Lehrstück für Integration

Der Sinti-Musiker Django Reinhardt und sein Engagement für seine Heimatstadt

Von Nikola Hollmann

"Guten Morgen, Herr Reinhardt", "Hallo Django", "Schönen Tag" – auf dem kurzen Weg durch seine Heimatstadt kommt Django Reinhardt aus dem Grüßen nicht heraus. Er ist bekannt in Koblenz, und die Menschen strahlen ihn an, wenn er vorbeigeht: Junge und Alte, Frauen und Männer, Arme und Reiche. Und Reinhardt kennt sie alle. Eine bodenständige Berühmtheit. "Das ist wegen der Musik", sagt er. Für den Musiker Django Reinhardt gibt es sogar einen eigenen Fanshop: Django-Reinhardt-Wein gibt es dort, Gürtelschnallen und Armbänder mit den Initialen. Bei einem Koblenzer Italiener kann man Django-Reinhardt-Pizza essen. Wenn Django Reinhardt ruft, dann kommen alle, und wenn die Stadt, die örtliche Förderschule oder die Frauenrechtsorganisation Solwodi rufen – dann ist Django Reinhardt mit seinen Musikern da und spielt für die gute Sache. Es ist ein Geben und Nehmen, ein gemeinsames Arbeiten gegen Rassismus, für bessere Bildungschancen und soziale Integration. Der mit seinem Namen dafür steht, weiß wovon er spricht: Django Reinhardt ist Deutscher und Sinto.

Er ist unterwegs vom Beratungsbüro, wo er zusammen mit seiner Nichte Gina Hilfe in allen Lebenslagen organisiert, zur Diesterweg-Schule, einer städtischen Förderschule. "Kultur- und Beratungsbüro Django Reinhardt" steht an der Tür. Nicht etwa "Beratungsbüro für Sinti und Roma". "Man muss stolz sein auf das, was man ist", sagt Reinhardt. Dann kann man offen sein für alle.

Das Angebot des Büros, das von dem Verein "Django Reinhardt Music Friends" getragen wird, ist groß: Musikalische Förderung für Jugendliche, Romanes-Unterricht für Sinti, Hilfe bei Problemen in der Schule oder auf der Arbeit, Vermittlung von Praktikums- oder Ausbildungsstellen, Jobsuche, Begleitung und Hilfe bei Behördengängen, Beratung beim Ausfüllen von Anträgen, Wohnungsvermittlungen. Hinzu kommt die Organisation von Kulturveranstaltungen oder Sinti-Wallfahrten. Um diese zahlreichen Angebote verwirklichen zu können, wurde inzwischen zusätzlich auch noch der Verein "Kultur- und Beratungsbüro Django Reinhardt" gegründet.

Gemeinsam mit der Frauenrechtsorganisation Solwodi ist der ehemalige Kiosk im Gebäude der Stadtverwaltung außerdem eine Anlaufstelle für Frauen in Not- und Gewaltsituationen. "Als wir 2009 gehört haben, dass Django Reinhardt das Beratungsbüro eröffnet, haben wir sofort unsere Unterstützung angeboten", sagt Solwodi-Gründerin Schwester Lea Ackermann. "Es ist eine hervorragende Sache", zeigt sie sich begeistert. Einmal in der Woche entsendet Solwodi eine Sozialarbeiterin oder -pädagogin nach Koblenz, im Gegenzug stehen Django und Gina Reinhardt als Bürgen und Übersetzer für Solwodi zur Verfügung – viele der Zwangsprostituierten, die aus osteuropäischen Ländern nach Deutschland gelockt wurden, sind junge Roma-Frauen.

An der Förderschule angekommen, will Reinhardt eine neue Gruppe zusammenstellen aus Schülerinnen und Schülern, die bei ihm Gitarre lernen möchten. Die Kinder, die ab jetzt einmal in der Woche zum Musizieren zusammenkommen wollen, müssen nur eins mitbringen: den Willen, dabeizubleiben. Sonst nichts. Die Angebote, die er macht, richten sich immer an alle, niemals nur an die eigenen Leute. Früher habe kein Sinto in irgendeinen Verein gedurft, da könne man doch jetzt niemanden ausgrenzen. "Dann wären wir doch genauso wie die Nazis damals."

Deshalb ist jeder überall willkommen: bei der ersten multikulturellen Fußballmannschaft, beim Gitarrenunterricht, bei der "ersten sozialen Musikschule", die im September eröffnet wurde und sozial schwachen Kindern eine musikalische Ausbildung ermöglicht, beim "German Corner Orchestra", benannt nach Koblenz’ Deutschem Eck, oder eben beim "Kultur- und Beratungsbüro".

Der 49-Jährige, der in seiner Jugend geboxt hat, wirft dann seine ganze Prominenz und Person in den Ring. So gibt es manchmal kleine Tauschgeschäfte: Arbeits- oder Praktikumsplatz für einen jungen Menschen gegen einen Auftritt des beliebten Musikers bei der Familienfeier des Unternehmers. "Wir haben auch schon Kinder von Geschäftsleuten in Arbeit gebracht, die sich schwertaten, eine Stelle zu finden", erzählt Reinhardt. Dass Mitglieder der sogenannten Mehrheitsgesellschaft ihn um Unterstützung bitten, zeigt ihm, dass er und sein Engagement in der Mitte der Gesellschaft anerkannt sind. "Wir fragen nicht nur um Hilfe, sondern wir helfen anderen." Und das nutzt letztlich dem Ansehen der großen Gruppe von Sinti und Roma in Koblenz.

"Das größte Problem ist es, keine Bildung zu haben, keine Möglichkeit, sich auszudrücken", ist Django Reinhardt überzeugt. "Wer Bildung hat, kann auch selbstbewusst auftreten und seine Rechte durchsetzen." Das Gefühl, dazuzugehören, gebraucht zu werden, Erfolg zu haben, hält er für einen ganz wesentlichen Schlüssel, um Kindern und Jugendlichen aus den sogenannten bildungsfernen Familien, die es auch unter den Sinti nach wie vor gibt, zu motivieren, ihren Weg dieser Gesellschaft, in Schule und Ausbildung konsequenter zu verfolgen. Und dafür bietet für den Musiker Reinhardt die Musik die besten Möglichkeiten: Egal, wo er Kindern und Jugendlichen seine Musik vermittelt, immer geht es auch darum, sie auf die Bühne zu bringen, wo sie sich zeigen können und Applaus bekommen. Das German Corner Orchestra etwa ist von Beginn an deshalb auch offen für begabte junge Musiker, die die Chance bekommen, auf großer Bühne zu spielen.

Gina Reinhardt, die das Beratungsbüro mit ihrem Onkel betreut, ist überzeugt, dass sich in den letzten zehn Jahren vieles geändert hat. Als sie selbst 1997 ihre Ausbildung zur Bürokauffrau begann, sei sie noch die erste in ihrer Familie gewesen und auf Unverständnis gestoßen, erinnert sich die 32-Jährige. Inzwischen, sagt sie, seien fast alle Jugendlichen in Ausbildung, und einige hätten Pläne, studieren zu wollen.

Doch trotz der Verbesserungen: Probleme gibt es nach wie vor. Das wissen auch die Schulleiter der Förderschule, an der Django Reinhardt Gitarren-Unterricht gibt. Zur Zeit geht etwa ein knappes Dutzend Sinti-Kinder auf die Diesterweg-Schule. Laut Konrektor Sascha Steffes sind die meisten Sinti eher überdurchschnittlich intelligent und kommen trotzdem selten über den Förderschulabschluss hinaus. Ab der siebten, achten Klasse gehe es bei den Sinti an seiner Schule einfach los mit der Schulverweigerung, und mit zwei Tagen in der Woche sei eben kein Schulabschluss zu erreichen. Django Reinhardt sei da für ihn ein ganz wichtiger Ansprechpartner, einfach, weil er regelmäßig da ist. Und weil er eine anerkannte Autorität unter den Koblenzer Sinti-Familien ist, kann er seinen Einfluss nutzen: "So, wie du dich zeigst", appelliert er manchmal an die Ehre der Schüler, "so werden wir als Sinti angesehen", oder: "Wenn du dich blamieren willst, kannst du das machen. Aber du blamierst auch mich und uns Sinti." In einer Kultur, wo das Wort der Älteren noch viel gilt, hilft das manchmal.

Das hat man auch bei der Stadt erkannt und Django Reinhardt und seinem Verein den kleinen ehemaligen Kiosk im Verwaltungsgebäude bereitgestellt. Gemeinsam mit dem Land übernimmt die Stadt auch sein Gehalt. "Der kümmert sich einfach um alles", weiß Marcus Uhrmacher von der städtischen Leitstelle für Integration. "Er ist eine Respektsperson." Schon Django Reinhardts Vater Daweli, der – 1932 geboren – Deportation und Konzentrationslager überlebt hat und sofort nach dem Krieg in seine Heimatstadt zurückkehrte, wo er schon in den 50er-Jahren begann, öffentlich Musik zu machen, legte den Grundstein für die Bekanntheit und Anerkennung seiner Familie. Doch die Verhältnisse waren schwierig: Mit neun Geschwistern wuchs Django in einem Industriegebiet am Bahndamm in einem Wohnwagen auf. Bis in die 70er-Jahre lebten die meisten Koblenzer Sinti dort. Dann wurden nach und nach die ärmlichen Quartiere aufgelöst, und die Sinti konnten in feste Häuser ziehen – oft genug gegen den Widerstand der anderen Anwohner. "Ich weiß, wie schwer es ist, aber ich bin durchgekommen", sagt Django Reinhardt. Vielleicht auch, weil er nicht viel danach gefragt hat, was die Gesellschaft ihm geben kann, sondern: "Was gebe ich der Gesellschaft?" Für Geschenke ist er viel zu stolz. Bildung, darauf kommt er, der keinen Abschluss hat, immer wieder zurück - Bildung ist die Voraussetzung für Teilhabe.

Dass die Reinhardts inzwischen so positiv dastehen, habe dazu geführt, dass in der Bevölkerung ein Umdenken eingesetzt habe, glaubt Uhrmacher von der Integrationsstelle. Trotzdem: Selbst in Koblenz, wo vieles schon sehr gut läuft – optimal ist die Situation der Sinti auch hier noch nicht.

Das sieht auch Jacques Delfeld so, Referatsleiter für Beratung, Öffentlichkeitsarbeit und Anti-Rassismus beim Heidelberger "Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma". Koblenz sei ein positives Beispiel, weil beide Seiten schon seit langer Zeit aufeinander zugegangen seien und inzwischen intensiv zusammenarbeiten. Doch das Leben der Sinti in Deutschland sei insgesamt eher geprägt von Benachteiligungen: auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, in den Schulen.

"Es gibt einen tief verwurzelten Anti-Ziganismus", bedauert Delfeld. "Wir wehren uns dagegen, immer wieder in bestimmte Schablonen gepresst zu werden." Dazu gehöre auch, wenn von Einzelnen auf die Allgemeinheit geschlossen werde. Selbst wenn es in den Fußgängerzonen bettelnde Sinti und Roma gibt – sie bilden eben kein Bild der Gruppe ab. Diese Klischees sind diskriminierend. Was dazu führt, dass viele gut integrierte Sinti sich nicht als solche zu erkennen geben, um ihre Akzeptanz in ihrem Umfeld nicht zu gefährden.

"Wir verstehen uns als ganz normale deutsche Bürger", betont Delfeld. "Mit besonderem kulturellen Hintergrund und einer eigenen Sprache. Wir teilen mit anderen die Erfahrungen in der NS-Zeit." Damals waren die Sinti und Roma eine der Gruppen, die von den Nazis vernichtet werden sollten – rund 500.000 wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Anders als bei anderen Opfergruppen wurde diese Tatsache bis weit in die Geschichte der Bundesrepublik hinein nicht anerkannt. Erst in diesem Oktober wird in Berlin ein Mahnmal eingeweiht, dessen Realisierung 20 Jahre gedauert hat seit dem ersten Beschluss.

Zurück in Koblenz. Django Reinhardt will nicht so sehr über die Vergangenheit reden. "Es geht um uns und unsere Jugendlichen", sagt er und versucht ihnen klarzumachen, dass es wichtig sei, sich an die Gesellschaft anzupassen, ohne dass dies Unterordnung bedeute. Das Eigene, die eigene Kultur, dürfe nicht aufgegeben werden. "Ich beuge mich nicht", betont er: "Aber ich akzeptiere andere und möchte von ihnen akzeptiert werden."

Stand: 04.01.2018