Unsere Meinung zur Enzyklika "Fratelli tutti"

Am 4. Oktober 2020 hat Papst Franziskus sein Lehrschreiben "Fratelli tutti - über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft" veröffentlicht. Bei aller Zustimmung zu den großen inhaltlichen Linien dieser Enzyklika, gibt es doch auch kritische Anmerkungen. 

"Wir alle tragen eine Verantwortung gegenüber dem Verwundeten, das heißt gegenüber dem eigenen Volk und allen Völkern der Erde. Tragen wir Sorge für die Zerbrechlichkeit jedes Mannes, jeder Frau, jedes Kindes und jedes älteren Menschen mit dieser solidarischen und aufmerksamen Haltung der Nähe des barmherzigen Samariters." (79 FT)

Mit Bezug zu dem bekannten biblischen Gleichnis des barmherzigen Samariters ist dies einer der Kernsätze der Sozialenzyklika "fratelli tutti" von Papst Franziskus. Dieser sieht die Verantwortung für die Menschheit sowohl individuell bei jedem Einzelnen als auch bei allen Völkern.

Als kfd begrüßen wir die Offenheit dieser Enzyklika, die an alle Menschen guten Willens gerichtet ist (vgl. 6 FT). Alle Religionsgemeinschaften und die christlichen Konfessionen nimmt der Papst aber ebenso in die Pflicht für das Miteinander - national und global - anlässlich der Bewältigung der aktuellen nationalen und globalen Probleme und Krisen.

Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen

Wir sind Papst Franziskus dankbar, dass er sehr klar die vorhandenen Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen und zwischen den Geschlechtern benennt:

Er beklagt, dass viele Gesellschaften die Gleichberechtigung von Frauen noch nicht umsetzen. Frauen werden in vielfältiger Weise benachteiligt, ausgeschlossen und misshandelt. Der Papst bezeichnet es als "grenzenlose Verirrung" (24 FT), wenn Frauen versklavt und zur Abtreibung gezwungen werden. Oft haben sie nur geringe Chancen, ihre verbrieften Rechte zu verteidigen (vgl. 23 FT).

Er fordert die Wahrheit und damit die Anerkennung des Schmerzes von Frauen, die Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden sind (vgl. 227 FT). Es sei inakzeptabel, dass eine Person weniger Rechte habe, nur weil sie eine Frau ist (vgl. 121 FT).

Den Ursprung dieser Forderungen nach Gleichberechtigung sieht der Papst in der unveräußerlichen Würde jedes Menschen, die unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Religion besteht (vgl. 39 FT) und aus christlicher Sicht in der Liebe Gottes zu den Menschen begründet ist.

Solidarität mit den Ärmsten und Schwächsten

Als kfd teilen wir den Aufruf des Papstes, Solidarität gerade mit den Ärmsten und Schwächsten, insbesondere den Geflüchteten zu üben. Wir teilen auch seine kompromisslose Haltung gegenüber jeder Form von Krieg, weil die Gefahr, dass dieser in seiner Zerstörungskraft außer Kontrolle gerät und unbeherrschbar ist, sehr real ist. In seiner Unverhältnismäßigkeit ist kein Krieg heute mehr zu rechtfertigen. (vgl. 258 FT)

Als kfd begrüßen wir ausdrücklich die Forderungen nach mehr Kommunikation und der Pflege von Beziehungen (vgl. 87 FT) sowie nach einem ehrlichen Dialog auf allen Ebenen zwischen Menschengruppen und Staaten (u.a. 148 FT).

Nationalismus und Fremdenhass überwinden

In hohem Respekt vor den verschiedenen Kulturen und dem Fremdsein des anderen lassen sich nur so Nationalismen, Fremdenhass und Ausgrenzung überwinden und ein am Gemeinwohl orientiertes solidarisches Denken und Handeln (vgl. 112-117 FT) stärken.

Bei aller Zustimmung zu den großen inhaltlichen Linien dieser Enzyklika, die in einer gelungenen Synthese, ausgehend von der unveräußerlichen Würde des Menschen, die Verantwortung des Einzelnen und der Weltgemeinschaft für die aktuellen Zeitfragen zusammenführt, gibt es doch auch kritische Anfragen.

Warum wurde als Titel ausgerechnet "fratelli tutti" ("Alle Brüder") gewählt, obwohl dieser damit der im Text herausgearbeiteten Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit widerspricht?

Dankbar sind wir in diesem Zusammenhang dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz für den Formulierungsvorschlag für den Untertitel der deutschen Textfassung: "Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft".

Innerkirchliche Selbstkritik fehlt

Bei aller Wertschätzung für die Entschiedenheit in den programmatischen Linien der Enzyklika nach außen vermissen wir doch auch selbstkritische Ausführungen im Blick auf die innere Verfassung der Kirche:

Hier hätten beispielsweise die gleiche Würde und Wertigkeit von Frauen und Männern mit den sich daraus ergebenden Konsequenzen für Aufgaben und Ämter in der Kirche, die Begrenzungsnotwendigkeit innerkirchlicher Macht oder auch die Kommunikationserfordernisse auf allen kirchlichen Ebenen genannt werden können. Dies ist eine vertane Chance, verlorene Glaubwürdigkeit auch innerkirchlich zurückzugewinnen.

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Kommentare (2)

  • Birgit Sattler
    Birgit Sattler
    vor 3 Wochen
    Warum wurde als Titel ausgerechnet "fratelli tutti" ("Alle Brüder") gewählt, obwohl dieser damit der im Text herausgearbeiteten Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit widerspricht?
    Das frage ich mich auch! Wertschätzung hat mit der klaren Benennung der Adressaten zu tun. Wenn sich die Enzyklika also an Frauen und Männer - Christen und alle Menschen guten Willens richtet, dann werden Frauen definitiv einmal mehr nicht gleichgestellt.
  • Margot Klein
    Margot Klein
    vor 3 Wochen
    "Wir sind Papst Franziskus dankbar, dass er sehr klar die vorhandenen Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen und zwischen den Geschlechtern benennt:"
    Ich bin nicht dankbar, weil er die Institution Kirche nicht in den gesamten Blick auf die Welt miteinbezieht. Alle Forderungen, die wir als kfd haben, sind nicht beachtet. Von daher kann ich damit nicht zufrieden sein.
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Lioba Speer

Abteilungsleiterin Theologie/Politik/Bildung

Lioba.Speerat-Zeichenkfd.de

Stand: 05.10.2020