Keine Zeit für Tränen

Yaroslava und Victoria mussten aus Kiew flüchten, als die russische Armee immer näher rückte. Nun sind sie im Südwesten der Ukraine gestrandet, in Ivano-Frankivsk. Ein Bericht des Hilfswerkes Renovabis aus der Ukraine.

Von Volodymyr Lukashevskyi, Markian Bukatchuk und Pavlo Hedzyk 

Donezk war eine sehr große und schöne Stadt mit vielen Gassen, Parks, Infrastruktur und unglaublichen Blumen, die überall auf dem zentralen Platz gepflanzt waren“, erinnert sich Victoria. So war es, bis der Krieg über die Stadt, die Menschen, das Land hereinbrach. Er macht Menschen zu Flüchtlingen und Städte zu Trümmerfeldern. Victoria stammt ursprünglich aus Donezk. Als der Krieg ausbrach, lebte die 25-Jährige in Kiew. Geflüchtet ist sie gemeinsam mit Yaroslava (23). Der Krieg zerstört das, was einst „normal“ war, und bemalt sein schreckliches Kunstwerk mit Blutflecken, so schildern die beiden jungen Frauen ihre Erfahrungen.

Während des Krieges eine Frau zu sein, ein Mädchen zu sein, bedeutet, sich einer schrecklichen Prüfung zu unterziehen. Da ist keine Zeit für Tränen oder Verzweiflung, man muss stark bleiben.

„Ich habe Donezk 2016 verlassen und bin nach Kiew gezogen, wo ich Musiklehrerin bin und Geige unterrichte. Meine Eltern leben allerdings die ganze Zeit über noch in der sogenannten Volksrepublik Donezk. Es ist sowohl emotional als auch körperlich sehr schwierig“, sagt Victoria. Ihre Eltern hat sie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gesehen, da es keine Sicherheitsgarantien für einen Besuch in der selbst ernannten Republik gebe, insbesondere mitten im Krieg. „Das Schlimmste war, Explosionen in einer scheinbar friedlichen Hauptstadt, einem friedlichen Land zu hören. Als wir am 24. Februar die Raketenangriffe hörten, sahen wir kochenden Rauch – uns wurde klar, dass es Zeit war, wegzulaufen. Während des Krieges eine Frau zu sein, ein Mädchen zu sein, bedeutet, sich einer schrecklichen Prüfung zu unterziehen. Da ist keine Zeit für Tränen oder Verzweiflung, man muss stark bleiben“, sagt Victoria.

Yaroslava nickt zustimmend. Das Schlimmste für sie sei die Sorge um ihre Eltern. „Ich bin das einzige Kind in der Familie. Meine Mutter ist Ärztin und kann unsere Stadt nicht verlassen. Als ich die Kämpfe in der Region Tschernihiw sah, war es sehr schwierig, die Tränen zurückzuhalten, es war unheimlich schwer, den ganzen Schmerz zu unterdrücken, bei den Telefonaten mit den Eltern bloß nicht zu weinen, weil es dort ja noch schwieriger für sie ist“, erzählt Jaroslava.

Sie ist Grafikdesignerin. Sie studiert an derselben Universität wie Victoria, arbeitet aber bereits, um ihr Studium zu finanzieren, und lebt in der ukrainischen Hauptstadt. „Natürlich ist es wahrscheinlich etwas einfacher, wenn man in einer Familie ist, wenn man einen Ehemann oder einen Freund hat. Allerdings bin ich mit Victoria schon lange befreundet und wir halten zusammen. Als der Krieg begann, gelangten wir an Bahntickets und erfuhren durch Bekannte, dass wir nach Ivano-Frankivsk kommen könnten.“

Am Bahnhof war es dunkel und es waren so viele Menschen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele Menschen auf dem Bahnsteig der Hauptstadt und eine solche Dunkelheit gesehen zu haben. Panik und Angst hingen in der Luft.

Doch der Zug, für den sie bereits eine Fahrkarte hatten, fuhr erst gar nicht los. Durch die heftigen Kämpfe standen alle Räder still. „Am Bahnhof war es dunkel und es waren so viele Menschen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele Menschen auf dem Bahnsteig der Hauptstadt und eine solche Dunkelheit gesehen zu haben. Panik und Angst hingen in der Luft. Das Informationsbüro teilte uns mit, dass in fünf Minuten ein Evakuierungszug nach Ivano-Frankivsk abfahren würde, und wir rannten dorthin.“ 

Angekommen im Westen der Ukraine, im Vorkarpatenland, fühlen sie sich nun ein wenig sicherer. Sie gelangten in das St. Basilius-Lyzeum der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, wo die jungen Frauen noch heute sind. Die Möglichkeit, online zu arbeiten und zu studieren, hilft ihnen etwas dabei, sich vom Krieg und den ständigen Sorgen um die Eltern, die ja immer noch in Gefahr sind, abzulenken. „Am liebsten möchte ich jetzt meine Eltern sehen“, sagt Victoria. „Aber das kommt gerade nicht infrage.“

Beide sind sich einig: „Der Krieg hat uns verändert, der Krieg hat alles zerstört, was früher üblich und normal war“. Die jungen Frauen besuchen nun wieder erste Vorlesungen und versuchen, weiterzumachen. Im Angesicht des Krieges und seiner Schrecken wirken sie unglaublich stark. So jung sie auch sind. Sie wissen genau, was sie wollen, und sie bleiben standhaft, obwohl sie sich, wie alle Studentinnen und Studenten, am meisten Sorgen über die Prüfungen machen, die jetzt bevorstehen. Die eigentliche Lebensprüfung bestehen sie aber gerade in diesem Moment.

Stand: 20.06.2022