Im Anfang war das Staunen

 

"Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht."

Am 24. Dezember 1968 hörten zirka eine Milliarde Menschen auf der Erde diese ersten Worte der Bibel, vorgelesen in einer Live-Übertragung aus der Apollo-8-Raumkapsel. Die US-Astronauten William 'Bill' Anders, Jim Lovell und Frank Borman hatte der Anblick der unvermittelt hinter der kargen Mondoberfläche aufgehenden Erde so tief berührt, dass sie ihre Live-Bilder aus dem All mit dem Verlesen von Genesis 1,1-9 untermalten.

Ihre naturwissenschaftliche und technische Bildung hinderte sie nicht daran, einen Bibeltext zu zitieren, denn sie verstanden ihn als das, was er ist: Ein Lobgesang auf die Schöpfung (und kein naturwissenschaftlicher Bericht über die Entstehung der Welt). Ihr Wissen um die schier unendlichen Ausmaße des Alls vergrößerte ihr Staunen noch.

Blick auf die Erde: Tiefes Gefühl der Ehrfurcht

Nie zuvor hatten Menschen einen Blick auf die Erde als Ganzes werfen können. Nie zuvor hatten sie ihren Heimatplaneten geradezu wie einen einzigen lebendigen Organismus in den Tiefen des Alls schweben sehen. Nie zuvor stand uns Menschen so klar vor Augen, dass die Menschheit eine Schicksalsgemeinschaft ist, die auf ihrem lebensfreundlichen Planeten wie auf einem Raumschiff in den Weiten eines faszinierenden, aber weitgehend lebensfeindlich ausgestatteten Weltalls treibt.

"Wir machten uns auf den Weg, den Mond zu erforschen, und das Wichtigste war, dass wir die Erde entdeckt haben", fasste Bill Anders später die zentrale Erfahrung seiner Weltraummission zusammen.

Für den tiefen und bleibenden Eindruck, den der erste selbst erlebte Erdaufgang bei Raumfahrern und Raumfahrerinnen mit und ohne religiösen Hintergrund hinterlässt, gibt es inzwischen einen Fachbegriff. Als Overview-Effekt bezeichnet man "ein Gefühl der Ehrfurcht, ein tiefes Verstehen der Verbundenheit allen Lebens auf der Erde und ein neues Empfinden der Verantwortung für unsere Umwelt" (Wikipedia: Overview-Effekt), das sowjetische Kosmonauten ebenso erlebten wie westliche Astronautinnen oder chinesische Taikonauten.

Obwohl sich im Laufe des naturwissenschaftlichen Fortschritts unsere Vorstellungen von Erde, Sonnensystem und Weltall mehrfach grundlegend verändert haben, verbindet ein solches Staunen angesichts der Größe und Schönheit des Alls die Menschheitsgenerationen.

Den beschriebenen Dreiklang aus Ehrfurcht, Verbundenheit und Verantwortung haben auch Menschen früherer Jahrhunderte beim Blick zum Sternenzelt schon erlebt. Der Philosoph Immanuel Kant etwa schrieb 1788: "Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir."

"Mutter Erde": Vom Umgang mit unserer Schöpfung

Neue Bibel-Serie von Sonja Angelika Strube

Als wohlgeordneten Kosmos (= "Ordnung") und als Gottes gute Schöpfung beschreibt die Bibel unsere Welt in den Weltbildern ihrer Zeit. Doch spätestens seit Beginn der Industrialisierung vor gut 200 Jahren beuten insbesondere die Nationen der Nordhalbkugel die Schätze der Erde auf der Suche nach Profit aus. Die durch Treibhausgase verursachte Erdüberhitzung (= Klimawandel) ist die aktuell gravierendste Folge. Kann uns die Bibel für diese Fragen unserer Zeit Impulse geben? Was sagt sie zu Naturkatastrophen, Ausbeutung und Verschwendung von Ressourcen und zum guten Miteinander der Menschen?

Auch die Bibel besingt dieses Staunen in poetischen Bildern. Neben den beiden Schöpfungserzählungen in Genesis 1-3 (Sieben-Tage-Hymnus und Paradieserzählung) tun dies auch einige Psalmen, zum Beispiel Psalm 19. In der Schönheit der Schöpfung und durch sie hindurch sieht er das Wirken des Schöpfers: "Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände."

Die Schöpfung selbst verweist ganz ohne Worte auf den Gott, der sie schuf: "Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund, ohne Rede und ohne Worte, ungehört bleibt ihre Stimme. Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde."

Den Lauf der Sonne besingt der Psalm in Bildern einer Hochzeit: "Dort hat er (= Gott) der Sonne ein Zelt gebaut. Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held, ihre Bahn zu laufen. Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen."

Und wie bei Immanuel Kant und bei heutigen Astronauten und Astronautinnen führt der staunende Blick ins All die Dichterin/den Dichter des Psalms zum Nachdenken über moralische Verantwortung: "Die Weisung des EWIGEN ist vollkommen, sie erquickt den Menschen. [...] Das Gebot des EWIGEN ist rein, es erleuchtet die Augen. [...] Die Worte meines Munds mögen dir gefallen; was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, GOTT, mein Fels und mein Erlöser."

"Das weltberühmte erste Farbfoto vom Erdaufgang wurde zum Symbolbild schlechthin für die Schönheit, Einzigartigkeit und Verletzlichkeit unseres 'Blauen Planeten'."

Seit den ersten Fotos des Erdaufgangs haben wir alle Teil an dem veränderten Blick der Raumfahrerinnen und Raumfahrer auf unsere Menschheitsheimat - unser gemeinsames Haus - und an den Gefühlen von Ehrfurcht und Verantwortung. Das weltberühmte erste Farbfoto vom Erdaufgang wurde zum Symbolbild schlechthin für die Schönheit, Einzigartigkeit und Verletzlichkeit unseres 'Blauen Planeten'. Und zu einem der einflussreichsten Fotos aller Zeiten, denn es entfaltete eine starke umweltpolitische Wirkung.

Bewahrung der Schöpfung

Infolge dieses neuen Blicks auf unseren Planeten gründete sich 1968 der Club of Rome, der sich als gemeinnützige Organisation für Nachhaltigkeit einsetzt. Bereits 1972 wies er in einer Studie zur "Lage der Menschheit" auf die ökologischen Grenzen des Wachstums hin. 1971 wurde die Umweltschutzorganisation Greenpeace gegründet; 1972 fand die erste UN-Umweltkonferenz statt.

Doch trotz dieses Wissens und aller ökologischen Bemühungen produzierten wir in den vergangenen 50 Jahren immer mehr CO2, immer mehr Plastik, immer mehr Konsumgüter, die nach immer kürzerer Zeit kaputtgehen oder weggeworfen werden.

Wir verbrauchen in wenigen Jahrzehnten natürliche Ressourcen, die in Jahrmillionen entstanden sind. Unsere Freude an der Schönheit der Schöpfung und unsere Dankbarkeit für ein gutes Leben sind daher heute weit mehr als zu biblischen Zeiten an die Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung gekoppelt.

Papst Franziskus brachte dies 2015 durch den Titel seiner Umwelt-Enzyklika zum Ausdruck. "Laudato Si'" - Gelobt seist du - ist der bekannte (und gern gesungene) Anfang des Sonnengesangs des Heiligen Franz von Assisi. Der Untertitel weist dann auf unsere Verantwortung hin: "Über die Sorge für das gemeinsame Haus".

Stand: 23.02.2021