Gute Reise

Entdeckerfreude und Nachhaltigkeit in Einklang bringen

Von Stephanie Meyer-Steidl

Das ist schon eine feine Sache mit dem Fliegen. Im Nu hat man sein Ziel erreicht, Staus und Verspätungen halten sich in Grenzen, das Ticket kostet oft weniger als eine Bahnfahrkarte. Und am Beginn einer Reise gibt es nicht Aufregenderes, als in diese Metallröhre zu steigen und scheinbar schwerelos abzuheben. Über den Wolken ... Ich mag das alles sehr. Und habe mir vorgenommen, es nie wieder zu tun. Im vergangenen Jahr, beim Sommerurlaub auf Kreta, habe ich mich entschieden, nicht mehr zu fliegen.

Das kam so: Am letzten Urlaubstag holte uns frühmorgens der Bus am Hotel ab, um uns zum Flughafen zu bringen. Zwei Stunden später, beim Abbiegen von der Schnellstraße, sehe ich die Autokolonne, die sich in Richtung Terminal bewegt. Unser Fahrer ergattert eine der letzten Parkbuchten. Im Minutentakt rollen die Busse vor, jeder spuckt 50, 60 Reisende aus.

Die Schlange vor dem Abflugschalter hat drinnen keinen Platz mehr und windet sich aus dem Gebäude heraus. Wir stellen uns dazu, zusammen mit Hunderten anderen, warten auf die Abfertigung. Eine Frau verschwindet und kommt kurz darauf zurück - die Toiletten sind verstopft.

Am Check-in-Schalter versuchen stoische Griechen, den Ansturm zu bewältigen. Durcheinander auch im Gate-Bereich, alle Sitzplätze sind belegt, mit der Lautsprecheranlage für die Durchsagen stimmt etwas nicht. Vorsichtshalber lässt sich keiner der Service-Mitarbeiter blicken.

Auf dem Rollfeld steht ein Flugzeug neben dem anderen, bereit, die Massen aufzunehmen und im Viertelstunden-Takt abzutransportieren. Später, im Flugzeug, wird der Pilot sagen, dass es hier immer so chaotisch sei. Und dabei tief durchatmen.

Während des Wartens recherchiere ich im Internet und finde ein Interview mit dem kretischen Hotellerie-Experten Dimitris Sgouromalli. Der Flughafen Heraklion platze aus allen Nähten. Er könne den Ansturm von mehr als vier Millionen Besuchern pro Jahr nicht mehr bewältigen. Das sei "das Vierfache seiner Kapazitäten", sagt Sgouromalli. Kreta müsse daher einen neuen Großflughafen bekommen. Wahnsinn.

Wenn ich ehrlich bin, war es nicht nur das Chaos am Abreisetag, das mich umdenken ließ. Es war auch der Plastikmüll im Straßengraben und die mindestens tausend Liter Wasser, die ich während des Urlaubs verbraucht habe. Es waren die Hotelburgen, die die Küste verschandelten, und die genervten und überforderten Einheimischen.

Es waren die Nester der Karettschildkröten an den Stränden, die freiwillige Helfer vor den Tritten und Sonnenschirmen der Urlauber zu schützen versuchten. Es war der Fettfilm der Sonnenmilch auf dem Meer, der Souvenir-Schrott "Made in China" und die absurd große Auswahl am Büffet.

Was machen wir da eigentlich, wir Touristen? Warum verbrauchen wir so viele Ressourcen, produzieren so viel Abfall, blasen so viele klimaschädliche Gase in die Luft? Möglicherweise ist die Antwort ganz einfach: Weil wir es können.

Wir haben Zeit und Geld, und selbst für das kleinste Budget hat die Branche Attraktives zu bieten. Auf einem Last-Minute-Reiseportal sind sieben Tage Thailand in einem Mittelklassehotel für 530 Euro pro Person zu haben. Und da das Flugzeug sowieso fliegt und das Hotel eh gebaut ist, kann man ja mal hinfahren.

Ich kenne eine 25-Jährige, die dank dieser Portale schon in Neuseeland und Costa Rica war und am Wochenende mal eben nach Stockholm jettet. Das Problem ist nur: Wir, die Reisenden, die sich das leisten können und die Zeit dafür haben, werden immer mehr.

In den letzten 45 Jahren hat sich der Tourismus zu einer der größten Industrien entwickelt. Waren 1970 weltweit etwa 150 Millionen Menschen außerhalb ihres Heimatlandes unterwegs, betrug ihre Zahl im Jahr 2015 rund 1,2 Milliarden - Tendenz deutlich steigend.

Ja, sicher, das hat auch seine positiven Seiten. Der Fremdenverkehr hat zur Völkerverständigung beigetragen und schafft Arbeitsplätze. Er spült Geld in die Zielländer, ermöglicht Fortschritt und Entwicklung. Aber es gibt Grenzen. Und der Preis, der für diesen Wirtschaftsmotor zu zahlen ist, ist manchen zu hoch.

Am bekanntesten sind die Proteste der Einheimischen gegen die Auswüchse des Massentourismus in Barcelona, in Venedig und auf Mallorca. "Tourists go home" ist da auf Häuserwänden zu lesen, sogar tätliche Übergriffe hat es im Sommer 2017 gegeben. Vielen Verantwortlichen in Verwaltung und Tourismusbehörden ist inzwischen klar geworden, dass es so nicht weitergehen kann.

Die Stadt Barcelona hat Konsequenzen aus den Protesten gezogen und unter anderem die Vergabe von Lizenzen für den Bau neuer Hotels drastisch eingeschränkt. Was bleibt nun als Alternative zu diesem ernüchternden Befund? Wie können wir guten Gewissens reisen? Und wie können wir unser Reiseverhalten ändern, ohne die Abenteuerlust zu unterdrücken und die Entdeckerfreude zu schmälern?

Im Internet finden sich zahlreiche Portale, die Antworten auf diese Fragen geben. Das Umweltbundesamt beispielsweise empfiehlt den Urlaub in Deutschland und in den Nachbarländern, die gut mit Bus, Bahn oder Fahrrad zu erreichen sind. "Weniger weite Reisen sind eine sehr gute Option, die Umwelt zu entlasten", heißt es da.

Große Lust auf Reiseziele in der Nähe macht das Magazin "Anderswo". Es stellt familiär geführte Bio-Hotels in Deutschland und Europa vor und porträtiert unter dem Aspekt Nachhaltigkeit sehenswerte Regionen und Orte - in der aktuellen Ausgabe zum Beispiel das Saarland oder ein Dorf in den Pyrenäen.

Als ersten Schritt für mehr Nachhaltigkeit beim Reisen empfiehlt "Anderswo", weniger zu fliegen: "Ohne Fliegen macht man auf jeden Fall alles richtig." Denn eines steht fest: Das Flugzeug ist das klimaschädlichste Fortbewegungsmittel überhaupt. Pro Person und Kilometer verbraucht es 211 Gramm des Treibhausgases CO2, die Bahn hingegen nur 41 Gramm.

Bei Anbietern wie der Agentur Atmosfair lässt sich dieser Verbrauch mittels einer Geldspende zwar kompensieren. Die Spende wird in klimafreundliche Projekte investiert, zum Beispiel in Aufforstungen oder in den Ausbau erneuerbarer Energien. Umweltverbände empfehlen jedoch, Emissionen besser zu vermeiden, als dafür zu zahlen.

Sogar Papst Franziskus mischte sich im Februar 2017 in die Debatte ein und nannte die Kompensation für Flugreisen "scheinheilig". Es sei das größte ethische Problem des Kapitalismus, dass er Abfälle produziere und anschließend versuche, sie zu verbergen.

Aber was ist, wenn es eine in die Ferne zieht? Nach Übersee und auf andere Kontinente? Selbst für diesen Fall gibt es umweltverträgliche Lösungen: Das Freiburger Paar Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier reiste dreieinhalb Jahre um die Welt, ohne zu fliegen. Stattdessen fuhren sie per Anhalter, benutzten Busse, Bahnen und ein Frachtschiff. Der Film "Weit", in dem sie ihre Reise dokumentieren, war der Überraschungserfolg des Kinosommers 2017.

Nicht jeder gönnt sich für eine Reise so viel Zeit. Und möglicherweise müssen wir uns auch mit einem anderen Gedanken anfreunden: verzichten zu lernen, uns zu bescheiden. Vielleicht müssen wir uns bewusst dafür entscheiden, viele Orte dieser Welt nicht zu besuchen - um der Natur und um der Menschen willen.

Denn daran gibt es nichts zu beschönigen: Indem wir konsumieren, indem wir reisen, richten wir Schaden an. Wir können nur dafür sorgen, diesen Schaden möglichst gering zu halten. Mich zieht es in diesem Sommer übrigens wieder in den Süden. Ich fahre nach Italien, mit dem Schlafwagen der Österreichischen Bundesbahn. Wie aufregend!

kfd und Klimaschutz

"Wir engagieren uns für gerechte, gewaltfreie und nachhaltige Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Einen Welt", heißt es im Leitbild der kfd. Das "Klimaschutzpaket", das der "Ständige Ausschuss Hauswirtschaft und Verbraucherfragen" geschnürt hat, hält sechs Broschüren zu unterschiedlichen Themen bereit, darunter auch eine zum klimafreundlichen Reisen. Das Paket kann kostenlos bezogen werden beim kfd-Bundesverband unter der Telefonnummer 0211. 44992-86 oder im Online-Shop unter www.kfd.de

Stand: 26.06.2018