Zeugnis geben

Der Verein Heimatsucher sorgt dafür, dass die Geschichten von Überlebenden des Holocaust nicht in Vergessenheit geraten

Von Jutta Oster

Noch leben viele der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die den Holocaust überstanden haben. Doch wer erzählt ihre Geschichten und hält das Gedenken an die Shoah wach, wenn sie selbst nicht mehr leben? Eine überzeugende Antwort hat der Düsseldorfer Verein "Heimatsucher" gefunden: Er bildet Ehrenamtliche ebenso wie Kinder und Jugendliche zu "Zweitzeugen" aus und trägt so die Schicksale der Holocaust-Überlebenden weiter.

Die Kinder aus Deutschland sind weit weg - mehr als 70 Jahre und 3000 Kilometer oder vier Flugstunden trennen Chava Wolf aus Israel von ihnen. Und doch könnten ihr die Schülerinnen und Schüler in diesem Augenblick kaum näher sein. "Das ist das größte Geschenk, das ich im Leben bekommen habe", sagt Chava Wolf, als sie die Briefe liest, die ihr die deutschen Kinder geschrieben haben. "Endlich werde ich als Mensch gesehen.

Viele Jahre lang hat mich niemand als Mensch gesehen." Die Holocaust-Überlebende und gebürtige Rumänin ist ebenso verwundert wie bewegt, dass die Schülerinnen und Schüler - ausgerechnet aus dem Land der Täter - mit ihr fühlen, dass ihr Schicksal ihnen nicht gleichgültig ist. Ein Team des Düsseldorfer Vereins "Heimatsucher" ist nach Israel geflogen, weil es 300 Briefe von Kindern und Jugendlichen persönlich an Überlebende der Shoah übergeben wollte, und hat diesen besonderen Moment gefilmt.

Genau das ist das Ziel von Heimatsucher: Begegnungen ermöglichen und der deutschen Geschichte ein Gesicht geben, um junge Menschen gegen den Rassismus zu stärken und die Geschichten der Überlebenden des Holocaust vor dem Vergessen zu bewahren.

Sarah Hüttenberend (31) hat Heimatsucher zusammen mit einer Freundin, Anna Damm, vor sieben Jahren gegründet. Dass daraus ein Verein mit inzwischen 80 Ehrenamtlichen werden würde, war anfangs nicht geplant, vielmehr ist das Projekt aus einer Studienarbeit entstanden: Die beiden Design-Studentinnen waren für vier Wochen nach Israel gereist, mit dem vagen Plan, Überlebende der Shoah zu porträtieren, aber ohne Kontakte oder feste Verabredungen.

Zurückgekommen sind sie "mit einem Rucksack voller Bilder und Eindrücke", erzählt Sarah Hüttenberend, mit Lebensgeschichten und Begegnungen, die sie nicht mehr vergessen können, mit Freundschaften, die bis heute halten. Selbst ihr Professor, eigentlich jemand, der nicht so leicht Gefühle zeigt, musste um Fassung ringen, als er die Fotos und Interviews der Zeitzeugen in einer Ausstellung zum Semesterende sah. Da war den jungen Frauen klar: Wir haben eine Verantwortung, diese Zeugnisse weiterzugeben.

Weitergeben heißt für die beiden vor allem: weitererzählen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Heimatsucher gehen in Schulen, um Kindern und Jugendlichen von den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des NS-Regimes zu erzählen. Bei diesen Begegnungen steht eine einzelne Lebensgeschichte im Mittelpunkt, weil das Team davon überzeugt ist, dass sich nur so das Unbegreifliche des Holocaust, durch den sechs Millionen Juden ums Leben kamen, begreifbar machen lässt.

Mehr als 3500 Mädchen und Jungen hat der Verein auf diese Weise bereits erreicht. Das pädagogische Konzept von Heimatsucher folgt dem Prinzip "Herz, Kopf und Hand". Die Schülerinnen und Schüler können sich mit den Zeitzeugen identifizieren, weil deren Geschichten von Kindheit an erzählt werden. Aus den Überlebensgeschichten erkennen sie die Mechanismen von Ausgrenzung und sollen selbst aktiv werden, wenn sie Rassismus, Ausgrenzung und Vorurteile in ihrem Lebensumfeld erkennen.

Gerade dieser Bezug zum Heute ist den Heimatsuchern wichtig, denn "Rassismus hört ja nicht mit dem Jahr 1945 auf", sagt Sarah Hüttenberend. Die Ehrenamtlichen arbeiten bereits mit Grundschülern ab der vierten Klasse zusammen. Ist das nicht ein bisschen früh, um ein so schweres Thema wie den Holocaust zu vermitteln? Sarah Hüttenberend schüttelt entschieden den Kopf. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass gerade Grundschüler die Geschichten der Überlebenden mit dem Herzen begreifen, sich über Ausgrenzung und Ungerechtigkeit empören können.

Manche Klassen brauchen Minuten, bis sie sich wieder beruhigt haben. Zum Beispiel dann, wenn sie hören, dass eigentlich gute Schüler schlechte Noten bekamen, nur weil sie jüdischen Glaubens waren. Die Kinder und Jugendlichen hören die Geschichten von Zeitzeugen und erzählen sie weiter, etwa an ihre Eltern oder Freunde, oder sie schreiben Briefe an die Überlebenden, wie an Chava Wolf. So werden sie genau wie die Ehrenamtlichen zu Zweitzeugen - getreu dem Leitsatz des im vergangenen Jahr verstorbenen Holocaust-Überlebenden und Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel: "All jene, die zuhören, werden selbst zu Zeugen werden."

Neben der Arbeit in Schulen vermittelt der Verein auch eine Wanderausstellung mit Fotos und Interviews der Holocaust-Überlebenden, die bereits 10.000 Menschen gesehen haben, und veröffentlicht Porträts. Für dieses Engagement ist der Verein mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden, unter anderen 2016 mit dem "Startsocial"-Sonderpreis durch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihre Laudatio begann die Bundeskanzlerin mit einem Humboldt-Zitat: "Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft."

Mit der Vergangenheit verbindet Sarah Hüttenberend inzwischen viele Lebensgeschichten, für eine aber fühlt sich die Heimatsucher-Vorsitzende besonders verantwortlich: Das Schicksal "ihrer" Zeitzeugin Frieda Kliger ist ihr nahegegangen, einer Frau, die die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen überlebte. Die sich schwor, nie wieder mit einer Deutschen oder einem Deutschen zu sprechen und sich doch überzeugen ließ, ihre Geschichte zu erzählen - und sie so vor dem Vergessen zu retten.

So wie es zwei Fünftklässlerinnen in einem Brief an Frieda Kliger formulieren: "Wir haben Ihre Geschichte gelesen und finden es toll und mutig, dass Sie Ihre Geschichte öffentlich gemacht haben, damit wir Kinder und alle anderen wissen, was im Weltkrieg Schreckliches mit den Juden passiert ist."

"Ich spüre keine Schuld, aber Verantwortung" Marina Kauffeldt (20), Studentin aus Münster:

 "Mich beschäftigt das Thema Holocaust bereits seit meinem neunten Lebensjahr, seit meine Eltern mit meinem Bruder und mir das Konzentrationslager und die Gedenkstätte Sachsenhausen besucht haben. Seit dieser Zeit habe ich meinen Eltern viele Fragen gestellt, Bücher zum Thema und Zeitzeugenberichte gelesen. Bei einer Israelfahrt habe ich dann eine ehrenamtliche Mitarbeiterin von Heimatsucher kennengelernt und mich gleich dazu entschieden, bei dem Projekt mitzumachen.

Aktuell koordiniere ich die Arbeit der Ehrenamtlichen und leite das ,Team Interviews'. Bei der Beschäftigung mit dem Holocaust habe ich mich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, welche Rolle ich heute übernehmen kann. Ich spüre als Vertreterin der Enkelgeneration zwar keine Schuld mehr, aber durchaus eine große Verantwortung. Darin bestätigt mich auch die aktuelle politische Situation mit aufkeimenden rechtspopulistischen und rechtsextremen Tendenzen. Dagegen möchte ich eine Stimme sein und zeigen, dass man etwas tun kann. Heimatsucher bestärkt mich darin, mutig zu sein und die Hoffnung nicht zu verlieren."

"Die Erinnerung wach halten" Ruth Künzel (29), Studentin aus Köln:

 "Eine gelingende deutsche Erinnerungskultur liegt mir schon seit langem am Herzen - eigentlich seit ich in der sechsten Klasse in einem Theaterstück an der Schule ein Kind aus dem damaligen Ghetto Wilna gespielt habe und in diesem Moment sehr gut nachempfinden konnte, wie sich Ausgrenzung anfühlt.

Später habe ich Bücher zum Thema gelesen, ein Praktikum in der Gedenkstätte Sachsenhausen gemacht und in einem Wissenschaftsprojekt zur Erinnerungskultur in der Euregio Maas-Rhein mitgearbeitet. Doch das waren immer nur einzelne Projekte. Bei Heimatsucher kann ich mich endlich langfristig engagieren.

Ich bin seit 2015 dabei, habe mich anfangs um die Gestaltung der Internetseite gekümmert und leite jetzt das Team Netzwerk. Bei meiner ehrenamtlichen Arbeit treibt mich an, dass die Erinnerungsarbeit niemals abgeschlossen sein darf, das gilt gerade heute, vor dem Hintergrund des Rechtspopulismus in Deutschland und Europa. Die Geschichten der Überlebenden des Holocaust dürfen niemals verlorengehen. In der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern und Erwachsenen erlebe ich immer wieder hoffnungsvolle Momente, die mir zeigen, dass jeder sich im Kleinen dem Rassismus entgegenstellen kann."

"Den Holocaust aus menschlicher Sicht begreifen" Wencke Stegemann (38), Bildungsreferentin aus Hamburg:

 "Ich setze mich seit vielen Jahren mit der Aufarbeitung des Holocaust auseinander - auch beruflich: Als Referentin in der politischen Bildung organisiere ich Studienfahrten, etwa nach Auschwitz oder Israel. Oft begegne ich einem Schwarz-Weiß-Denken. Die einen vertreten die Ansicht, dass wir Deutschen eine historische Schuld abarbeiten müssen, die anderen wollen von dem Thema nichts mehr wissen.

Heimatsucher hat einen Zugang geschaffen, der mir gefällt: Der Verein zeigt den Holocaust aus menschlicher Perspektive, macht anhand von persönlichen Lebensgeschichten begreifbar, was die Shoah für die Einzelne, den Einzelnen bedeutete. Die Verantwortung, die wir daraus ziehen sollten, ist für mich universal. Es geht darum, was Menschen Menschen antun können. Und das gilt leider auch noch heute.

Wie gut das Zweitzeugen-Konzept funktioniert, habe ich in Schulen beobachtet. Durch das Erzählen von Lebensgeschichten finden die Kinder und Jugendlichen einen Bezug zu den Überlebenden, können mit ihnen fühlen. Das motiviert mich. Ich organisiere seit 2016 für Heimatsucher die Israelfahrten. Im Juli werden wir mit 16 Ehrenamtlichen aufbrechen, um mit Zeitzeugen zu sprechen und das Land kennenzulernen."

Der Verein Heimatsucher

Über viele Jahrzehnte haben Zeitzeuginnen und Zeitzeugen selbst Schulklassen besucht und Vorträge gehalten, um ihre Überlebensgeschichten zu erzählen. Damit sie nicht in wenigen Jahren verstummen, übernimmt der Verein Heimatsucher mit seinem Zweitzeugen-Konzept diese Aufgabe. Wer sich für das Projekt einsetzen möchte, kann das mit ehrenamtlicher Mitarbeit, über eine Mitgliedschaft oder über Spenden tun. Als Projektpartner kommt Heimatsucher auch an Schulen und verleiht seine Wanderausstellung. Weitere Informationen: www.heimatsucher.eu

Stand: 20.12.2017