Frau und Mutter

Briefe von Eva & Co.

Wenn Frauen aus der Bibel heute mit uns Kontakt aufnehmen könnten, was würden sie uns sagen wollen? Kolumnistin Susanne Niemeyer hat es zu Papier gebracht: Briefe von Eva & Co. an Frauen von heute.   

FOLGE 12: Lydia

Liebe Frauen,

ich trage Christus wie ein Kleid. Dieses Kleid macht mich schön. Es ist zart und dennoch strapazierfähig - man kann es waschen. Nichts ist schlimmer, als im Alltag ständig darauf zu achten, dass die Weste weiß bleibt. Es ist eben kein Sonntagskleid, es braucht nicht geschont zu werden, sondern taugt für alle Tage. Es knittert. Aber keine Panik, das muss so. Man kann im Leben nicht alles glattbügeln, braucht es auch nicht.

Es gibt dieses Kleid in allen Größen. Jeder und jede kann es tragen. Es ist nicht aus Purpur gemacht, nicht nur für Reiche erschwinglich. Im Gegenteil: Es kostet nichts. Dieses Kleid sagt nichts über meine Herkunft, meine Bildung, mein Vermögen aus. Niemand ist zu klein oder zu groß. Es sitzt locker und kneift nicht, es engt nicht ein. Das soll es auch nicht. Menschen sind verschieden. Sie leben, lieben, träumen, denken verschieden. Das Kleid, von dem ich rede, passt sich ihnen an - nicht umgekehrt.

Mein Kleid hat viele Moden überlebt, weil ich es immer wieder geändert habe. Manchmal musste ich den Saum auslassen, weil ich herausgewachsen war. Ich habe es geflickt, wenn es brüchig wurde. Andere hätten es vielleicht längst weggegeben, eingetauscht gegen ein anderes Kleid. Aber das will ich nicht.

Es ist mir zur zweiten Haut geworden. Es kleidet mich mit Freiheit und macht mich zur Himmelsbürgerin. Denn der, der es mir einst gab, sagte: "Ihr habt Christus angezogen wie ein Gewand. Es spielt keine Rolle, ob ein Mensch Jude ist oder Nichtjude, ob Sklave oder frei, ob Mann oder Frau. Zur Freiheit hat euch Christus befreit." *

Eure Lydia,

Purpurhändlerin und freie Christin

 

*Paulus an die Galater 3 und 5


Lydia ist die erste Christin Europas. Als der Apostel Paulus nach Philippi kommt, trifft er sie mit anderen Frauen an der Gebetsstätte. Seine Worte berühren ihr Herz, so dass sie sich und ihr Haus taufen lässt. Die Formulierung "ihr Haus" lässt darauf schließen, dass sie nicht verheiratet ist. Lydias Name beschreibt ihre Herkunft.

In der Antike wurden meistens Sklavinnen und Sklaven nach ihrer Herkunft benannt. Zugleich berichtet die Apostelgeschichte (Kapitel 16,14), dass sie Purpurhändlerin ist. Purpur war der Farbstoff für Königsgewänder und ausgesprochen wertvoll. Offenbar hat es Lydia zu Wohlstand gebracht. Sie beherbergt zunächst die Missionare Paulus und Silas und später die Gemeinde der philippischen Christinnen und Christen.

Das christliche Europa beginnt also mit einer Geschäftsfrau, aus dem Ausland zugezogen, ehemalige Sklavin. Das Herz wird ihr geöffnet, und sie öffnet ihr Haus. In den christlichen Hausgemeinden werden die Diskriminierungen überwunden, so wie Paulus im Philipperbrief schreibt: "Wir alle sind Bürger im Himmel."

Lydia ist nicht die einzige Frau, die einer paulinischen Gemeinde vorsteht. Eine wichtige Rolle in der Leitung spielen Apphia in Kolossä (Philemonbrief 2), Prisca und Aquila in Korinth, Ephesus und Rom (Römerbrief 16,3 u.a.), Nympha von Laodizäa (Kolosserbrief 4,15) und Phoebe in Korinth (Römerbrief 16,1). 

FOLGE 11: Jesus

Liebe Frauen,

heute schreibe ich euch, als Mann.

Ich kannte eine Frau, die kämpft. Ihre Geschichte spielt gestern und heute, die Frau trägt keinen Namen, weil sie viele Namen hat. Sie fordert nicht mehr als ihr Recht. Sie ist beharrlich und unverschämt.

Weil sie sich nicht schämt, für ihre Sache einzustehen, wieder und wieder. Sie schämt sich nicht für ihre Sehnsucht, gehört zu werden. Sie schämt sich nicht, verspottet zu werden als eine, die hysterisch ist, frustriert oder maßlos. Sowas muss sie sich anhören, Tag für Tag. D

ass sie zufrieden sein solle, mit dem, was sie hat. Was sie denn noch alles wolle? Aber die Frau lässt sich nicht provozieren. Sie weiß: Andere lächerlich machen und zu verunglimpfen ist eine bewährte Methode, um Menschen klein zu halten. Glaubt mir, ich weiß, wovon sie redet ...

Aber sie fürchtet sich nicht. Ich erzähle euch von dieser Frau, weil sie recht hat. Nicht müde zu werden, den Himmel auf die Erde zu holen. Gleichheit und Gerechtigkeit zu verlangen.

Ich kämpfe mit ihr. Ich kämpfe mit all den Namenlosen, Ungehörten, Benachteiligten. Ich nerve. Weil ich der Stachel bin, der am Weiter-so kratzt. Kämpft mit mir! Bleibt hartnäckig! Werdet nicht müde, laut zu sein! Macht Gott zu eurem Verbündeten! Er macht euch groß. Denn das ist sein Traum: dass alle Menschen groß sind, dass sie aufrecht und gleich durchs Leben gehen und niemand auf jemanden hinabsehe. Erzählt die Geschichte weiter.

Hört nicht auf, davon zu erzählen.

Immer an eurer Seite,

Jesus

 

Jesus hat viele Gleichnisse erzählt. Geschichten, die mitten im Alltag der Hörenden spielen. Sie erzählen davon, wie es ist und wie es sein könnte. Sie eröffnen neue Perspektiven. Gleichnisse wollen verändern: Einstellungen und Verhaltensweisen.

Im Gleichnis von der beharrlichen Witwe fordert eine Frau ihr Recht. Wieder und wieder. So lange, bis der Richter zu sich sagt: "Wenn ich auch keine Ehrfurcht vor Gott habe und keinen Respekt vor den Menschen, will ich doch der Witwe ihr Recht geben, weil sie mir lästig wird. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht."

Witwen waren in der patriarchalen Zeit Jesu nicht besonders angesehen, weil ihnen ein "männlicher Schutzherr" fehlte. Es konnten sowohl ehemals verheiratete Frauen wie auch Frauen sein, die bewusst allein lebten.

Frauen durften ihre Rechte nicht selbst vertreten - jedenfalls nicht, solange männliche Verwandte da waren. Die Witwe im Gleichnis ist auf sich selbst gestellt. Trotzdem verzagt sie nicht. Sie fordert nicht Mitleid, sondern Recht - und bekommt es. Am Ende heißt es: "Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht (erst recht) zu ihrem Recht verhelfen?"

Für mache klingt das wie eine Vertröstung aufs Jenseits. Im Himmel wird alles besser. Aber Lukas hat das Gleichnis nur kurz hinter einen anderen Jesus-Satz gestellt: "Das Reich Gottes ist mitten unter euch." Wenn wir wären, die wir sein könnten.

FOLGE 10: Die Hirtin

Liebe Frauen,

ich bin wach, wenn die anderen schlafen. Das Dunkel schreckt mich nicht. Ich lausche. Ich höre den Atem, den Wind, mein Herz. Ich höre das Trippeln einer Maus und das Zähnefletschen des Wolfs. Auch das Feuer hüte ich. In den Flammen wohnen die Geschichten. Ich kenne sie alle. In langen Nächten erzähle ich sie weiter. Ich träume mit offenen Augen und achte darauf, dass die Glut nicht erlischt.

Eines Nachts höre ich den Gesang eines Engels. Die Schafe sind unruhig. Sie spüren, dass etwas geschieht. Ich kenne sie gut. Tagsüber weide ich sie auf grünen Auen. Ich führe sie zum frischen Wasser. Wenn der Wolf kommt, bin ich da. Ich biete ihm die Stirn. Keines meiner Schafe würde ich verloren geben. Auch nicht eins.

Ich bin keine Gelehrte, und ich bin nicht reich. Auf dem Markt nimmt niemand Notiz von mir. Meine Stimme zählt nicht. Mein Kleid ist schmutzig. Meine Hände sind rau. Meine Tasche ist leer. Aber ich kenne die Rossminze und den weißen Wermut. Ich kenne den Lauf der Sterne und den Weg des Mondes. Ich weiß den Pfad zur Quelle. Ich bin eine gute Hirtin. In dieser Nacht, als ich die Engel höre, wird mir klar: Ein König ist geboren, nicht in den Palästen der Städte. Ein König ist geboren, und er liegt in meiner Krippe.

Die Hirtin

 

Die Hirten, so heißt es in der Weihnachtsgeschichte, waren die ersten an der Krippe. Sie lagerten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihren Herden. Ihre Namen nennt die Bibel nicht, aber wahrscheinlich waren es nicht ausschließlich Männer. Denn Hirtinnen gab es in der Antike durchaus.

Auch die Bibel erzählt davon. Im Alten Testament wird die Hirtin Rahel erwähnt, die die Herde ihres Vaters hütet. Auch die spätere Frau des Moses versorgt mit ihren sechs Schwestern Kleinviehherden (Ex 2,16). Der römische Gelehrte Varro schreibt, dass "in vielen Gegenden Frauen den Männern an Arbeitsleistung in nichts nachstehen", da sie auch "das Vieh hüten".

Selbst Maria ist auf bäuerlichen und romantischen Bildern hin und wieder als "gute Hirtin" dargestellt. Trotzdem stößt die Vorstellung von weiblichen Hirten in der Weihnachtsgeschichte auf Protest.

Vielleicht, weil das Hirtenamt der Bischöfe und des Papstes dann genauso Frauen bekleiden könnte. Vielleicht, weil Gott als gute Hirtin plötzlich auch eine weibliche Seite hat. Dann könnten wir genauso lesen: "Gott ist meine Hirtin, nichts wird mir fehlen. Meine Lebenskraft bringt sie zurück. Sie führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu ihrem Namen."

FOLGE 9: Die Ehebrecherin

Liebe Schwestern,
liebe Brüder, liebe Wutbürger,
liebe Eintagsfliegen,

das Grau des Himmels könnt ihr nicht ändern. Aber ihr könnt einen lachenden Drachen steigen lassen. Ihr könnt gelbe Regenschirme aufspannen und über Pfützen springen. Ihr seid nicht verloren. Niemand ist verloren.

Ich habe gesehen, was sich ändern kann: die Flugbahn eines Greifvogels, just bevor seine Klauen sich in das Fell des Kaninchens krallen. Die Meinung eines Dickkopfes. Der Zorn Gottes ("Nie wieder werde ich eine Flut schicken, um die Erde und alles, was auf ihr lebt, zu vernichten.").

Scherben werden zum Mosaik. Raupen zu Schmetterlingen. Aus Hass kann Liebe werden und aus Fallobst Apfelkompott. Aus Urteil Anteil. Aus sterben werden. Eine Frau kann sich ändern, ein Mann kann sich ändern, die Meute, der Kopf, das Herz, der Horizont.

Was es dafür braucht, ist ein Mensch. Ein Mensch, der im richtigen Moment den Sturm stillt. Der sich gegen den Wind stellt und die Arme ausbreitet, als wolle er selbst die Dämonen umarmen. Ich bin eure Zeugin. Ich habe den Sturm erlebt. Der Mob hatte die Fäuste geballt, bereit, mich zu töten.

Einer hat sie aufgehalten. Nicht mit Kraft, nicht mit Gewalt, nicht mit Zäunen und nicht mit Wasserwerfern, sondern mit einem Wort. Das Wunder aber war nicht, dass ich gerettet wurde. Das Wunder war die Einsicht der vielen: Wir sind nicht besser. Das Wunder war, dass sie umkehrten. Dass aus dem Sturm ein sanftes, leises Säuseln wurde. Und in diesem Säuseln erkannte ich Gott.

Eine Frau, Träumerin und Ehebrecherin,

nicht verurteilt

 

Die Geschichte von der Ehebrecherin taucht im dritten Jahrhundert nach Christus in außerbiblischen Schriften auf. Erst im 4. Jahrhundert wandert sie in biblische Handschriften, mal ins Lukas- und mal ins Johannesevangelium, wo sie schließlich nachträglich endgültig eingefügt wurde (die Mehrheit der aktuellen Bibelübersetzungen weist darauf in einer Fußnote hin).

Dort kann man sie im 8. Kapitel nachlesen: Schriftgelehrte und Pharisäer bringen eine Frau zu Jesus, die sie beim Ehebruch ertappt haben. Das Gesetz des Mose schreibe vor, die Frau zu steinigen. Sie wollen von Jesus wissen: Was sagst du?

Jesus sagt erstmal gar nichts. Er nimmt ihnen den Wind aus den Segeln und malt im Sand. Auf ihr Drängen sagt er dann einen berühmt gewordenen Satz: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein. Woraufhin keiner die Frau verurteilt, nicht ein einziger.

In frühen Auslegungstraditionen und der mittelalterlichen Mystik wird die Erzählung auf die Kirche bezogen, die sich in der Ehebrecherin erkennt. Tatsächlich wird die Kirche (beziehungsweise das Volk Gottes) in der Bibel oft als Person beschrieben - als Braut, Jungfrau, Gattin, Mutter und sogar als Dirne.

Karl Rahner schreibt: "In allen Jahrhunderten stehen neue Ankläger neben 'dieser Frau', aber es fand sich nie einer, der selbst ohne Sünde war. (...) Der Herr aber wird ihr entgegengehen und sagen: 'So will auch ich dich nicht verurteilen.'" Änderung ist möglich und nötig. Selbst für so eine alte Dame wie die Kirche.

FOLGE 8: Junia

Liebe Schwestern,

lange hatte ich diesen Traum: Ich komme in einen Raum, in dem ein Empfang stattfindet. Menschen stehen zusammen und unterhalten sich. Ich gehe von Gruppe zu Gruppe, will an ein Gespräch anknüpfen, aber niemand beachtet mich. Es ist, als wäre ich nicht da. Ich versuche immer deutlicher, mich bemerkbar zu machen, bis mir plötzlich klar wird: Ich bin unsichtbar geworden.

Stellt euch das mal vor. Und dann stellt euch vor, dass das kein böser Traum ist, aus dem ihr morgens erwacht, sondern echt. Denn so ist es gewesen. Ich habe einfach aufgehört, als Frau zu existieren. Viele hundert Jahre wurde ich totgeschwiegen, meiner Identität beraubt. Es gab mich nicht, weil es eine wie mich nicht geben durfte.

Ihr kennt diese Sprüche: Mathe verstehst du nicht, du bist ja ein Mädchen. Räumliches Denken liegt dir eben nicht so. Frauen können nicht einparken. Eine Bohrmaschine zu bedienen oder wirtschaftliche Zusammenhänge zu überblicken, ist Männersache. Man muss das Menschen nur lange genug vorbeten, dann glauben sie irgendwann daran. Dann glauben sie, dass ein Busen bei der Lösung eines Dreisatzes im Weg ist.

Erst in den 1960er-Jahren durften Frauen ihr eigenes Konto eröffnen. Bis dahin brauchten sie für größere Anschaffungen die Zustimmung ihres Mannes, und es dauerte weitere zehn Jahre, bis sie ohne seine Erlaubnis arbeiten durften.

Ihr wundert euch, dass ich über solche Dinge schreibe. Das liegt daran, dass ich erst vor ein paar Jahren wieder zu existieren begann. Ihr könnt das Auferstehung nennen.

Eure Junia

 

Junia wird ein einziges Mal in der Bibel erwähnt. Paulus lässt sie, zusammen mit Andronikus, im Brief an die Römer grüßen. Ein Halbsatz aber hat es in sich: "Sie ragen heraus unter den Aposteln und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt."

Eine Frau als Apostel? Auch Johannes Chrysostomus, Bischof von Konstantinopel († 407), hebt das hervor: "Ein Apostel zu sein, ist etwas Großes. Aber berühmt unter den Aposteln - bedenke, welch großes Lob das ist. Wie groß muss die Weisheit dieser Frau gewesen sein, dass sie für den Titel Apostel würdig befunden wurde."

Bis heute lehnt die Katholische Kirche das Frauenpriestertum unter anderem mit der Begründung ab, es habe keine Apostelinnen gegeben. Und tatsächlich verschwand Junia und wurde durch ein angehängtes "s" zu einem Mann. Zum ersten Mal taucht Junias nachweislich im 13. Jahrhundert auf - bei Ägidius von Rom, einem Schüler des Kirchenlehrers Thomas von Aquin. Martin Luther folgt.

Die Forschung geht inzwischen davon aus, dass die Kirche erst im Mittelalter die Apostelin zum Apostel machte, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Nur die griechisch-orthodoxe Kirche begeht bis heute am 17. Mai "das Gedächtnis der heiligen Apostel Andronikus und Junia".

Tatsächlich taucht der Name Junias an keiner anderen Stelle der außerbiblischen antiken Literatur auf, während Junia in griechischen und römischen Inschriften über 250 Mal als lateinischer Frauenname belegt ist. Seit 2016 steht in der Einheitsübersetzung wieder Junia, seit 2017 auch in der Lutherbibel.

FOLGE 7: Sara

Liebe Frauen,

ich bin die, die keine Kinder gebären konnte.

Auf meiner Stirn prangte ein Stempel: Unfruchtbar. Kaum anderes wurde über mich erzählt. Oder doch, dass ich schön war. Schön, aber unfruchtbar. In dieser Währung wurde ich gehandelt. Meine Gedanken, meine Wünsche, meine Träume spielten keine Rolle. Ich war die "Frau von". Mehr nicht. Abraham waren Nachkommen verheißen. Meine Aufgabe war es, sie zur Welt zu bringen. Aber ich konnte nicht. Das einzige, das von mir verlangt wurde, konnte ich nicht erfüllen.

Lasst uns ruhig mal über Sex reden. Wir sind ja unter uns. Lust habe ich erst im späten Alter erlebt. Vorher hätte ich sie mir nie erlaubt. Wozu auch? Schließlich würde sowieso kein Kind entstehen. In der patriarchalen Welt, in der ich lebte, ging es nicht um Lust, zumindest nicht um weibliche. Ich wurde dem Pharao ins Bett gelegt. Meine eigene Sklavin ließ ich von meinem Mann schwängern. Wir waren Mittel zum Zweck.

Ich habe nicht gelernt zu sagen, was ich will. Ich habe nicht mal gelernt zu fühlen, was ich will. Das spürte ich erst, als Gott kam und das Lachen brachte. Den Kitzel, das Wollen, die Wonne, die Lust. Ich bekam Angst - vor meinen eigenen Gefühlen. Sie waren so fremd. Und dazu noch in meinem Alter! Sowas schickt sich nicht. "Doch", sagte Gott. "Du hast gelacht. Du darfst lachen, du darfst juchzen, du darfst wollen."

Ich weiß nicht, was das größere Wunder war: dieses Gefühl erleben zu dürfen oder die Geburt meines Kindes. Ich nannte es Isaak. Das heißt "Gott lacht". Und Lachen befreit.

Eure Sara

 

Erzmutter wird sie genannt. In der jüdischen Tradition wird sie als Prophetin verehrt. Sara habe ihr eigenes Zelt gehabt, in dem sie die Frauen empfing und ihnen Gott nahebrachte. Im Alten Testament wird Sara schlicht als Abrahams Frau vorgestellt, dem so viele Nachkommen wie Sterne am Himmel versprochen sind. Sie ist schön - aber unfruchtbar. Die Geschichte der beiden hat viele Facetten.

Aus Angst, der Pharao könne ihn töten, um Sara wegen ihrer Schönheit zu heiraten, stellt Abraham sie als Schwester vor. Er liefert sie einem fremden Mann aus. Später schickt Sara ihre Sklavin Hagar in Abrahams Bett, damit sie ihm ein Kind gebiert - nicht unüblich zur damaligen Zeit.

Auch Hagar hat sich zu fügen und wird tatsächlich schwanger. Frauen sind offenbar sexuelle Verhandlungsmasse. Aber dann, als Sara schon im fortgeschrittenen Alter ist, passiert etwas: Drei Männer tauchen auf und verheißen Sara nach Jahresfrist ein Kind. Und Sara? Sie lacht. Sie fragt sich: "Jetzt, wo ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren?"

Das hebräische Wort, das mit "Liebeslust" übersetzt wird, bedeutet auch "schwelgen", "wollüstig". Es geht also nicht ausschließlich darum, dass Sara schwanger wird, sondern dass sie das Körperspiel genießen wird.

Saras Lachen kann man unterschiedlich interpretieren. Lachen hat in der Bibel oft auch einen sexuellen Beiklang, an einigen Stellen wird es mit "liebkosen" übersetzt. Aber auch jenseits dieser Deutung ist Lachen ein emanzipatorischer Akt. 

FOLGE 6: Die Frau am Jakobsbrunnen

Liebe Frauen,

wie er so ist, fragt ihr. Weil ich ihn doch getroffen habe, zufällig nur, ich kannte ihn nicht. Was ich sah, war ein Mann, an dessen Aussehen ich mich schon jetzt nicht mehr erinnere. War er dunkelhaarig? Trug er Bart?

Es spielt keine Rolle. Ich bin einem Mann begegnet, der keine Vorbehalte kennt. Das habe ich sofort gespürt. Er sprach mich an, so wie er jeden Menschen anspricht, egal ob Mann oder Frau, Kind oder Greis, gläubig oder ungläubig. Und jeden nimmt er ernst.

Ich mag keine Männer, die mir die Welt erklären. Davon hatte ich genug. Er ist anders. Er ist aufmerksam, fragt nach, hört zu und hat ein gutes Gespür für sein Gegenüber. Manchmal hatte ich das Gefühl, er weiß mehr über mich, als ich selber weiß. Und trotzdem hält er sich nicht zurück, ist keiner, der immer nur freundlich nickt. Er hat etwas zu sagen, er glaubt an sich, vielleicht ist das der Grund, dass er auch anderen etwas zutraut. Nur wer sich selber klein fühlt, muss andere klein machen. Ist es nicht so?

Ich fühlte mich von ihm erkannt, obwohl wir einander doch nie zuvor begegnet waren. Einige meiner Freundinnen finden das romantisch, sie nennen es Liebe auf den ersten Blick. Sie liegen falsch. Und auch wieder nicht.

Er hat was. Das verschenkt er. Ohne Bedingung. Das hat mich erstaunt, heute bekommt man fast nichts ohne Gegenleistung. Aber er wollte nichts. Oder doch: Er hat mich um Wasser gebeten. Aber das war eine Bitte, keine Forderung. Er ist kein Geschäftsmann, ich glaube, im Aufrechnen ist er eine Niete.

Seine Botschaft ist einfach: Liebt, soviel ihr könnt. Liebt ohne Unterschiede, liebt Nachbarn und Freundinnen, liebt Mütter, Zweifler, Traumtänzer, Andersdenkende, liebt Schwule, Suchende, Kinder, liebt Aussteiger, Tagediebe, Fremde, liebt euch selbst und liebt Gott. Da konnte ich gar nicht anders, als auch mich geliebt zu fühlen.

Es grüßt euch alle

die Frau am Jakobsbrunnen

Die Frau am Jakobsbrunnen ist eine Suchende, soviel ist klar. "Fünf Männer hast du gehabt", sagt ihr Jesus auf den Kopf zu, "und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann".

Die beiden treffen einander in der Mittagszeit in Samarien. Für Juden waren die Samaritaner genauso unrein wie die Heiden. Deshalb wundert sich die Frau, dass Jesus sie nicht nur anspricht, sondern auch um Wasser bittet. Sie ist keine demütige Dienerin, sondern beginnt ein theologisches Gespräch mit ihm.

So werden in verschiedenen Auslegungstraditionen die Männer auch nicht als Beweis für ihren zweifelhaften Lebenswandel gedeutet, sondern theologisch: Die Frau symbolisiert Samaria. Mit den fünf Männern sind die Götter der fünf samaritanischen Völker gemeint.

Der Mann, mit dem die Frau zwar zusammenlebt, aber nicht in einem regulären Verhältnis, ist Jahwe. Im Alten Testament wird der Bund mit Gott oft als Ehe beschrieben. Die Frau erkennt in Jesus den Messias - und wird selber zur Missionarin. Dabei geht es nicht um die "richtige" Art zu glauben, nicht um Regeln und Vorschriften, nicht um Orte und Tempel, sondern darum, von Gottes Geist erfüllt zu sein. (Johannes 4)

FOLGE 5: Maria & Marta

Liebe Schwestern,

als Gott an jenem Mittwochnachmittag gegen 17 Uhr in unser Haus kam, waren wir nicht vorbereitet. Er hatte sich nicht angekündigt. Hatte nicht gefragt, ob es wohl passt. Er schneite in unseren Alltag herein, der weiterlief und nicht stillstand.

Ihr kennt das: Die Nachmittagsschicht beginnt in zehn Minuten. Die Wäsche will aufgehängt, die Kinder müssen abgeholt, das Auto soll zur Inspektion gebracht werden. Für die Sitzung am Abend wolltet Ihr noch etwas lesen und nebenbei einen Quarkkuchen backen.

Und nun? Was würdet Ihr tun?

Wenn wir Euch etwas raten dürfen: bleibt offen! Nutzt die Gelegenheit, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht! Etwas, von dem Ihr nicht wisst, wann es sich wiederholt. Ob es sich wiederholt. Gott kommt selten nach Plan, Liebe nicht, Erfüllung nicht, Gänsehaut nicht. Seht die Lücke in den Wolken und haltet Euer Gesicht in die Sonne.

Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, zu funktionieren. Zur Freiheit hat Euch Gott befreit. Wählt das gute Teil. Denn Ihr habt die Wahl. Auch, wenn es sich oft nicht so anfühlt.

Als Gott an jenem Mittwochnachmittag in unser Haus kam, haben wir unsere Tür geöffnet. Wir ließen ihn ein, halb gebend, halb nehmend. Halb wollten wir ihm mit unserem Tun begegnen, halb mit unserem Sein. Halb vertrauend, nichts leisten zu müssen, halb sorgend, es könne nicht reichen.

Als Gott an jenem Mittwochnachmittag in unser Haus kam, brachte er freien Raum.

Kommt, sagte er. Das genügt.

Eure Maria & Marta

 

Die Schwestern Maria und Marta waren Anhängerinnen Jesus. Marta bedeutet "Herrin, Gebieterin". Sie sorgt und organisiert, sie dient. Wobei sich das griechische Wort für dienen, diakonèin, nicht auf Hausarbeit beschränkt.

Theologisch geht der Begriff weit darüber hinaus: Dienen ist eine Charakterisierung von Jüngerschaft und kann Leitungsämter beinhalten. Beide Schwestern waren in der frühen Kirche bekannte und bedeutende Frauen. Der Kirchenlehrer Hippolyt nennt sie im 3. Jahrhundert Osterzeuginnen und Apostel.

Im Johannesevangelium bekennt Marta: "Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll." Lange Zeit wurde mit der oben genannten Geschichte die Überlegenheit der sogenannten "Vita contemplativa" gegenüber der "Vita activa" erklärt, also das Beten gegenüber dem Tun.

Marta beklagt sich darüber, sie will, dass ihre Schwester ihr hilft. Interessant ist Jesu Antwort. Er sagt: "Maria hat das gute Teil erwählt." Das bedeutet: Wir haben eine Wahl, es gibt keine vorbestimmten Rollen. Zudem ist Gott das gute Teil. Um Gott zu wählen, brauchen wir nichts zu tun, zu leisten, zu erfüllen.

FOLGE 4: Judit

Liebe Frauen,

eigentlich gibt es mich gar nicht. Hat es mich nie gegeben. Zu wunderbar bin ich, um wahr zu sein: fromm, klug, mutig und schön. Dennoch hat es meine Geschichte in eure heiligen Bücher geschafft. Das ist das eigentliche Wunder. Ich bin eine Frau, die kämpft. Ich zeige euch, dass man sich nicht abfinden darf mit Krieg und Unterdrückung. Ich bekräftige euch, keinen Mann anzubeten. Allein Gott ist Gott.

Was ich euch mitgebe, ist Folgendes:

  1. Vergesst nie, dass ihr Frauen seid. Verleugnet euer Geschlecht nicht. Ihr dürft schön und verführerisch sein, selbstbestimmt und raffiniert. Wenn ihr denn wollt.
  2. Klugheit und Schönheit schließen sich nicht aus.
  3. Vergesst nie, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Überlasst das nicht den Männern. Beten ist gut. Beten und Handeln ist besser.
  4. Manchmal macht man sich dabei die Finger schmutzig. Manchmal muss man anders handeln, als man in einer idealen Welt handeln möchte.
  5. Bleibt trotzdem an Gottes Seite.
  6. Manchmal macht man sich schuldig.
  7. Vor Gott sind wir nackt.
  8. Und schämen uns nicht.

Eure Judit


Das Buch Judit ist eine spannende Erzählung. Weise und provokant beschreibt es, wie eine fromme Frau einen Herrscher besiegt, der vergöttert werden will. Sie verführt ihn, tötet ihn mit seinem eigenen Schwert und befreit so ihr Volk. Dabei setzt sie ihr Leben und ihre Unversehrtheit aufs Spiel.

Um eine historische Geschichte handelt es sich dabei sehr wahrscheinlich nicht. Es ist eine Mutmachgeschichte, eine Glaubensgeschichte, eine Frauengeschichte, eine Heldinnengeschichte, eine zwiespältige Geschichte. Sie ruft zum Widerstand auf: Kämpfe für das, woran du glaubst. Setz dabei deine Gaben ein. Judit betet und tut Dinge, die zu einer braven, jungen Frau nicht passen.

Aber sie macht es nicht leichtfertig. Im Gebet prüft sie ihr Gewissen. Nach vollbrachter Tat dankt sie Gott: "Der Herr ist ein Gott, der den Kriegen ein Ende setzt ... durch die Hand einer Frau." (Judit 16, 3-5).

Bis ins 16. Jahrhundert hinein ist Judit als Heilige hoch angesehen. Botticelli und Donatello bilden sie als Symbol der politischen Freiheit ab. Danach wird sie mehr und mehr zur männermordenden Femme fatale. Am besten: Die Bibel aufschlagen und selber lesen!

FOLGE 3: Maria von Magdala

Liebe Schwestern,

fast 2.000 Jahre wachen Männer über den "richtigen" Glauben. Findet ihr nicht, es ist an der Zeit aufzustehen?

Sie behaupten, so sei es immer gewesen. Jesus selbst habe schließlich Männer ausgesucht. Und dass ihr nicht traurig sein sollt, der Herr hält schöne andere Aufgaben für euch bereit. Glaubt ihr das wirklich? Glaubt ihr wirklich, Männer wissen mehr von Gott, weil sie Männer sind? Oder fürchtet ihr eure eigene Stärke, eure eigenen Gedanken und Gefühle?

Wegen beidem wurdet ihr gescholten: Zu viel der Gefühle, zu wenig strukturierte Gedanken. Habt ihr denn vergessen, dass die Weisheit weiblich ist?

Damals war es anders. Für Jesus waren wir keine Randfiguren, auch wenn 2.000 Jahre euch das weismachen wollen. Ich wünschte, ihr wärt dabei gewesen: Ich ging mit ihm. Ich hörte ihn, ich sprach mit ihm. Er befreite mich. Ich blieb am Kreuz, zusammen mit den anderen Frauen, als die Männer längst das Weite gesucht hatten. I

ch sah, wie er starb. Wir brachten seinen Körper zum Grab. Wir wuschen ihn, wir kauften Öle, um ihn zu salben. In der Nacht stand ich auf und suchte nach ihm. Ihn, den meine Seele liebte. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Das Grab war leer. Ich weinte. Da rief er meinen Namen. Und als er meinen Namen rief, erkannte ich ihn. "Halt mich nicht fest", sagte er und schickte mich los. Und ich ging und verkündigte allen: "Ich habe den Lebendigen gesehen." Ich war die erste. Apostelin unter den Aposteln.

Ich wurde zum Angst- und zum Wunschbild der Männer. Die einen machten mich zur Sünderin. Sie malten mich aus, das lange Haar über meinen nackten Brüsten liegend, halb büßend, halb verführerisch. Ich war nicht verheiratet, so wurde ich zur Hure, eine gefallene Frau, die der Erlösung bedarf. Die anderen dichteten uns eine Liebesbeziehung an. Einen Lieblingsjünger mag es geben - aber eine Lieblingsjüngerin? Unvorstellbar, dass da kein Sex im Spiel ist.

Lasst euch das nicht einreden! Denkt, redet, fühlt, liebt. Steht auf!

Eure Maria von Magdala

 

MARIA heißt nicht Magdalena. Maria kommt aus Magdala, so wird sie in den biblischen Evangelien vorgestellt. Unter den Frauen, die Jesus folgten, ist sie fast immer als erste genannt. Sie muss eine besondere Rolle gespielt haben. Aus den ersten Jahrhunderten des Christentums gibt es viele Schriftzeugnisse über sie.

Damals gab es vermutlich eine Strömung, die ihre theologischen Überzeugungen auf Maria von Magdala zurückführte. Im "Evangelium der Maria", einer apokryphen Schrift aus dem zweiten Jahrhundert, spricht sie zu den verzagten Jüngern: "Da stand Maria auf, umarmte sie alle und sagte zu ihren Geschwistern: Weint nicht und seid nicht traurig und zweifelt nicht, denn seine Gnade wird mit euch allen sein und wird euch beschützen. Lasst uns vielmehr seine Größe preisen, denn er hat uns bereitet und zu Menschen gemacht."

Als Maria dies gesagt hatte, wendete sie ihr Herz zum Guten, und sie fingen an, über die Worte des Erlösers zu diskutieren.

FOLGE 2: Maria

Liebe Schwestern,

wenn ich in eurer Zeit lebte, wenn Gott in dieser Nacht zu mir sagte, ich solle schwanger werden, dann würde ich wahrscheinlich um Bedenkzeit bitten. Würde eine Pro- und Contra-Liste schreiben, das Thema auf Facebook diskutieren, ein Coaching buchen, das Ganze mit Freundinnen besprechen, die mir eine Liste hilfreicher Literatur empfehlen würden, bis mir schließlich alles zu viel würde.

Ihr lebt in einer Zeit der Ambivalenzen und Abwägungen. Zu jedem "Ja" scheint es ein "Aber" zu geben. Ihr wollt Versicherungen. Wer das Risiko in Kauf nimmt, hat eben nicht gut genug recherchiert.

Damals habe ich einfach "Ja" gesagt. (Josef übrigens auch, soweit ich das weiß.) "Ja" zu einer Situation, die alles auf den Kopf stellte und mich aus dem gesellschaftlichen Lauf der Dinge katapultierte. Ich habe das Abenteuer gewagt, weil es sich mir auf den Leib drängte. Es war mir aufgetragen.

Jene, die mich zur demütigen Ja-Sagerin gemacht haben, irren sehr. Es sind dieselben, die mich meiner Sexualität beraubten, die von meinen weiteren Kindern nichts wissen wollten, weil sie nicht in ihr Bild passten. Marie, die reine Magd. Nichts davon passt zu mir.

Ich habe entschieden. Eine Vier-Augen-Sache zwischen mir und Gott. Kein Mann hat da mitgemischt. Ich wusste nicht, was wird. Eine Garantie gab es nicht, aber die gibt es ja nie. Egal, ob man sich für ein Kind entscheidet oder für Gericht Nummer 117 beim Chinesen.

Wagt es: Sagt öfter mal "Ja". Seid mutig, folgt eurem Bauchgefühl, der Inspiration, auch das sind Namen Gottes. Seid hellhörig für das, was euch ruft. Ich meine kein "Ja" zu allem und jedem, kein "Ja" zu den Erwartungen der anderen (die habe ich ganz sicher nicht erfüllt).

Kein "Ja", weil es sein muss oder weil es sonst keiner tut. Seid entschieden, tragt eure Bestimmung in die Welt. Wagt Wege, die niemand vor euch gegangen ist. Lasst euch nicht einreden, ihr geht zu weit. Ich sage euch:

Es geht immer weiter. Weiter, als ihr denkt.

Eure Maria

MARIA diskutiert erstmal. Da sagt ein Engel, dass sie schwanger wird, und sie will wissen, wie und weshalb. Dann willigt sie ein. Die Bibel erzählt keine Geschichte einer passiven Dienerin. Sondern die Geschichte einer Frau, die zur Prophetin wird. Sie bringt den Sohn Gottes zur Welt und mindestens sechs weitere Kinder. Jedenfalls sind Jesu Geschwister an vielen Stellen des Neuen Testamentes genannt. Spätere Interpreten erklären sie zu Josefs Kindern aus erster Ehe.

"Die Heilige Geistkraft wird über dich kommen", sagt der Engel. Wenn die Bibel von dieser Kraft spricht, werden Menschen zu Propheten. Und tatsächlich redet Maria in der folgenden Szene prophetisch. Sie tritt in die Fußstapfen der Prophetin Mirjam, der Schwester Mose, deren Namen sie trägt (Maria ist die lateinische Form von Mirjam): "Gott, mein Retter, hat Großes an mir getan. Er stürzt Mächtige vom Thron, die Unterdrückten erhöht er."

FOLGE 1: Eva

Liebe Schwestern,

was machen Tagträumer nachts? Fürchtet die Dunkelheit das Licht oder sehnt sie sich danach? Wie heißt das Tuwort von Frieden?

Wäre es eine Befreiung, unfrei zu sein, weil wir dann aller Entscheidungen enthoben wären? Der wievielte Tropfen macht aus einer Pfütze einen See?

Wisst ihr noch, wie es sich anfühlte, als das Leben aus tausend Fragen bestand? Als unsere Kinderaugen die Welt entdeckten? Dann wurden wir groß, fingen an, über Steuererklärungen und Mülltrennung nachzudenken, und die Fragen verschwanden. Aber vielleicht sind es gar nicht die Fragen, die nicht mehr da sind, sondern unser Kinderherz, das verschwunden ist.

Das neugierig die Welt betrachtet und noch alle Antworten für möglich hält. Stell dir vor, sagte meine Mutter, das Leben ist ein riesiger Garten voller Apfelbäume. Jeder einzelne Apfel ist eine Erkenntnis. Du kannst dir erzählen lassen, wie der Apfel schmeckt. Oder du probierst ihn selbst.

Die Neugier ist der Anfang von allem. Ohne die Neugier wären wir nicht dort, wo wir heute sind. Meine Neugier hat Türen geöffnet. Sie hat ins Weite geführt. Es gibt Ängstliche (und oft sind es Männer), denen behagt diese Weite nicht. Sie flüchten sich in Häme: Das hat sie nun davon, sagen sie. Geschieht ihr recht. Alles verloren.

Glaubt mir: Häme ist keiner der Namen Gottes. Das Paradies ist nicht verloren. Es ist kein ferner Ort, an den wir nicht zurück können. Es ist eine Heimat, die wir in uns tragen. Wir nehmen es mit, wo immer wir hingehen. Das Paradies ist da, wo wir seine Türen öffnen. Mitten in der Welt.

Suchende sollen wir sein, nicht Sichere. Lasst uns die Welt staunender verlassen, als wir sie betreten haben. Bleibt dem Geheimnis auf der Spur, nicht jedem Nachrichtenschnipsel. Folgt den Fragen und nicht den Antworten, die verführerisch und leicht verdaulich ins Netz locken. Lasst euch nicht einfangen. Taucht tiefer. Gott hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, nicht die Sicherheit.

Eure Eva

 

Eva steht am Anfang der Bibel. Mit ihrer Neugier, heißt es, habe sie die Sünde in die Welt gebracht. Dabei ist in der Geschichte gar nicht von Sünde die Rede, sondern von Erkenntnis. Die ist vielen nicht geheuer, denn wenn Menschen Dinge hinterfragen, beginnen Hierarchien zu wackeln. Eva wurde zur Schuldigen gemacht. Ihretwegen sei der Mensch aus dem Paradies vertrieben worden.

Das Wort "vertreiben" erinnert an die Geburt: Der Säugling wird aus dem Mutterleib getrieben, um ein eigenes Leben zu beginnen. Das ist schmerzhaft und befreiend. So gesehen ist die Paradiesgeschichte eine Geburtsgeschichte. Eva als "Mutter aller Lebenden", was der hebräischen Bedeutung ihres Namens entspricht. Gott hat die Welt und den Menschen erschaffen. Eva hat den Menschen zur Welt gebracht.

Susanne Niemeyer bloggt regelmäßig auf www.freudenwort.de

Stand: 28.01.2020