Serie: Meine wichtigste Bibelstelle

Bibelverse können berühren, ermutigen, verwundern, bereichern. Was bedeuten sie aber jeder und jedem Einzelnen? In unserer neuen Serie haben wir Theologinnen und Theologen gebeten, uns ihre wichtigste Bibelstelle zu nennen und zu erklären, was sie daran fesselt und begeistert.  

Alle Folgen im Überblick

Gottes Zuspruch:
Quelle neuer Lebensenergie

Folge 2: Andreas Knapp, Priester und Dichter über seine wichtigste Bibelstelle:

Gen 16, 7–10; 13f

Der Engel des HERRN fand sie an einer Wasserquelle in der Wüste. (...)
Er sprach: Hagar, Sklavin Sarais, woher kommst du und wohin gehst du? Sie sagte: Vor Sarai, meiner Herrin, bin ich davongelaufen.
Da sprach der Engel des HERRN zu ihr: Kehr zurück zu deiner Herrin und beuge dich unter ihre Hand!
Der Engel des HERRN sprach zu ihr: Mehren, ja mehren werde ich deine Nachkommen, sodass man sie wegen ihrer Menge nicht mehr zählen kann.
Da nannte sie den Namen des HERRN, der zu ihr gesprochen hatte: Du bist El-Roï – Gott schaut auf mich.
Denn sie sagte: Gewiss habe ich dem nachgeschaut, der auf mich schaut! Deswegen nennt man den Brunnen Beer-Lahai-Roï – Brunnen des Lebendigen, der auf mich schaut. 

Manchmal ist es zum Davonlaufen: Mobbing, Arbeitsdruck, mangelnde Anerkennung oder das Gefühl, am falschen Platz zu sein. Ich will auf und davon! "Weg von hier, das ist mein Ziel!" (Franz Kafka).

Eindrucksvoll erzählt die Bibel von Hagar, die von Sarai massiv unter Druck gesetzt wird. Abrahams Frau fürchtet nämlich ihre Magd als Nebenbuhlerin, weil diese von Abraham schwanger geworden ist. Daher will sie Hagar loswerden und behandelt sie derart hart, dass sie in die Wüste flüchtet.

Es gibt Situationen, vor denen man nur noch weglaufen kann. Hagar wird von Sarai gedemütigt und klein gemacht. In der Wüste ist sie dem Tod nah. Doch dann hört sie, wie der Engel Gottes sie anspricht und sie nach ihrer Herkunft und Zukunft fragt. Hagar kann formulieren, unter welchem Druck sie gelitten hat. Indem sie von ihrem schweren Weg erzählt, vermag sie auch ihren Standort, ihre Position wiederzufinden.

Mitten in der Wüste spürt sie eine neue innere Kraft und entdeckt, dass sie in ihrer Einsamkeit und Not von Gott nicht vergessen ist. Sie nennt Gott "denjenigen, der auf mich schaut".

Dies ist der erste Name, den Menschen in der Bibel Gott geben. Und dieser Name wird in Verbindung gebracht mit einem Brunnen: Die Ahnung, dass Gott sie liebevoll anschaut, wird zur Quelle neuer Lebensenergie.

Dort, wo Menschen ihre Not und Einsamkeit spüren und annehmen, können sie zugleich eine tiefere Form von Verbundenheit erleben: "Ich bin angewiesen auf ein größeres Du. Ich ersehne eine umfassende Liebe, wie sie Menschen gar nicht geben können."

In der Leere der Wüste ist Gottes Werben um den Menschen unmittelbar erfahrbar. Die Sehnsucht nach innerer Heimat und Verstandenwerden wird zum Türöffner. Menschen beginnen zu ahnen, dass Gott selbst und Gott allein ihren Durst nach Anerkennung und Liebe stillen kann.

Wenn der Engel dann Hagar wieder zu Abraham und Sarai zurückschickt, so kann sie anders heimkehren, nämlich sich nicht einfach unterwerfen und alles aushalten.

Vielmehr kehrt sie zurück mit einem neuen Selbstwertgefühl. Denn sie bezieht ihren Wert nicht mehr aus ihrem Nutzen, ihrer Arbeit oder aus ihrer Rolle als Mutter von Abrahams Sohn. Sie hängt nicht mehr am Tropf äußerer

Anerkennung. Sie kann ihren Wert und ihre Würde nun aus anderer Hinsicht beziehen: Dass sie sich nämlich von Gott immerfort angeschaut und wertgeschätzt weiß. Diese innere Quelle gibt ihr Kraft, die schwierige Situation mit Sarai zu meistern.

Und sich später von Abraham endgültig zu trennen und mit ihrem Sohn in ein neues Land zu ziehen. Der Brunnen, aus dem Hagar den Mut zu neuem Aufbruch empfängt, ist das Ansehen, das Gott ihr schenkt.

Stand: 28.01.2020