. Er ist einer, der Leute anspricht, sie berührt, deshalb muss man diesen Papst immer im Auge haben.

Das macht ihn sehr anstrengend, das sagen alle, die für ihn arbeiten. Nicht nur Journalisten! Die Gendarmen sind da leidgeprüft. Sie müssen ihn schützen und wissen aber, so geht es eigentlich nicht. Das macht sie sehr nervös.

So wie es den ganzen Apparat nervös macht, wenn er anfängt, frei zu reden. Aber so ist er. Und das ist gut so. Das ist der Papst des 3. Jahrtausends.

Wie schwierig ist es für Sie als Frau, in einer von Männern so dominierten Umgebung zu arbeiten?

Ich finde es relativ entspannt. Im Medienbetrieb sind wir eine gute Mischung. Im redaktionellen Bereich arbeiten ungefähr zur Hälfte Frauen. Die Spitzen und Redaktionsleiter sind allerdings Männer.

Wussten Sie zum Beispiel, dass Frauen ganz entscheidende Mitarbeit am Bau des Petersdoms geleistet haben?"

Und es stimmt schon: Ich würde mir manchmal ein sensibleres Auge für die Frauen-Themen wünschen. Wussten Sie zum Beispiel, dass Frauen ganz entscheidende Mitarbeit am Bau des Petersdoms geleistet haben?

Der prachtvolle Tabernakel wurde vom berühmten Bildhauer Gianlorenzo Bernini entworfen. Die Teile in Lapislazuli aber hat eine Frau gemacht: Francesca Bresciani. Zwei Archivarinnen im Vatikan haben diese Geschichte ausgegraben und ich habe sie natürlich sehr gerne für unsere Leser und Leserinnen aufbereitet. Also in Sachen Frauen geht schon etwas, ich arbeite daran mit.

In Deutschland ist der Widerstand von Frauen gegen Männerkirche, Machtmissbrauch und Klerikalismus gerade sehr groß. Bekommen Sie das in Rom mit?

Ungefähr die Hälfte der Themen, mit denen wir uns befassen, betrifft den Papst und den Vatikan. Das ist unser Auftrag. Da versuchen wir die erste Informationsquelle zu sein.

Wir verstehen uns als Vatikan-Beobachter und übersetzen das "Vatikanische" ins Deutsche hinein - weniger umgekehrt. Dennoch interpretieren wir unsere Aufgaben durchaus weit: Für die weltkirchlichen Themen werden wir sehr geschätzt und natürlich kommen bei uns auch die Ortskirchen deutscher Sprache vor. Die Proteste der Frauen im Mai haben wir auch aufgegriffen.

"Macht Licht an", "Maria 2.0", synodaler Weg: Es liegen viele Themen auf dem Tisch.

Aus römischer Sicht kann ich Ihnen dazu sagen, dass die deutsche Ortskirche manchmal als problematisch gesehen wird. Da hört man Stimmen wie: "Das ist nicht mehr katholisch!" Dass die Bewegungen von Laien organisiert werden, stößt auf Unverständnis. Die Wahrnehmung ist: Das große Anderssein kommt absolut aus Deutschland.

Der Ruf nicht nur nach Leitungsämtern innerhalb der Kurie, sondern auch nach allen Weiheämtern für Frauen wird immer lauter. Wie schätzen Sie die Wirkung der Proteste ein?

Ich finde wichtig, dass die Ortskirchen die Spannungen neu austarieren, die bei ihnen auftauchen. Der Papst kennt die Herausforderungen und Schwierigkeiten in den Ortskirchen.

Und immerhin gibt es unter Franziskus so viele Frauen in hohen Positionen und so viele Frauen insgesamt wie nie zuvor im Vatikan."

In der Frauenfrage hat er keinen klaren Plan. Aber dennoch sagt er: Macht mal! Und das ist mehr, als jeder Papst vor ihm. Und immerhin gibt es unter Franziskus so viele Frauen in hohen Positionen und so viele Frauen insgesamt wie nie zuvor im Vatikan.

Es ist eine Kurienreform eingeleitet. Da erwarten wir uns ein breiteres, sichtbareres Miteinander von Laien und Geweihten. Und Sie wissen ja: Wo ein männlicher Laie ist, kann auch ein weiblicher Laie sein.

So weit gehen wir schon mal mit ...

Der Vatikan ist wahrscheinlich der einzige Staat auf der Welt, wo die alte Forderung der Frauenbewegung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit realisiert ist. Das hat mit dem Beamtenstaat zu tun. Der Papst zahlt Frauen und Männern gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Aber an die Spitze kommen Frauen nicht. Was ist die bislang höchste Position für eine Frau im Vatikan?

Es stimmt, Frauen können nicht überall hin aufsteigen. Das höchste Amt bisher ist das der Untersekretärin, es entspricht einer Staatssekretärin. Davon gibt es heute drei.

Zwei davon hat Franziskus eingestellt für die Behörde "Laien, Familie und Leben", die er neu geschaffen hat. Die dritte Untersekretärin ist in der Ordenskongregation beschäftigt - an diese Stelle hat Papst Johannes Paul II. im Jahr 2003 die erste Frau berufen.

Und es war ja auch schon damals höchste Zeit, wenn Sie bedenken, dass ungefähr drei Viertel aller Ordensleute auf der Welt Frauen sind.

Sie sind Gründungsmitglied des Vereins "Frauen im Vatikan". Warum braucht es einen solchen Verein?

Der Verein ist gegründet worden, damit sich die Frauen untereinander besser kennenlernen. Es sind viele Journalistinnen dabei, aber es können alle Frauen, die im Vatikan arbeiten, Mitglied sein, und auch die Pensionistinnen.

Ziel ist, ein Netz der Freundschaft und Solidarität zu sein. Wir sind heute fast 950 Frauen, die für den Papst arbeiten, das sind 21 Prozent. Wenn man nur den Heiligen Stuhl als Arbeitgeber betrachtet, zeigt das vielleicht, wie der Papst tickt. Dort ist die Frauenquote in den letzten fünf Jahren von 18 auf 23 Prozent gestiegen. Darunter eine Vielzahl von Frauen mit akademischem Abschluss.

Aus der Ferne ist es schwer, Papst Franziskus richtig zu interpretieren. Seinen Reformer-Bonus hat er durch teilweise irritierende Äußerungen bei vielen Beobachtern verspielt. Wie sehen Sie seine aktuelle Rolle?

Klar ist, als er sein Amt antrat, wurden ganz viele Hoffnungen an die Oberfläche gespült. Ich kann sehr gut verstehen, dass Leute sich heute fragen: Ja, was hat er denn überhaupt gemacht? Wir haben noch immer keine Kardinälinnen, keine Priesterinnen.

Es ist eine Weltkirche, es ist keine deutsche Nationalkirche."

Aber jeder, der mit der katholischen Kirche denkt, fühlt und handelt, weiß, dass es ja so nicht gehen kann. Es ist nicht die Kirche des Papstes, es ist die von Jesus Christus.

Es ist eine Weltkirche, es ist keine deutsche Nationalkirche. Es ist ein Vorangehen, das sehr viel Erleuchtung, Geduld, Gebet und zusammen Streiten braucht. Und es braucht das Innen und Außen, den richtigen Papst und die richtige Bewegung in den Ortskirchen. Und das ist sehr vielschichtig.

Katholisch ist es, Unterschiede zu sehen, zuzulassen, miteinander und mit der Unterstützung von oben, auf die wir ja zählen, nach vorn zu gehen. Das ist es, wozu uns der Papst auffordert. Er sieht die Führung in der katholischen Kirche nicht im Besetzen von Räumen, sondern im Anstoßen von Prozessen - das ist es, was er hier macht.

Ende 2018 schrieben Sie: "Von verschwörerischen Anti-Franziskus-Zirkeln weiß ich nichts. (...) Die meisten Vatikanleute teilen die Vision von Papst Franziskus". Ist das auch 2019 noch so?

Sie müssen bedenken, dass vor Franziskus 35 Jahre lang nur zwei Päpste regiert haben. Und natürlich löst Franziskus auch Ängste und Widerstände aus, weil er einen anderen Horizont von Weltkirche hat, weil er ein unbequemer Chef ist und ein unbequemer Pontifex.

Franziskus ist ein unbequemer Chef und ein unbequemer Pontifex."

Er scheut sich nicht, seine Leute zu kritisieren. Er lässt sich nichts vorschreiben. Meiner Wahrnehmung nach stehen die meisten Kurienchefs trotzdem mit großer Loyalität hinter Franziskus.

Und auch ich finde: Die große Linie stimmt. Ich schätze diesen Papst. Genau das versetzt mich in die Lage, ihn auch in Einzelpunkten kritisieren zu können. Die großen Widerstände sehe ich außerhalb des Vatikans, in bestimmten, sehr lauten Zirkeln und Plattformen, sozialen Netzwerken. Die sehe ich schon, aber die sind nicht hier.

Rund 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten bei Vatican News, dem mehrsprachigen Nachrichtenportal des Vatikans, das 2017 aus dem Auslandsdienst Radio Vatikan hervorging.

Für die deutschsprachige Sektion sind fünf Beschäftigte im Einsatz. Die Arbeit umfasst neben dem bisherigen Hörfunk und Textangebot eine multimediale Website. www.vaticannews.va mit den Schwerpunkten "Papst", "Vatikan", Kirche" und "Welt". 17.000 Abonnentinnen und Abonnenten erhalten den deutschsprachigen Newsletter.

Stand: 26.03.2019