Einfach machen

Sina Trinkwalder hat ein soziales und ökofaires Unternehmen aufgebaut

Von Stephanie Meyer-Steidl

Zwei Stunden hat sie in der Nacht geschlafen, seit halb sechs in der Früh ist sie wieder im Büro. Die Produktion einer neuen Tasche bereitet gerade Probleme. Deshalb heißt es für Sina Trinkwalder, jetzt noch mehr Gas zu geben als sonst. Noch schneller zu denken, noch schneller zu reden, noch schneller zu entscheiden. Im Sprint geht es runter in die Halle zu den Näherinnen, Stoffe prüfen und Termine besprechen. Zwischendurch muss mit der Bank und einem Lieferanten telefoniert werden. Und auf dem Weg zurück ins Büro gibt es Tipps für eine Mitarbeiterin, die eine Wohnung sucht. Nicht lange fackeln, nicht diskutieren, keine langwierigen Besprechungen. Einfach machen, zack, zack, zack.

Sina Trinkwalder ist die treibende Kraft bei Manomama. Vor acht Jahren hat die 40-Jährige die Textilfirma mit dem Zungenbrecher-Namen in Augsburg gegründet. Auf den ersten Blick sieht man dem zweistöckigen Gebäude im Container-Look das Besondere nicht an: Manomama stellt ökologisch wertvolle Kleidung her und verarbeitet dabei ausschließlich Rohstoffe aus der Region. Nur die Baumwolle, die kommt aus Tansania.

Konsequent regional ist auch der Produktionsprozess. Kein Arbeitsschritt wird ausgelagert, alles ist "Made in Augsburg". Hier wird gesponnen und gewebt, gestrickt, genäht und gefärbt. Abfälle gibt es auch so gut wie keine: Stoffreste, die beim Zuschneiden entstehen, werden zerkleinert und zu T-Shirts verarbeitet.

Manomama will aber nicht nur in Sachen Ökologie Vorreiter sein, sondern auch soziale Standards setzen. Das Unternehmen stellt Menschen ein, die als nicht vermittelbar gelten: Langzeitarbeitslose, Frauen und Männer mit Handicap oder ohne Schulabschluss, Alleinerziehende und Migranten. 135 Menschen mit "multiplen Vermittlungshindernissen", wie sie bei den Jobcentern heißen, sind derzeit bei der Firma beschäftigt, unbefristet und für mindestens zehn Euro Stundenlohn.

Wer in der regulären Arbeitswelt keine Chance mehr hat - hier bekommt er sie. "Ich will zeigen, dass wir auch die Ausgegrenzten in unserer hochgezüchteten Leistungsgesellschaft integrieren können", sagt Trinkwalder. "Die kommen anfangs hier rein, zaghaft und misstrauisch. Nach ein bis zwei Jahren löst sich dieses Gedrückte auf. Dann wissen sie, dass sie etwas wert sind, dass sie Fähigkeiten haben, die ihnen vorher niemand zugetraut hat."

Für dieses Erfolgserlebnis musste sich die Powerfrau umstellen: zum Beispiel in Geduld üben, weil nicht alle so schnell sind wie sie. Oder akzeptieren lernen, dass es Menschen gibt, die vertraute Abläufe schätzen und sich nur ungern auf Unbekanntes einlassen.

Wie zum Beispiel bei der neuen Taschenproduktion. Die Menschen erlebten bei Manomama oft zum ersten Mal im Leben Sicherheit und Stabilität. Am liebsten würden sie sich darin einrichten und immer dasselbe machen, immer denselben Handgriff, immer mit demselben Stoff oder derselben Farbe arbeiten.

Viel Zeit brauche es daher, so Trinkwalder, um Verunsicherungen abzubauen und zu motivieren. "Wir sind ein chaotischer Sauhaufen", sagt sie lachend. "Aber letztlich gilt, dass jeder bei uns so sein kann wie er ist." Und dass jeder seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechend arbeiten darf.

So wie Monika, die nur mit ihrem Vornamen genannt werden will. Vom ersten Tag an ist sie dabei. Als sie sich bei Manomama bewarb, stellte sie klar: Ich kann alles, außer nähen. Macht nichts, meinte Sina Trinkwalder, wir finden trotzdem einen Job für dich. Seit acht Jahren prüft Monika nun, ob die Nähte der Taschen ordentlich sitzen und ob das Muster stimmt.

Dazu zieht sie die auf links gedrehte Tasche über ein Metallgestell und stülpt sie dann um, schaut, fährt mit den Fingerkuppen über den Stoff, bei insgesamt um die 3000 Stück am Tag. Links und rechts von ihr liegen aufgetürmt die Taschen, gegenüber sitzen dicht an dicht Kolleginnen, viele an Nähmaschinen. Es lärmt wie im Maschinenraum eines Schiffes.

"Bei Manomama gefällt mir alles", sagt Monika. "Tolles Arbeitsklima, flexible Arbeitszeiten." Wenn sie um sechs Uhr anfängt, kann sie um 14 Uhr aufhören, dann ist noch was dran am Tag. Ausgebildet als Friseurin, hat sie schon Akkord in einer Strumpffabrik gearbeitet, sie war in der Gastronomie und in der Altenpflege. Hier will sie jetzt bleiben.

Sina Trinkwalder ist für ihr Engagement als Sozialunternehmerin vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis und dem Bayerischen Bürgerkulturpreis. Sie hat drei Bücher geschrieben, das vierte ist in Planung. In Talkshows ist sie ein gern gesehener Gast, weil sie sagt, was sie denkt und sich mit Politikern anlegt, vor allem mit konservativen.

Turbo-Kapitalisten und Globalisierungs-Befürwortern liest sie in ihren Vorträgen, Tweets und Facebook-Einträgen die Leviten. Manomama ist eine Erfolgsgeschichte - gilt das auch in finanzieller Hinsicht? Trinkwalder schüttelt den Kopf: "Das ist immer wieder ein Überlebenskampf, mehr als eine schwarze Null ist trotz voller Auftragsbücher nicht drin." Schulden bei der Bank hat sie trotzdem nicht, die Firma ist zu 100 Prozent eigenkapitalfinanziert.

Vor Manomama führte Trinkwalder zusammen mit ihrem ­Ex-Mann eine Werbeagentur, zwei Millionen Euro daraus haben die beiden in Manomama gesteckt. Aber auf monetären Gewinn kommt es ihr sowieso nicht an. Sie will Gesellschaft verändern, wegkommen von Leistung, Geld und Statussymbolen. Nur der Mensch und seine individuellen Bedürfnisse sollen den Takt vorgeben.Um diese Utopie zu verwirklichen, würde sie auch vor radikalen Maßnahmen wie der Umverteilung von Vermögen nicht zurückschrecken.

Visionen und Ideen treiben Trinkwalder an. Ständig schwirrt ihr etwas Neues im Kopf herum. Das gehört dann auch fix umgesetzt, langfristige Planungen sind nicht ihr Ding. Demnächst bringt sie eine Upcycling-Kollektion auf den Markt. Darin sind Stoffe verarbeitet, die woanders aussortiert wurden und normalerweise im Schredder landen würden.

Besonders am Herzen liegt ihr ein wasserdichter Rucksack, den sie an Obdachlose verschenkt, gefüllt mit Hygienetüchern, Mundwasser, Studentenfutter, Lesestoff. Hergestellt wird er aus Zuschnittresten eines Markisenherstellers. Zu den Prototypen hat sie obdachlose Menschen um ihre Meinung gebeten und nach deren Rückmeldung Klettverschlüsse statt der geplanten Reißverschlüsse eingesetzt.

Oft wird sie gefragt, wie sie das alles schafft. Unter anderem mit viel Pragmatismus, maximal vier Stunden Schlaf und bis zu 30 Tassen Kaffee am Tag, antwortet sie dann. Aber am wichtigsten sei "eine derbe innere Antriebskraft". Sonst ginge so etwas nicht.

Und wie kam sie auf den Namen Manomama? Dazu habe sie Magnus inspiriert. Als der noch klein war und mit dem Joghurtessen nicht zurande kam, moserte er rum: "Mano Mama!" Da wusste sie, wie ihr Unternehmen heißen sollte. Ach ja, einen zwölfjährigen Sohn hat Sina Trinkwalder nämlich auch noch.

In Zusammenarbeit mit Manomama hat die kfd eine praktische Alltagstasche aus zertifizierter Baumwolle produziert. Der naturfarbene Stoff ist einseitig mit einem roten, floralen Muster bedruckt. Für 2,90 Euro ist die Tasche im Online-Shop des kfd-Bundesverbandes erhältlich (www.kfd.de/shop).

Stand: 28.08.2018