Eine neue Form von Kirche

"Junge Menschen wollen Glaubwürdigkeit"

Wenn der Vater Kirchenmusiker ist und man quasi im Schatten der Kirche nebenan aufwächst, dann muss man sich einfach in der Gemeinde engagieren - oder nicht? Das Interesse von Johanna Müller jedenfalls geht weit darüber hinaus. Die 17-Jährige ist die jüngste Teilnehmerin der Synodalversammlung und hofft, dass die Kirche in Deutschland die Chance nutzt, sich weiterzuentwickeln.

Von Isabelle De Bortoli

Sich als Messdienerin engagieren, im Chor singen, oft in der Kirche sein und vor allem über Kirche sprechen - das ist für viele Kinder und Jugendliche nicht mehr selbstverständlich. Für Johanna Müller schon. Denn die 17-Jährige aus Marienfeld im Bistum Münster hat einen Papa, der Kirchenmusiker, also Organist und Chorleiter, ist, und zur benachbarten Kirche sind es nur ein paar Schritte.

Ihr Engagement geht aber noch viel weiter: Johanna Müller gehört zu der jungen Generation von Katholiken und Katholikinnen, die sich auch beim Synodalen Weg engagieren.  

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"Dass der Synodale Weg gestartet werden sollte, hatte ich über die Sozialen Medien mitbekommen", erzählt Johanna Müller.

"Dort hatte ich gesehen, dass der BDKJ 15 Leute unter 30 Jahren sucht, um am Synodalen Weg teilzunehmen. Das fand ich total interessant und habe dann für mich entschieden: Ich bewerbe mich! Mein Alter war dann sicher ein Joker, der mir einen Platz beschert hat."

Und so fuhr Johanna Müller als jüngstes Mitglied der Synodalversammlung zum Auftakt im Januar 2020 nach Frankfurt und im Herbst zur Regionenkonferenz nach Dortmund - während ihre Freundinnen und Freunde sich auf den Weg zur Schule machten.

"Vor der ersten Synodalversammlung war ich sehr aufgeregt. So etwas gab es noch nie, so ein großes Vernetzen untereinander. Die langen Aussprachen waren zum Teil sehr bewegend. Beim Treffen im Herbst in Dortmund war die Gruppe dann kleiner, und so habe ich mir auch Wortmeldungen zugetraut."

Warum sind diese möglichen Dinge nicht schon längst in allen Bistümern umgesetzt?"

Die Erwartungen sind groß, und aus den Beratungen müssen Veränderungen folgen, betont die 17-Jährige - und spielt damit auch auf die Arbeitstexte aus den einzelnen Foren an. "Wenn etwa in dem Papier aus dem Forum 'Frauen in Diensten und Ämtern' steht, was schon alles möglich ist, frage ich mich, warum diese Dinge dann nicht schon längst in allen Bistümern umgesetzt sind."

Johanna Müller ist selbst Mitglied des Forums "Macht und Gewaltenteilung in der Kirche", das sich regelmäßig digital trifft und dessen erster Arbeitstext im Februar bei einem Online-Treffen der Synodalen vorgestellt werden soll. "Der Text wird von Experten wie Professorinnen und Professoren geschrieben, und ich hatte zunächst natürlich Respekt davor, zu dem Entwurf etwas zu sagen. Mittlerweile weise ich aber durchaus darauf hin, wenn mir etwa eine Passage unverständlich bleibt."

Und so beschäftigt sich die 17-Jährige mit Themen, die selbst für studierte Theologinnen manchmal nur schwer zu durchschauen sind. Unter ihren Freundinnen und Mitschülern ist sie damit natürlich eine Ausnahme.

Dabei kann der Glaube, kann Kirche, Menschen auch Halt geben, Lebenssinn, Hoffnung und Gemeinschaft. Dazu braucht es aber Authentizität und Glaubwürdigkeit - und eine gute Jugendarbeit."

"Bei uns im Münsterland sind schon viele katholisch - aber mehr auf dem Papier. Ein paar wenige Familien sind in der Gemeinde engagiert und die Jugendlichen dann dementsprechend im Chor oder bei den Messdienern aktiv", sagt Johanna Müller.

"Dabei kann der Glaube, kann Kirche, jungen Menschen auch Halt geben, Lebenssinn, Hoffnung und Gemeinschaft. Dazu braucht es aber Authentizität und Glaubwürdigkeit - und eine gute Jugendarbeit. Sehr positiv reagieren andere in meinem Alter übrigens auf den Synodalen Weg, wenn ich davon berichte. Dann merken sie, dass es Menschen gibt, die die Missstände in der Kirche sehen und diese ändern möchten."

Und genau das möchte die 17-Jährige mit ihrem Engagement beim Synodalen Weg erreichen: "Klar bin ich als Kind in die Gemeinschaft Kirche hineingewachsen, bin Messdienerin, singe im Mädchenchor unserer Gemeinde. Aber: Wenn man so aufwächst, sieht man vieles in Kirche auch als selbstverständlich an, nimmt einiges hin. Ich möchte die Dinge aber hinterfragen - und da wird es dann kompliziert. Kommunikation in Kirche ist schwierig, Kirche ist weltfremd und nicht authentisch - und das ist, gerade in Bezug auf junge Menschen, ein Problem."

Wir werden zu einer neuen Form von Kirche kommen müssen, in der die Glaubensgemeinschaft wieder im Mittelpunkt steht - und das ist eine ganz große Chance."

Stellvertretend für ihre Generation kämpft Johanna Müller für die Forderungen junger Katholikinnen und Katholiken. Und hofft, dass die Corona-Pandemie die Reformbewegung nicht ausbremst.

"Schon jetzt ist der Synodale Weg eher ein Marathon als ein Sprint. Wir müssen im Gespräch bleiben - und auch die Aufmerksamkeit der Medien ist wichtig." Sie hofft, dass aus dem Synodalen Weg auch Konsequenzen folgen: "Dann können wir in Deutschland mit diesem Weg vielleicht auch Vorbild für andere Ländern sein. Für die Kirche wünsche ich mir, dass ich mich nicht mehr für sie schämen muss. Wir werden zu einer neuen Form von Kirche kommen müssen, in der die Glaubensgemeinschaft wieder im Mittelpunkt steht - und das ist eine ganz große Chance, wie ich finde."


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Stand: 15.12.2020