Welche Arbeit ist mehr wert?

"Erzieherinnen und Krankenschwestern sollten das Gleiche verdienen wie Juristen oder Ingenieure", sagt Soziologin Sarah Lillemeier. Die Wissenschaftlerin hat Erwerbsarbeit in Deutschland neu bewertet und erklärt im Gespräch mit "Frau und Mutter",  warum Frauen immer noch schlechter bezahlt werden als Männer - und wie sich das ändern lässt.

Frau und Mutter: Was sind Gründe dafür, dass Frauen in Deutschland heute immer noch weniger verdienen als Männer?

Sarah Lillemeier: Zugrunde liegt ein ganzes Ursachenbündel: Zunächst mal gibt es noch Qualifikationsunterschiede, die sich aber höchstwahrscheinlich "rauswachsen" werden. Die jungen Frauen von heute sind meistens besser qualifiziert als die jungen Männer.

Aber: Frauen sind in den gut bezahlten Führungspositionen immer noch wenig vertreten, sie arbeiten häufig in Teilzeit und sie unterbrechen ihr Erwerbsleben öfter als Männer, um Kinder oder Angehörige zu betreuen. Außerdem arbeiten Frauen in anderen Berufen als Männer, und genau diese Berufe sind in der Regel schlechter bezahlt.

In "Frauenberufen" verdient man also per se weniger?

Ja, im Durchschnitt sind die Verdienste in Berufen mit einem Frauenanteil von über 70 Prozent geringer. Die beruflichen Anforderungen und Belastungen in diesen Berufen sind aber häufig vergleichbar mit dem Anforderungsniveau in den besser bezahlten "Männerberufen".

Weibliche Arbeit wird schlechter bezahlt, weil sie von Frauen gemacht wird."

In unserem Forschungsprojekt kommen wir zu dem Ergebnis, dass die Arbeit von Frauen per se geringer bewertet wird. Besonders die Sorgeberufe, also Erzieherinnen, Grundschullehrerinnen, Alten- oder Krankenpflegerinnen sind davon betroffen. Und das sind wiederum genau die Berufe, in denen der Fachkräftemangel ohnehin groß ist - auf die wir aber in unserer immer älter werdenden Gesellschaft immer stärker angewiesen sind.

Man hört dann gerne das Argument: Dann sucht euch doch andere Berufe aus. Wie kommt es, dass so viele Frauen in genau den schlecht bezahlten Jobs landen?

Dahinter steht die Frage: Wählen Frauen die schlechter bezahlten Berufe oder werden gerade die Berufe schlechter bezahlt, die in der Regel Frauen ausüben?

Historisch zeigt sich, dass das Verdienstniveau in einem Beruf sinkt, je mehr Frauen in diesem Beruf arbeiten - das hat man in Bereichen wie Verkauf oder Sekretariat gesehen. Dagegen werden Berufsfelder oft aufgewertet, sobald sie für Männer attraktiv werden. Heißt: Weibliche Arbeit wird schlechter bezahlt, weil sie von Frauen gemacht wird.

Was muss sich ändern, um diese Mechanismen zu durchbrechen und Frauen besser zu bezahlen?

Dazu muss man die Arbeitsbewertung grundsätzlich in Frage stellen. Also: Was ist eine bestimmte Tätigkeit denn wert? Welche Anforderungen und Belastungen gehen mit der Tätigkeit einher und wie werden diese bewertet und bezahlt?

Mit einem Team von Wissenschaftlerinnen haben wir dazu an der Universität Duisburg-Essen den so genannten Comparable Worth-Index ("vergleichbarerer Wert") entwickelt, mit dem gleichwertige berufliche Anforderungen und Belastungen von Frauen und Männern in verschiedensten Berufen geschlechtsneutral identifiziert werden können.

Neben "Wissen und Können", "Verantwortung" und "physischen Anforderungen" spielen für die Bewertung der Arbeit auch "psycho-soziale Anforderungen" eine Rolle. Und genau diese Belastungen werden gerade in den Sorgeberufen bisher nicht gesehen, nicht gewertet und nicht bezahlt.

Laut dem Index müssten Elektrotechnik-Ingenieurinnen, Juristinnen, ausgebildete Erzieherinnen und Hilfskräfte in der Pflege das gleiche Gehalt bekommen.

Ja. Bisher ist es so: Während die weiblich dominierten Sorgetätigkeiten am unteren Verdienstende liegen, führt die männlich dominierte Berufsgruppe der Ingenieure die Verdiensttabelle an.

Obwohl die Arbeitsanforderungen und -belastungen in diesen Berufen laut dem Index gleichwertig sind, gehen die Verdienstniveaus ganz deutlich auseinander. Die durchschnittlichen Stundenverdienste der Fachkräfte in Bildung und Erziehung liegen gut zwölf Euro unter den Stundenverdiensten der Ingenieur-Gruppe.

Wie könnte man das ändern?

Unsere Arbeitsbewertungen heute sind stellenweise sehr alt und historisch gewachsen. Man müsste sich alle Jobs neu ansehen und neu bewerten mit einem geschlechtsneutralen Arbeitsbewertungsverfahren.

Was verstehen wir unter Leistung? Geht es nur um Produktivität - oder eben doch um mehr? Insbesondere auch die Sorgeberufe würden davon profitieren, wenn die psycho-sozialen Anforderungen und Belastungen in diesen Bereichen berücksichtigt würden.

Was man täglich leistet und meistert - das sollte sich im Gehalt wiederspiegeln. Und um gleichwertige Arbeit gleich zu bezahlen, müssen sich insbesondere die Arbeitgeber bewegen und ihre Arbeitsbewertungen prüfen, sonst wird die Lohnlücke nicht verschwinden. Frauen sind in gesellschaftlich hoch relevanten Bereichen beschäftigt, es ist keine Lösung, wenn sie sich aus den Sorgeberufen zurückziehen.

Das Interview führte Isabelle De Bortoli

Fakten rund um den Equal Pay Day

Die vom Statistischen Bundesamt errechneten Bruttostundenlöhne der Frauen betrugen im Jahr 2017 16,59 Euro, während Männer auf 21 Euro kamen.  Damit liegt der geschlechtsspezifische Lohnunterschied ("Gender Pay Gap") in Deutschland bei 21 Prozent.

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Der Equal Pay Day markiert symbolisch die geschlechtsspezifische Lohnlücke. Umgerechnet ergeben sich daraus 77 Tage, die Frauen 2019 umsonst arbeiten: Das Datum des diesjährigen Equal Pay Day ist der 18. März.

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Der Frauenanteil in Vorständen, vor allem der größten deutschen Aktienkonzerne, wächst. Mehr als drei Viertel der Dax-Konzerne haben mindestens eine Vorständin, das ergab eine Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft "Ernst & Young".

Aber: Das macht gerade mal 15 Prozent weibliche Vorstandmitglieder - und nur vier der 160 untersuchten Konzerne werden von einer Vorstandschefin geleitet.

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In Deutschland ist der Unterschied im Verdienst von Frauen und Männern, verglichen mit anderen EU-Staaten, besonders hoch. Frauen verdienten pro Stunde im Durchschnitt 21,5 Prozent weniger als Männer, so die EU-Kommission.

In der EU war der Unterschied 2016 nur in der Tschechischen Republik und in Estland größer. Im Durchschnitt lag der geschlechtsspezifische Lohnunterschied ("Gender Pay Gap") in EU-Mitgliedstaaten bei 16,2 Prozent. Am geringsten sind die Unterschiede in Rumänien, Italien und Luxemburg.

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Bei genau einem Viertel der Paare lag das Einkommen der Frau 2017 auf dem Niveau des Mannes oder darüber. Das zeigen Daten des Statistischen Bundesamts. Bei jedem siebten Paar verdient die Frau mehr als der Mann.

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Auch der kfd-Bundesverband und viele kfd-Gruppen engagieren sich zum Thema. Materialien und Beispiele für Aktionen zum EPD gibt es unter www.kfd.de/equal-pay-day.

Zudem können die Materialien bei Helga Schnorbus im kfd-Shop bestellt werden: shopat-Zeichenkfd.de, Telefon: 0211 44992-86, Fax: 0211 44992-52

Stand: 25.02.2019