Das unbequeme Prinzip

Wie verhält sich die Barmherzigkeit zur Gerechtigkeit?

Von Stephan Goertz

Im bald zu Ende gehenden Heiligen Jahr der Barmherzigkeit ist viel Kluges über diese Tugend gesagt und geschrieben worden. Eine christliche Moral, die den Notleidenden nicht helfen, den Sündern nicht vergeben und Menschen in schwierigen Lebenssituationen unnachsichtig begegnen würde, ist nicht vorstellbar. Denn genau das fordert die Barmherzigkeit: Hilfe, Vergebung und Nachsicht.

Für Papst Franziskus ist Barmherzigkeit die wichtigste Botschaft des Evangeliums. Sie zeigt uns, wie Gott ist und was er von uns, von jedem Einzelnen und von der Kirche, erwartet. Wer barmherzig ist, der beweist, dass ihm das Leid, die Nöte und Sorgen der Mitmenschen nicht gleichgültig sind. Der Theologe Johann Baptist Metz spricht von der christlichen "Mystik der offenen Augen" - nur wer Elend und Not sehen will, sich von ihnen berühren lässt, wird barmherzig handeln. Ganz so, wie die Bibel von Gott erzählt: "Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid" (Exodus 3,7).

Im Apostolischen Schreiben "Amoris laetitia" über die Liebe in der Familie hat Franziskus eine vieldiskutierte Konsequenz aus seinem Verständnis von Barmherzigkeit gezogen. Der Papst hält den bisherigen Umgang mit den wiederverheirateten Geschiedenen offenbar für teilweise unnachsichtig und rigoristisch. Konkret geht es um die kirchliche Forderung, dass Wiederverheiratete sexuell enthaltsam leben müssen, wenn sie die Sakramente empfangen wollen. Franziskus sieht die menschlichen Härten, die dieses kirchliche Gebot produzieren kann, und handelt.

Aber ist die Barmherzigkeit gegenüber Wiederverheirateten, um einen Moment bei diesem Beispiel zu bleiben, nicht ein unnötiger Umweg? Haben sie und andere Gläubige in den sogenannten irregulären Lebenssituationen nicht vielmehr einen Anspruch darauf, gerecht behandelt zu werden? Gerecht in dem Sinne, dass gefragt wird, ob es nicht für ihre Lebenssituation menschlich nachvollziehbare, moralisch gute und christlich anerkennenswerte Gründe gibt. Viele Menschen, die ihr Leben außerhalb mancher kirchlicher Gebote, aber innerhalb eines christlichen Ethos leben, empfinden die Haltung der Barmherzigkeit ihnen gegenüber als deplatziert, vielleicht sogar als herablassend. Sie erwarten, dass die Haltung der Barmherzigkeit in einer Ordnung der Gerechtigkeit mündet.

Wie verhalten sich Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zueinander? Franziskus schreibt: "Mit Barmherzigkeit ist die Gerechtigkeit gerechter und verwirklicht sich so tatsächlich selbst" (Der Name Gottes ist Barmherzigkeit, S. 104). Es scheint also etwas zu fehlen, wenn die Gerechtigkeit die Barmherzigkeit ignoriert. Es würde der Blick für das konkrete Leid und Elend der Menschen fehlen. Der Wille zum genauen Hinschauen. Barmherzigkeit ist praktizierte Empathie.

Denn auch dann, wenn wir denken, alles sei gerecht geregelt, können Menschen auf der Strecke bleiben, unter Anforderungen zusammenbrechen. In der Bibel spielt die Parteinahme für die Armen und Schwachen eine zentrale Rolle in der Botschaft vom Reich Gottes. Aber kann es andererseits nicht auch passieren, dass die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit ignoriert? Wenn das Mitleid willkürlich auswählt, wem es helfen will. Was ist mit denen, die im Schatten der Aufmerksamkeit leben? Es wäre nicht gerecht, sie zu vergessen. Gerechtigkeit weist immer dieses Moment der Unparteilichkeit auf. Die Barmherzigkeit, so ließe sich beides zusammenführen, treibt die Gerechtigkeit an, immer weiter an menschenwürdigen Verhältnissen für alle zu arbeiten.

Damit sind wir bei der Frage angelangt, was wir heute unter Gerechtigkeit verstehen. In der Sozialphilosophie und besonders auch in der christlichen Sozialethik gilt die Gerechtigkeit als ein ethisches Grundprinzip, das heißt die Grundsätze der Gerechtigkeit sollen in der Gesellschaft unbedingt respektiert werden. Schon in der Antike hat man über solche Grundsätze einer gerechten Gesellschaft nachgedacht. Gerecht sei eine Gesellschaft dann, wenn sie dem allgemeinen Wohl dient, wenn sie die Güter gut verteilt, wenn sie Nachteile auf vernünftige Weise ausgleicht. Dabei gelte grundsätzlich, dass Gleichen Gleiches und Ungleichen Ungleiches zustehe. Ebenso fundamental ist die Formel, jedem das Seine zu geben.

Beide Formeln konnten aber etwa nicht verhindern, dass die Sklaverei gerechtfertigt wurde. Wenn bestimmte Menschen von Natur aus Sklaven sind, wie viele dachten, dann tut man ihnen kein Unrecht, sie anders als freie Bürger zu behandeln. Erst in der Neuzeit und nicht ohne christliche Einflüsse kommt es zur Idee einer sozialen Gerechtigkeit. Eine Gesellschaft ist demnach erst dann gerecht, wenn sie die gleichen Rechte und berechtigten Interessen aller ihrer Mitglieder anerkennt.

Die moderne Vorstellung von Gerechtigkeit ist also eng mit den Menschenrechten verbunden. Eine gerechte Gesellschaft ist eine die Rechte eines jeden Menschen als Menschen garantierende und schützende Gesellschaft. Es geht nicht darum, wie man in manchen Integrations-Diskussionen dieser Tage denken könnte, einen bestimmten Lebensstil für alle zur Pflicht zu machen. Gerechtigkeit verlangt etwas anderes. Sie verlangt, einen jeden Menschen als eine Person anzuerkennen, die die Fähigkeit besitzt, nach eigenen religiösen oder moralischen Vorstellungen das eigene Leben zu gestalten.

In einer gerechten Gesellschaft respektieren sich die Personen wechselseitig in ihrer Freiheit. Die Institutionen einer gerechten Gesellschaft - etwa das Recht, die Bildung, Ehe und Familie - sollen dieser gemeinsamen Freiheit dienen. Die individuelle Freiheit ist das höchste Gut, gegenüber dem wir uns gerecht verhalten sollen. Sie ist der Maßstab, um gerechte von ungerechten Verhältnissen zu unterscheiden.

Für den Bereich der Politik bedeutet dieser Maßstab, dass die Gerechtigkeit mit der Demokratie auf Engste verbunden ist. Alle Emanzipationsprozesse von unterdrückten Mehr- oder Minderheiten zehren von dieser Idee der Gerechtigkeit. Für den Frankfurter Sozialphilosophen Axel Honneth sind individuelle Selbstbestimmung und Gerechtigkeit so miteinander verzahnt, dass sie "nur um den Preis der kognitiven Barbarisierung", also gegen die Einsichten der jüngeren Geschichte, wieder voneinander getrennt werden könnten.

Gemeinsame Freiheit ist das Ziel von Gerechtigkeit. Dieser Zielpunkt stellt hohe Anforderungen an die Gesellschaft und ihre Institutionen. Sind wirklich alle befähigt, ihr Leben selbst zu gestalten? Steht materielle oder seelische Not dem entgegen? Haben alle die gleichen Chancen, ihre Rechte wahrzunehmen? Eine gerechte Gesellschaft wird sich immer wieder selbstkritisch solche Fragen stellen müssen.

Gerechtigkeit ist ein unbequemes Prinzip. Unbequem ist das Grundprinzip der Gerechtigkeit aber nicht nur für weltliche Verhältnisse, denen ein ethischer Maßstab vorgehalten wird. Auch die Religionen werden mit den Ansprüchen der Gerechtigkeit konfrontiert. Zumal dann, wenn sie einen Gott verkünden, der allen Menschen zu ihrem Recht verhelfen will.

Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist in der katholischen Kirche nicht grundlos zu einer elementaren Frage der Gerechtigkeit geworden. Die Frage, ob in ihr Männer und Frauen gleichermaßen in gemeinsamer, ungezwungener Freiheit miteinander umgehen können oder nicht, ist für die katholische Kirche zur Gretchenfrage geworden. Wird es nach dem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit in Zukunft ein Heiliges Jahr der Gerechtigkeit geben?

Stephan Goertz ist Professor für Moraltheologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

Stand: 20.12.2017