Generation K: Geleitet vom Glauben an die Gleichheit

Viola Kohlberger, Pfadfinderin, Synodale und angehende Doktorin der Theologie, hat nach einer Auseinandersetzung mit Kardinal Woelki viel Zuspruch erhalten. Jetzt will sie sich umso mehr dafür einsetzen, dass Kirche ihre Strukturen ändert, partizipativ und diskriminierungsfrei wird. 

Von Jutta Laege

Darf man in ihrem Fall von einer Bilderbuch-Sozialisierung nach katholischen Maßstäben sprechen? Viola Kohlberger wuchs im bayerischen Landsberg am Lech auf. „Heile Welt“, wie sie lächelnd anmerkt. In der ersten Klasse wird sie Pfadfinderin, in der dritten, nach der ersten Heiligen Kommunion, Ministrantin. Das Pfadfinderinnen-Sein ist ihr bis heute eine Herzenssache. „Ich habe in den 23 Jahren so viel bei und von den Pfadfindern gelernt, das war persönlichkeitsbildend.“ In der DPSG (Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg) leitet Viola Kohlberger Gruppen, bildet aus, wird 2018 erst Vorsitzende, dann im November 2021 geistliche Verbandsleitung im Diözesanverband Augsburg. Die Amtskirche hat sie in ihrer Kindheit und Jugend nie infrage gestellt. Sie geht im Benediktinerkloster St. Ottilien zur Schule, selbst der Firmunterricht findet im normalen Schulalltag statt. „Ich würde mich als ziemlich gläubig bezeichnen. Ich habe auch darüber nachgedacht, Ordensfrau zu werden“, erzählt sie. Nach dem Abitur entscheidet sie sich für ein Studium in München: Es scheint alles zusammenzupassen – der katholische Hintergrund, die katholische Erziehung, die Jugendarbeit. Nach dem ersten Staatsexamen an der Uni München vertieft sie ihre theologischen Interessen auch auf wissenschaftlicher Ebene: Sie beginnt eine Promotion in der Neueren Kirchengeschichte. Unterstützt wird sie durch ein Stipendium des Cusanuswerks – 2022 soll die Doktorarbeit fertig werden. Bis hierher ein nahezu perfekter katholischer Lebenslauf. Doch es gibt Brüche, die nach außen zunächst nicht sichtbar sind – und die haben deutlich mit der Entwicklung der Amtskirche in den vergangenen Jahren zu tun.

„Es hat ein bisschen gedauert, bis ich erkannt habe, dass es auch in der katholischen Amtskirche meine Aufgabe ist, mich einzusetzen, wenn ich etwas bewegen will."

Im Rückblick erscheint es ihr heute unglaublich, dass Ministrantinnen selbstverständlich anders behandelt wurden als Ministranten, dass – so drückt sie es mit dem Wissen von heute aus – Menschen aufgrund ihres Geschlechtes unterschiedliche Rechte zugestanden werden. Sie hat in der katholischen Pfadfinderschaft eine deutlich offenere Haltung erlebt: „Wir sind Teil der Kirche. Wir können uns vom Glauben leiten lassen und versuchen, nicht an diskriminierenden Lehrmeinungen festzuhalten.“ 

Die Inhalte der im September 2018 veröffentlichten MHG-Studie zum Missbrauch waren für sie „nur schwer auszuhalten“. Aber sie spürte in sich auch einen „ansozialisierten Klerikalismus“, dachte: Die müssen doch jetzt was tun in Rom oder bei den Bischöfen! Als der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) nach jungen Leuten sucht, die sich mit auf den „Synodalen Weg“ machen, erweckt das in ihr neue Kräfte: „Es hat ein bisschen gedauert, bis ich erkannt habe, dass es auch in der katholischen Amtskirche meine Aufgabe ist, mich einzusetzen, wenn ich etwas bewegen will. So habe ich es bei der Pfadfinderschaft ja auch gelernt!“

Viola Kohlberger will sich nicht dafür rechtfertigen, katholisch zu sein. Sie will mithelfen, die Kirche zu erneuern. „Mein Glaube ist stark – auch mein Glaube daran, dass Gott uns alle gleich und ebenbürtig geschaffen hat. Wir brauchen die Kirche als Gemeinschaft, um unseren Glauben leben zu können. Losgelöst von Gemeinschaft und Struktur, in Anarchie funktioniert das aus meiner Sicht nicht.“

Doch der Weg bleibt steinig, das musste die junge Frau bei der letzten Synodalversammlung in Frankfurt im Herbst 2021 erfahren, als sie unfreiwillig in eine Auseinandersetzung mit dem Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki geriet. Woelki, erklärter Vertreter der traditionellen Kirchenlehre, Gegner von Laiinnen-Mitsprache und demokratischen Prozessen innerhalb der katholischen Kirche, stellte sie – aufgrund ihres vorangegangenen Redebeitrags im Plenum – auf dem Weg zur Toilette zur Rede. Sie beschrieb den Druck, ihr Ausgeliefertsein gegenüber seiner Autorität und ihre Befürchtungen in einem Instagram-Video, suchte und erhielt große Fürsprache und Unterstützung – aber auch Anfeindungen. Rechtskonservative Kreise sammelten im Hintergrund Material über und von Kohlberger, deckte ein Zeitungsbericht auf. „Das alles hat mich ziemlich mitgenommen“, bekennt sie. Zu der zeitlichen Belastung als Synodale komme dieser enorme emotionale und psychische Druck. Sie weiß, dass es anderen auch so geht, und hätte das vorher in dieser Dimension nicht für möglich gehalten. 

„Als junge Synodale machen wir uns mit vielen anderen dafür stark, dass die Risikofaktoren, die die MHG-Studie aufweist, angegangen und minimiert werden. Die Ergebnisse müssen messbar sein – auf allen Ebenen.

Der Vorfall mit Woelki liegt nun drei Monate zurück, Viola Kohlberger will nach vorne schauen, hat sich inzwischen mit Verantwortlichen des Synodalen Weges getroffen, um über Schutzräume und sichere Plätze in der Versammlung zu reden. Die nächste Synodalversammlung findet vom 3. bis 5. Februar 2022 statt. Die Erfolgsaussichten hält Kohlberger gar nicht mal für so schlecht. „Als junge Synodale machen wir uns mit vielen anderen dafür stark, dass die Risikofaktoren, die die MHG-Studie aufweist, angegangen und minimiert werden. Die Ergebnisse müssen messbar sein – auf allen Ebenen. Am allerbesten wäre eine Selbstbindung der Bischöfe an die Beschlüsse der Synodalversammlung. Es braucht eine wirkliche Gewaltenteilung und Machtkontrolle, bei der Bestellung der Bischöfe müssten Lai*innen sich zumindest mit einbringen dürfen.“ Und schließlich funktioniere Partizipation nur mit Gleichberechtigung aller Geschlechter: „Das ist mir ein echtes Anliegen: Gleiche Rechte für alle, auch bei der Prüfung von Berufungen.“

Dass sie in der DPSG gerade zur ersten nicht geweihten Kuratin gewählt wurde, ist im Umfeld des aus ihrer Sicht eher konservativen Bistums Augsburg ein Schritt in die richtige Richtung und könne als Beispiel dafür dienen, wie kirchliche Verantwortung in Zukunft gelebt werden kann.

Die Generation K finden Sie auch hier: 

www.kfd.de/generation-k

Stand: 21.12.2021