Paulus und die Frauen

 Zwischen Teilhabe und Ausgrenzung

Teil 3 der Serie "Saulus und Paulus - Der Völkerapostel und seine Theologie als Dialog"

Von Sonja Angelika Strube

Paulus steht gemeinhin in dem Ruf, kein großer Frauenfreund gewesen zu sein. "Das Weib schweige in der Gemeinde" – dieser Satz vor allem wird mit ihm in Verbindung gebracht. Zugleich erzählen ausgerechnet die Briefe des Paulus von zahlreichen Frauen, die in den frühen Gemeinden wichtige Funktionen innehatten.Eine wahre Fundgrube bedeutender Frauen in frühen Gemeinden ist die lange Grußliste des Römerbriefes (Röm 16). An zehn Frauen und 18 Männer, die Paulus persönlich kennt, richtet er Grüsse aus. Dabei erwähnt er teilweise auch ihre Aufgaben in der Gemeinde und ihre Verdienste. Tryphäna und Tryphosa, Persis und eine Maria beispielsweise haben sich für den Herrn "abgemüht", "schwere Arbeit geleistet" (16,6.12). Mit diesen Begriffen beschreibt Paulus auch seine eigene Verkündigungstätigkeit als Apostel, woraus zu schließen ist, dass diese Frauen offenbar ähnliche missionarische Aufgaben erfüllten (vgl. 1 Kor 15,10; Gal 4,11; Phil 2,16).

Die Eheleute Prisca und Aquilla nennt Paulus "Mit-Arbeiter", besser noch: "Mitstreiter im Messias Jesus", wie die "Bibel in gerechter Sprache" übersetzt, denn er bezeichnet sie damit nicht als Untergebene, sondern als Gleichberechtigte. Sie leiteten eine Hausgemeinde und haben für Paulus ihr Leben eingesetzt (Röm 16,3-5). Aufgrund einer Vertreibung von Juden aus Rom durch Kaiser Claudius hatten sie zeitweise in Korinth gelebt, wo Paulus sie kennengelernt hatte (vgl. Apg 18,1-3). Auch Andronikus und Junia haben für ihren gemeinsamen Verkündigungsdienst viel riskiert. Zusammen mit Paulus waren sie für ihren Glauben im Gefängnis. "Herausragend unter den Aposteln" nennt Paulus die beiden und bezeichnet sie damit selbst als Apostel (16,7). Ganz anders als später der Verfasser des Lukasevangeliums, beschränkt Paulus den Begriff „Apostel“ nicht auf die Gruppe der "Zwölf", sondern bezeichnet sich selbst und andere herausragende Missionare und Missionarinnen so, also auch Frauen. Leider machen manche Übersetzungen aus der Apostelin Junia immer noch einen Mann namens Junias, und das, obwohl diese männliche Namensform in der Antike gar nicht belegt ist.

Nicht zuletzt zeigt der Vers 16,1f des Römerbriefes, dass Paulus Frauen mit wichtigen Aufgaben betraute: Die Überbringung des Briefes hat er einer Frau namens Phöbe anvertraut. Mit diesem verantwortungsvollen Botendienst war nicht nur eine gefahrvolle Reise verbunden, sondern auch die Verlesung und die Erklärung des Briefes in der Gemeindeversammlung. Phöbe musste die anspruchsvolle Theologie des langen Römerbriefs so genau verstanden haben, dass sie der Gemeinde in Rom Rede und Antwort stehen konnte, quasi als sei sie Paulus persönlich.

Sie musste selbst eine echte Theologin sein. Als "unsere Schwester", "Diakon" und "Beistand" stellt Paulus Phöbe der Gemeinde von Rom vor. Als "Schwester" ist sie Teil der Gemeinschaft derer, die den Glauben an Jesus verkünden, so wie Paulus andere Mitverkünder "Bruder" nennt (vgl. 1 Kor 1,1; Gal 1,2). "Beistand" bezeichnete jemanden, "der oder die für Ausländer bürgte … Es ist ein Ehren- und Autoritätstitel in der Antike", so Elsa Tamez, Professorin für Biblische Theologie in Costa Rica. Besonders spannend ist die grammatisch männliche Form "Diakonos". Wörtlich übersetzt bedeutet sie "Diener". Wenn Phöbe als "Diakonos der Gemeinde von Kenchreä" bezeichnet wird, dann besagt dies, dass sie eine dauerhafte leitende Funktion in dieser Gemeinde innehatte.

Dass sie als Frau mit der männlichen Bezeichnung betitelt wird, zeigt, dass sich ihre Aufgabe von der ebenso bezeichneter Männer nicht unterschied. Sie war also weder ganz allgemein eine "Dienerin" noch eine "Diakonisse" im Sinne einer spezifischen Frauentätigkeit, sondern eben das, was in den paulinischen Gemeinden ein "Diakonos" war. Dieser hatte andere Aufgaben und eine andere Bedeutung als Diakone heute. Ämter und eine Ämterhierarchie entwickelten sich erst später. Sie erschienen Paulus und seinen Gemeinden, die unmittelbar die Wiederkunft Christi erwarteten, auch gar nicht nötig.

Die Grußliste des Römerbriefs zeigt, dass Paulus Frauen in wichtigen gemeindlichen Positionen bereits vorfand, dass er sie selbst als Kolleginnen wertschätzte, bisweilen ihren Beistand in Anspruch nahm und ihnen verantwortungsvolle Aufgaben übergab. In der Praxis geht Paulus geschwisterlich mit ihnen um, so wie dies in der Jesusgemeinschaft und den frühen Gemeinden üblich war. Auch in der Theorie betont Paulus mehrfach die Gleichheit aller Menschen vor Gott und innerhalb der Gemeinde: "Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; sondern ihr alle seid 'einer' im Messias Jesus" – diese geschwisterliche Ebenbürtigkeit soll laut Paulus Realität in der Gemeinde sein (Gal 3,28; ähnlich 1 Kor 12,13; Röm 10,12). Indem die frühen Hausgemeinden so gleichberechtigt lebten, unterschieden sie sich von der üblichen Hausordnung der Antike, die vorsah, dass an der Spitze jeder Hausgemeinschaft ein Hausherr und Vater machtvoll über Frauen, Kinder und Sklaven herrschte.

Trotzdem: Was seine Haltung zu Frauen betrifft, hat Paulus nach wie vor ein anderes Image. Ein Grund dafür dürfte sein, dass immer noch zu wenig unterschieden wird zwischen den sieben echten Paulusbriefen, die die Auffassungen des Apostels spiegeln, und den sechs anderen Briefen des Neuen Testaments, die zu späteren Zeiten von anderen Menschen unter dem Pseudonym "Paulus" geschrieben wurden: die Briefe an die Kolosser und die Epheser, der zweite Brief an die Thessalonicher, der beiden Briefe an Timotheus und der an Titus.

Die Verfasser dieser Briefe verstanden sich als Paulusschüler und wollten durchaus im Sinne des Paulus wirken. Deshalb nutzten sie, zum Teil Jahrzehnte nach dessen Tod, seinen Namen und seine Autorität, um theologische Traktate in Briefform zu verfassen. Sie standen auch nicht mehr in einem echten Dialog mit realen Gemeinden, sondern nutzten nur die literarische Form des Briefs. Einige dieser Lehrbriefe übernehmen die antike hierarchische Ordnung, in der der Vater über die Hausgemeinschaft herrscht, und legen christlichen Familien und Gemeinden nahe, sich diesen gesellschaftlichen Gepflogenheiten anzupassen, um nicht den Missmut der Römer auf sich zu ziehen (Eph 5,21-6,9; 1 Tim). Um das Risiko von Verfolgungen zu verringern waren einige dieser Paulusschüler dazu bereit, die Geschwisterlichkeit aller Gemeindemitglieder aufzugeben.

Ein zweiter Grund dürfte sein, dass die Briefe des Paulus in ihrer Sprache oft sehr männerzentriert klingen. Gerade in längeren Briefen spricht Paulus seine AdressatInnen immer wieder direkt an. Bis heute steht an diesen Stellen in den gängigen Übersetzungen die Anrede: "Brüder". Tatsächlich benutzt Paulus an diesen Stellen ein maskulines Pluralwort (adelphoi), das auf Deutsch sowohl "Brüder" als auch "Geschwister" bedeutet.

Völlig unschuldig an seinem Ruf ist Paulus allerdings nicht. In 1 Kor 11 etwa ordnet er selbst die Frau dem Mann unter. Drei Kapitel später findet sich der anstößige Satz: "Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen" (1 Kor 14,34f). Der erste Korintherbrief ist Teil einer umfangreichen Diskussion, die Paulus mit der Gemeinde in Korinth führt. Sehr unterschiedliche Themen spricht er an, die alle in der Gemeinde aktuell sind (12-14). Ein Diskussionspunkt betrifft die Frage, was Männer und Frauen beachten müssen, wenn sie im Gottesdienst der Gemeinde vorbeten und prophetisch reden (1 Kor 11,2-16). Aus dem griechischen Text ist nicht sicher zu erschließen, ob es Paulus dabei um die Haartracht oder um die Kopfbedeckung von Frauen und Männern geht: Kritisiert er, dass die korinthischen Frauen beim Vorbeten und prophetischen Reden im Gottesdienst ebenso wie die Männer keine Kopfbedeckung trugen oder dass die korinthischen Frauen die Gleichheit aller in der Gemeinde so wörtlich nahmen, dass sie sich für Kurzhaarschnitte entschieden? In jedem Fall setzten die korinthischen Frauen und Männer mit ihrem Verhalten konsequent genau das Gleichheitsideal um, das Paulus in Gal 3,28 selbst formuliert hat: Sie machten keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Paulus dagegen hält offenbar traditionellen Vorstellungen über äußerlich sichtbare Unterschiede aufrecht. Er plädiert dafür, dass Männer und Frauen im Gottesdienst am Äußeren unterscheidbar sein sollen: Männer sollen ihr Haupt nicht bedecken, Frauen dagegen sollen es verhüllen. Die Argumente, die Paulus für seine Position vorbringt, bewegen sich auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Mehrmals argumentiert er einfach nur mit Sitten und Bräuchen: "Das gehört sich so; das war immer schon so" (11, 13-16). Das sind keine sehr starken Argumente. Doch versucht er auch, seine Position theologisch zu untermauern. Zum einen stellt er eine Hierarchie zwischen den Geschlechtern quasi als gottgegeben dar, indem er auf Hierarchien zwischen Christus und den Menschen und zwischen Christus und Gott verweist: Christus ist das Haupt des Mannes, der Mann das Haupt der Frau, Gott das Haupt Christi (Vers 3). Zum zweiten greift er auf die beiden Schöpfungserzählungen im Buch Genesis zurück, die er miteinander vermischt. Die Aussage von der Gottebenbildlichkeit des Menschen bezieht er, statt auf beide Geschlechter wie in Gen 1,27, direkt nur auf den Mann: Der Mann sei "Abbild und Abglanz Gottes, die Frau aber Abglanz des Mannes" (V 7). Der Paradieserzählung (Gen 2,4-25) entnimmt er die Vorstellung, die Frau stamme vom Mann und sei erst als zweite und für den Mann aus seiner Seite geschaffen, ihm also untergeordnet.

Dass seine theologischen Bemühungen nicht so recht überzeugen und in Spannung stehen zur jesuanischen Botschaft, merkte Paulus wohl selbst, denn in den Versen 12-13 nimmt er fast wieder zurück, was er vorher gesagt hatte: "Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott." Ob seine Argumentation die Gemeinde in Korinth überzeugte, ist leider nicht überliefert.

Eines jedoch stellt Paulus auch in 1 Kor 11 überhaupt nicht in Frage: Dass Frauen im Gottesdienst selbstverständlich öffentlich vorbeten und prophetisch reden, also verkündigen. Die Teilhabe von Frauen an allen Charismen, religiösen Begabungen und göttlichen Gnadengaben, die er in den Kapiteln 12-14 bespricht, ebenso wie die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an der Gottesdienstgestaltung ist für Paulus selbstverständlich.

Allein die Verse 1 Kor 14,34f, die Frauen zum Schweigen in der Gemeinde verdonnern, fallen völlig aus den Auffassungen des Paulus heraus. Auch entsprechen sie nicht den jüdischen Traditionen, sehr wohl aber römischen (so Marlene Crüsemann). Inhaltlich gleichen sie dem pseudopaulinischen ersten Brief an Timotheus (2,11f), der christliche Gemeinden zur Anpassung an römische Hausordnungsideale bewegen will. Die meisten BibelwissenschaftlerInnen gehen davon aus, dass dieser Ausspruch, der bis heute größte Auswirkungen auf die Rolle der Frauen in den christlichen Gemeinden hat, überhaupt nicht von Paulus stammt, sondern um die erste Jahrhundertwende nachträglich in den ersten Korintherbrief eingefügt wurde. Das entlastet Paulus. Die Heutigen jedoch ruft es weiterhin zu kritischen Diskussionen auf.

Stand: 04.01.2018