Ein Hoch auf die Hauswirtschaft

Von wegen - nur kochen, waschen, putzen: Hinter dem Begriff "Hauswirtschaft" steckt viel mehr! "Frau und Mutter" lädt auf eine Reise durch die vergangenen Jahrzehnte ein: Wie haben sich Frauen zwischen Haus- und Erwerbsarbeit entwickelt? Was erleichtert ihnen die Arbeit und was macht sie ihnen vielleicht sogar schwerer?

Eine Zeitreise von Romina Carolin Stork

Hausfrauenjahre: Die 50er und 60er

Wer aus heutiger Sicht einen Haushalt der 50er-Jahre betrachtet, wird schnell feststellen: Viel Technik gab es damals nicht. Die Frau - denn deren Hauptaufgabe war es - erledigte das meiste in ihrer Haushaltsführung per Hand: Obst und Gemüse wurden häufig noch im eigenen Garten angebaut und mussten geerntet und sofort frisch zubereitet oder eingemacht werden, um sie länger haltbar zu machen.

Teig und Sahne für einen Kuchen wurden von Hand geschlagen, die Haushaltsausgaben fein säuberlich in einem Haushaltsbuch festgehalten, und mindestens einmal wöchentlich war großer Waschtag.

"Früher musste man einfach viele Dinge machen, weil es keine Alternative gab", erklärt Urte Paaßen, Vizepräsidentin des Deutschen Hauswirtschaftsrates und seit 14 Jahren Hauswirtschafterin von Beruf.

Nach und nach zogen immer mehr technische Geräte in die Haushalte ein und sorgten für Unterstützung. 1962/63 besaßen laut Statistischem Bundesamt rund 51,8 Prozent einen Kühlschrank oder eine Kühl-Gefrier-Kombination, 1978 waren es etwa 96 Prozent und 1998 gut 99 Prozent.

Eine Waschmaschine nannten 1962/63 rund 34 Prozent der Haushalte ihr Eigen, 1978 etwa 81 Prozent und 1998 gut 92 Prozent. Ab 1988 gibt es Zahlen zur Mikrowelle: Zu der Zeit hatten 12 Prozent der Haushalte eine, zehn Jahre später waren es gut 51 Prozent.

Mikrowellenjahre: Die 90er

Heutzutage sind diese Geräte selbstverständlich und aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Lebensmittel friert man im Gefrierfach ein, beim Backen hilft der Mixer, die Haushaltsausgaben werden digital per Smartphone-Anwendung gespeichert und für die Wäsche sind Waschmaschine und Trockner zuständig.

Ein Ende der technischen Entwicklung ist nicht in Sicht: Moderne Kühlschränke verraten ihren Besitzerinnen und Besitzern auf digitalem Wege von unterwegs aus, welche Produkte noch vorrätig sind, und der Saugroboter reinigt gewissenhaft und eigenständig alle Räume der Wohnung.

Die Küchenmaschine erklärt auch der ungeübtesten Köchin oder dem ungeübtesten Koch - heutzutage betätigen sich immer mehr Männer im Haushalt -, wann welche Zutat in welcher Menge dem Gericht hinzuzufügen ist - wenn überhaupt noch gekocht wird. Technischer Fortschritt veränderte nämlich auch die Lebensgewohnheiten.

Noch bis über die 70er-Jahre hinaus sorgte die Hausfrau täglich für ein frisches und warmes Mittagessen, weiß Urte Paaßen. Heute werden häufig Fertiggerichte erwärmt oder das Mittagessen in Kantinen, beim Imbiss oder in Kindergarten oder Schule eingenommen.

Dies hat allerdings zur Folge, dass viele Kenntnisse verloren gehen: "Wenn Sie nicht mehr kochen müssen, müssen Sie auch nicht mehr wissen, wie es geht", meint die 53-jährige Paaßen.

Auch die Lebenswelten der Frauen wurden mit der Zeit andere: Frauen sind immer häufiger erwerbstätig und müssen flexibel in Job und Privatleben reagieren.

Die ungeheure Vielfalt könne aber auch überfordern, urteilt die Hauswirtschafterin. Während es vor über 60 Jahren nur wenige Reinigungsmittel gab, stehen heute unzählige davon im Laden, einsetzbar von spezifisch bis universell und gemischt aus den verschiedensten Chemikalien - wer blickt denn da noch durch?

Und wer beispielsweise bügeln möchte oder muss - knitterfreie Stoffe ersparen dies ja häufig -, hat die Wahl zwischen Bügeleisen, Dampfbügeleisen, Dampfbügelstation oder Dampfbügelsystem. "Die Vielfalt erschlägt ein bisschen."

Besinnen auf das Wesentliche

Manche Menschen möchten sich davon befreien und besinnen sich auf das, was mal war: Beim "Urban Gardening" etwa bauen Menschen Gemüse auf Flächen in einer dicht bebauten Stadt an.

Und auch "Do it yourself"-Projekte (engl., zu Deutsch etwa "selber machen"), also Möbel selber bauen oder Kleidung nähen und stricken, liegen im Trend. Viele setzen sich mit gesunder Ernährung auseinander, kaufen regional und saisonal ein, achten auf die Haushaltsausgaben, vermeiden Abfall oder steigen auf Naturprodukte um.

Dies alles sind Kompetenzen aus der Hauswirtschaft - auch, wenn sich das Wort vielleicht altmodisch anhört: Hauswirtschafterinnen müssen beispielsweise fit in Lebensmittelkunde sein, wissen, wie Ernährung den Körper beeinflussen kann, die chemische Zusammensetzung von Haushaltsmitteln kennen und den Haushalt managen, zählt Urte Paaßen auf.

Dennoch gilt der Beruf Hauswirtschafterin nach ihren Erfahrungen nicht als Traumjob, die Zahl der Auszubildenden wird geringer. Das größte Problem: In einigen Sparten liege der Verdienst häufig nur knapp über dem Mindestlohn. Urte Paaßen bricht dennoch eine Lanze für ihre Arbeit: "Die Hauswirtschaft ist vielseitig, wichtig und macht Spaß. Ich möchte keinen anderen Job machen!"

Hauswirtschaft und Nachhaltigkeit

Mehr Anerkennung für hauswirtschaftliches Arbeiten - das ist auch ein erklärtes Ziel der kfd. "Mit der Hauswirtschaft und einem gut geführten Haushalt steht und fällt alles", ist Anni Rennock, Sprecherin des Ständigen Ausschusses "Hauswirtschaft und Verbraucherthemen" und Mitglied im kfd-Bundesvorstand, überzeugt.

Der Haushalt werde häufig als etwas wahrgenommen, das nebenbei erledigt werden könne. Dabei sind die Arbeiten vielfältig - und wer gut hauswirtschaftet, etwa auf Nachhaltigkeit und Qualität achtet, "trägt zur Bewahrung der Schöpfung und einer gesunden Umwelt bei", erklärt Rennock.

Sie fordert: Um den Wert und die Bedeutung der Hauswirtschaft kennenzulernen, sollten schon junge Menschen mit diesen Themen in Kontakt kommen.

Unter dem Motto "Hauswirtschaft: Kreativ und innovativ für eine nachhaltige Entwicklung" legt auch der Welthauswirtschaftstag am 21. März den Fokus auf das Thema. 

Hauswirtschaftskongress:
Am 23. und 24. September 2019 findet in Berlin der 1. Hauswirtschaftskongress statt. Die kfd ist Kooperationspartnerin und verantwortet den Workshop "Zukunft sichern durch nach­haltige Lebens­stile". Programm und Anmeldung

Stand: 20.03.2019