Sexualisierte Gewalt

Aufklärungsarbeit in den Bistümern

Bei der Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche gehen die (Erz-)Bistümer unterschiedliche Wege. Zum Überblick und den Reaktionen der kfd vor Ort. Was sind Ihre Reaktionen auf die Aufklärung der Missbrauchsfälle in den (Erz-)Diözesen? Diskutieren Sie mit uns.

Bistum Aachen

Im November 2020 veröffentlicht das Bistum Aachen das Gutachten "Sexueller Missbrauch Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker im Bereich des Bistums Aachen im Zeitraum 1965 bis 2019".

"Das Fazit ist vernichtend: Im Bistum Aachen ging Täterschutz vor Opferschutz", urteilte der Diözesanrat Aachen in seiner Stellungnahme, der sich die kfd im Diözesanverband anschloss. "Kirche muss endlich die Würde der einzelnen Person, ihre Autonomie und ihre Selbstbestimmung in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen und zum Fixpunkt ihrer inneren Verfassung machen."

"Nicht wir oder das Bistum definieren die Perspektive, sondern die Betroffenen selbst."

"Fakten und Empfehlungen liegen dank des Gutachtens auf dem Tisch. Jetzt ist die Zeit der Umsetzung", heißt es in der Stellungnahme weiter. "Leitend sollte in der Tat die Perspektive der Betroffenen sein. Aber nicht wir oder das Bistum definieren diese Perspektive, sondern Betroffene selbst. Dafür sind schnellstmöglich die Grundlagen zu schaffen."


Erzbistum Berlin


Ende Januar 2021 ist das Erzbistum Berlin mit seinem Missbrauchsgutachten "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946" an die Öffentlichkeit gegangen.

Das Gutachten stelle nicht den Abschluss der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals im Erzbistum Berlin dar, teilte das Bistum mit. Es solle dazu beitragen, aus den Erkenntnissen über die Vergangenheit weitere Schlussfolgerungen für den zukünftigen Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch im Bereich der katholischen Kirche zu ziehen und erkannte strukturelle Defizite zu minimieren.

Das Echo fällt geteilt aus. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, begrüßte die Veröffentlichung als wichtige Studie auf diözesaner Ebene. Die bundesweite Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" kritisierte dagegen, dass konkrete Informationen über die untersuchten Fälle nicht veröffentlicht, Verantwortliche nicht identifiziert und Täter nicht benannt worden seien. Auch sei mit den Opfern nicht gesprochen worden.

"Dieses Vorgehen führt das Bemühen um Aufklärung und Aufarbeitung ad absurdum."

"Tatsächlich wird auf diese Weise verhindert, dass Betroffene voneinander erfahren, sich austauschen und vernetzen können. Auch die Öffentlichkeit wird gehindert, sich ein Bild von den empörenden Vorgängen machen zu können, angeblich um Voyeurismus zu vermeiden. Dieses Vorgehen führt das Bemühen um Aufklärung und Aufarbeitung ad absurdum", so Matthias Katsch vom Eckigen Tisch.

Betroffenenbeirat und Aufarbeitungskommission 

Ende Februar 2021 teilten das Erzbistum Berlin, die Bistümer Dresden-Meißen und Görlitz sowie das Katholische Militärbischofsamt mit, bei der Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs zu kooperieren. Sie rufen Betroffene aus ihren Zuständigkeitsbereichen zur Mitwirkung an einem gemeinsamen Betroffenenbeirat auf. Geplant ist auch eine Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs.

Seit 2018 fordert die kfd #MachtLichtAn. Anlässlich der DBK-Frühjahrsvollversammlung 2021 erneuert sie ihre Forderungen.

Bistum Dresden-Meißen

Im Bistum Dresden-Meißen gibt es seit August 2019 eine Stabsstelle Prävention. "Die Ergebnisse der Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche vom September (2018, Anmerkung de Redaktion) haben mich tief erschüttert. Sie sind eine Verpflichtung zu Konsequenzen und zum Handeln", so Heinrich Timmerevers, Bischof von Dresden-Meißen.

Umgang mit einem der schwerwiegendsten Fälle

Der Umgang mit dem Fall eines vor 50 Jahren gestorbenen Priesters und Missbrauchstäters im sächsischen Heidenau sorgt derweil im Bistum für Aufruhr. Pfarrer Herbert Jungnitsch, der 1971 verstarb, soll Kinder schwer sexuell missbraucht haben. Der Fall gilt als einer der schwerwiegendsten im Bistum Dresden-Meißen.

Die "Sächsische Zeitung" zitierte Betroffene, wonach vermutlich noch mindestens sechs Männer, alle aus der Gemeinde in Heidenau und teils im Kirchendienst, an den Taten beteiligt gewesen sein sollen. Bei der Aufklärung der Missbrauchsfälle hat das Bistum nun die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Die Diözese betonte Mitte Februar: "Das Bistum und die Pfarrei sind dankbar für alle Unterstützung in den Aufklärungs- und Aufarbeitungsprozessen - hier ist noch viel zu tun." Ausdrücklich werden Betroffene sexuellen Missbrauchs ermutigt, sich zu melden.

Grab des Missbrauchstäters soll eingeebnet werden

Auf Eigeninitiative eines neuen Gemeindereferenten hatte der Aufarbeitungsprozess in der Gemeinde Heidenau im vergangenen Jahr begonnen. 

Das Grab des Pfarrers soll nun eingeebnet werden. Dresdens Bischof Heinrich Timmerevers befürwortet die Einebnung und gibt zu: "Klar ist: Bei der Aufarbeitung dieses Falls sind Fehler passiert, denen wir uns stellen müssen".

"Es hat nichts mit Rache zu tun, wenn die Ehrung des Täters beendet und das Opfer gehört wird."

Die Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" befürwortet die geplante Einebnung des Grabes des verstorbenen Missbrauchstäters. "Es hat nichts mit Rache zu tun, wenn die Ehrung des Täters beendet und das Opfer gehört wird", sagte der Sprecher der Initiative, Matthias Katsch. Er bezeichnete es als wichtig und bemerkenswert, dass die Pfarrei ihr offizielles Andenken verändere und an das Wissen um das verursachte Leid anpasse. Zugleich warnte Katsch davor, sich aus Pietät nicht mehr mit der Schuld verstorbener Täter auseinanderzusetzen.

Betroffenenbeirat und Aufarbeitungskommission

Ende Februar 2021 teilten die Bistümer Dresden-Meißen und Görlitz, das Erzbistum Berlin sowie das Katholische Militärbischofsamt mit, bei der Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs zu kooperieren. Sie rufen Betroffene aus ihren Zuständigkeitsbereichen zur Mitwirkung an einem gemeinsamen Betroffenenbeirat auf. Geplant ist auch eine Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs.

Streit zweier Bistümer um Missbrauchsordnung

Wegen eines mutmaßlichen Missbrauchsfalls vor mehreren Jahrzehnten und dem entsprechenden Umgang damit sind das Erzbistum Freiburg und das Bistum Dresden-Meißen laut Medienberichten in Streit geraten. Dresdens Bischof Heinrich Timmerevers hatte zwei Mönchen des Pallottiner-Ordens jegliche Seelsorge in seiner Diözese untersagt. Dagegen lässt der Erzbischof von Freiburg, Stephan Burger, die in seinem Bistum wohnenden Patres gewähren. Das Erzbistum Freiburg betonte, die Anschuldigungen umfassend und gemäß den geltenden Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz nachgegangen zu sein. Auch der Vatikan habe sich mit dem Fall befasst, erklärte das Erzbistum. Dabei hätten sich die Missbrauchsvorwürfe nicht erhärten lassen.


Bistum Essen


Im Bistum Essen läuft seit März 2020 eine auf zwei Jahre angelegte, externe wissenschaftliche Studie. Sie soll Missbrauchsfälle und den Umgang damit untersuchen und dabei auch Strukturen aufzeigen, die Missbrauch und Vertuschung begünstigen. "Wir wollen verstehen und wir wollen verändern, um Missbrauch in Zukunft zu verhindern", betonte Essens Bischof Franz-Josef Overbeck.

Die Personalarbeit für Kleriker will das Bistum neu aufstellen. Die Abläufe und Entscheidungsstrukturen seien "nicht klar genug definiert", sagte Generalvikar Klaus Pfeffer im Interview mit katholisch.de unter Berufung auf eine Studie, die das Bistum von einer Unternehmensberatung hatte durchführen lassen. 

Danach würden Priester und Diakone durch das mit ihrer Weihe begründete "besondere Dienstverhältnis zum Bischof" in vielerlei Hinsicht auch "besonders" behandelt. "Wenn wir die Kirche und ihre geweihten Amtsträger allzu sehr überhöhen, wird es brenzlig", führte Generalvikar Pfeffer aus. "Dann entsteht eine eigentümliche familiäre Logik - mit der Gefahr von Intransparenz, Willkür und unklaren Machtstrukturen." Die Unternehmensberatung empfehle deshalb, für deutlich mehr Standards, verbindliche und transparente Prozesse sowie eine höhere Professionalität zu sorgen.


Erzbistum Freiburg

Freiburgs Erzbischof Stephan Burger hatte als Konsequenz auf die Ergebnisse der sogenannten MHG-Studie im Herbst 2018 eine interdisziplinäre Kommission gegründet, die sich den Fragen, Herausforderungen und Problemen im Kontext Missbrauch in der Katholischen Kirche stellt. Die Kommission berät den Erzbischof als den Vorsitzenden der Kommission und spricht Empfehlungen mit Blick auf Aufarbeitung, Unterstützung von Betroffenen, Intervention und auch Prävention aus.

Für Erzbischof Stephan Burger ist entscheidend zu erkennen, "welche Strukturen und Verantwortlichkeiten zu Missbrauch in unserem Erzbistum geführt haben, um den Betroffenen von Missbrauch gerecht zu werden und so etwas für die Zukunft soweit es nur geht auszuschließen". Missbrauch sei ein "Verbrechen, das im Raum der Kirche keinen Platz haben darf".

Nach der Vorstellung der Missbrauchsstudie in Köln im März 2021 erneuerte Burger die Zusage, die eigene Aufarbeitung im Erzbistum fortzuführen.

Unabhängige Kommission und Betroffenenbeirat

Parallel zur von Burger berufenen Kommission zur Aufarbeitung von Missbrauch sollen in den kommenden Monaten für das Erzbistum eine neue unabhängige Kommission und ein Betroffenenbeirat eingerichtet werden. 

Streit zweier Bistümer um Missbrauchsordnung

Wegen eines mutmaßlichen Missbrauchsfalls vor mehreren Jahrzehnten und dem entsprechenden Umgang damit sind das Erzbistum Freiburg und das Bistum Dresden-Meißen laut Medienberichten in Streit geraten. Dresdens Bischof Heinrich Timmerevers hatte zwei Mönchen des Pallottiner-Ordens jegliche Seelsorge in seiner Diözese untersagt. Dagegen lässt der Erzbischof von Freiburg, Stephan Burger, die in seinem Bistum wohnenden Patres gewähren.

Das Erzbistum betonte, die Anschuldigungen umfassend und gemäß den geltenden Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz nachgegangen zu sein. Auch der Vatikan habe sich mit dem Fall befasst, erklärte das Erzbistum. Dabei hätten sich die Missbrauchsvorwürfe nicht erhärten lassen.

Die Diözese sehe somit keine kirchenrechtliche Grundlage für Verbote oder Maßnahmen gegenüber den beiden beschuldigten Ordensmännern, die heute im Erzbistum Freiburg leben. Das Bistum sicherte zu, den Fall erneut zu prüfen und ihm weiter nachzugehen, wenn es neue, veränderte Hinweise oder Informationen geben sollte. Erzbischof Stephan Burger sowie der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers hätten sich "persönlich um Unterstützung für die Betroffene und Klärung in dem Fall bemüht".


Erzbistum Hamburg


Im Erzbistum Hamburg lässt Erzbischof Stefan Heße ab sofort seine Amtsgeschäfte ruhen, der Vatikan hat ihm eine "Auszeit" gewährt. Der Grund: In seiner Zeit als Personalchef und Generalvikar im Erzbistum Köln (2006 bis 2015) soll er Missbrauchsfälle vertuscht haben. Das am 18. März 2021 vorgestellte Gutachten zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln wirft Heße Pflichtverletzungen in elf Fällen vor. Heße hat daraufhin Papst Franziskus seinen Amtsverzicht angeboten.

Im Erzbistum läuft seit 2019 eine auf zwei Jahre angelegte Studie zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Landesteil Mecklenburg. Mecklenburg war von besonders vielen Fällen betroffen.

Die Aufarbeitung bezieht sich auf die katholische Kirche in Mecklenburg und den Zeitraum von 1945 bis 1989. Den Betroffenen in der DDR war es oftmals nicht möglich, sich an die staatlichen Organe zu wenden und Strafanzeige zu erstatten. Laut MHG-Studie von 2018 war die Zahl von 54 Betroffenen und 17 beschuldigten Priestern in Mecklenburg etwa gleich hoch war wie in den westlichen Bistumsteilen Hamburg und Schleswig-Holstein zusammen.

Gemeinsame Aufarbeitung mit den Bistümern Hildesheim und Osnabrück

Bei der Aufklärung und Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt arbeiten das Erzbistum Hamburg und die Bistümer Osnabrück und Hildesheim zusammen und richten eine gemeinsame Aufarbeitungskommission sowie einen Betroffenbeirat ein.


Erzbistum Köln

In Köln hat Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki nach der Vorstellung des Gutachtens zur Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt persönliche Fehler eingestanden und erste strukturelle sowie personelle Konsequenzen gezogen. So wird unter anderem eine unabhängige Aufarbeitungskomission eingerichtet, es soll Veränderungen in der Priesterausbildung geben und verbesserte Aktenführungen. Zudem wurde im Erzbistum eine Stabsstelle zur Aufarbeitung von Missbrauch gegründet.

Weihbischof Dominikus Schwaderlapp sowie Offizial Günter Assenmacher wurden von ihren Aufgaben entbunden. Assenmacher gab sein Amt Ende April offiziell ab. Weihbischof Ansgar Puff hat Kardinal Woelki um eine Freistellung gebeten. Der Erzbischof selbst lehnt einen Rücktritt ab. 

Das am 18. März 2021 vorgestellte Gutachten belastet auch den damaligen Generalvikar und heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße und den früheren Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff. Ihnen werden - ebenso wie den bereits verstorbenen Erzbischöfen Kardinal Joseph Höffner und Kardinal Joachim Meisner - zahlreiche Pflichtverletzungen im Umgang mit Missbrauchsfällen attestiert.

Erzbischof Rainer Maria Woelki werden laut Untersuchung keine Pflichtverletzung vorgeworfen. Ihm war angelastet worden, 2015 den Fall eines befreundeten Pfarrers, der in den 1970er Jahren ein Kindergartenkind missbraucht haben soll, pflichtwidrig nicht an den Vatikan gemeldet zu haben. Nach Ansicht der Gutachter hat jedoch 2015 keine Meldepflicht bestanden, weil der Beschuldigte damals verhandlungsunfähig war und nicht bestraft hätte werden können. Das Erzbistum Köln hatte zuvor bereits erklärt, der Priester habe wegen einer Demenzerkrankung nicht mehr vernommen werden können.

Woelki hatte im Vorfeld betont, falls ihm das neu bestellte Gutachten ein pflichtwidriges Verhalten attestiere, werde er persönliche Konsequenzen ziehen und einen Rücktritt nicht ausschließen.

Ende April 2021 wurde das Erzbistum mit dem Vorwurf konfrontiert, Kardinal Woelki habe einen Düsseldorfer Priester befördert, der Kindesmissbrauch gestanden habe. Dem widersprach das Erzbistum.

Zwei Gutachten und viel Kritik

Der Kölner Erzbischof stand seit Monaten in der Kritik, weil er ein bereits von einer Kanzlei erstelltes Missbrauchsgutachten beharrlich unter Verschluss hielt und stattdessen ein neues Gutachten in Auftrag gegeben hatte. Seit dem 25. März 2021 ist das erste Gutachten öffentlich einsehbar. 

Pfarrgemeinderäte, Priester, kfd-Frauen und der Diözesanrat der Katholiken stellten sich gegen den Kurs des Erzbischofs und kritisierten die schleppende Missbrauchsaufarbeitung scharf. Auch nach der Veröffentlichung des zweiten Gutachtens reißt die Kritik nicht ab.

Vor allem die fehlende moralische Bewertung des veröffentlichten (zweiten) Missbrauchsgutachtens wird bemängelt. "Angesichts des moralischen Selbstanspruchs der katholischen Kirche als 'Moralagentur' und angesichts des Prüfauftrages des Erzbistums Köln, der konsequent auch den kirchlichen Selbstanspruch in den Blick nehmen sollte, ist es für uns nicht einsichtig, dass ethisch-moralische Verfehlungen und Pflichtverletzungen im Gercke-Gutachten nicht bewertet wurden", kritisiert der Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz. "Wenn den betroffenen Menschen Gerechtigkeit widerfahren soll und wenn die Kirche zu einer neuen Glaubwürdigkeit finden will, dann darf die moralische-ethische Ebene nicht unberücksichtigt bleiben."

Auch an der Kölner Kirchenbasis ist der Unmut groß, Rücktrittsforderungen werden laut. Dem Erzbischof fehle es an Glaubwürdigkeit und Führungskompetenz, so die Kritik der ehrenamtlich Tätigen in Pfarrgemeinderäten und Kirchenvorständen.

Kardinal Woelki betonte mehrfach: "Wir haben Fehler gemacht, wir haben Vertrauen verspielt, ich verstehe die Ungeduld." Das Ziel bleibe, so der Erzbischof in einem Statement, "den Betroffenen eine Stimme zu geben. Ihnen ein Stück Gerechtigkeit zukommen zu lassen mit einer Untersuchung, die Namen und Verantwortliche benennt."

Veröffentlichte Zahl an Missbrauchsopfern und -tätern

Für das aktuelle Missbrauchsgutachten wurde der Zeitraum zwischen 1975 und 2018 untersucht. Die Kanzlei hat - laut Aktenlage - insgesamt 75 Pflichtverletzungen von acht lebenden und verstorbenen Verantwortlichen ausgemacht. Es gab Übergriffe und Grenzverletzungen von insgesamt 202 Beschuldigten, davon knapp zwei Drittel Kleriker. 314 Opfer werden benannt, der Großteil männlich und unter 14 Jahre. Die meisten Fälle kamen erst nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals am Berliner Canisiuskolleg im Jahr 2010 ans Licht.

Die Gutachter, Strafrechtler Björn Gehrcke und Kerstin Stirner, bescheinigten den Verantwortlichen im Erzbistum eine große Rechtsunkenntnis und eine desaströse Aktenlage. Der Schutz der Institution Kirche habe im Vordergrund gestanden. Bei Verfehlungen von Laien habe es dagegen kein Fehlverhalten gegeben; es habe rasche Kündigungen gegeben.

Die Untersuchung enthält auch Verbesserungsvorschläge: Das Erzbistum solle unter anderem die Aktenführung professionalisieren, Führungskräfte weiterbilden und eine Stelle zur Überwachung von Täterauflagen schaffen.

Reaktion der kfd

"Das Erwartbare ist passiert. Die noch im Erzbistum in Amt und Würden stehenden Kleriker, denen Pflichtverletzungen nachgewiesen wurden, sind suspendiert. Damit allein ist es jedoch nicht getan. Was uns besonders bestürzt: Bei Lai*innen wurden sofort arbeitsrechtliche Konsequenzen gezogen; bei Klerikern nicht. Um es deutlich zu sagen: Sexualisierte Gewalt in jeder Form ist eine Sünde, kein Kavaliersdelikt", sagt Elisabeth Bungartz, Vorsitzende des kfd-Diözesanverbands Köln nach der Veröffentlichung des Gutachtens.

"Sexualisierte Gewalt in jeder Form ist eine Sünde, kein Kavaliersdelikt!"

Dass das Erzbistum das zuerst beauftragte Gutachten im Herbst 2020 nicht veröffentlichte, kritisierte der kfd-Diözesanverband Köln mit deutlichen Worten: "Es geht uns um Transparenz und Nachvollziehbarkeit", mahnte die Kölner kfd-Diözesanvorsitzende Elisabeth Bungartz. "Das Vertrauen ist aufgebraucht und enormer Schaden für unsere Kirche angerichtet."

Elisabeth Schmitz-Janßen, stellvertretende Diözesanvorsitzende, ergänzte: "Insbesondere der weitere Missbrauch an den Betroffenen im Zusammenhang der Nicht-Veröffentlichung beschämt uns."



Bistum Limburg


"Betroffene hören - Missbrauch verhindern": So lautet das Projekt im Bistum Limburg, mit dem Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz gezogen und "eine neue Kultur des Hinsehens im Bistum etabliert" werden sollen. Die Ergebnisse wurden im Juni 2020 vorgestellt. 46 aktenkundige Fälle wurden für den Projektbericht aus der Zeit von 1946 bis 2020 untersucht, 24 der Beschuldigten waren bereits verstorben.

Georg Bätzing, Bischof von Limburg, betonte: "Wir wollen Offenlegung von Taten, Beschuldigten und Betroffenen und wir wollen die Offenlegung von Verantwortlichen mit ihren Namen - und das haben wir getan."

Es gehe um einen Kulturwandel im Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch. Nur durch Transparenz und das Vorzeigen von Ergebnissen könne man "neues Vertrauen gewinnen". Bätzing fügte hinzu: "Man kann verloren gegangenes Vertrauen nie zurückgewinnen."

Die von den Autoren der Limburger Missbrauchsstudie vorgeschlagenen Maßnahmen sollen bis nächstes Jahr umgesetzt werden, wie etwa der geplante gemeinsame Betroffenenbeirat der Bistümer Limburg, Mainz und Fulda sowie ein Beschwerdemanagement, bei dem sich Betroffene "niederschwellig" an das Bistum wenden könnten.

Gemeinsamer Betroffenbeirat 

Die Bistümer Fulda, Limburg und Mainz suchen mit einem öffentlichen Aufruf Mitwirkende in ihrem gemeinsamen Betroffenenbeirat zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. 

"Wir können Missbrauch in der Kirche nur aus der Perspektive der Betroffenen angemessen aufklären und verhindern", betonten die Bischöfe Michael Gerber (Fulda), Georg Bätzing (Limburg) und Peter Kohlgraf (Mainz) in dem am 10. Februar 2020 veröffentlichten Schreiben.

"Wir können Missbrauch in der Kirche nur aus der Perspektive der Betroffenen angemessen aufklären und verhindern."

Zur Mitwirkung seien Menschen eingeladen, die in den drei Diözesen sexuellen Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter erlitten haben Den Bischöfen sei klar, dass es für Betroffene "eine Zumutung" sein könne, sie um Unterstützung zu bitten: "Viele Menschen haben großes Unrecht und Leid durch Vertreter der Kirche aus unseren Diözesen erfahren müssen. Das ist uns sehr bewusst." 


Bistum Mainz

Das Bistum Mainz lässt seit 2019 die Taten sexuellen Missbrauchs und sexualisierter Gewalt im Bistum und den Umgang damit untersuchen. Endergebnisse des unabhängigen Aufklärungsprojektes des Regensburger Rechtsanwalts Ulrich Weber, der auch die Missbrauchsfälle bei den Domspatzen erforscht hatte, sollen 2022 vorliegen.

Bei der Vorstellung des Zwischenberichts im Oktober 2020 wurde auf deutlich höhere Zahlen als in der MHG-Studie hingewiesen und den früheren Bistumsleitungen (darunter die prominenten und populären Kardinäle Karl Lehmann und Hermann Volk) gravierendes Fehlverhalten bescheinigt.


Erzbistum München-Freising


Das Erzbistum München-Freising hatte bereits 2010 einen unabhängigen Missbrauchsbericht vorgestellt. Ein externes Gutachten ist ebenfalls in Auftrag gegeben, das den Zeitraum von 1945 bis 2019 untersuchen und 2021 vorgestellt werden soll.

Grundlage des neuen Berichts sind neben dem Missbrauchsbericht von 2010 alle neuen Hinweise auf sexuellen Missbrauch durch Kleriker und weitere hauptamtliche Mitarbeitende, die seit 2010 bis Ende 2019 in den Verantwortungsbereich des Erzbistums fallen.

"Ich wünsche mir sehr, dass das Gutachten Klarheit schafft bei Verantwortlichkeiten", sagte der Münchner Kardinal Reinhard Marx. "Das gilt selbstverständlich auch für meine Person und meine Verantwortungsbereiche." Marx fügte hinzu, er werde "nicht eingreifen und das Gutachten beeinflussen".

Verzicht auf Bundesverdienstkreuz

Ende April sollte Kardinal Reinhard Marx eigentlich mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden, verzichtete allerdings darauf. Der Grund: Missbrauchsbetroffene aus Köln und aus Trier hatten die Ehrung mit Blick auf die nicht aufgearbeitete Rolle von Marx in mehreren Missbrauchsfällen kritisiert.

"Die Kritik, die nun von Menschen geäußert wird, die von sexuellem Missbrauch im Raum der Kirche betroffen sind, nehme ich sehr ernst, unabhängig von der Richtigkeit der einzelnen Aussagen in Offenen Briefen und in der medialen Öffentlichkeit", schreibt Marx nach Angaben seiner Pressestelle. Er fühle sich persönlich und auch als Amtsträger der Kirche der Aufarbeitung verpflichtet.


Bistum Münster

Im Bistum Münster werden Missbrauchsfälle seit Oktober 2019 wissenschaftlich und unabhängig untersucht. Die Initiative für die Studie ging vom Bistum aus, das dafür rund 1,3 Millionen Euro zur Verfügung stellt.

Im Dezember 2020 legten die Forscher*innen erste Ergebnisse ihrer Untersuchung zum sexuellen Missbrauch vor: Rund 300 Opfer und 200 Beschuldigte wurden bisher gezählt, doch die Wissenschaftler*innen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus und benennen ein "intensives Leitungs- und Kontrollversagen" der Bistumsverantwortlichen.


Bistum Osnabrück


Das Bistum Osnabrück lässt Missbrauchsfälle in seinem Bereich von Wissenschaftlern unabhängig untersuchen. Die Universität Osnabrück erstellt in den kommenden drei Jahren (2021 bis 2024) eine unabhängige Studie zu sexualisierter Gewalt im Bistum Osnabrück. In den Blick genommen werden Fälle von 1945 bis heute, wie die Hochschule Anfang Mai bekanntgab.

Ziel der historisch-juristischen Studie sei es, die verschiedenen Wahrnehmungen von sexualisierter Gewalt vor dem jeweiligen zeitgenössischen Hintergrund zu untersuchen. Zudem würden typische Missbrauchsmuster im kirchlichen Raum und der Umgang mit den Fällen aufgedeckt und bewertet. Erste Zwischenergebnisse - besonders zu Pflichtverletzungen heutiger Verantwortlicher - wollen die Forscher bereits nach einem Jahr vorlegen.

Bei der Veröffentlichung würden auch Namen von Verantwortlichen genannt, soweit dies rechtlich zulässig sei, hieß es. Dazu will das Team aus fünf Experten unter Leitung der Historikerin Siegrid Westphal und des Rechtswissenschaftlers Hans Schulte-Nölke mehr als 2.000 Personalakten und zugehörige Bestände - auch in Pfarrarchiven - sichten. Auch Betroffene sexueller Gewalt würden einbezogen.

Die Studie kam laut Angaben auf Anregung der ehrenamtlichen Monitoring-Gruppe zustande, die seit zwei Jahren den diözesanen Schutzprozess gegen sexualisierte Gewalt im Bistum Osnabrück begleitet. Das Bistum stelle der Universität 1,3 Millionen Euro zur Verfügung. Projektbeginn sei voraussichtlich am 1. August. 

Das Bistum Osnabrück gewährleiste den Wissenschaftlern uneingeschränkten Zugang zu seinen Akten, betonte Generalvikar Ulrich Beckwermert. "Bis zur Publikation der Ergebnisse ist das Bistum nicht Subjekt, sondern Objekt des Verfahrens." Über den Zeitpunkt sowie die Art und Weise der Publikation entscheide allein die Universität Osnabrück, ohne dass das Bistum zustimmen müsse, so die Verantwortlichen.

Gemeinsame Aufarbeitung mit den Bistümern Hamburg und Hildesheim 

Die Ergebnisse der Osnabrücker Studie würden auch der gemeinsamen Aufarbeitungskommission zur Verfügung gestellt, die das Bistum Osnabrück gemeinsam mit dem Erzbistum Hamburg und dem Bistum Hildesheim zur Aufklärung und Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt eingerichtet hat.  


Erzbistum Paderborn

Das Erzbistum Paderborn hat mit der Universität Paderborn eine Rahmenvereinbarung für ein unabhängiges Forschungsprojekt getroffen. Unter dem Titel "Missbrauch im Erzbistum Paderborn - Eine kirchenhistorische Einordnung. Die Amtszeiten von Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt (1941-2002)" soll die Studie Erkenntnisse zum Umfang des Missbrauchs, über die Gewalterfahrungen der Betroffenen sowie zu den Umgangsweisen der Verantwortlichen liefern.

Das im August 2019 gestartete und zunächst auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt wird von Professorin Dr. Nicole Priesching, Inhaberin des Lehrstuhls für Religions- und Kirchengeschichte an der Universität Paderborn, geleitet. 

Aufarbeitungskommission und Betroffenenbeirat

Für die Folgezeit der historischen Untersuchung bis zu Gegenwart wird die unabhängige Aufarbeitungskommission für das Erzbistum Paderborn zuständig sein, die im Lauf des Jahres 2021 eingerichtet werden soll. Ebenfalls bis Ende Jahres 2021 ist die Einrichtung eines Betroffenenbeirats vorgesehen.


Bistum Speyer


Das Bistum Speyer will den sexuellen Missbrauch in der Diözese weiter aufarbeiten. Ende Januar kündigte Bischof Karl-Heinz Wiesemann die Einrichtung eines Betroffenenbeirats und einer unabhängigen Aufarbeitungskommission für das Bistum an.

Wiesemann hatte im Dezember 2020 in einem Interview den tausenfachen Missbrauch in einem von Ordensfrauen geführten Kinderheim in den 1960er- und 1970er-Jahren öffentlich gemacht. Das Geschehen erschüttere das gesamte Bistum, so Wiesemann. Nach der Veröffentlichung meldeten sich weitere Personen, die selbst betroffen sind oder zur Aufklärung beitragen wollen.

"Es ist unerträglich."

"Es ist unerträglich, was da im Schatten unseres Domes geschah: dass es buchstäblich niemanden gab, der die Schreie dieser Kinder gehört, ihre körperlichen und seelischen Verletzungen gesehen und ihr Leiden wahrgenommen hat - und ihnen dann beigestanden ist in ihrer Not", zeigte sich der kfd-Diözesanverband Speyer bestürzt.

Sich an die Seite der Betroffenen zu stellen, ihnen zuzuhören und ihnen Glauben zu schenken, darauf komme es jetzt an, so das kfd-Diözesanleitungsteam.

"Wann wird es endlich soweit sein, dass die Strukturen beseitigt sind, die einen solchen Machtmissbrauch in der katholischen Kirche überhaupt erst möglich machen?"

"Es ist leider zu oft umgekehrt: es wurde und wird den Tätern geglaubt. In dem jetzt veröffentlichten Fall waren es wohl, neben den Niederbronner Ordensfrauen, studierte, eloquente Herren, fest im Sattel ihrer Machtpositionen, mit einem gut funktionierenden Netzwerk in Kirche, Politik und Justiz, und finanziell komfortabel ausgestattet. Über all das verfügen die Opfer nicht. (...) Erneut stellen wir als kfd die Frage: wann wird es endlich soweit sein, dass die Strukturen beseitigt sind, die einen solchen Machtmissbrauch in der katholischen Kirche überhaupt erst möglich machen? Die Zeit dafür ist reif - mehr als reif."


Bistum Würzburg

Im Bistum Würzburg ist Anfang Mai der unabhängige Betroffenenbeirat zu seiner konstituierenden Sitzung zusammengekommen. 

Eine Aufarbeitungskommission soll nun ihre Arbeit aufnehmen. Die Mitglieder sollen nach den Vorgaben der gemeinsamen Erklärung des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs und der Deutschen Bischofskonferenz benannt werden. Der Kommission gehören sieben Mitglieder an, wie in den Vorgaben empfohlen: zwei Betroffene, vier Experten aus Wissenschaft, Fachpraxis, Justiz und öffentlicher Verwaltung sowie ein Vertreter der Diözese Würzburg.

"Mir sind der Austausch und das Gespräch mit den Betroffenen sehr wichtig", betonte der Würzburger Bischof Franz Jung. Schon im Herbst 2020 hatte er angekündigt, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt im Bistum in Zusammenarbeit mit der Universität Würzburg geschehen soll. 


 

Mit Material von KNA


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Kommentare (1)

  • Renate Coring
    Renate Coring
    am 22.02.2021
    Es ist kein Ende abzusehen im Skandal um den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche. Die Ergebnisse der Studien sind dramatisch.
    Aber warum fällt es der katholischen Kirche so schwer, die Missbrauchsfälle voll umfänglich aufzuarbeiten. So langsam verliert die Kirche jede Glaubwürdigkeit.
    Es muss dringend darüber diskutiert werden, ob die katholische Kirche die nächsten Schritte alleine festlegen kann oder ob nicht auf der Staat in der Pflicht ist, stärker mitzuwirken. Es reicht bei den Politikern nicht mehr aus, nur entrüstete Zaungäste zu sein. Auch sie dürfen nicht das Leid der Opfer ignorieren und einfach sagen: Die Kirchen müssen sich darum kümmern.
    Die Zeit muss endlich vorbei sein, wo Täter geräuschlos versetzt und Opfer mundtot gemacht wurden/werden. Das sind wir alle den Missbrauchsopfer schuldig.
Stand: 05.05.2021