Eine Frage der Macht

Um den Diakonat der Frau weiter ringen Interview

Von Stephanie Meyer-Steidl

Frauen sollen zu Diakoninnen geweiht werden dürfen - das fordern seit langem viele Christinnen und Christen - auch die kfd. Die Amtskirche zeigt aber nur wenig Veränderungsbereitschaft. Ein Gespräch mit der Theologieprofessorin Theresia Heimerl über hoffnungsvolle Zeichen und den Kern des Problems.

Frau Professorin Heimerl, seit Jahrzehnten wird über einen sakramentalen Diakonat für Frauen diskutiert. Viele Engagierte sind mit ihrer Geduld inzwischen am Ende. Nun hat der Papst vor knapp zwei Jahren eine Kommission zur Geschichte des Frauendiakonats einberufen. Gibt es Anlass zur Hoffnung?

Grundsätzlich bin ich eher abwartend und vorsichtig. Kommissionen sind oft dazu da, um etwas qualifiziert zu verschleppen, gemäß dem bekannten Motto "Wenn du nicht weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis". Die kirchlichen Kommissionen werden bisweilen ebenfalls von dieser Mentalität getragen. Daher hat sich meine Euphorie in Grenzen gehalten, als ich davon erfahren habe.

Von der Arbeit und dem Zeitplan der Kommission ist bisher noch nichts nach außen gedrungen, die Mitglieder sind zum Stillschweigen verpflichtet.

Ja, das erschwert eine Bewertung zum jetzigen Zeitpunkt. Aber bei aller vorsichtigen Zurückhaltung lässt sich auf jeden Fall feststellen, dass Papst Franziskus sehr unkonventionell ist. Deshalb halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass er vorhat, in Sachen Frauendiakonat etwas weiterzubringen.

Trauen Sie sich zu, eine Prognose abzugeben?

Wir sollten realistisch bleiben. An erster Stelle steht aktuell die Frage, ob der Zölibat gelockert und sogenannte "viri probati", also bewährte verheiratete Männer aus dem Kreis der Ständigen Diakone, zu Priestern geweiht werden sollten. Ich habe den Eindruck, dass das der Bereich ist, in dem sich als Erstes etwas bewegen wird. Dass man bald darauf auch den Diakonat für die Frau angehen wird, halte ich für wenig wahrscheinlich. Aus kirchenpolitischer Perspektive betrachtet, wären das zwei zu große Brocken auf einmal. Aber wie gesagt: Unter diesem Pontifikat ist alles Mögliche denkbar.

Die Argumente für oder gegen den Frauendiakonat liegen seit langem auf dem Tisch. Ist der Zugang von Frauen zu den Weiheämtern überhaupt noch begründungspflichtig?

Nun ja, die Argumente der Gegner haben immer noch ein gewisses Gewicht, wenn sie auch unterschiedlich schlagkräftig sind. Der erste Einwand beruft sich auf die Tradition. Danach sei die Kirche in der Auswahl ihrer Priester von Anfang an dem Vorbild Jesu gefolgt, der auch nur Männer zu seinen Nachfolgern ernannt habe.

Was sich leicht zurückweisen lässt ...

... indem man darauf verweist, dass die Kirche im Laufe ihrer Geschichte vieles verändert und revidiert hat, weil es nicht mehr zeitgemäß war. Mit dem zweiten Gegenargument lässt sich deutlich schwieriger umgehen. Es zielt darauf ab, dass laut der geltenden theologischen Anthropologie, also der Menschenkunde aus christlicher Sicht, Frauen ein anderes Wesen besitzen als Männer. Gemäß der göttlichen Schöpfungsordnung sind Frauen in erster Linie mütterlich-sorgend und werden auf die Familie als vorrangiges Betätigungsfeld verwiesen. Die Andersartigkeit ihres Wesens drückt sich aus in einer vom Mann grundverschiedenen Art des Denkens, Handelns und Fühlens. Deshalb können Frauen nicht geweiht werden.

Ein sehr grundsätzliches Argument.

Ja, und ich glaube nicht, dass die theologische Anthropologie in absehbarer Zeit überarbeitet wird. Zumal dieser Papst kein Theoretiker ist, sondern neue Wege praktisch erproben lässt. Schließlich gibt es noch das politische Argument gegen die Weihe, das da lautet: Wir würden den Frauen ja gerne den Zugang zum Diakonat ermöglichen, aber mit Blick auf die Weltkirche ist das Vorhaben nicht umsetzbar.

Wäre der Frauendiakonat in - sagen wir - einem afrikanischen Bistum tatsächlich nicht vorstellbar?

Große Teile der Weltkirche ticken ganz anders als wir. Aber damit es voran geht, könnte der Papst auf die Pluralität innerhalb der Weltkirche setzen und den Diakonat für die Frau in einzelnen Regionen zur Umsetzung freigeben. Diese Regionen würden, meiner Einschätzung nach, vor allem den deutschsprachigen Raum umfassen.

Zumal es in vielen Pfarrgemeinden bei uns schwierig geworden ist, das kirchliche Leben wegen des massiven Priestermangels aufrechtzuerhalten.

Mit der pastoralen Not zu argumentieren, ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits halte ich es für legitim, diesen pragmatischen Zugang zu wählen. Andererseits vermittelt man damit die Botschaft, dass Frauen erst dann ans Ruder dürfen, wenn es nicht genügend oder gar keine Männer mehr gibt.

Bei einer Konferenz zum Tag der Diakonin 2017 fragte eine Teilnehmerin, was die deutsche Kirche im Kern daran hindere, im Vatikan eine Zulassung von Frauen als Diakoninnen zu beantragen. Worum geht es wirklich in dieser Debatte?

Im Kern geht es um Macht. Die Frage, ob Frauen Zugang zu Ämtern erhalten dürfen, ist eine Machtfrage. Mit der Weihe hätten Frauen Zugang zu Gremien, Positionen und damit Entscheidungsebenen, die bisher nur Männern vorbehalten sind. Der kirchliche Bereich ist genauso von Hierarchien und damit von Macht bestimmt wie der weltliche - auch wenn noch so viel vom Dienst und vom Dienen die Rede ist.

Das bedeutet, dass die Diskussion um den Frauendiakonat noch deutlicher als bisher die Zusammenhänge zwischen Macht und Geschlecht in den Blick nehmen sollte?

Grundsätzlich sollten Verbände wie die kfd nicht locker lassen in ihrem Engagement für den sakramentalen Diakonat. Ganz unabhängig von der Zulassungsfrage zu den Weiheämtern, müssen Frauen im kirchlichen wie weltlichen Kontext aber auch bereit sein, Machtpositionen zu übernehmen. Das Wort Macht wird nicht gerne in den Mund genommen. Solange Frauen sich aber distanzieren von Macht, dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie nicht mitentscheiden dürfen. Denn entscheiden kann man nur, wenn man die Macht dazu hat. Viele Frauen der mittleren und älteren Generation haben nicht früh genug gelernt, von sich selbst und ihren Kompetenzen überzeugt zu sein. Viele sind nicht vertraut mit bestätigenden Sätzen wie: "Ich kann das, und ich will das."

Ihre Perspektive ist realistisch und ernüchternd zugleich. Trotzdem ermutigen Sie Frauen dazu, in der Kirche zu bleiben. Jetzt werde es erst richtig spannend, schreiben Sie in Ihrem Buch "Andere Wesen". Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Der Pontifikat des jetzigen Papstes stimmt optimistisch. Wir können gespannt sein, wie weit Franziskus geht. Vielleicht überrascht er uns noch mehr, als er es bisher schon getan hat. Auszuschließen ist nichts. Es bewegt sich auf jeden Fall viel, viel mehr, als sich in den letzten 30 Jahren bewegt hat.

Theresia Heimerl ist Professorin für Katholische Theologie und Religionswissenschaft an der Universität Graz. 2015 erschien ihr Buch "Andere Wesen" über Frauen in der Kirche.

Tag der Diakonin 2018

Unter dem Motto "Die Zeit zum Handeln ist jetzt!" findet am 29. April 2018 in St. Maria Magdalena in Bochum-Höntrop die zentrale Veranstaltung zum Tag der Diakonin statt. Die kfd, der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB), das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und das Netzwerk Diakonat der Frau rufen Gemeinden und Gruppen dazu auf, vor Ort den Tag mit Veranstaltungen zu begehen. Anregungen finden sich unter www.kfd-bundesverband.de. Der Tag der Diakonin wird seit 1998 jedes Jahr am 29. April, dem Gedenktag der Heiligen Katharina von Siena, bundesweit begangen.