Die Seelenzeichnerin

Die Künstlerin INK und das Glück, dem eigenen
Talent zu folgen

Von Regina Käsmayr

Es war einmal eine junge Frau, die hatte ein Talent: Nur mit einem Bleistift in der Hand konnte sie die Seele eines Menschen auf Papier bannen. Doch dieses Talent erschien ihr gefährlich und unberechenbar. So zähmte sie es und sperrte es tief in ihrem Herzen ein. Dort schlief es, bis eines Tages einer kam, der ihr erkennen half, dass sie ihre Gabe freilassen müsse. Wie Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce zu INK wurde - ein modernes Märchen.

Schon als kleines Mädchen wollte Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce Künstlerin werden. Sie wollte zeichnen, Menschen darstellen, so detailliert und intensiv, dass ihre Bilder etwas im Innersten berühren. Bilder, die aus der Ferne wie Fotos wirken und aus der Nähe viele Geheimnisse bergen. Zeichnungen, die ihre Betrachter dazu bringen, dass sie ihre Lesebrillen hervorkramen und näher herantreten. Das wollte sie.

Aber es war ein Wunsch, kein Plan. Eltern und Freunde rieten ihr davon ab, ihre Zukunft auf einen wackeligen Künstlertraum zu bauen. Schließlich sah sie es selbst genauso und entschied sich gegen ein Kunststudium und für eine Ausbildung als Bankkauffrau. Nun war ihr Leben geordnet. Alles war klar, sicher und strukturiert.

Ingrid wurde von der artigen Abiturientin zu einer angesehenen Angestellten, die Karriere machte. Sie lernte ihren späteren Mann kennen, heiratete und bekam zwei Kinder. "Die Arbeit auf der Bank hat mich nicht unglücklich gemacht", erzählt sie rückblickend. Aber da war etwas, das ihr fehlte. Immer noch spürte sie dieses tiefe Sehnen in sich, dem Drängen ihres Talents nachzugeben.

An manchen Tagen schrie es so laut, dass sie nach der Arbeit Bleistift und Papier zur Hand nahm und zeichnete. Hier und da ein Werk, vereinzelte Ausbrüche ihres wahren Ichs. Ihr Mann Santiago bewunderte jedes davon. Er fing an zu grübeln - und zu planen. Am 40. Geburtstag seiner Frau verkündete er ihr schließlich: "Rahme deine Bilder aus. Heute Abend haben wir einen Termin in Frankfurt bei einer großen Galerie."

Solche Termine, das wusste Ingrid, waren schwer zu bekommen. Aufgeregt suchte sie ihre Werke zusammen, erst unterwegs nach Frankfurt kaufte sie eine Mappe. Doch dann, beim Zusammentreffen mit der Galeristin, sagte diese kurz angebunden: "Ich habe keine Zeit. Wertvolle Bilder sind im Aufzug stecken geblieben. Fünf Minuten!"

Daraus wurden fast zwei Stunden. Die Expertin hatte nur einen Blick auf die Zeichnungen geworfen und sofort jemand anderen geschickt, um die verschollenen Kunstwerke aus dem Aufzug zu befreien. Es wurden Weichen gestellt und Pläne gemacht. Als das Ehepaar die Galerie verließ, sagte Santiago zu seiner Frau: "Jetzt weißt du ja, was du tun musst."

In diesem Moment fiel alle Last von Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce. Da wurde ihr die Freiheit geschenkt, sagt sie. Sie selbst hätte nie den Schritt gewagt, ihren Bankjob an den Nagel zu hängen und Künstlerin zu werden. In gewisser Weise habe ihr Mann sie emanzipiert. "Er sah mich mit offenen, liebevollen Augen, kannte meine Träume und wusste, wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen war. Aber er wusste auch: Ohne den Zuspruch einer fachkundigen Person hätte ich nicht genug an mich geglaubt."

Nach dem Termin in der Galerie fühlte Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce sich beschwingt und "total durch den Wind". In dieser Stimmung ging sie zur Generalprobe eines Faschings-Sketches ihrer kfd-Gruppe, in der sie seit 2000 Mitglied ist. Ihren Text konnte sie nicht, ließ den Diaprojektor fallen. Noch heute erzählen die Frauen aus ihrer Gruppe oft von diesem Abend, als Ingrid endgültig zu INK wurde. Den Künstlernamen "INK" - übersetzt "Tinte" - trug sie schon als Kind, weil sie damals meist mit Füller zeichnete. Das erste Bild, das sie damit signierte, heißt "Ende" - als Sinnbild für das Ende ihres alten und den Beginn ihres neuen Lebens.

Heute, elf Jahre später, arbeitet INK in ihrem Atelier in ihrem Wohnort Jossgrund im Spessart. Am Fenster zur Straße zeigt eine winkende Gliederpuppe den Dorfbewohnern an, dass sie gerne hereinkommen dürfen - steht die Puppe nicht dort, will die Künstlerin allein sein. Das weiß jeder im Dorf. Was mittlerweile auch jeder weiß: Von INK gezeichnet zu werden ist eine Ehre, aber keine Beschönigung. Sie bildet alles ab, was den Menschen ausmacht: jede Pore, jede Falte, jedes Glück und jedes Leid, das ihm ins Gesicht geschrieben steht.

"Über das Zeichnen komme ich dem Menschen sehr nahe", sagt die Künstlerin. Und das oft weit mehr als 100 Stunden lang pro Bild. Die Porträts entstehen nur selten nach einer einzigen fotografischen Vorlage. Am liebsten ist es INK, wenn der Porträtierte ihr mehrmals über längere Zeit Modell sitzt. Eines ihrer ersten Bilder zeigt "Schorsch", einen Mann aus dem Dorf, den sie persönlich ansprach. Er kam bereitwillig direkt von der Arbeit ins Atelier, verzichtete auf Bitte der Künstlerin sogar darauf, sich vorher noch mal fein zu machen.

Den Entstehungsprozess des Werkes zu begleiten fand er keine Zeit. Umso erstaunter war er, als er sein Porträt schließlich sah. Minutenlang starrte er es an und sagte - nichts. Dann holte er seine Frau. Eine komplette Stunde saßen beide vor dem Bild und betrachteten es. Anschließend stand Schorsch auf und sagte einen Satz, den INK nie vergessen wird: "Du hast mich erkannt." Erkannt. Wahrhaftig gezeigt. Die Seele abgebildet. Ein größeres Lob hätte er nicht aussprechen könne. Seither sind sie Freunde.

Viele Menschen hat INK im Laufe der Jahre gezeichnet. Manche Bilder waren Auftragsarbeiten, andere Teil ihrer freien Arbeit. Bis zu 14 Stunden am Tag verbringt sie in ihrem Atelier, verbraucht einen Bleistift nach dem anderen. Niemals, seufzt sie, werde sie es schaffen, alle Ideen und Bilder umzusetzen, die ihr durch den Kopf geistern. Sie muss eine Wahl treffen. Doch an manchen Projekten führt kein Weg vorbei.

So ist etwa ihre Bilderserie "Mit dem Rücken zur Wand" zugunsten des Kinderhilfsprojekts "Preda Foundation" auf den Philippinen entstanden. Zufällig war sie auf Fotos aufmerksam geworden, die Straßenkinder in Manila zeigten, die ausgerechnet Kleidungsstücke ihrer eigenen Kinder trugen. INK hatte sie einige Monate zuvor in eine Kleidersammlung gegeben - erkennbar an einem Fehldruck auf dem Oberteil. Sie nahm es als Wink Gottes, vernetzte sich mit dem Hilfsprojekt und ermöglichte durch ihre Bilder Unterstützung für sexuell missbrauchte Kinder.

Aber auch andere, leichtere Projekte setzt INK auf ihre Art um. Einmal ließ sie ein Orchester vier Stunden lang in einer Kneipe immer wieder dieselbe Suite spielen und erschuf in den Monaten danach Bilder, die das Stück auf ganz persönliche Art visualisierten. Solche Dinge macht nur eine Künstlerseele.

Und es sind noch Tausende solcher Ideen da. Zum Glück darf INK jetzt zeichnen, bis ihre Finger verkrampfen, nichts hält sie mehr auf. Hätte sie ihr Talent auf Dauer weggesperrt - "wahrscheinlich wäre ich dann explodiert", vermutet sie. Das ist die Geschichte der Seelenzeichnerin, eine Geschichte von Freiheit, Authentizität und großer Liebe. So wie ihr Leben jetzt ist, fühlt es sich richtig an, sagt INK, so lebt sie glücklich bis an ihr Lebensende.