Tränen statt Mutterglück

Wochenbettdepressionen bleiben oft unentdeckt

Von Jutta Oster

Nicht immer löst die Geburt eines Kindes nur Freude aus – auch wenn das von der Familie und von Freunden so erwartet wird. Manche Frauen erleben stattdessen eine tiefe Traurigkeit, das Gefühl von Überforderung und Erschöpfung. Ein relativ hoher Prozentsatz von Müttern leidet nach der Geburt unter einer Wochenbettdepression. Die Krankheit kann gut behandelt werden – allerdings fehlen in Deutschland die entsprechenden Therapiemöglichkeiten.

Es war wie ein Gewitter, das plötzlich aufzog: An den ersten beiden Tagen nach der Geburt war die Mutter noch überglücklich gewesen. Aber am dritten Tag fühlte sie sich bleischwer, hatte düstere Gedanken, konnte sich überhaupt nicht mehr über ihr Baby freuen. Zu Hause wird bestimmt alles besser, tröstete sie sich. Aber nichts wurde besser, als sie nach einigen Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Zu Hause wurde alles nur noch schlimmer: Die Mutter, Anfang 30, die ihren Namen nicht nennen möchte, hatte morgens kaum die Kraft aufzustehen. Schon ein Spaziergang erschien ihr wie eine unüberwindbare Hürde. Von ihrem Baby, das viel weinte und nachts oft wach war, fühlte sie sich überfordert. Natürlich liebte sie dieses kleine Wesen, es war ja ihr Wunschkind, aber gleichzeitig kam es ihr so unglaublich fremd vor.

Und dann begann die Spirale aus negativen Gedanken, aus der auch ihr Mann sie nicht mehr reißen konnte. "Immer wieder habe ich gedacht, du bist eine schlechte Mutter, du bist es nicht wert, ein so süßes Baby zu haben", erzählt die junge Frau aus Nordrhein-Westfalen. "Mein Selbstbewusstsein war am Boden, und ich hatte ständige Schuldgefühle gegenüber meinem Kind. Ich habe mich selbst nicht mehr wiedererkannt."

Mehr als die Heultage nach der Geburt
Die Mutter litt unter einer Wochenbettdepression, in der Fachsprache "postpartale Depression" genannt, – so wie zehn bis 15 Prozent aller Mütter. Jährlich erkranken in Deutschland rund 100.000 Frauen daran. Die Wochenbettdepression ist mehr als der Baby-Blues, die sogenannten Heultage nach der Geburt. Während der Baby-Blues, den viele Frauen haben, nach ein paar Tagen von selbst weggeht, bleibt die Wochenbettdepression. Außerdem sind die Symptome deutlich stärker ausgeprägt. Typisch sind depressive Verstimmungen oder starke Stimmungsschwankungen und eine innere Unruhe. Die Frauen fühlen sich häufig antriebslos, erschöpft, unkonzentriert und gereizt. Sie entwickeln Ängste um sich und ihr Baby, bis hin zu Panikattacken. Sie können schlecht schlafen und haben keinen Appetit. In schweren Fällen kommen Zwangsgedanken dazu – die Mütter grübeln darüber, sich selbst oder ihrem Baby etwas anzutun.

In dieser Situation ist für viele die Hebamme die erste Ansprechpartnerin. Andere wenden sich an ihre Frauenärztin oder den Hausarzt. "Wichtig ist, dass die Frauen sich überhaupt trauen, über ihre Gefühle zu sprechen, und sich Unterstützung suchen", sagt Luc Turmes. Er ist ärztlicher Direktor der LWL-Klinik Herten und hat dort eine Mutter-Kind-Station aufgebaut, auf der bis zu zehn Patientinnen mit psychischen Erkrankungen und ihre Babys nach der Geburt aufgenommen werden können.

Der Erwartungsdruck an Mütter ist hoch
In der Praxis zeigt sich allerdings, dass viele Frauen zunächst einmal versuchen, die Fassade zu wahren, sich nichts anmerken zu lassen, häufig nicht einmal von den engsten Familienangehörigen. "Der Erwartungsdruck von außen, eine glückliche Mutter zu sein, ist heute enorm hoch", glaubt Sabine Surholt, Vorsitzende der Selbsthilfe-Organisation "Schatten & Licht". "Die Frauen wollen diesem Ideal entsprechen. Gelingt ihnen das nicht, spüren sie Versagensgefühle, die eine Depression fördern können."

Hinzu kommt, dass vielen die Umstellung auf das Elterndasein schwerfällt, gerade beim ersten Kind. Während die meisten Frauen vorher berufstätig waren und ihren Alltag weitgehend selbstbestimmt planen konnten, sind sie nun mit ihrem Baby den ganzen Tag allein zu Hause und müssen sich dem Rhythmus ihres Kindes unterordnen – häufig ohne Unterstützung. Weitere Faktoren, die eine Wochenbettdepression begünstigen können: eine genetische Vorbelastung, ein traumatisches Geburtserlebnis, der Schlafmangel in den ersten Wochen und Monaten mit Baby und bestimmte Charaktereigenschaften wie ein ausgeprägter Perfektionismus, der sich mit Kind nicht mehr aufrechterhalten lässt. "Selten gibt es nur eine Ursache. Meistens kommen mehrere Faktoren zusammen", sagt Sabine Surholt.

Therapiemöglichkeiten wie in einem "Entwicklungsland"
Geht es der Mutter schlecht, hat das auch Folgen für ihr Kind. "Durch eine unerkannte Wochenbettdepression kann es zu Bindungsstörungen zwischen Mutter und Kind kommen", sagt der Psychiater Luc Turmes. "Damit erhöht sich das Risiko, dass das Kind später selbst psychisch krank wird oder sich verzögert entwickelt." Obwohl die Auswirkungen für Mutter und Kind gravierend sind, wird die postpartale Depression häufig nicht erkannt, auch von Frauen- oder Hausärzten nicht. Die Dunkelziffer ist hoch, so wie bei allen depressiven Erkrankungen. Nur sechs von hundert Müttern bekommen eine angemessene Therapie, schätzt Turmes.

In der Regel hilft den Frauen eine ambulante Behandlung mit Psychotherapie und Medikamenten. Sind die Symptome schwerer ausgeprägt, ist ein stationärer Klinikaufenthalt für Mutter und Kind notwendig. Doch selbst wenn die Krankheit richtig erkannt wurde, ist der Weg zur Therapie lang. "Die Versorgung bei psychischen Erkrankungen entspricht in Deutschland dem Standard eines Entwicklungslandes", so Sabine Surholt. Auf einen Platz für eine Psychotherapie warten die Frauen oft ein halbes Jahr oder länger. In dieser Zeit kann sich die Krankheit deutlich verschlechtern. Nicht besser sieht es in der stationären Versorgung aus: Zwar nehmen in Deutschland inzwischen rund hundert Kliniken Mutter und Kind gemeinsam auf, aber nur zehn Prozent davon haben sich auf das Krankheitsbild postpartale Depression spezialisiert. "Nur für 21 Prozent der Frauen gibt es die entsprechenden Angebote in Kliniken", hat Turmes errechnet.

Andere Länder sind hier wesentlich weiter: In Großbritannien beispielsweise gibt es ein flächendeckendes Netz an Kliniken, die eine Wochenbettdepression behandeln. Den Frauen wird standardmäßig nach der Geburt ein Fragebogen vorgelegt, mit dem die Krankheit früh diagnostiziert werden kann. Insgesamt ist die Wochenbettdepression dort bekannter.

Die junge Mutter aus Nordrhein-Westfalen hat selbst erkannt, dass mit ihr etwas nicht stimmt, und sich Hilfe geholt. Sie hatte Glück: Sie hat relativ schnell einen Platz in der Mutter-Kind-Einheit der LWL-Klinik Herten bekommen. Auch wenn da immer noch die Angst im Nacken ist, dass sie einen Rückschlag erleben könnte, geht es ihr inzwischen viel besser. Das deutlichste Zeichen: "Dass da jetzt ein kleiner Mensch an meiner Seite ist, ist für mich selbstverständlich geworden."

Stand: 04.01.2018