Mensch, Sophie

Vor 70 Jahren wurden die Mitglieder der Weißen Rose ermordet

Von Stephanie Meyer-Steidl

Eine Schachtel Zigaretten, ein Apfel, ein Schal, ein Mantel. Fein säuberlich notierte der Gefängnismitarbeiter, was er in der leeren Zelle vorgefunden hatte. Es ist der 22. Februar 1943. Um 17 Uhr ist Sophie Scholl im Gefängnis Mu?nchen- Stadelheim durch die sogenannte Fallschwertmaschine getötet worden.

Laut Protokoll der Gefängnisverwaltung dauerte Sophie Scholls Weg von der Zelle bis zur Hinrichtungsstätte genau 48 Sekunden. Wenige Minuten später stirbt ihr Bruder Hans Scholl, dann Christoph Probst. Zum Zeitpunkt ihres Todes waren sie 21, 24 und 23 Jahre alt. Alle drei waren Mitglieder der Weißen Rose – neben den Attentätern des 20. Juli die wohl bekannteste Widerstandsbewegung im "Dritten Reich".

Die Kerngruppe bestand aus den Münchner Studenten Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Willi Graf, Alexander Schmorell und dem Universitätsprofessor Kurt Huber. Daneben gab es noch zahlreiche weitere Unterstützer und Sympathisanten in München, Ulm, Stuttgart, Hamburg und Berlin. Mit Hilfe von Tausenden von Flugblättern hatten sie seit dem Sommer 1942 versucht, zum Umsturz des nationalsozialistischen Terrorregimes aufzurufen. Unter dem Eindruck der Schlacht um Stalingrad verfassten sie Anfang Februar 1943 ein sechstes Flugblatt. Dieses sollte ihnen zum Verhängnis werden.

Am 18. Februar verteilten es die Geschwister Scholl heimlich in der Münchner Universität. Sie hatten das Gebäude fast schon verlassen, als beide noch einmal zurückkehren, um den letzten im Koffer verbliebenen Stapel auszulegen. In einem der oberen Stockwerke gibt Sophie Scholl den Blättern einen Stoß – zu Dutzenden flattern sie in den Lichthof hinunter. Der Hausschlosser der Universität ist Zeuge des Geschehens, nimmt das Geschwisterpaar in Gewahrsam und bringt die beiden zur, Universitätsverwaltung. Dann geht alles ganz schnell: Nach wenigen Tagen Haft kommt es am 22. Februar zum Prozess; Christoph Probst ist mittlerweile ebenfalls verhaftet worden. Der berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, reist extra aus Berlin an.

Das sogenannte Gerichtsverfahren ist eine Farce, die drei haben keine Chance. Am 22. Februar verkündet Freisler die Todesurteile, noch am selben Tag werden sie vollstreckt. Weitere Todesurteile und Hinrichtungen folgen im Laufe des Jahres 1943, etliche Unterstützer und Helfer werden zu Freiheitsstrafen verurteilt. Zwei Stunden vor der Hinrichtung erhält Sophie Scholl die Anklageschrift. Niemand bemerkt, dass sie auf die Rückseite der Blätter zwei Mal das Wort "Freiheit" schreibt.

Im Großen das Kleine entdecken

Es sind Dokumente wie diese, die Maren Gottschalk besonders unter die Haut gehen. Vor kurzem hat die Historikerin eine Biografie über Sophie Scholl veröffentlicht. Obwohl die Ereignisse rund um die letzten Tage der Weißen Rose zu den bekanntesten Momenten der jüngsten deutschen Geschichte gehören, ist das Buch reich an neuen Erkenntnissen. Denn erst seit 2005 ist der gesamte Nachlass der Geschwister Scholl im Münchner Institut für Zeitgeschichte der Öffentlichkeit zugänglich.

Und was sich da in Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und anderen schriftlichen Zeugnissen offenbart, eröffnet bislang unbekannte Perspektiven auf Sophie Scholl. Schärfer konturiert erscheint nun ihre Persönlichkeit, deutlich sichtbar werden ihre Stärken und ebenso ihre Schwächen. Die übermächtige Ikone einer heldenhaften Bewegung bekommt Leben eingehaucht, wird farbiger, facettenreicher, widersprüchlicher. Menschlich eben.

Bei den Großen der Geschichte das Kleine zu entdecken sei ihr Anliegen, erläutert Gottschalk. Das ist ihr gelungen. Überraschend ist die Entdeckung, wie überzeugt, ja fast fanatisch Sophie Scholl als Mitglied und Gruppenführerin der Hitler-Jugend war. Wie viele junge Menschen hatte sie sich begeistern lassen von den vermeintlichen Idealen der braunen Ideologie und unterstützte sie jahrelang nach Kräften. Umso radikaler war dann ihr Bruch mit dem Regime – bis zur letzten Konsequenz.

Die Briefe, die Sophie Scholl geschrieben hat, lassen ihre komplizierte Persönlichkeit erahnen. Sie zeigen, wie selbstkritisch und hart sie immer wieder mit sich ins Gericht ging, auch in der Beziehung zu ihrem Freund Fritz Hartnagel. "Mensch, Sophie", hätte sie bei der Lektüre der selbstquälerischen Aufzeichnungen manchmal gerne zu ihr gesagt, meint Maren Gottschalk. Oft habe sie den Impuls gehabt, sie zu trösten und ihr zu versichern, welch toller Mensch sie doch sei. Und so jung. Dass sie erst 21 Jahre alt war, als sie für ihre Überzeugungen getötet wurde, erleichtere es besonders Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sich mit Sophie Scholl zu identifizieren und sie für ihren Mut und ihre Standhaftigkeit uneingeschränkt zu bewundern.

Diese Einschätzung der Scholl-Biografin teilt auch Hildegard Kronawitter. Die 66-Jährige ist Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung. Seit über 25 Jahren ist es Aufgabe der Stiftung, die Erinnerung an die Weiße Rose zu bewahren. Die Mitarbeiterinnen organisieren Ausstellungen und Diskussionen, veranstalten Lesungen, schreiben Schülerwettbewerbe aus und posten seit Neuestem Botschaften auf Facebook. Die Büros der Stiftung befinden sich in der Münchner Universität – dort, wo die Geschwister Scholl verhaftet wurden. Etwas versteckt, im Bereich des Lichthofes, betreut die Stiftung eine Denkstätte. Texttafeln informieren über die Widerstandsbewegung und ihr Umfeld, in Vitrinen sind persönliche Gegenstände wie eine Bluse von Sophie Scholl oder eine Schreibmaschine ausgestellt.

Etwa 25.000 Menschen aus dem In- und Ausland besuchen jedes Jahr diesen Ort. "Wir stellen uns immer wieder neu die Frage, was das Vermächtnis der Weißen Rose in unseren Zeiten bedeuten kann, vor allem für junge Leute", sagt die Stiftungsvorsitzende. Bisweilen erscheine dieses Vermächtnis übermächtig. Zugleich konfrontiere es aber jeden mit der Frage nach der eigenen Zivilcourage, mit seiner persönlichen Haltung zu Freiheit und Verantwortung. "Wie mutig seid Ihr?" wäre die Frage, die wir uns heute gefallen lassen müssten, meint Kronawitter. Und in Zeiten wiedererstarkenden rechtsextremen Gedankenguts sei es umso wichtiger, unermüdlich aufzuklären, zu informieren.

Nicht umsonst gestorben

Dass die freiheitlichen Ideale der Weißen Rose nichts von ihrer Aktualität verloren haben, zeigt ein Eintrag im Gästebuch der Denkstätte. Er stammt von Chinesen, die 1989 gemeinsam mit Tausenden anderen auf dem Pekinger Platz des himmlischen Friedens für Demokratie und Menschenrechte demonstriert hatten. Die Proteste wurden blutig niederschlagen. "Wir sind sehr glücklich darüber, dass der Geschwister-Scholl-Preis im Jahr 2011 an Liao Yiwu verliehen wurde", bekräftigt Hildegard Kronawitter. An einen chinesischen Schriftsteller, der sich mit seinen Büchern unerschrocken gegen die politische Unterdrückung in seinem Land einsetzt und dafür Gefängnis und Folter erdulden musste.

"Brave, herrliche junge Leute! Ihr seid nicht umsonst gestorben, sollt nicht vergessen sein", sagte der Schriftsteller Thomas Mann im Juni 1943 während seiner Rundfunkrede aus dem kalifornischen Exil über die Mitglieder der Weißen Rose. 70 Jahre ist das jetzt alles her. Sophie Scholl wäre heute 91 Jahre alt. Was wäre wohl aus ihr geworden, wenn sie Krieg und Naziterror überlebt hätte? Eine Frage, die Hildegard Kronawitter immer wieder beschäftigt. Die 50-jährige Maren Gottschalk gehört nach eigenem Bekunden zu der Generation, die sich mitschuldig fühlt am Leid, das Deutsche der Welt und den Menschen angetan haben. Für sie ist der Widerstand der Weißen Rose, aber auch der anderen Gruppen und vielen Einzelkämpfer, ein großer Trost: "Ich bin froh, dass es Deutsche gegeben hat, die sich dagegen gestellt haben. Ich bin froh, dass es solche Menschen gegeben hat".

Literatur
Maren Gottschalk: Schluss.
Jetzt werde ich etwas tun.
Die Lebensgeschichte der Sophie Scholl.
Beltz & Gelberg, Weinheim

Internet
www.weisse-rose-stiftung.de

Stand: 04.01.2018