Lebensquelle Wasser

Der Sommer ist da! Und nach der langen Zeit der Einschränkungen, der Ängste und auch der Einsamkeit ist die Sehnsucht groß: Nach kühlem Nass, in das wir uns nach einem heißen Tag stürzen können. Oder einfach nach einem kühlen Glas Wasser zur Erfrischung. Doch die Zeiten sorglosen Umgangs mit Wasser und Wasserquellen sind vorbei. Wir müssen uns den Herausforderungen der Zukunft stellen. Und dazu gehört auch diese elementare Frage: Wie steht es eigentlich um unser Wasser?

Von Isabelle De Bortoli

Mal eben den Hahn aufdrehen, ein Glas Wasser trinken, ein Planschbecken füllen, die geliebten Blumen wässern - das ist für uns das Selbstverständlichste der Welt. Dabei vergessen wir im Alltag oft, dass sauberes Wasser zwar unsere Lebensquelle ist - aber eben keine Selbstverständlichkeit. Weltweit haben laut des aktuellen Wasserberichts der UNESCO 2,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser. 4,2 Milliarden Menschen - also mehr als 55 Prozent der Weltbevölkerung - haben keine sicheren Sanitäranlagen.

In Deutschland sind solche Szenarien weit weg. Doch ist unser Wasser so sicher, wie es scheint? Oder werden auch wir in den kommenden Jahren erfahren, wie knapp diese Ressource eigentlich ist? Denn eine der größten Bedrohungen für unser Wasser ist der Klimawandel. Er ist einer der Hauptgründe, warum das Wasser in manchen Regionen knapper werden wird.

Wie knapp ist die Ressource Wasser?

"In vielen Regionen der Welt haben Extremwetterereignisse zugenommen", sagt Marianela Fader, Stellvertretende Direktorin des Internationalen Zentrums für Wasserressourcen und Globalen Wandel in Koblenz. Besonders bedroht von Dürren sind Nordafrika und der Mittelmeerraum, zeigen verschiedene Klimaprojektionen. 

Marokko, Tunesien, Süditalien und Griechenland werden mit weniger Niederschlägen im Sommer zu kämpfen haben, mit großen Auswirkungen auf Tourismus und Landwirtschaft. Denn beide Wirtschaftszweige sehen einen intensiven Wasserverbrauch vor - dabei wird schon jetzt stellenweise zu viel Grundwasser verbraucht. Doch warum ist Starkregen ein Problem?

"Wenn große Mengen Wasser in einer kurzen Zeit auf den Boden fallen, kann das Wasser unter Umständen nicht schnell genug vom Boden aufgenommen werden und fließt oberflächlich ab. Es bilden sich beispielsweise Schlammlawinen, die Kanalisation kann die Wassermassen nicht aufnehmen. So kann auch durch eine Überschwemmung der Zugang zur Abwasserinfrastruktur wegbrechen", erklärt Fader.

Was früher ein heißes Jahr war, dürfte künftig ein Normaljahr sein."

Auch in Deutschland werden die Sommer heißer und trockener. Die Hitzejahre 2018, 2019 und 2020 sind aus Sicht des Umweltforschers Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Vorboten des Klimawandels.

"Was früher ein heißes Jahr war, dürfte künftig ein Normaljahr sein." In Deutschland wirkte sich die Trockenheit vor allem auf die Böden aus. "Hier drohen Ernteausfälle und Futtermangel", so Borchardt jüngst in einem Online-Vortrag. "Gleichzeitig wird der Wasserbedarf in der Landwirtschaft erheblich steigen." Schon jetzt sichtbar seien auch die Schäden in den Wäldern, da die Bäume unter "Wasserstress" litten.

Zudem weisen mehrere Flüsse extremes Niedrigwasser auf, so der Hydrologe. Dies gefährde die Artenvielfalt, die an Wasserläufen besonders hoch sei. "Wir müssen in Zukunft zu einem neuen Wassermanagement kommen. Denn das Trinkwasser ist und bleibt unser Lebensmittel Nummer 1."

Allerdings ist das Trinkwasser in Deutschland nicht nur vom Klimawandel, sondern noch auf eine ganz andere Weise bedroht: "Wir haben ein gewaltiges Grundwasserproblem aufgrund der Menge an verwendeten Düngemitteln", sagt Wasserexpertin Marianela Fader.

"Sie gelangen nicht nur in das Grundwasser, sondern auch zu unseren Flüssen und Seen und verursachen Ökosystemschäden." Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat ermittelt: Seit Jahren verletzt Deutschland, wie andere EU-Staaten auch, den Grenzwert der Grundwasserbelastung mit Nitrat. Er liegt bei 50 Milligramm pro Liter. Knapp ein Fünftel der in Deutschland verteilten 1200 Messstellen weist höhere Werte auf. In landwirtschaftlich geprägten Gebieten wird der Grenzwert teilweise um mehr als 700 Prozent überschritten. Vor allem für Säuglinge ist Nitrat gefährlich, es kann schwere Krankheiten auslösen.

Zunahme der Weltbevölkerung

Eine weitere Ursache für die weltweite Wasserknappheit ist die Zunahme der Weltbevölkerung. Mehr Menschen brauchen mehr Nahrung - und für die Bestellung der Felder wird Wasser benötigt. "Landwirtschaft ist fast überall der Sektor mit der höchsten Wassernutzung. Zum Teil kommt es zu einer Übernutzung der Grundwasserressourcen", sagt Marianela Fader. "Das ist zum Beispiel in Teilen von Spanien, Indien, Mexiko, China und in vielen Regionen Nordafrikas der Fall." Hier offenbart sich auch ein globales Problem: Kaufen wir Lebensmittel aus Regionen, in denen knappes Wasser zum Bewässern riesiger Plantagen genutzt wird, verstärken wir das Wasserproblem dort.

"Virtuelles Wasser" nennt die Wissenschaft dieses Phänomen. "Es bezeichnet das Wasser, das verbraucht wurde, um die Konsumgüter herzustellen, die wir kaufen", erklärt Fader. "Das können zum Beispiel Avocados sein, aber auch Kaffee oder die Jeans, die ich trage. Durch unseren Verbrauch sorgen wir unter Umständen woanders für Wasserprobleme."

Frauen und das Wasser

Mädchen und Frauen sind in besonderem Maße von Wasserknappheit bedroht. In den ländlichen Regionen von Subsahara-Afrika laufen Mädchen und Frauen oft mehrere Kilometer am Tag, um Wasser zu holen. "Und das hat noch nicht einmal immer eine gute Qualität", sagt Marianela Fader, Stellvertretende Direktorin des Internationalen Zentrums für Wasserressourcen und Globalen Wandel.

Auch in Lateinamerika und Asien seien Mädchen und Frauen von mangelndem Zugang zu Trinkwasser und mangelnder Hygiene betroffen. Dies habe Konsequenzen auf die Bildungschancen und die Arbeitsfähigkeit. "Wer stundenlang zu einem Brunnen laufen muss, kann nicht zur Schule gehen", sagt Fader. "Und schlechtes Wasser verursacht gesundheitliche Probleme. Damit ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen und Mädchen gefährdet und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wird gefördert."

Wasserbewusst einkaufen

Die Lösung: Regionale Produkte in Bioqualität von Kleinbauern kaufen und darauf achten, wo genau beispielsweise mein Kaffee produziert wurde: fair gehandelt aus einer niederschlagsreichen Region in Ghana? Oder von einer Konzernplantage in einer saisonal trockenen Region, auf der bewässert werden muss?

Die Wasserexpertin gibt zu: "Wasserbewusst einzukaufen ist schwer, denn es gibt keine Siegel, die den Wasserfußabdruck eines Produkts zeigen. Bei Baumwoll-Kleidung ist klar, dass Baumwolle fast immer stark bewässert wird. Deshalb kann jeder einen Beitrag leisten, indem neue Kleidung nicht im Übermaß gekauft wird." Marianela Fader appelliert: "Jedem ist inzwischen klar, dass er beim Zähneputzen nicht das Wasser laufen lassen sollte. Aber dass man auch durch bewussten Konsum Wasser sparen kann, ist vielen noch nicht so bekannt."

Jedem ist inzwischen klar, dass er beim Zähneputzen nicht das Wasser laufen lassen sollte. Aber dass man auch durch bewussten Konsum Wasser sparen kann, ist vielen noch nicht so bekannt." 

Grundsätzlich seien die Länder, die am meisten zum Klimawandel beitragen und die historisch die höchsten Emissionen hatten, vergleichsweise weniger stark von ihm betroffen - beziehungsweise könnten sich dank ihrer Wirtschaftsstärke besser anpassen, so die Wasserexpertin. Afrika sei stark betroffen und müsse für eine wachsende Bevölkerung Lebensmittel produzieren - habe aber wenige Ressourcen zur Anpassung. Ganz anders die USA oder auch Deutschland: Trotz zunehmender Dürreperioden oder auch Überschwemmungen könne man sich mit dem notwendigen Kapital entsprechend rüsten und anpassen. "Das ist eine große Ungerechtigkeit."

Die Anpassung der Wassernutzung an den Klimawandel ist auch ein Weg, den die UNESCO in ihrem Wasserbericht anregt. Gleichzeitig müsse das Klima durch nachhaltiges Wassermanagement geschützt werden. Großes Potenzial bieten laut UNESCO Wasserwiederverwendung und -aufbereitung: "Brauchwasser ist für zahlreiche Nutzungsformen eine zuverlässige Alternative, weil Trinkwasserqualität für Landwirtschaft und Industrie häufig nicht notwendig ist. Auch die Renaturierung und der Erhalt von Feuchtgebieten sind Beiträge zum Klimaschutz. Positive Nebeneffekte sind zudem Hochwasserschutz, Minderung der Auswirkungen von Dürren, Wasserreinigung und Erhalt der biologischen Vielfalt."

Weltwassertag

Jedes Jahr am 22. März findet der von der UN ins Leben gerufene Weltwassertag statt. In diesem Jahr stand er unter dem Motto "Wertschätzung des Wassers". In ihrem Weltwasserbericht mit dem Titel "Wasser bewerten und wertschätzen" fordert die UNESCO mehr Investitionen in das blaue Gold, seine Reinhaltung und den Schutz der Speicher.

Wasser werde viel zu oft als selbstverständlich angesehen, privatisiert, verschmutzt und verschwendet, heißt es. Schon mehrfach hat die UNESCO vor einer dramatischen Wasserkrise gewarnt. Der weltweite Wasserverbrauch hat sich in den vergangenen 100 Jahren mehr als versechsfacht. Er nimmt infolge von Bevölkerungswachstum, wachsender Güterproduktion und zunehmendem Konsum weiter um etwa 1 Prozent pro Jahr zu. Der Klimawandel wird die Situation zusätzlich verschlechtern - insbesondere in Regionen, die bereits unter Wasserstress stehen.

www.unesco.de

 

 

Heilende Wirkung des Wassers

Dass Wasser eine heilende Wirkung hat, davon war Sebastian Kneipp (1821-1897) überzeugt. In diesem Jahr wird sein 200. Geburtstag gefeiert. Kneipp, von Beruf Pfarrer, ist für sein ganzheitliches Gesundheitskonzept bekannt und geschätzt. Die berühmteste seiner Anwendungen ist das Wassertreten, bis heute gibt es Kneipp-Becken in Parks.

Wichtig: Das Wasser muss unter 18 Grad kalt sein und darf nicht höher als bis zum Knie reichen. Dann regt das Wassertreten unter anderem den Kreislauf an, fördert die Durchblutung, kräftigt die Venen, regt den Stoffwechsel an und stärkt das Immunsystem. Warum Kneipp so vom Wasser überzeugt war? Als er an Tuberkulose erkrankte, heilte er sich durch eiskalte Bäder in der Donau.
Mehr unter

www.kneipp2021.de

Tipp

Der eigene Wasserfußabdruck kann unter folgendem Link berechnet werden und gibt eine Schätzung über den individuellen Wasserverbrauch.

www.waterfootprint.org

Stand: 23.06.2021