Begreift ihr meine Liebe?

Die Gottesdienstordnung kommt 2015 von den Bahamas

Von Irmentraud Kobusch

Es ist ein langer Weg, bis wir jedes Jahr wieder am Weltgebetstag einen eindrucksvollen Gottesdienst feiern dürfen. Schon vor acht Jahren haben die Frauen der Bahamas die Aufgabe übernommen, uns 2015 eine Gottesdienstordnung zu schenken. Im April 2014 hat das Deutsche Weltgebetstagskomitee, in dem die kfd mit zwei Delegierten vertreten ist, die deutsche Fassung beschlossen. Lange und intensiv haben wir um die angemessene Übersetzung des englischen Textes gerungen und die Originalüberschrift "Do you know, what I have done to you?" ins Deutsche übertragen: "Begreift ihr meine Liebe?" Ein schöner, griffiger Titel. Vielleicht ein bisschen zu glatt. Denn Liebe ist mehr als ein Gefühl. Es reicht nicht, sie zu begreifen. Erst im Handeln entfaltet sie ihre alles verwandelnde Sprengkraft. Dazu will uns der Weltgebetstag dieses Jahr herausfordern.

Bei den Bahamas denken wir vor allem an das Touristenparadies in der Karibik, an Kreuzfahrten, weiße Sandstrände, türkis-blaues Meer, Tauchen an Korallenriffen und rosarote Flamingos. Die Frauen der Bahamas laden uns ein, Gottes Liebe in der Schönheit ihrer Inselheimat zu entdecken. Sie lassen uns aber auch teilhaben an ihren Sorgen. Wir erfahren, dass die Bahamas die weltweit höchste Brustkrebsrate haben, dass sie zu den am meisten von HIV/Aids betroffenen Ländern und zu den Schlusslichtern hinsichtlich der politischen Gleichstellung von Frauen gehören. Flüchtlinge aus Kuba und Haiti finden keine geregelten Aufnahmeverfahren, Kinder von Migrantinnen bleiben oft staatenlos. Gewalt gegen Frauen, Übergriffe und Vergewaltigungen sind verbreitet. Doppelmoral treibt junge Mädchen in viel zu frühe Schwangerschaften.

Diesen Herausforderungen stellen sich die Frauen der Bahamas. Sie handeln. Konkret und liebevoll. In zahlreichen Projekten - eines davon unterstützt das Deutsche Weltgebetstagskomitee durch die Kollekte - versuchen sie, Hilfe zu leisten. Ihre Botschaft an uns heißt: Lebenssituationen und gesellschaftliche Verhältnisse lassen sich durch Taten dienender Liebe verändern. Wie Jesus es vorgemacht hat, als er seinen Jüngerinnen und Jüngern die Füße gewaschen hat. Wir werden aufgefordert, in den Fußspuren Jesu zu gehen, seine radikale Liebe zum Maßstab unseres Handelns zu machen. Die Frauen der Bahamas sind überzeugt: Wenn wir handeln wie Jesus und einander "die Füße waschen", verändern wir uns. Verändern wir die Welt. Hoffnung, für die es sich lohnt zu beten und zu handeln.

Irmentraud Kobusch ist stellvertretende Bundesvorsitzende der kfd und Mitglied des deutschen Komitees für den Weltgebetstag

Sich von Gottes Liebe beschenken lassen

Die Fußwaschung Jesu (Joh 13, 1-17)

Von Ulrike Bechmann

Begreift ihr meine Liebe? Die Frage Jesu, die die Frauen von den Bahamas als Leitbild für ihre Liturgie gewählt haben, wird meist als Aufforderung verstanden, den Dienst an den Nächsten nachzuahmen. Doch will Jesus auch lehren, zu empfangen – sich von Gott und anderen beschenken zu lassen.

Zu Beginn (V.1-3) erklärt das 13. Kapitel des Johannesevangeliums Jesu Sendung: Jesus ging von Gott aus und geht zu Gott zurück, und Jesus liebt, und zwar bis zum Ende. Diese Liebe prägt den Abschnitt, doch auch der Verrat des Judas klingt schon an. In dieser besonderen Christologie steht die Macht des Teufels der Liebe und Macht Jesu gegenüber. Für die Gemeinde erklärt sich so, warum einer der Ihren Jesus verraten konnte. Die Macht des Teufels konnte sich nämlich nur entfalten, weil Jesus dies zuließ, um seine Sendung zu vollenden.

Im Zentrum des Kapitels steht die Fußwaschung. Da man zu Tisch lag, mussten die Füße sauber sein. Als Jesus mit der Waschung beginnt, essen schon alle, das heißt, dass die Füße eigentlich bereits gewaschen waren. Es gibt also keinen äußeren Anlass für Jesu Zeichenhandlung.

Er legt das Obergewand ab und zieht stattdessen einen Leinenschurz an. Der ausführlich beschriebene Kleiderwechsel rahmt die Fußwaschung (V4, V12) und taucht Jesu Handlung in ein besonderes Licht. Es geht nicht darum, sich nicht schmutzig zu machen. Die Kleidung unterstreicht vielmehr seinen Rollenwechsel zum Sklaven: Der Leinenschurz zeigt: Christus, der Sohn des himmlischen Vaters, übernimmt den Dienst eines Sklaven. Denn wer einem anderen die Füße wusch, drückte die soziale Stellung und gesellschaftliche Hierarchie aus. Der Fuß symbolisierte Macht. Wer etwas in Besitz nahm, stellte seine Füße darauf. Niedrig Gestellte wuschen also Höhergestellten die Füße.

Das ruft Petrus auf den Plan, der dreimal sein Unverständnis äußert (V 6 bis 10). Dies gibt Jesus Gelegenheit, seine Sendung zu erklären. Petrus’ Einwand: "Du, Herr, willst mir die Füße waschen?" kann man unterschiedlich deuten: Zum einen will er die Rangordnung nicht verändern. Der "Herr" steht ganz oben, und oben soll Jesus auch bleiben. Oder aber Petrus lehnt das Zeichen überhaupt ab. Ein niedriger Sklavendienst soll die Liebe Gottes erweisen? Gibt es nicht andere Symbole der Liebe? Jesus antwortet ihm, doch tatsächlich erschließt sich seine Hingabe im Tod erst nachösterlich.

Deshalb widerspricht Petrus ein zweites Mal: "Niemals sollst du mir die Füße waschen!" (V 8) Petrus versteht und akzeptiert die Wirklichkeit Gottes hinter den Ereignissen nicht. Er lehnt Jesu Hingabe für die Seinen ab. Nun wird Jesus deutlich: "Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir."

Denn dies ist der Kern der Botschaft: Bevor man anderen dienen kann, muss man empfangen. Ohne die Fußwaschung zu empfangen, können die Jünger und Jüngerinnen nicht in Jesus handeln. Der Dienst an den Nächsten setzt voraus, dass man selbst Gnade und Liebe angenommen hat. Empfangen-Können und Empfangen-Wollen aus der Hand Gottes ist die entscheidende Lebenshaltung.

Doch Empfangen ist tatsächlich oft schwieriger als Geben. Viele Menschen schenken lieber als dass sie sich etwas schenken lassen. Und doch ist echtes Schenken und echte Hingabe ohne die eigene Erfahrung des Beschenkt-Seins nicht möglich. Diese neue Definition von Liebe und Macht stellt die Welt auf den Kopf und lässt sich nicht so leicht begreifen.

Das muss auch Petrus erfahren, dessen drittes Missverständnis zeigt, wie er ins Gegenteil umschlägt. Wenn das so ist, sagt er in Vers 9, dann wasche auch die Hände und den Kopf! Seine Weigerung schlägt um in Übereifer. Jetzt genügt das eine Zeichen nicht, Petrus will das Heil mit Haut und Haaren. Er will an erster Stelle stehen, den größten Anteil an Gottes Gnade haben. Doch auch darum  geht es nicht. Jesu Liebe ist total, wer mehr Zeichen braucht, deckt nur seine Zweifel auf. Petrus’ Denken führt in  die Überforderung – und dann prompt zum Verrat. Denn Petrus, der gleich auch noch Jesus sein Leben anbietet (Joh 13,37), wird kurz darauf zum dreimaligen Verräter.

Was für die Jünger und Jüngerinnen gilt, gilt übrigens auch für Jesus. Ohne zu empfangen kann er nicht dienen. Vor der Fußwaschung wird Maria als „die Salbende“ vorgestellt (Joh 11,1-2) und dann von ihrer Fußsalbung erzählt (Joh 12,1-8). Sie gießt kostbares Öl über Jesu Füße aus und wischt es mit ihren Haaren ab. Judas widerspricht:  "So kostbares Öl sollte man besser für die Armen ausgeben.“ Doch Jesus korrigiert: „Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses tue." Der Einwand von Judas ist nicht abwegig, immerhin entspricht der Wert dieses Öls dem Jahreslohn eines Tagelöhners. Doch Jesus setzt das verschwenderische Liebeszeichen des Geschenks dagegen:  "Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer bei euch." Das geht nur jetzt.

Die Salbung selbst verweist auf den Tod Jesu, doch der Duft des Öls auf die Auferstehung. Maria handelt prophetisch, sie hat Jesu Sendung erkannt. Was also wie bloße Verschwendung erscheint, macht die göttliche Wirklichkeit und die verschwenderische Liebe Gottes in der Welt sichtbar.
Die Salbung Jesu ist Verschwendung, der Liebesdienst Jesu ist Verschwendung, seine Hingabe und die Liebe Gottes sind Verschwendung. Verschwendung fragt nicht danach, ob etwas wiederkommt, sie ist nicht "normal" und   "vernünftig", sie überschreitet die üblichen Grenzen und kommt dadurch in Konflikt mit der Welt. Wer ohne zu rechnen schenkt, drückt Solidarität, Großzügigkeit und Leben aus. So verstanden ist Verschwendung überströmende Liebe, ist Loslassen. Sie fragt nicht, ob die so Beschenkten würdig sind und es "verdient" haben. Jesus wäscht auch den Verrätern Judas und Petrus die Füße.

In der Verschwendung bricht sich eine neue Wirklichkeit Bahn. Sie zu erleben ist etwas Überwältigendes und birgt ein Risiko in sich: Denn die verschwenderische Liebe Jesu und Gottes Handeln an den Menschen kostet Jesus das Risiko des Kreuzes und letztlich den Tod. Die Fußwaschung als Zeichen für die Verschwendung von Jesu Liebe bringt die andere Wirklichkeit Gottes ins Spiel. Dort herrschen andere Werte: Gerechtigkeit und Hoffnung für die Menschen.

"Erkennt ihr, was ich euch getan habe?" fragt Jesus in Vers 12. Einander dienen und lieben hat zwei Richtungen. Zunächst einmal bekommt man etwas geschenkt. Dies gibt die Kraft, anderen verschwenderisch „die Füße zu waschen“. Grundbedingung für den Glauben ist also, sich von Gott die Liebe schenken zu lassen und von anderen etwas annehmen zu können.

Und so stellt sich die Frage: Wo wäre es wichtig, selbst die "Füße gewaschen" zu bekommen? Oder: Wo hat man die Gnade Gottes und die Güte der Mitmenschen erfahren und empfangen? Beides gehört zusammen, und es wäre fatal, die Suche nach der eigenen Bedürftigkeit vor dem Beschenktsein zu überspringen. Man käme in die Überforderung wie Petrus. Das aber dient niemand. Man kann vielmehr für die Nachfolge analog zu Mt 25, 31-46, der Rede vom Weltgericht, formulieren: "Ich habe dich geliebt und du hast dich lieben lassen!"

Literatur
Ulrike Bechmann, Joachim Kügler,Begreift ihr meine Liebe? Die Fußwaschung Jesu als Zeichen und Vorbild (?Joh 13, 1-17?). Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2014.

Stand: 20.12.2017