Es gibt einen Weg aus der Gewalt

Frauenhäuser in Deutschland

Etwa jede vierte Frau in Deutschland wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner, so das Bundesfrauenministerium. Betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten und Altersgruppen. In Frauenhäusern wird den Opfern geholfen, einen Weg aus der Gewalt zu finden.

Von Isabelle De Bortoli

Frau und Mutter: Frau Herold, vor allem während des Lockdowns war die Befürchtung groß, dass Frauen häuslicher Gewalt nicht entkommen können, sich niemandem anvertrauen können. Was sind Ihre Erfahrungen?

Heike Herold: Das bundesweite Hilfetelefon verzeichnete einen starken Anstieg in der Nachfrage. Bei den Frauenhäusern besteht vor allem das Problem, dass wir sie ja derzeit wegen der Hygienemaßnahmen nicht voll belegen dürfen. Das heißt, es gibt noch weniger Plätze als ohnehin schon. 

Bereits vor Corona hatten wir die Situation, dass Frauen abgewiesen werden mussten, dass es zu wenig Plätze und zu wenig Personal gab.

Die Pandemie hat außerdem gezeigt, dass auch die technische Ausstattung in den Häusern verbessert werden muss, um beispielsweise Video-Anrufe zu ermöglichen und so auch den Mitarbeiterinnen das Arbeiten zu erleichtern.

Die Träger von Frauenhäusern und Fachberatungsstellen haben keine verlässliche Finanzierungsgrundlage und stehen vor erheblichen Finanzierungslücken. Mittel von Ländern und Kommunen sind in der Regel freiwillige Leistungen, die abhängig von Haushaltslagen gezahlt und jederzeit gekürzt werden können.

Keine verlässliche Finanzierungsgrundlage."

Wer findet im Frauenhaus Zuflucht?

Ein Frauenhaus ist ein Ort, an dem von Gewalt betroffene und akut bedrohte Frauen eine Unterkunft bekommen. Egal wie alt sie sind, egal aus welcher sozialen Schicht sie stammen.

Es gibt Frauen, die stehen mitten in der Nacht vor der Tür, mit den Kindern im Schlafanzug, ohne Pässe oder Kleidung. Der größte Teil kommt aber gut vorbereitet, mit einem Koffer, den Schulsachen der Kinder, mit wichtigen Unterlagen und Dokumenten. Viele haben von der Polizei oder dem Jugendamt oder auch von anderen Frauen vom Frauenhaus gehört.

Wie geht es dann weiter?

Die Frauen bekommen ein Zimmer mit bezogenen Betten, haben gemeinsam Badezimmer und Küche. Für die ersten Tage gibt es Lebensmittel im Kühlschrank, aus der Kleiderkammer kann man sich fehlende Dinge besorgen.

Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses, in der Regel Sozialpädagoginnen, helfen, die allernötigsten Dinge zu regeln: beispielsweise den Antrag auf Hartz IV stellen, das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht der Kinder beantragen, Schule und Kindergarten wechseln. Auch medizinische Untersuchungen sind oft nötig. Ansonsten versorgen sich die Frauen im Haus selbst.

Wie lang bleiben die Frauen im Frauenhaus?

Im Schnitt 14 Tage bis drei Monate. Grundsätzlich ist die Verweildauer aber sehr unterschiedlich, jede Frau entscheidet selbst, wann sie soweit ist zu gehen.

Die Frauen bauen sich mithilfe der Mitarbeiterinnen idealerweise eine gewaltfreie Perspektive aus dem Frauenhaus heraus auf. Sie suchen sich eine eigene Wohnung, nehmen ein eigenständiges Leben auf, gehen gestärkt aus dem Frauenhaus heraus und nehmen sehr oft aus dieser Zeit auch wichtige Freundschaften mit.

60 Prozent der Frauen gehen nochmal zurück in die Beziehung."

Man muss allerdings auch sagen, dass etwa 60 Prozent der Frauen nochmal in die Beziehung zurückgehen. In vielen Fällen bleibt das nicht gewaltfrei, denn nur selten sind die Männer bereit oder in der Lage, ihr Verhalten zu ändern. Auch wenn der Weg raus aus der Beziehung ins Frauenhaus natürlich ein wichtiges Signal an den Mann ist.

Was würden Sie sich von der Politik für die Zukunft der Frauenhäuser in Deutschland wünschen?

Wir haben beispielsweise keine Psychologinnen im Haus - deshalb wäre es toll, wenn in Zukunft das Budget dafür da wäre, den Frauen eine psychologische Fachkraft an die Seite zu stellen - schließlich sind viele von ihnen schwer traumatisiert.

Das können zwei oder drei Sozialpädagoginnen, die 12 bis 13 Frauen betreuen, mit ihnen zu Ämtern gehen, den Alltag im Frauenhaus organisieren, Kontakt zu den Behörden halten, auf die Kinder und deren psychische Belastungen schauen, gar nicht auffangen, selbst wenn sie oft eine Weiterbildung zur Traumazentrierten Fachberaterin haben. Ideal wären auch Erzieherinnen in allen Frauenhäusern, die die Kinder betreuen.

Viele Frauen sind schwer traumatisiert."

Und nicht zuletzt muss es eine verbindliche rechtliche Grundlage für die Finanzierung von Frauenhäusern geben: In vielen Kommunen wird der Aufenthalt im Frauenhaus über Leistungsansprüche der Frauen nach dem Sozialgesetzbuch finanziert.

Doch diese Form der Finanzierung ist problematisch, weil sie Gruppen von Frauen ausschließt oder die Hilfen beschränkt. Das betrifft zum Beispiel EU-Bürgerinnen, Studentinnen, Auszubildende und Asylbewerberinnen. Stattdessen bräuchte es eine bundesgesetzliche Regelung, einen festen Topf, aus dem Gelder fließen.

Bekommt das Thema "Gewalt an Frauen" in Deutschland genügend Raum?

Das Thema wurde in den vergangenen Monaten regelrecht an die Oberfläche gespült. Bis dahin wurde Gewalt in der Partnerschaft häufig hingenommen. Nun aber ist das Thema präsent, viele Akteure in der Sozialgesellschaft machen lautstark darauf aufmerksam. Dabei helfen natürlich auch Prominente in den Sozialen Medien.

Notrufnummer 

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist rund um die Uhr unter der kostenlosen Rufnummer 08000 116 016 erreichbar.


Frauen berichten

Flucht mit den Kindern

Ich musste mit meinen Kindern vor meinem Partner flüchten. Zuerst wussten wir gar nicht, wo wir hin sollten, ich wollte die Kinder ja auch nicht einfach von heute auf morgen aus dem Kindergarten und aus der Schule rausreißen.

Aber täglich bedroht zu werden und meinen Kindern die Szenen zu Hause zuzumuten, nein, das ging so auch nicht mehr. Wir fühlten uns einfach auf Schritt und Tritt verfolgt und hatten irgendwie keine ruhige Minute mehr. Ich hatte wahnsinnige Angst und war total verunsichert. Was wird mein Mann wohl als Nächstes tun? Ob er versucht, mir die Kinder wegzunehmen?

Es hat mich Kraft gekostet, die Entscheidung zu treffen."

Die Nummer vom Frauenhaus hat mir dann die Polizei gegeben, aber es hat mich Kraft gekostet, die Entscheidung zu treffen. Es war ja alles neu und unbekannt und es ist auch so schwer, den Kindern zu erklären, was passiert und wo wir hingehen. Man fühlt sich ziemlich allein.

Im Frauenhaus waren dann auch andere Frauen mit Kindern, und das war eine große Entlastung. Wir konnten uns mit der Kinderbetreuung mal abwechseln und uns austauschen. Da hab' ich dann festgestellt, dass viele Probleme auch bei anderen Frauen vorkommen und alle sich ähnliche Gedanken machen. Die Kinder konnten wenigstens zusammen spielen und hatten auch echt Spaß. Das hat mich gefreut.

Es war ziemlich viel zu erledigen, ich hatte viel Rennereien wegen Kindergartenplätzen und Schule, wir sind ja mitten im Schuljahr geflüchtet. Und natürlich mussten wir auch gucken, wie geht es jetzt weiter, mit Geld und Wohnung.

Das Weggehen war der wichtigste Schritt."

Die Mitarbeiterin im Frauenhaus hat mir erst mal geholfen, wieder Struktur in meinen Alltag zu bekommen, und sie hat mir Mut gemacht. Der ganze Berg an Aufgaben wurde dadurch kleiner und auf einmal hatte ich das Gefühl, dass ich viel regeln kann.

Inzwischen haben wir das Frauenhaus wieder verlassen und eine Wohnung gefunden. Manchmal hab' ich noch Angst, dass mein Mann uns vielleicht doch findet, und frage mich, ob ich das allein schaffe, so mit den Kindern. Eigentlich bräuchte ich auch mal Zeit für mich allein ...

Aber ich hab' gemerkt, dass das Weggehen der wichtigste Schritt war. Ich weiß jetzt, dass ich nicht alles ertragen muss und mir Hilfe suchen kann.

(Bericht von Frau A.)


Kein Gefühl von Sicherheit mehr

Ich wurde lange von einem Mann - der sich einbildete, mein Partner zu sein - verfolgt, bedroht, kontrolliert, am Telefon terrorisiert und vieles mehr, sogar meine Freundschaften sind durch ihn zerbrochen.

Zu meinem Glück konnte ich erst mal im Frauenhaus Schutz und Hilfe und Verständnis finden. Hier war ich sicher und konnte über mein Erlebtes, meine Ängste und Unsicherheiten reden, wurde ernst genommen und bekam konkrete Hilfe und Beratung. Irgendwann wollte ich wieder in meiner Wohnung leben und ging zurück. Die Ruhe währte nicht lange ...

Dieser Mann verschaffte sich mit Gewalt Zutritt zu meiner Wohnung, würgte mich, er schloss mich ins Bad ein und drohte, sich und mich umzubringen. Irgendwie konnte ich mich befreien und flüchtete wieder ins Frauenhaus.

Ich hätte viel eher ins Frauenhaus gehen sollen, aber ich dachte, ich schaffe es alleine."

Später fand ich eine kleine Wohnung, sicherte mich mit Auskunftssperre, Postfachnummer, anderem Namen am Klingenschild ab und bekam weiter unterstützende Beratung durch die Mitarbeiterin des Frauenhauses, aber ich fühlte mich trotzdem nicht mehr sicher in dieser Stadt.

Ich zog weg, fand Arbeit und lebe jetzt sicher, arbeite meine Vergangenheit auf. Das ist nicht so leicht, aber für mich wichtig. Ich bin am Leben und fühle mich wieder normal. Ich hätte schon viel eher ins Frauenhaus gehen sollen, dann wäre mir vielleicht viel erspart geblieben ... aber ich dachte, ich schaffe es allein!

(Bericht von Frau Z.)


Wieder eine Zukunft gesehen

Ich konnte nicht mehr, ich war am Ende und wusste nicht mehr weiter ... die Schläge und Demütigungen und Beleidigungen durch meinen Mann wurden immer schlimmer. Früher war er nicht so, ich denke, dass es mit dem Alkohol zusammenhing, den er in sich reinschüttete, ja, er wurde unberechenbar. Jetzt weiß ich es.

Irgendwann hatte ich einen Flyer vom Frauenhaus in der Hand und habe dort angerufen, konnte zum Glück gleich dorthin gehen. Ich hatte nach langer Zeit erst mal Ruhe, konnte ohne Angst schlafen gehen, konnte ohne Angst den Tag überstehen. 

Mit den anderen Frauen im Haus kam ich gut aus. Wir haben zusammen ferngesehen, gekocht und gespielt, ja, wir hatten Spaß. Für kurze Zeit konnte ich vergessen, warum ich hier war.

Ich habe wieder eine Zukunft für mich gesehen."

Natürlich gab es viel zu regeln, wie und wo bekomme ich Geld für meinen Lebensunterhalt, Anträge ausfüllen, mit der Anwältin klären, welche Rechte ich bei einer Trennung habe, was mit der gemeinsamen Wohnung wird, das alles. Die Mitarbeiterin im Frauenhaus hat alles mit mir besprochen, mich unterstützt und mir Hoffnung gemacht, also ich hab' auch wieder eine Zukunft für mich gesehen.

Inzwischen lebe ich allein. Es geht mir nicht blendend, aber gut. Ich habe was für mich geschafft und das macht mich stolz. Natürlich denke ich oft an meinen Mann, die 19-jährige Ehe und was eigentlich so schiefgelaufen ist in unserer Beziehung, wann das angefangen hat mit dem Alkohol und mit den Schlägen, und warum ich das so lange ertragen habe. Nein, zurück will ich nicht, ich könnte es nicht mehr ertragen.

(Bericht von Frau C.)

Quelle: Frauen für Frauen e.V. Leipzig, www.fff-leipzig.de

Schutz für Frauen

  • Am 25. November wird der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen begangen. Hintergrund ist die Geschichte der Schwestern Mirabal. Die drei starken Frauen hatten sich in der Dominikanischen Republik gegen die Diktatur unter Rafael Trujillo zur Wehr gesetzt. Nach monatelanger Folter wurden sie am 25. November 1960 getötet. Seit 1981 wird am Todestag der Frauen weltweit auf Gewalt gegen Frauen und Ungerechtigkeiten aufmerksam gemacht. 1999 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution, die den Tag offiziell zum "Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen" machte.
  • 1976 wurde das erste "Haus für geschlagene Frauen" in Deutschland gegründet. Heute gibt es rund 350 Frauenhäuser im Land.
  • Um Frauen besser vor Gewalt zu schützen, will der Bund in den Jahren 2020 bis 2023 insgesamt 120 Millionen Euro investieren. Das Programm "Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen" soll mit jährlich 30 Millionen Euro den Aus-, Um- und Neubau sowie die Sanierung von Frauenhäusern und Fachberatungsstellen fördern.
  • Bereits vor acht Jahren beschloss der Europarat die sogenannte Istanbul Konvention. Seit Februar 2018 ist sie geltendes Recht in Deutschland. Danach soll es pro 10.000 Einwohner (also Männer, Frauen und Kinder) einen sogenannten Family Place geben. Das heißt: In Deutschland müssten 21.400 Betten in Frauenhäusern bereitstehen. Tatsächlich sind es aber nur 6.800.
  • Die Frauenhauskoordinierung FHK unterstützt Frauenhäuser und Fachberatungsstellen durch Informationen, Austausch und Vernetzung. Der Verein arbeitet eng mit Expertinnen und Experten aus Praxis, Politik, Verwaltung und Wissenschaft zusammen. Mitglieder sind der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt, der Deutsche Caritasverband, der Paritätische Gesamtverband, die Diakonie Deutschland und der Sozialdienst katholischer Frauen Gesamtverein sowie weitere Träger von Frauenhäusern und Fachberatungsstellen.
  • Gottesdienst-Vorschläge und weitere Infos zum Thema unter www.kfd.de/themen/gewalt 
Stand: 26.10.2020