"Ich bin immer noch Annika"

Ein Besuch bei Deutschlands jüngster Nonne

Aus Annika Zöll wurde im August 2020 Schwester Jakoba. Die 24-Jährige aus dem sauerländischen Olpe hat sich entschieden, Franziskanerin zu werden. "Frau und Mutter" gibt sie einen Einblick in das Klosterleben, in die Gedanken, die hinter ihrem Entschluss standen und was an ihrem Gottesbild kratzt.

Von Isabelle De Bortoli

Frau und Mutter: Schwester Jakoba, im August haben Sie den weißen Schleier der Novizin angelegt und leben seitdem bei den Franziskanerinnen in Olpe. Wie haben Sie die ersten Monate erlebt?

Sr. Jakoba: Dieses erste Jahr ist ein besonderes, das so genannte kanonische Jahr. Es bedeutet bei uns, dass man nicht in seinem eigentlichen Beruf arbeitet, sondern sich zunächst einmal ganz auf das Leben im Konvent konzentriert. Und so befinde ich mich nun in einer Art "Praktikum": Ich habe einige Wochen in der Küche des Mutterhauses gearbeitet und unter anderem Pflaumenmus eingekocht - das war auch neu für mich.

Unser Mutter-Kind-Haus für sehr junge Mütter zwischen 13 und 18 Jahren ist eine weitere Station. Am Nachmittag bleibt freie Zeit für Gebete und Gespräche. Ich gehe beispielsweise mit einer unserer Schwestern, die dement ist, spazieren. Nach dem kanonischen Jahr werde ich wieder als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Bonn arbeiten - wenn dann auch im Habit samt weißem Schleier.

Das heißt, in Jeans und Pullover sieht man sie nicht mehr?

Nein. Im Urlaub wäre das durchaus möglich, zum Beispiel bei einer Zugfahrt, dann wird man natürlich auch nicht die ganze Zeit angestarrt. Denn das ist etwas, an das ich mich erstmal gewöhnen muss: Wenn ich in Olpe auf die Straße gehe, falle ich im Habit sofort auf, werde angeschaut - meist interessiert, manchmal auch entsetzt - und auch angesprochen.

Das ist für die Menschen hier eine große Sache, viele haben meine Einkleidung sogar auf YouTube verfolgt, da hatten wir einen Live-Stream bereitgestellt.

Sie haben nicht nur Ihre Kleidung verändert, sondern auch ihren Namen: aus Annika wurde Jakoba. Wo ist Annika jetzt - und wie reden Ihre Eltern Sie an?

Ich bin immer noch Annika. Ich habe ja keinen Identitätswechsel vorgenommen, ich bin immer noch die Tochter meiner Eltern, aber der Namenswechsel sollte - ebenso wie das Tragen des Habits - zeigen: Es beginnt etwas Neues. Ich habe eine andere Rolle, und in dieser trage ich auch einen anderen Namen.

Meine Eltern sagen seit der Einkleidung "Jakoba" - und auch meine engsten Freunde üben fleißig. Allerdings habe ich meine Freunde sowie meine Familie seit der Einkleidung nicht mehr gesehen. Es gehört zum kanonischen Jahr, dass man bewusst seine Kontakte einschränkt und seine neue Familie, also die Gemeinschaft der Schwestern, kennenlernt.

Bei uns ist es alltäglich, dass eine Frau die Bibel auslegt. Dafür braucht es keinen Mann."

Das spirituelle Leben steht im Vordergrund und es geht darum, dass ich hier im Konvent nicht nur esse, schlafe und bete, sondern auch Herausforderungen in der Gemeinschaft löse.

Bedeutet das, Sie werden auch Weihnachten mit Ihrer neuen Familie feiern?

Genau, das habe ich aber schon im vergangenen Jahr im Rahmen des Postulats – einer Art Probezeit – gemacht. Und es war eine sehr schöne Erfahrung:

Hier feiere ich mit Menschen, die genau das in den Mittelpunkt stellen, was auch mir an Weihnachten wichtig ist: die Liturgie, die Botschaft – und nicht das Essen oder die Geschenke. Natürlich fehlen die Rituale von zu Hause, aber an ihre Stelle tritt ein Besinnen, ein bewusstes Erleben dieser besonderen Zeit.

Mit 24 Jahren sind Sie mit großem Abstand die Jüngste unter den Franziskanerinnen in Olpe. Wie gut können Sie sich mit Ihren Mitschwestern austauschen?

Im Konvent in Olpe lebe ich mit drei anderen Schwestern, im Mutterhaus hier leben 20 Schwestern und ja, es gibt natürlich einen gewaltigen Altersunterschied. Wir sind 80 Schwestern in Deutschland, von denen sind 10 unter 70. Die jüngste Mitschwester ist um die 40 Jahre alt. Ich bin gerne mit älteren Menschen zusammen – sonst wäre ich am falschen Ort.

Ja, so möchte ich leben, wie diese Frauen, mit diesen Frauen."

Dieses Zusammenleben ist eine Herausforderung, aber es ist auch sehr bereichernd und ich erfahre viel von der Lebensweisheit meiner Mitschwestern. Und sie wiederum beschäftigen sich mit Themen, die mich gerade umtreiben. Weil sie eben auch Lust auf Neues haben. Es sind ja gerade diese Schwestern, diese Gemeinschaft hier in Olpe, die in mir den Entschluss geweckt haben: Ja, so möchte ich leben, wie diese Frauen, mit diesen Frauen.

Welche wichtigen Punkte gab es noch, die sie schließlich dazu bewogen haben, ins Noviziat zu gehen?

Ich kenne diese Schwestern hier, seit ich auf der Welt bin. Ich war bei ihnen im Kindergarten und habe den Kontakt gehalten. Mir gefiel diese Art zu leben schon immer. Als wir Franziskanerinnen in den USA besuchten, wurde mir klar: Es gibt noch junge Frauen, die diesen Weg einschlagen.

In der katholischen Kirche läuft meiner Meinung nach so vieles falsch, das kratzt an meinem Gottesbild."

Ich wollte dem Glauben einen großen Raum in meinem Leben geben, auf eine Art und Weise, in der ich es in einer Beziehung, einer Ehe, einer Familie nicht gekonnt hätte. Die biblische Botschaft ist mir so wichtig, dass ich sie so in den Mittelpunkt meines Lebens stellen möchte.

Bei Ihrer Einkleidung haben Sie gesagt, dass Sie immer auch mit Gott kämpfen. Wie haben Sie das gemeint?

Es gab keine Zeit, in der ich nicht geglaubt habe. Aber: In der katholischen Kirche läuft meiner Meinung nach so vieles falsch, das kratzt auch an meinem Gottesbild, zum Beispiel der Umgang mit Homosexualität, die Missbrauchsfälle, der Umgang mit Frauen.

Ich hoffe, dass die katholische Kirche in eine Diskurs-Stimmung kommt, in der andere Meinungen ernsthaft gehört werden."

Mit diesen Dingen ringe ich natürlich und frage mich, was Gott sich wünscht für die Menschen und für mich. Ich hoffe, dass die katholische Kirche in eine Diskurs-Stimmung kommt, in der andere Meinungen ernsthaft gehört werden. 

Ich habe in meinem Theologie-Studium viele junge Menschen kennengelernt, die sich an Kirche abarbeiten, die sie verändern möchten, die anders denken. Ihnen ist Kirche noch wichtig, sie haben eine große Kreativität und Lust, die Botschaft Jesu zu vermitteln.

In Ihrer Ordensgemeinschaft erleben Sie ja einen stärker weiblich geprägten Glauben als viele andere Christ*innen.

Absolut. Bei uns ist es natürlich alltäglich, dass eine Frau die Bibel auslegt. Dafür braucht es keinen Mann.

Bei Ihrer Einkleidung konnte man die große Freude ihrer Mitschwestern darüber spüren, dass es nach 27 Jahren in Olpe endlich wieder eine Novizin der Franziskanerinnen gibt. Das Klosterleben ist für junge Menschen kein Thema mehr. Wie wird es für Sie weitergehen?

Es war für meine Mitschwestern eine große Freude und Anerkennung, dass ihre Art zu leben von einer jungen Frau als wertvoll und ansprechend empfunden wird. Frühestens nach acht bis zehn Jahren kann ich mein ewiges Gelübde ablegen.

Mir ist klar, dass ich in 20 Jahren ganz anders leben werde als heute. Wie, das wird sich ergeben. Es bleibt, dass wir in unseren Provinzen in den USA und auf den Philippinen viele junge Schwestern haben, zu denen ich guten Kontakt habe. Und auch in Deutschland gibt es in anderen Gemeinschaften immer wieder junge Frauen und Männer, die, genau wie ich, den Schritt ins Ordensleben gehen.

Nachschauen auf YouTube

Aufnahme ins Noviziat von Annika Zöll in der Mutterhauskirche, Olpe am 11. August 2020

Stand: 26.10.2020