Zweites Glück

Eine neue Liebe im Alter  

Von Regina Käsmayr

Nach dem Tod des Ehepartners bleiben viele Frauen allein. Die Gründe dafür sind zahlreich: Schuldgefühle gegenüber dem verstorbenen Partner, Angst vor dem Gerede der Nachbarn, Sorge um das eigene Seelenheil. Die Geschichte von Irmgard Gleich zeigt aber, wie bereichernd eine zweite Liebe sein kann.

Wenn Irmgard Gleich (68) auf dem Friedhof ist, um das Grab ihres verstorbenen Mannes Peter zu pflegen, ist sie nie allein. In gewisser Weise treffen an diesen Tagen vier Freunde aufeinander. Früher waren sie regelmäßig gemeinsam im Allgäu wandern. Heute leben nur noch zwei von ihnen, Irmgard und Erwin. Im Grab neben Peter liegt Erwins Frau Berta. Jeder kümmert sich um die letzte Ruhestätte seines früheren Partners. Dabei halten sie manchmal inne und haben das gleiche Gefühl: „Irgendwie sind wir jetzt wieder alle beieinander.“ Denn nun sind Irmgard und Erwin ein Paar.

Irmgards Mann starb eineinhalb Jahre vor Erwins Frau. In dieser Zeit war Irmgard allein. Sie suchte auch nicht nach einer Beziehung, dafür war ihre Trauer zu groß. Zudem standen existenzielle Fragen im Vordergrund: Kann ich das Haus alleine halten? Werde ich finanziell zurechtkommen? Wie gehen die Kinder mit dem Verlust ihres Vaters um? 

Nachdem diese Fragen geklärt waren, beschloss die damals 60-Jährige, sich auf das Leben allein einzustellen. Sie behielt ihre Ferienwohnung im Allgäu, machte dort allein oder mit Freunden Urlaub, schloss sich Wandergruppen an, die sie zum Großteil auch sehr herzlich aufnahmen und ihr nicht das Gefühl gaben, als Witwe das „fünfte Rad am Wagen“ zu sein. 

Aber manchmal passierte es doch: „Wenn man mit lauter Pärchen unterwegs ist und im falschen Moment nach dem Mann gefragt wird, ist das schon schmerzhaft.“ Dann machte sich das Gefühl von Einsamkeit in ihr breit. Aber es verging auch wieder. „Ich hätte niemals gezielt nach einem neuen Lebensgefährten gesucht“, erzählt Irmgard. Grund für diese Entscheidung war schlichtweg die Angst, eine ganz neue Person kennenlernen zu müssen, quasi eine „Katze im Sack“, bei der man nicht sicher sein konnte, was für Probleme man sich damit ins Haus holte.

Also lieber allein durchs Leben gehen, beschloss sie. In all der Zeit waren Erwin und Berta an ihrer Seite. Manchmal unternahmen sie etwas zu dritt. Einmal ging Irmgard sogar mit Erwin allein auf eine Bergtour, weil Berta nicht mehr gut zu Fuß war. Sie waren ganz normale Freunde, man fand sich gegenseitig nett.

Doch schließlich kam der Tag, an dem Irmgard sich von Berta verabschiedete, weil sie mit einem anderen befreundeten Ehepaar für einige Tage nach Prag flog. Für Berta stand eine Operation an, und Irmgard wünschte ihr alles Gute. Keine der beiden Frauen ahnte, dass dies ein Abschied für immer war. Denn als Irmgard eine Woche später von ihrer Reise zurückkehrte, fand sie die Todesanzeige ihrer Freundin in der Zeitung – sie hatte die Operation nicht überlebt.

Daraufhin griff Irmgard sofort zum Telefonhörer und rief Erwin an. „Ich wusste genau, wie es ihm ging. Es war der gleiche Schmerz, den ich durchlebt hatte. Also habe ich gesagt: ,Wenn du reden willst, bin ich für dich da.‘“ Es blieb nicht beim Reden. Einige Monate später, an Silvester, küssten sie sich. Das war auf einer Feier mit Freunden in der Allgäuer Ferienwohnung. „Die Gefühle zwischen uns haben sich einfach entwickelt. Es hat sich richtig und schön angefühlt“, erinnert sich Irmgard.

Schuldgefühle gegenüber Peter oder Berta hatten sie beide nicht. Im Gegenteil. Es war, als ginge ihre gemeinsame Freundschaft nun einfach weiter, nur auf andere Art. Von Anfang an waren Peter und Berta dabei – und das nicht nur auf dem Friedhof, wo sie zufällig die Gräber nebeneinander bekommen hatten. Oder war es doch ein Zeichen von ganz oben?

Im Eingangsbereich der Ferienwohnung hängte Irmgard ein Gruppenfoto von allen auf, das sie während einer Wanderung in den Bergen zeigt. Hier war ihr gemeinsames Domizil gewesen, und deshalb gehörten die Verstorbenen weiterhin dazu. „Wir reden auch über die beiden, erinnern uns gemeinsam an frühere Zeiten, vergleichen einander aber nie mit ihnen. Jeder hat seinen Partner geliebt und geschätzt. Und jetzt sind diese Ehen abgeschlossen und wir haben etwas Neues angefangen, mit einer anderen Basis.“

So richtig und natürlich die Liebesbeziehung zu Erwin auch für Irmgard war, so seltsam fanden ihre Söhne sie zu Anfang. Zwar sagte keiner der beiden etwas Negatives dazu, doch manchmal sprachen ihre Blicke Bände, vor allem, wenn ihre Mutter und ihr neuer Lebensgefährte sich in der Öffentlichkeit umarmten. „Muss das jetzt sein, dass die zwei Alten das so zeigen?“ – so übersetzte Irmgard das Augenrollen ihrer Kinder in diesen Momenten.Die Absolution kam allerdings recht bald. „Wenigstens ist es kein Fremder“, beschlossen die jungen Männer.

Mittlerweile ist Erwin in die Familie integriert, ebenso wie Irmgard in die seine, was beide als große Bereicherung ihres Lebens ansehen. Sie schieben zusammen die Kinderwagen ihrer Enkel und bald auch Urenkel durchs Dorf, gehen gemeinsam auf Hochzeiten und Trauerfeiern, teilen ihr Leben. „Ich habe mit Erwin jemanden gefunden, der mich auch mal streichelt, dem ich Probleme erzählen und mit dem ich Dinge unternehmen kann“, sagt Irmgard. „Er gibt mir Sicherheit.“ 

Dennoch bleibt die Gewissheit, dass eine zweite Liebe auch die Gefahr einer zweiten Trauer mit sich bringt. Erwin ist jetzt 76 Jahre alt und zwar gesund, bei den Wanderungen nimmt man trotzdem schon mal die Bergbahn in Anspruch, und niemand weiß, was die Zukunft bringt. „Das ist uns beiden bewusst, aber wenn man zu lange darüber nachdenkt, was in einem Jahr sein könnte, wird man nur schwermütig. Wir leben also mehr im Hier und Jetzt, und doch ist mir klar, dass ich für Erwin da wäre, wenn er krank werden würde, ebenso wie er für mich“, sagt Irmgard.

Eine gemeinsame Wohnung wollen sie sich allerdings nicht teilen, sondern besuchen einander stattdessen an sechs Tagen in der Woche – was problemlos möglich ist, denn sie wohnen im selben Dorf. Auch heiraten ist keine Option. Das hat weniger mit dem Alter zu tun als vielmehr mit den Lebensumständen. Denn in einer Beziehung geht man anders miteinander um als in einer Ehe, findet Irmgard. Niemand ist dominant oder fügt sich zwangsläufig den Vorstellungen des anderen. Kompromisse machen sie dennoch für einander.

Auf den allergrößten hat sich wahrscheinlich Erwin eingelassen, als er vor fünf Jahren seiner Irmi zuliebe zum ersten Mal in einem Flugzeug flog – nach Ischia, wo sie unbedingt hin wollte. Und allein sollte sie nicht gehen, allein soll sie einfach nicht mehr sein. Es wurde zu zweit auch tausendmal schöner.