Wo bleiben wir?

kfd-Gruppen stehen vor großen Herausforderungen, wo Gemeinden fusioniert werden

Von Carmen Molitor

Die Umstrukturierung und Zusammenlegung von Pfarreien in vielen Bistümern bricht gewohnte Strukturen auf, nimmt liebgewordene Orte für Gebet und Gruppenstunden und bringt erhebliche Unruhe in die Arbeit von kirchlichen Verbänden. Das verunsichert jene, die bisher das Rückgrat der Gemeinden bildeten, zum Beispiel die Mitglieder der kfd. Ein Blick in das Ruhrbistum Essen.

Pep bedeutet laut Duden "mitreißender Schwung". Wer auch immer sich für den Pfarreientwicklungsprozess, der seit 2015 im Bistum Essen läuft, das schmissige Kürzel PEP ausgedacht hat, wollte damit einen optimistischen Ton setzen: Seht her, das kleinste Bistum der Bundesrepublik macht aus seiner wirtschaftlichen und personellen Not eine Tugend, es erfindet sich neu, macht sich fit für die Zukunft.

Doch der Schwung will sich nicht bei allen Betroffenen so recht einstellen. Womöglich ist die Erinnerung an die vorherige Umstrukturierung zwischen 2005 und 2008 noch zu frisch. Damals fasste das Bistum unter dem Druck wirtschaftlicher Probleme seine bis dahin 259 eigenständigen Pfarreien in 43 Großpfarreien zusammen, trennte sich von 96 Kirchengebäuden.

Ein knappes Jahrzehnt später haben die Essener mit PEP einen weiteren Prozess gestartet, der tiefe Einschnitte im Gemeindeleben bedeutet. Er hält die Pfarreien dazu an, bis 2030 im Durchschnitt die Hälfte ihres Haushalts einzusparen. Bis spätestens Mitte 2018 muss jede Pfarrei dem Bischof ein neues pastorales Konzept vorlegen. Es soll festlegen, was sie als Kirche vor Ort in ihrem Ortsteil oder ihrer Kommune unter den geänderten Bedingungen leisten möchte und kann.Fast alle Bistümer leiten ähnlich grundlegende Veränderungsprozesse ein und bringen damit auch die in Zugzwang, die bisher die zuverlässigste Basis des Gemeindelebens bildeten: kirchliche Verbände.

An vielen Orten haben sich auch kfd-Gemeinschaften emotional und praktisch neu orientieren müssen: Wo kann man gemeinsam Gottesdienst feiern, wenn die eigene Pfarrkirche für immer verschlossen und die Mitglieder nicht mehr mobil sind? Wo veranstaltet man Treffen, wenn das Gemeindehaus verkauft wurde? Soll man mit der Nachbargemeinschaft innerhalb der neuen Großpfarrei fusionieren - und wie geht das? Wie überzeugt man Mitglieder, denen die Veränderungen im Bistum sauer aufstoßen, weiter bei der Stange zu bleiben? Kurz: Wie schlägt man als kfd in der neuen Struktur wieder Wurzeln?

Maria Friese kennt diese Probleme genau. Sie entstehen ausgerechnet in einer Zeit, in der zahlreiche kfd-Gemeinschaften im Bistum Essen ohnehin aufgrund ihrer Altersstruktur und der Schwierigkeit, Mitgliedernachwuchs und Vorstandsfrauen zu finden, nach neuen Wegen suchen müssen, um ihren Bestand zu sichern.

Friese, ehemalige Religionslehrerin an Gymnasien, gehört zum Vorsitzendenteam des kfd-Diözesanverbandes Essen. Sie weiß, dass die enge Anbindung an eine Pfarrei zum Wesen vieler kfd-Gruppen gehört. Und ungekehrt: "Viele kfd-Gemeinschaften sind die tragenden Säulen einer Gemeinde", sagt die 70-jährige Essenerin. Gerade solche Gruppen fühlten sich vor den Kopf gestoßen, wenn ihr Bistum sich neu erfinden will, ohne auf ihre Bedürfnisse nach Bindung und vertrauten Orten Rücksicht zu nehmen.

Sie kenne kaum Signale vonseiten des Bistums oder der Pfarreien, dass man diese Probleme ausreichend ernst nähme, sagt Maria Friese: Es fehle häufig die Wertschätzung für das geleistete Engagement der kfd-Gemeinschaften und das Interesse daran, wie sie ihre Arbeit weiterführen können. "Man redet davon, dass die Volkskirche stirbt. Richtig, es ist nicht mehr so wie früher. Aber bei all den Veränderungen hat man inzwischen manchmal den Eindruck: Alles war schlecht, und jetzt kommt das Gute!"

Das gebe einiges böses Blut, so Friese. Seit Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck vor knapp zwei Jahren öffentlich anklingen ließ, dass kirchliche Verbände sich überlebt hätten, ist das Verhältnis zwischen Amtskirche und Ehrenamtlichen im Bistum Essen getrübt. Um diese Spannungen weiß auch Michael Dörnemann, Leiter des Dezernats Pastoral.

Im Gespräch signalisiert er Verständnis für die Sorgen der Verbände: "Wir haben die Pfarreien ermutigt: Wenn ihr einen solchen Entwicklungsprozess aufsetzt, bezieht die Menschen ein. Vor allem eure Verbände, die Menschen, die das kirchliche Leben seit vielen Jahren tragen. Schaut bewusst auch auf die jüngeren Leute und auf die Menschen, die in eurem Ortsteil leben und punktuell mit Kirche in Berührung kommen wollen."

PEP sei so angelegt, dass jede Pfarrei zuerst die pastorale Leitlinie entwickele und dann Genaueres bestimme, beispielsweise welche Gebäude dafür gebraucht werden. "Das ist teilweise schwierig", räumt Michael Dörnemann ein. Ein Verband schaue meist zunächst darauf, ob er etwa seinen Gruppenraum im Pfarrheim abgeben müsse. "Aber wir wollen bewusst von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weg auf das, was uns als Kirche von der Botschaft her ausmacht", erklärt der Seelsorgeamtsleiter.

Man werde viele neue pastorale Akzente setzen und auch Menschen stärker in die Gemeinden einbeziehen, die sich nur kurzfristig engagieren möchten. Dörnemann weiß, dass bei manchen der Eindruck entstanden ist, man wolle das Alte schlechtreden. "Aber das stimmt nicht. Wir müssen nur zur Kenntnis nehmen: Leben verändert sich, Menschen verändern sich und wir müssen heute pastoral anders Kirche sein als vor 40 Jahren."

Maria Friese schätzt Dörnemanns Hilfsbereitschaft. Sie hält es ebenfalls für sinnvoll, Ehrenamtliche auf Wunsch auch nur für Projektphasen einzubeziehen. "Aber ohne langfristiges Engagement wird es in den Gemeinden auch nicht gehen. Nur dieses Kurzfristige reicht nicht. Sie brauchen Leute, die sich mehr oder weniger verpflichtet fühlen, in der Gemeinde bestimmte Dinge zu tun", argumentiert sie.

Das leisten bisher die kirchlichen Verbände.Maria Friese schaut mit gemischten Gefühlen in die Zukunft: Es könne den kfd-Mitgliedern Sicherheit geben, auch über die lokale Gemeinschaft hinweg zu einem Verband zu gehören, der eine Stimme in der Kirche sein will. "Ich glaube nicht, dass die kfd verschwindet", sagt sie, "aber es wird sich schon viel ändern."

Wie es ist, ein neues Kapitel der kfd-Arbeit vor Ort aufzuschlagen, erlebt Magdalena Götz zurzeit hautnah. Sie gehört zur Gemeinschaft kfd Bochum-Langendreer, einem Zusammenschluss der kfd-Gruppen in den Pfarreien St. Marien und St. Bonifatius, die einen gemeinsamen Pfarrer haben. Weil die kfd St. Bonifatius keinen neuen Vorstand mehr finden konnte, entschlossen sich die beiden Gemeinschaften Anfang 2017 zur Zusammenarbeit mit einem neuen Namen, neuer Fahne und gemeinsamem Vorstandsteam, in dem Frauen aus beiden Pfarreien sich engagieren.

Grundsätzlich trifft man sich mit dem Vorstand in der oberen Sakristei der Gemeinde St. Marien, nutzt aber für Veranstaltungen abwechselnd die Gemeindehäuser beider Pfarreien. "Die beiden Gruppierungen, die immer eigenständig waren, müssen sich jetzt erstmal ganz langsam beschnüffeln", erzählt Magdalena Götz. "Es ist eine neue Erfahrung. Wenn wir weiter bestehen wollen, müssen wir Kompromisse schließen, die anderen respektieren und auch einmal mutig andere Aufgaben angehen.

Das erfordert von beiden Gruppen ein Aufeinanderzugehen und Toleranz." Die neue kfd-Gruppe werde sich auch erhalten, wenn die Räumlichkeiten der Kirchen im Zuge von PEP wegfallen sollten, ist Magdalena Götz überzeugt: "Soweit haben wir uns angenähert, dass wir dann sagen würden: Kommt, wir suchen uns gemeinsam einen Raum und machen auch dort weiter. So stabil sind wir inzwischen."