Das Beste kommt zum Schluss

Mit 83 Jahren fand kfd-Mitglied Leni Hauger eine neue Liebe – und genießt seitdem ihr spätes Glück in vollen Zügen

Von Stephanie Meyer-Steidl

Noch einmal neu anfangen, sich für nichts zu alt fühlen, sondern das Leben leben, wie es kommt: Leni Hauger hat sich bei der Redaktion gemeldet, um mit ihrer Erfahrung "Mut zu machen, auch im Alter noch einmal etwas Außergewöhnliches zu wagen". Ihr Brief und was sie darin erzählte, hat uns so berührt, dass wir ihre Geschichte erzählen wollen: vom Leben – und von der Liebe.

Auf einmal ist da diese Sache mit dem Kuss. Leni Hauger hat es sich gerade auf dem Sofa bequem gemacht, freut sich auf den Abend mit ihrem Bekannten Bernhard Koch. Seit 35 Jahren kennen und schätzen sich die beiden. Regelmäßig sieht man sich beim "Rentnertreff" der ehemaligen Firma, und – nachdem die Ehepartner gestorben waren – machen sie Ausflüge und gehen gemeinsam wandern. Jetzt sitzen sie nebeneinander auf der Couch, vielleicht werden sie Musik hören oder eine DVD einlegen. Leni Hauger trägt ein legeres Hauskleid, und Bernhard Koch sagt plötzlich: "Wir haben uns noch gar nicht richtig geküsst!" Da ist sie fassungslos. So was von überrumpelt. Mit so etwas hatte sie am allerwenigsten gerechnet. Und lässt sich küssen.

Wenn Leni Hauger von diesem Moment im November 2013 erzählt, strahlt sie von Kopf bis Fuß: "Das war elementar, ein Gefühl wie beim allerersten Kuss, Schmetterlinge im Bauch, alles das!" Fast 85 Jahre ist sie alt, wasserblau blitzen die Augen, der Lidschatten ist etwas dunkler. Eine hellblaue Bluse mit Blümchenmuster – am Dekolleté gerüscht – fällt locker über eng anliegende Leggings. Die Nägel schimmern perlmuttfarben, die Fußnägel sind rot lackiert. Sie erzählt rasch und viel, ihre Hände reden mit, und auch nach 60 Jahren in Baden-Württemberg hat ihre Stimme den Klang der rheinländischen Heimat.

"Nach diesem Kuss brach etwas in uns auf, von dem wir dachten, es sei bereits tot." Nach diesem Kuss war Leni Hauger und Bernhard Koch klar, dass sie mehr voneinander wollten. Mit über 80 Jahren hatten sie Lust aufeinander. Für jüngere Menschen ist das nahezu unvorstellbar: Verliebtsein mit allem Drum und Dran, körperliche Nähe, Hingabe – das lässt sich mit 20, 40 oder vielleicht noch 50 Jahren erleben. Aber mit 70 oder gar 80? Da ist der Ofen doch schon lange aus. Leni Hauger lacht wie ein Teenager: "Das stimmt nicht. In dieser Beziehung sind wir nicht alt!"

Trotzdem hatten sie ein Problem. Beide sind katholisch, und was die Vorstellungen über Ehe und Partnerschaft angeht, sogar sehr katholisch. Bernhard Koch noch ein bisschen mehr als Leni Hauger. Das bedeutete: keine körperliche Liebe ohne den Segen der Kirche. Gott fügt Mann und Frau in der Ehe zusammen, und deshalb haben Leidenschaft und Begehren auch nur dort ihren Platz. Nach der Erkenntnis, die auf den Kuss folgte, gab es also nur zwei Möglichkeiten: Trennung oder Heirat.

"Eigentlich wollte ich nicht wieder heiraten", beteuert Hauger. Mit knapp 50 Jahren war sie zum ersten Mal Witwe geworden, das jüngste der vier Kinder war damals erst zehn Jahre alt. Mit ihrer Anstellung als Sekretärin hat sie die Familie über die Runden gebracht. Ihr zweiter Mann starb, als sie in Rente ging. Zwei Partner verloren zu haben – das war beide Male ein Schock, den sie nicht noch einmal erleben wollte.

Aber andererseits war da nun diese neue Situation. Die zwei frisch Verliebten waren entflammt füreinander, fühlten sich am Ende ihrer moralischen Kräfte. "Als Bernhard mich fragte, ob wir nicht heiraten sollten, habe ich mir schließlich gedacht: Ja, warum nicht?"

Am Nikolaustag, zwei Wochen nach dem Kuss, stehen sie vor dem Traualtar, Leni Hauger im dunkelblauen Kostüm. Da es seit Anfang 2009 in Deutschland möglich ist, ohne Standesamt kirchlich zu heiraten, mussten sie lediglich einen Priester bitten. Dem habe sie eingeschärft, den Satz mit den Kindern, die Gott schenken will, lieber wegzulassen.

"Bernhard und ich und der Pfarrer waren da, niemand sonst wusste von der Hochzeit", erzählt sie. Auch nicht die insgesamt acht Kinder, deren Partnerinnen und Partner und die zehn Enkel. Als diese ein paar Tage später davon erfahren, ist die Freude groß, alle sind begeistert. Einige Zeit später kommen die Familien zusammen, lernen sich offiziell kennen. Auf den Fotos wirbelt das frisch vermählte Paar über die Tanzfläche, Leni Hauger hat sich den Kommunionschleier der Enkelin ins Haar gesteckt.

Dass Kinder so einverstanden sind mit der neuen Beziehung der Eltern, ist nicht selbstverständlich. Längst erwachsen, stehen sie diesen späten Lieben oft skeptisch bis ablehnend gegenüber und tun sich schwer damit, ihren Müttern und Vätern in fortgeschrittenem Alter tiefe Gefühle zuzugestehen. Aber auch für die Paare selbst ist der Wechsel vom Single-Dasein in den Beziehungsmodus eine Herausforderung. Menschen, die spät eine neue Partnerschaft eingehen, stimmen ihr Leben meist anders aufeinander ab als jüngere Paare. Freundschaften und Gewohnheiten bestehen oft seit Jahrzehnten, vieles ist lieb und teuer und unverzichtbar geworden. Ältere Paare müssen ihre Zweisamkeit bewusster aushandeln und organisieren.

Bei Leni Hauger und Bernhard Koch war das genauso. Einige ihrer Freiheiten haben sie füreinander aufgegeben, aber jeder von beiden nehmen sich den Raum und die Zeit, die sie brauchen: Wenn sie beispielsweise zum Kirchenchor geht, spielt er Tischtennis. Wenn sie Lektorendienst hat, besucht er den Gottesdienst in ihrer Gemeinde; sie organisiert in seiner Pfarrei die Fasnacht mit. Weiterhin leben sie in ihren eigenen Wohnungen, treffen sich mal bei ihm in Freiburg, mal bei ihr in einem kleinen Ort am Rande des Schwarzwalds. Und gerade planen sie eine gemeinsame Reise: mit dem tannengrünen VW-Campingbus, mit dem Leni Hauger in den 90er-Jahren schon bis zum Nordkap gefahren ist.

Fast zwei Jahre sind die beiden mittlerweile verheiratet. Leni Hauger freut sich seitdem am Leben wie selten zuvor. "Dass ich das noch mal erleben darf", schwärmt sie, "dass es noch mal so richtig knackt!" Sie, die grundsätzliche Probleme hat mit dem Älterwerden, weil es mit so vielen Einschränkungen einhergeht, sie hat jetzt das Gefühl, noch einmal jung zu sein. "Die Kinder sind lange aus dem Haus, finanzielle Sorgen haben wir keine. Da sind nur wir zwei und können das auskosten. Und wir tun das viel freier und genussvoller als früher."

Mit ihrem "angenehmen Schicksalsschlag" will Leni Hauger auch andere Menschen ermutigen, offen zu sein für neue Beziehungen, offen zu sein für die Liebe im Alter. Sie erlebt Gleichaltrige, die hin- und hergerissen sind zwischen dem Bedürfnis nach Zweisamkeit und der Furcht vor dem Unbekannten, die sich gewöhnt haben an Alleinsein und Bedürfnislosigkeit. Leni Haugers Erfahrung zeigt, dass es sich lohnt, das Herz in die Hand zu nehmen und die Angst vor diesem Unbekannten nicht zu groß werden zu lassen. Damit es einem am Ende nicht so geht wie dem Rabbi in der Geschichte mit dem Lottoschein: Jeden Abend fleht er den Herrn an, er möge ihn im Lotto gewinnen lassen. Nach Jahrzehnten des Gebets hört er ein Donnergrollen, und die Stimme des Herrn ruft: "Nun tu’ mir doch endlich den Gefallen und kauf’ dir auch mal ein Los!"

Die Herrlichkeit des Lebens und die Endlichkeit des Lebens – traurig wird Leni Hauger, wenn sie daran denkt, dass ihre Zeit begrenzt ist. "Was intensives Leben bedeuten kann, habe ich jetzt erfahren. Aber wir haben nicht mehr viel Zeit, und das belastet mich", sagt sie. Auf dem Balkon ihrer Wohnung, die mit dutzenden Familienfotos und Stofftieren, mit Jesus am Kreuz und Maria mit dem Kind dekoriert ist, steckt in den Blumenkästen zwischen den Geranien ein Kunststoff-Schmetterling. Von Solarzellen betrieben, fliegt er bei schönem Wetter ständig um die eigene Achse. "Leider fehlt ihm seit dem letzten Sturm ein Flügel", sagt Leni Hauger. Jetzt hat er leichte Schlagseite. Aber tanzen kann er immer noch.

Stand: 20.12.2017