Von Angesicht zu Angesicht

Prophetie in der Nachfolge des Mose

Erster Teil der Serie "Gerufene Rufer – Die Propheten: Mittler zwischen Gott und den Menschen"

Von Ilse Müllner

"Was soll ich den Israeliten sagen, wer mich gesandt hat?" fragt Mose in der Erzählung über seine Berufung im dritten Kapitel des Buches Exodus. Auf diese Frage hin offenbart Gott Mose seinen Namen, den schon früh im Judentum nicht mehr ausgesprochenen Gottesnamen JHWH. In Exodus 33 geht Mose noch weiter als mit der Frage nach Gottes Namen. Er erwartet, dass Gott sich ihm zeigt: "Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!" Diese Forderung ist eine Zumutung. Denn der Gott Israels ist nicht wie andere Gottheiten der Antike im Bild dargestellt worden. JHWH ist eine Gottheit, die sich dem Auge im Bilderverbot ebenso entzieht wie dem Ohr in der Unaussprechlichkeit des Namens. Und dennoch: Gott lässt sich darauf ein, sich Mose zu zeigen – allerdings nicht "von Angesicht zu Angesicht", sondern "von hinten" oder "im Nachhinein" (beide Übersetzungen von Ex 33,23 sind möglich).

Gottes ansichtig zu werden gelingt nicht unmittelbar, nicht einmal Mose kann Gott bei seinem Wirken in der Welt beobachten. Aber der Mensch kann Gott – wie Mose – "im Nachhinein erkennen", seine Spuren lesen, seine Taten als Zeichen seiner Anwesenheit wahrnehmen. Eine der Spuren Gottes zeigt sich in den Menschen, die ihm begegnet sind. Das Gesicht des Mose strahlt, als er vom Ort der Gottesbegegnung, vom Sinai zurückkommt (Ex 34,29). Das mehrdeutige hebräische Wort für Strahlen hat übrigens über die lateinische Übersetzung "gehörnt" Eingang in die Bildwelt der Kunst gefunden: Mose wird aufgrund der Übersetzung dieser Stelle mit Hörnern dargestellt. Mose ist von seiner Begegnung mit dem Gott Israels gezeichnet. Er ist – für andere sichtbar – mit dem
Heiligen in Berührung gekommen. Das ist eine der Spuren, die Gott in dieser Welt hinterlässt: auf den Gesichtern derer, die sich ihm nahe wissen.

Gottesnähe als Wurzel der Prophetie
Mose aber – so will es die biblische Tradition – ist Gott so nahe gekommen wie kein anderer Mensch. "Niemals wieder ist in Israel ein Prophet wie Mose aufgetreten. Ihn hat JHWH von Angesicht zu Angesicht erkannt", heißt es in Deuteronomium (Dtn) 34,10. "Erkennen" ist eines der wunderbaren Wörter des biblischen Hebräisch. Es trägt das ganze Gewicht tiefer Beziehungen. "Adam erkannte Eva, und sie wurde schwanger, und sie gebar …" (Gen 4,1").

"Erkennen" meint, in Beziehung sein, "erkennen" ist intellektuell, emotional, freundschaftlich, erotisch und gilt sowohl in der Beziehung zwischen Menschen als auch in der Gottesbeziehung als Ideal. "Erkennen" ist also einer jener biblischen Begriffe, der die gewohnte Trennung von "Kopf" und "Bauch" in Frage stellen und zeigen, dass beide Welterfahrungsweisen durchaus zusammengehören. In Dtn 34,10 ist es aber nicht der Mensch Mose, der Gott erkennt, sondern umgekehrt: Es ist Gott, der Mose "von Angesicht zu Angesicht erkannt hat".

Unwillkommene Berufung
Diese Berufungen sind für die Propheten, die "gerufenen Rufer", nur sehr selten willkommen. Von der Berufungserzählung des Mose an erzählt die Bibel immer wieder von der Verweigerung, vom Unwillen und von mangelndem Selbstvertrauen. Der größte aller Propheten, Mose, findet auf die Aufforderung Gottes, sein Volk aus Ägypten zu befreien, eine Ausrede nach der nächsten. Mose verhandelt mit – oder gegen – Gott, versucht mit allen Mitteln, den an ihn ergangenen Auftrag nicht wahrzunehmen. "Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe?" (Ex 3,11), fragt er. Oder: "Na gut, ich werde zu den Israeliten gehen, aber was soll ich ihnen sagen, wenn sie mich nach dem Namen Gottes fragen?" (Ex 3,13) – "Was aber, wenn sie mir nicht glauben?" (Ex 4,1)

Und nachdem Gott dem Mose seinen Namen JHWH – ich bin da, als der ich da bin – offenbart, seinen Auftrag genau erläutert und ihm mehrere prophetische Zeichen gegeben hat, zieht Mose sein schärfstes Argument: "Bitte, mein Herr, ich bin kein Mann der Worte, ich kann doch gar nicht reden." Und schließlich, als Gott auch das entkräftet mit der Aussage, er sei es schließlich, der den Menschen die Sprache gebe, bleibt Mose nicht mehr übrig, als ganz offen zu bitten, einen anderen zu schicken. Und noch einmal kommt Gott Mose entgegen. Er stellt ihm seinen Bruder Aaron zur Seite: "Er wird für dich der Mund sein, und du wirst für ihn Gott sein"  Ex 4,16).

Stimmen Gottes
Mit diesem auf den ersten Blick etwas merkwürdigen Satz ist vielleicht die Hauptsache über die Rolle der Prophetinnen und Propheten gesagt. Sie haben eine Mittlerfunktion. Ihre Aufgabe ist es, im Namen Gottes zu sprechen. Oft genug kommt dem einzelnen Propheten weder das Sprechen selbst (Mose) noch der Inhalt dessen, was er zu verkündigen hat, zupass. Man denke nur an Jona, der sich nach allen Regeln der Kunst seinem Auftrag, Ninive das Strafgericht Gottes anzudrohen, zu entziehen versucht, letztlich aber unfreiwillig zur Rettung Ninives beiträgt.

Die Verkündigung des Gottesworts bringt die Propheten oft selbst in Gefahr. Das zeigt eindrücklich das Buch Jeremia, in dem seine Botschaft von der Anpassung an die feindliche Macht Babylon dem Propheten die Feindschaft der politisch Andersdenkenden und schließlich sogar eine Gefängnisstrafe einbringt. Auch Jeremia hatte versucht, sich seiner Berufung zu widersetzen: "Da sagte ich: Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung" (Jer 1,6). Und die Auseinandersetzung mit seinem Auftrag hält an: "Ja, sooft ich rede, muss ich schreien, 'Gewalt und Unterdrückung!' muss ich rufen. Denn das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Spott und Hohn. Sagte ich aber: 'Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!', so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinem Innern. Ich quälte mich, es auszuhalten, und konnte nicht" (Jer 20,8-9).

Anders als der umgangssprachliche Begriff meint Prophetie also nicht zuallererst eine Zukunftsansage. Prophetinnen und Propheten sind vor allem anderen Mittlergestalten zwischen Gott und den anderen Menschen. Sie werden von Gott gerufen – oft genug gegen ihren Willen – und haben den Auftrag, in Gottes Namen zu sprechen. Oft ist das, was sie zu sagen haben, unbequem, immer wieder berührt es auch das zukünftige Ergehen der Menschen, hauptsächlich aber handelt es sich um eine scharfe und schonungslose Analyse gegenwärtiger Verhältnisse. Die Prophetinnen und Propheten bringen auf den Punkt, worum die Mehrheit der Menschen versucht sich zu drücken. Ihre Wahrheit ist ungeschönt, undiplomatisch und schmerzhaft. Es ist die Wahrheit Gottes, die durch diese Menschen zum Ausdruck kommt.

Wer weiß, in welchen Stimmen Gott spricht?

Stand: 04.01.2018