"Die Klimakrise bedroht die Zukunft meiner Kinder!"

Nicht nur Kinder und Jugendliche, auch viele Erwachsene setzen sich für den Klimaschutz ein. Eine von ihnen ist Martina Winter (43). Die Grafikdesignerin und Mutter zweier Söhne hat sich 2019 der Initiative "Parents for Future" angeschlossen, mit der Erwachsene ihren Beitrag für eine gute Zukunft leisten möchten. Im Interview berichtet sie, warum sie sich engagiert, und was jede und jeder machen kann, um die Welt ein wenig zu retten.

Von Romina Carolin Stork

Frau und Mutter: Frau Winter, seit 2018 scheint Klimaschutz vor allem in den Händen von jungen Menschen um Greta Thunberg und "Fridays for Future" zu liegen. Warum gibt es seit 2019 auch die Initiative "Parents for Future"?

Martina Winter: Sie wurde gegründet, um "Fridays for Future" zu unterstützen. Bei den meisten hat das wenig mit Greta Thunberg zu tun; das sind Menschen, die sich mit der Klimakrise auseinandergesetzt haben. Wenn man das macht, merkt man, dass man zwei Wege gehen kann: Decke über den Kopf ziehen oder möglichst sichtbar etwas tun.

Was fordert die Bewegung?

Wir fordern eine wirklichkeitsangemessene Klimapolitik. Wir stehen dafür ein, dass wir das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klima-Abkommens erreichen. Zahlen sagen, dass wir weltweit noch maximal 420 Gigatonnen CO2 ausstoßen dürfen, um dieses Ziel mit einer 66-prozentigen Wahrscheinlichkeit zu erreichen.

2018 wurden etwa 30 bis 50 Gigatonnen ausgestoßen. Wenn mehr emittiert wird, ist das fast nicht zu schaffen! Wir stehen dafür, dass wir für unsere Kinder, für die Gesellschaft, für alle Menschen die Lebensgrundlagen erhalten wollen. Der Klimawandel passiert gerade! Das ist nichts, was in der Zukunft liegt.

Wie setzen sich die "Parents" ein?

Wir haben eine Chat-Gruppe, in der wir uns gegenseitig informieren. So helfen wir uns, Klimaschutz im Alltag anzuwenden. Wir gehen mit auf Demonstrationen, um sichtbar zu werden.

Dann gab es die "Rote Klimakarte"-Aktion, bei der Menschen ihre Forderung an die Politik auf eine rote Postkarte geschrieben haben. Tausende Karten wurden an die Bundesregierung übergeben.

Dann machen wir auch lokale Aktionen. Wir in Hannover waren zum Beispiel zusammen mit den Schülern und Studenten der "Fridays for Future" und den Wissenschaftlern der "Scientists for Future" bei einer Anhörung im Rathaus. Das ist natürlich noch mal eine andere Richtung, wenn nicht die üblichen Umweltverbände Forderungen stellen.

Bundesweit gibt es 295 Ortsgruppen der "Parents for Future". Es ist eine "Graswurzelbewegung", der Weg von unten nach oben, Dinge zu verändern.

Brauchte es erst einen Warnschuss der Jüngeren, damit auch die Älteren aktiv werden?

Es war ein Anknüpfungspunkt. Ich glaube, dass sich viele Ältere schon lange Jahre der Situation bewusst sind.

Für mich war der Warnschuss der Hitzesommer 2018. "Fridays for Future" bot dann die Möglichkeit, sie zu unterstützen und mitzumachen. Erwachsene und die, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, sehen es als Chance, dass sich eine Klimaschutzbewegung bilden kann, die es so noch nicht gab. Besonders durch Greta Thunberg ist eine Dringlichkeit ins Bewusstsein gekommen.

Warum ist Ihnen Klimaschutz wichtig?

Meine persönliche Motivation sind erstmal meine Kinder. Die habe ich in die Welt gesetzt mit dem Ziel, dass sie ein gutes, zufriedenes Leben haben, so gesund und lange, wie es geht. Die Klimakrise bedroht das, bedroht die Zukunft meiner Kinder.

Dann aber auch wegen des Erhalts der Natur und der Biodiversität. Weil ich das Leben einfach zu sehr liebe! Ich finde es traurig, dass wir für Dinge, die nicht unbedingt nötig sind, so viel aufs Spiel setzen. Letztendlich geht es um den Erhalt der Lebensgrundlagen auf längere Sicht.

Haben Sie Ihre Lebensweise verändert?

Wir leben fast vollständig vegetarisch, teils vegan. Wir fliegen nicht in den Urlaub und versuchen, wenn wir etwa zu den Großeltern fahren, den Zug zu nehmen, suchen immer erst die Alternative zum Auto.

Unsere Entscheidungswege haben sich geändert: Wir gucken, ob es eine nachhaltige Alternative gibt. Und wir versuchen, Klimaschutz zum Thema zu machen.

Es ist wichtig, dass man auch woanders seinen Mund aufmacht, auf der Arbeit zum Beispiel. 

Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, der Klimawandel sei nicht real oder man könne eh nichts mehr machen?

Viele möchten das nicht hören - und hören auch nicht zu. Zu Anfang hat mich eine solche Einstellung so traurig gemacht, dass mir gar nichts eingefallen ist.

Mittlerweile bin ich auf diese Haltung eher gefasst und antworte, dass wirklich niemand erleben möchte, was schon zwei Grad Erwärmung auf der Erde mit sich bringen wird. Jedes zehntel Grad entscheidet!

Man kann den Klimawandel nicht mehr aufhalten, aber abschwächen oder stabilisieren. Ich glaube daran, dass wir mit unseren persönlichen Entscheidungen jetzt das Leben lebenswerter machen können.

Wie kann denn jede und jeder das Klima schützen?

Zuerst mal kann sich jede und jeder informieren und akzeptieren, dass sich etwas verändert. Dadurch, dass man das akzeptiert, kommen einem auch Lösungen in den Sinn.

Es zählt jede Kleinigkeit: den eigenen CO2-Abdruck reduzieren. Kreuzfahrten boykottieren, auch hier müssen erst saubere Kraftstoffe zum Einsatz kommen. Nachhaltig konsumieren, Nahrungsmittelverschwendung einschränken. Als Marathonläufer denken, denn es ist ein weiter Weg.

Es geht darum, dass man Dinge ändert, auch wenn man nicht sofort einen persönlichen Vorteil darin sieht. Und weil uns die Zeit gnadenlos wegrennt: Politik unter Druck setzen - das Klimapaket ist nämlich unzureichend -, selbst aktiv werden. 

Zur Information

www.parentsforfuture.de

CO2-Uhr: Zeigt, wie viele Emissionen weltweit (nur) noch ausgestoßen werden dürfen, um das 1,5-/2-Grad-Ziel zu erreichen: www.mcc-berlin.net/de/forschung/co2-budget.html

CO2-Rechner: Ermittelt eigenen ökologischen Fußabdruck:

www.wwf.de/themen-projekte/klima-energie/wwf-klimarechner

www.uba.co2-rechner.de

Stand: 28.01.2020