Junia.
Die wiedergefundene Apostelin

Lange waren wir es gewohnt, von den "zwölf Aposteln" zu sprechen und dabei nur an die 12 Männer zu denken, deren Namen uns die Evangelien des Markus (3,13-19), Matthäus (10,1-4) und Lukas (6,12-16) - mit kleinen Unterschieden - überliefern. Und nun ist auf einmal die Apostelin Junia aufgetaucht. Wie konnte das geschehen? 

Von Sonja Angelika Strube

Wörtlich übersetzt bedeutet das griechische Wort Apostolos "Gesandter, Ausgesandter". Der Plural "die Apostel" bezeichnet im Griechischen nicht unbedingt eine reine Männergruppe, sondern kann genauso gut auch eine gemischte Gruppe meinen: also "Apostel und Apostelinnen".

Die Evangelien des Markus, Matthäus und Johannes benutzen den Begriff fast gar nicht (jeweils einmal). Paulus wiederum wendet den Begriff auf viele engagierte Gläubige in seinen Gemeinden an. Nur das Lukasevangelium und die vom selben Autor stammende Apostelgeschichte setzen den Begriff Apostel mit den Zwölfen gleich.

Für Lukas sind die Apostel die zwölf Männer, die Jesus zu seinen Lebzeiten ausgewählt hat, die ihn von Galiläa an begleiteten und die nach seinem Tod und seiner Auferstehung mit der Mission begannen. Wenn wir heute von "den zwölf Aposteln" sprechen, so folgen wir also allein dem Sprachgebrauch des Lukas.

Paulus dagegen versteht den Begriff ganz anders. 24 Mal spricht er in seinen Briefen von Aposteln und Apostelinnen und meint damit nie die Zwölf, sondern vor allem Botinnen und Boten seiner Gemeinden und besonders wichtige Missionarinnen und Missionare. Auch sich selbst bezeichnet er als "Apostel Jesu Christi", obwohl er nicht zur Gruppe der Zwölf gehörte und Jesus gar nicht persönlich kennengelernt hatte.

Vielmehr war er erst Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung zu einem Anhänger der Jesus-Bewegung geworden. Dennoch versteht er sich selbst als Berufener und Gesandter und verwendet den Begriff Apostel auch für andere, uns heute recht unbekannte frühe Christen und Christinnen, wie etwa Andronikus und Junia (Röm 16,7).

"Ich bin eine Detektivin"

Die amerikanische Theologin Bernadette J. Brooten gilt als Entdeckerin der Junia. Wir haben sie zum Gespräch getroffen. Mehr

Junia - herausragend unter den Aposteln

Erst seit 2016 können wir unsere Bibel (die neue Einheitsübersetzung) aufschlagen und finden dort in den zahlreichen Grüßen am Ende des Römerbriefs den Satz:

"Grüßt Andronikus und Junia, die zu meinem Volk gehören und mit mir zusammen im Gefängnis waren; sie ragen heraus unter den Aposteln und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt."

In nahezu allen älteren Bibelausgaben - mit Ausnahme der Bibel in gerechter Sprache - war und ist an dieser Stelle stattdessen von zwei Männern die Rede, von Andronikus und Junias. Wie kam es dazu, und wie wurde Junia wiedergefunden? Um das zu verstehen, müssen wir uns ein wenig mit Grammatik beschäftigen.

In Röm 16,7 grüßt Paulus zwei Personen, die er als besonders verdienstvolle "Apostel" bezeichnet. Weil Paulus schreibt "Grüßt X und Y ...", stehen die Namen im Akkusativ. Anders als im Deutschen ändert sich dadurch die Endung der Namen. Aus dem griechischen Männernamen Andronikos (auf lateinisch: Andronikus) wird zum Beispiel Andronikon.

Im griechischen Text steht deshalb: "Grüßt Andronikon und Junian." Rein grammatikalisch könnte der Akkusativ "Junian" entweder zu einem Männernamen "Junias" gehören oder zu einem Frauennamen "Junia". Wen nun will Paulus grüßen - den Apostel Junias oder die Apostelin Junia?

Grüßt Andronikus und Junia, die zu meinem Volk gehören und mit mir zusammen im Gefängnis waren; sie ragen heraus unter den Aposteln und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt."

Die römische Gemeinde vor 2.000 Jahren wusste es natürlich, denn sie kannte Junia. Doch wie können wir heute herausfinden, wer gemeint ist, zumal uns die Namen Junia und Junias beide nicht geläufig sind?

Der Theologin Bernadette J. Brooten ist es bereits in den 1970er-Jahren gelungen, das Rätsel zu lösen. Zunächst studierte sie alte Bibelauslegungen und stellte fest, dass der Akkusativ "Junian" erst seit dem 15. Jahrhundert als zu einem Männernamen gehörig gedeutet wurde.

Bis ins Mittelalter hinein gingen Auslegungen und Bibelabschriften von einer Frau aus. Auch gibt es antike Abschriften des Römerbriefs - die Schriften des Neuen Testaments mussten jahrhundertelang durch Abschreiben vervielfältigt werden -, in denen aus dem Namen "Junia" eine "Julia" wurde. 

Die Abschreiber, die diesen Schreibfehler machten, hielten es also für klar, dass Paulus hier eine Apostelin grüßt. Bernadette Brooten studierte darüber hinaus auch nichtbiblische antike Schriften und Inschriften und fand heraus, dass "Junia" ein weit verbreiteter Frauenname war, während es keine Belege für den männlichen Namen "Junias" gibt. Schon allein deshalb war es ausgesprochen unwahrscheinlich, dass Paulus hier einen Mann grüßt, der einen völlig einzigartigen Vornamen trägt.

Nicht zuletzt legt auch der Römerbrief selbst nahe, an eine engagierte Frau und damit an ein gemischtgeschlechtliches Apostelpaar zu denken. In Röm 16 grüßt Paulus zahlreiche Frauen, die Diakonin Phöbe etwa, Maria, die Frauen Tryphäna und Tryphosa, Rufus und seine Mutter, Nereus und seine Schwester sowie die Paare Priska und Aquilla und Philologus und Julia, die sich in der römischen Gemeinde engagierten, was in unterschiedlicher paarweiser Zusammensetzung geschah.

Erfolge der feministischen Bibelforschung

Doch offenbar ließ die Bezeichnung "Apostel" lange Zeit die Vorstellung nicht zu, dass es sich um eine Frau handeln könnte. Erst die feministische Bibelforschung der letzten Jahrzehnte machte verdrängte und verschwiegene Jüngerinnen und Apostelinnen wieder sichtbar.

Mit Erfolg: Maria aus Magdala wird endlich wieder als Apostelin der Apostel gefeiert. Und Junia hat nach langem Verstecktsein schließlich ihren Weg in unsere Bibelübersetzung gefunden. 

Doch immer noch setzt sich das Unsichtbarmachen von Frauen fort: Schon heute schreiben manche Bibelwissenschaftler gelehrte Aufsätze über Junia und andere Apostelinnen, ohne die Forschungen ihrer Kolleginnen wie Bernadette Brooten zu erwähnen.

Junia
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Hintergrund zu Junia

Hintergrund zu Junia: Theologische Frauenforschung

Junia war eine Apostelin, die in der neuen Einheitsübersetzung von 2016 als solche benannt wird (Röm 16,7). Viele Jahrhunderte hindurch wurde - vermutlich durch einen Abschreibfehler - aus der Frau Junia der Mann Junias. Bernadette Joan Brooten wies schon 1978 darauf hin. Es hat 38 Jahre gedauert, bis der Fehler in der neuen Einheitsübersetzung getilgt wurde.

Bernadette Joan Brooten (* 1951) ist eine US-amerikanische römisch-katholische Theologin und Hochschullehrerin an der Brandeis University.

http://people.brandeis.edu/ ~brooten/

Sie veröffentlichte ihre bahnbrechende Studie zu Junia, die heute als einer der Meilensteine der Bibelforschung und Klassiker theologischer Frauenforschung gilt. Von 1982 bis 1985 war sie in Tübingen an dem von Hans Küng initiierten und von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsprojekt "Frau und Christentum" am Institut für Ökumenische Forschung tätig.

  • Junia-Gedenktag: Die Geschichte eines kleinen "s" - und wie es auf den Synodalen Weg wirkt von Maria Faber, in: Lebenszeichen 10 |Fachbereich Pastoral in Kirche und Gesellschaft, Bistum Magdeburg 119 KB Download
  • Römerbrief-Text zum Gedenktag der Apostelin Junia 149 KB Download
Stand: 14.12.2020