Sexualisierte Gewalt

Aufklärungsarbeit in den Bistümern

Bei der Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche gehen die (Erz-)Bistümer unterschiedliche Wege. Zum Überblick und den Reaktionen der kfd vor Ort. Was sind Ihre Reaktionen auf die Aufklärung der Missbrauchsfälle in den (Erz-)Diözesen? Diskutieren Sie mit uns.

Bistum Aachen

Im November 2020 veröffentlicht das Bistum Aachen das Gutachten "Sexueller Missbrauch Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker im Bereich des Bistums Aachen im Zeitraum 1965 bis 2019".

"Das Fazit ist vernichtend: Im Bistum Aachen ging Täterschutz vor Opferschutz", urteilte der Diözesanrat Aachen in seiner Stellungnahme, der sich die kfd im Diözesanverband anschloss. "Kirche muss endlich die Würde der einzelnen Person, ihre Autonomie und ihre Selbstbestimmung in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen und zum Fixpunkt ihrer inneren Verfassung machen."

"Nicht wir oder das Bistum definieren die Perspektive, sondern die Betroffenen selbst."

"Fakten und Empfehlungen liegen dank des Gutachtens auf dem Tisch. Jetzt ist die Zeit der Umsetzung", heißt es in der Stellungnahme weiter. "Leitend sollte in der Tat die Perspektive der Betroffenen sein. Aber nicht wir oder das Bistum definieren diese Perspektive, sondern Betroffene selbst. Dafür sind schnellstmöglich die Grundlagen zu schaffen."

Seit 2018 fordert die kfd #MachtLichtAn. Anlässlich der DBK-Frühjahrsvollversammlung 2021 erneuert sie ihre Forderungen.

Erzbistum Berlin

Ende Januar 2021 ist das Erzbistum Berlin mit seinem Missbrauchsgutachten "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946" an die Öffentlichkeit gegangen.

Das Gutachten stelle nicht den Abschluss der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals im Erzbistum Berlin dar, teilte das Bistum mit. Es solle dazu beitragen, aus den Erkenntnissen über die Vergangenheit weitere Schlussfolgerungen für den zukünftigen Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch im Bereich der katholischen Kirche zu ziehen und erkannte strukturelle Defizite zu minimieren.

Das Echo fällt geteilt aus. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, begrüßte die Veröffentlichung als wichtige Studie auf diözesaner Ebene. Die bundesweite Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" kritisierte dagegen, dass konkrete Informationen über die untersuchten Fälle nicht veröffentlicht, Verantwortliche nicht identifiziert und Täter nicht benannt worden seien. Auch sei mit den Opfern nicht gesprochen worden.

"Dieses Vorgehen führt das Bemühen um Aufklärung und Aufarbeitung ad absurdum."

"Tatsächlich wird auf diese Weise verhindert, dass Betroffene voneinander erfahren, sich austauschen und vernetzen können. Auch die Öffentlichkeit wird gehindert, sich ein Bild von den empörenden Vorgängen machen zu können, angeblich um Voyeurismus zu vermeiden. Dieses Vorgehen führt das Bemühen um Aufklärung und Aufarbeitung ad absurdum", so Matthias Katsch vom Eckigen Tisch.

Betroffenenbeirat und Aufarbeitungskommission 

Ende Februar 2021 teilten das Erzbistum Berlin, die Bistümer Dresden-Meißen und Görlitz sowie das Katholische Militärbischofsamt mit, bei der Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs zu kooperieren. Sie rufen Betroffene aus ihren Zuständigkeitsbereichen zur Mitwirkung an einem gemeinsamen Betroffenenbeirat auf. Geplant ist auch eine Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs.


Bistum Dresden-Meißen

Im Bistum Dresden-Meißen gibt es seit August 2019 eine Stabsstelle Prävention. "Die Ergebnisse der Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche vom September (2018, Anmerkung de Redaktion) haben mich tief erschüttert. Sie sind eine Verpflichtung zu Konsequenzen und zum Handeln", so Heinrich Timmerevers, Bischof von Dresden-Meißen.

Der Umgang mit dem Fall eines vor 50 Jahren gestorbenen Priesters und Missbrauchstäters im sächsischen Heidenau sorgt derweil im Bistum für Aufruhr. Pfarrer Herbert Jungnitsch, der 1971 verstarb, soll Kinder schwer sexuell missbraucht haben. Der Fall gilt als einer der schwerwiegendsten im Bistum Dresden-Meißen.

Laut Angaben des Seelsorgerats der Pfarrei Heidenau sind "Fälle sexualisierter und körperlicher Gewalt an mindestens vier Kindern bis hin zu schwerem sexuellen Missbrauch glaubhaft bekannt". Das Grab des Pfarrers soll nun eingeebnet werden. Dresdens Bischof Heinrich Timmerevers befürwortet die Einebnung und gibt zu: "Klar ist: Bei der Aufarbeitung dieses Falls sind Fehler passiert, denen wir uns stellen müssen".

Die "Sächsische Zeitung" zitierte Betroffene, wonach vermutlich noch mindestens sechs Männer, alle aus der Gemeinde in Heidenau und teils im Kirchendienst, an den Taten beteiligt gewesen sein sollen. Bei der Aufklärung der Missbrauchsfälle hat das Bistum nun die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Die Diözese betonte Mitte Februar: "Das Bistum und die Pfarrei sind dankbar für alle Unterstützung in den Aufklärungs- und Aufarbeitungsprozessen - hier ist noch viel zu tun." Ausdrücklich werden Betroffene sexuellen Missbrauchs ermutigt, sich zu melden.

Grab des Missbrauchstäters soll eingeebnet werden

Auf Eigeninitiative eines neuen Gemeindereferenten hatte der Aufarbeitungsprozess in der Gemeinde Heidenau im vergangenen Jahr begonnen. Von den Taten des Pfarrers wusste das Bistum schon länger. Es informierte im Juli 2010 über mehrere Missbrauchsfälle, unter anderem darüber, "dass ein 1971 verstorbener Pfarrer offensichtlich verbrecherische Handlungen an Mädchen begangen und ihnen damit schweren seelischen Schaden zugefügt hat".

"Es hat nichts mit Rache zu tun, wenn die Ehrung des Täters beendet und das Opfer gehört wird."

Die Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" befürwortet die geplante Einebnung des Grabes des verstorbenen Missbrauchstäters. "Es hat nichts mit Rache zu tun, wenn die Ehrung des Täters beendet und das Opfer gehört wird", sagte der Sprecher der Initiative, Matthias Katsch. Er bezeichnete es als wichtig und bemerkenswert, dass die Pfarrei ihr offizielles Andenken verändere und an das Wissen um das verursachte Leid anpasse. Zugleich warnte Katsch davor, sich aus Pietät nicht mehr mit der Schuld verstorbener Täter auseinanderzusetzen.

Betroffenenbeirat und Aufarbeitungskommission

Ende Februar 2021 teilten die Bistümer Dresden-Meißen und Görlitz, das Erzbistum Berlin sowie das Katholische Militärbischofsamt mit, bei der Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs zu kooperieren. Sie rufen Betroffene aus ihren Zuständigkeitsbereichen zur Mitwirkung an einem gemeinsamen Betroffenenbeirat auf. Geplant ist auch eine Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs.



Bistum Essen

Im Bistum Essen läuft seit März 2020 eine auf zwei Jahre angelegte, externe wissenschaftliche Studie. Sie soll Missbrauchsfälle und den Umgang damit untersuchen und dabei auch Strukturen aufzeigen, die Missbrauch und Vertuschung begünstigen. "Wir wollen verstehen und wir wollen verändern, um Missbrauch in Zukunft zu verhindern", betonte Essens Bischof Franz-Josef Overbeck.


Erzbistum Hamburg

Im Erzbistum Hamburg steht Erzbischof Stefan Heße unter Druck: In seiner Zeit als Personalchef im Erzbistum Köln (2006 bis 2015) soll er Missbrauchsfälle vertuscht haben. Heße hatte die Anschuldigungen stets zurückgewiesen, allerdings nach eigenen Aussagen über einen Amtsverzicht nachgedacht.

Seit 2019 läuft im Erzbistum eine auf zwei Jahre angelegte Studie zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Landesteil Mecklenburg. Mecklenburg war von besonders vielen Fällen betroffen.

Die Aufarbeitung bezieht sich auf die katholische Kirche in Mecklenburg und den Zeitraum von 1945 bis 1989. Den Betroffenen in der DDR war es oftmals nicht möglich, sich an die staatlichen Organe zu wenden und Strafanzeige zu erstatten. Laut MHG-Studie von 2018 war die Zahl von 54 Betroffenen und 17 beschuldigten Priestern in Mecklenburg etwa gleich hoch war wie in den westlichen Bistumsteilen Hamburg und Schleswig-Holstein zusammen.

Gemeinsame Aufarbeitung mit den Bistümern Hildesheim und Osnabrück

Bei der Aufklärung und Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt arbeiten das Erzbistum Hamburg  und die Bistümer Osnabrück und Hildesheim zusammen und richten eine gemeinsame Aufarbeitungskommission sowie einen Betroffenbeirat ein.


Erzbistum Köln

In Köln steht Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki seit Monaten in der Kritik, weil er ein Gutachten zu Missbrauch durch Kleriker im Erzbistum beharrlich unter Verschluss hält und stattdessen ein neues Gutachten in Auftrag gegeben hat, das am 18. März 2021 vorgestellt werden soll.

Pfarrgemeinderäte, Priester, kfd-Frauen und zuletzt der Diözesanrat der Katholiken haben sich bereits gegen den Kurs des Erzbischofs gestellt und die schleppende Missbrauchsaufarbeitung scharf kritisiert.

Kardinal Woelki betonte indes: "Wir haben Fehler gemacht, wir haben Vertrauen verspielt, ich verstehe die Ungeduld." Das Ziel bleibe, so der Erzbischof in einem Statement, "den Betroffenen eine Stimme zu geben. Ihnen ein Stück Gerechtigkeit zukommen zu lassen mit einer Untersuchung, die Namen und Verantwortliche benennt."

Bereits Ende 2018 gab Kardinal Woelki ein Gutachten in Auftrag, das den Umgang der Bistumsverantwortlichen mit Fällen sexualisierter Gewalt untersuchen sollte. Im Frühjahr 2020 wollte man das Papier veröffentlichen. Doch die Veröffentlichung wird auf Herbst 2020 verschoben und dann ausgesetzt. Als Grund werden "fachliche Mängel" benannt.

Das Erzbistum beauftragte ein neues Gutachten, das am 18. März 2021 vorgestellt werden soll. Falls ihm das neu bestellte Gutachten ein pflichtwidriges Verhalten attestiere, werde er persönliche Konsequenzen ziehen, so der Kölner Erzbischof und schloss einen Rücktritt nicht aus.

Deutlich mehr Missbrauchsopfer und -täter

Nach einem Bericht des "Spiegel" (Mitte Februar 2021) gibt es in dem neu beauftragten Gutachten deutlich mehr Missbrauchsopfer und -täter als bisher angenommen: Es seien rund 300 Betroffene und 200 Beschuldigte seit 1975. Die im Herbst 2018 vorgestellte Missbrauchsstudie der deutschen Bischöfe führte für das Erzbistum Köln 135 Betroffene und 87 beschuldigte Geistliche aus den Akten der Jahre 1946 bis 2015 auf.

Weitere Brisanz erhält die Debatte durch Vertuschungsvorwürfe gegen den heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße, damals Personalchef im Erzbistum Köln. Und auch Kardinal Woelki sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, an der Vertuschung eines Missbrauchsfalls beteiligt gewesen zu sein. In den 1970er-Jahren soll er einen Fall, von dem er 2015 erfahren haben will, pflichtwidrig nicht an den Vatikan gemeldet haben. Der Vatikan sieht hingegen kein Fehlverhalten.

Im Februar 2021 wurde im Erzbistum Köln ein weiterer verjährter Verdachtsfall von sexuellen Übergriffen durch einen Geistlichen öffentlich, in dem die Bistumsleitung spät reagierte.

"Wer vertuscht, macht sich mitschuldig."

Auch wenn der Kölner Erzbischof den Papst gebeten hatte, die Vorwürfe gegen ihn zu prüfen, ist die Meinung der kfd-Spitze eindeutig: "Wer vertuscht, macht sich mitschuldig", formulierte kfd-Bundesvorsitzende Mechthild Heil.

Bischöfe dürften sich nicht nur an ihren Worten messen lassen, den Worten müssten auch Taten folgen, so die kfd-Bundesvorsitzende. Auch Kardinal Woelki müsse Verantwortung übernehmen. Schließlich habe er in der Vergangenheit gesagt, er würde von seinem Amt zurücktreten, wenn die von ihm in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie nachweisen würde, dass er an Vertuschungen beteiligt gewesen war.

"Das Vertrauen ist aufgebraucht und enormer Schaden für unsere Kirche angerichtet."

"Es geht uns um Transparenz und Nachvollziehbarkeit", mahnte die Kölner kfd-Diözesanvorsitzende Elisabeth Bungartz bereits im November 2020. "Das Vertrauen ist aufgebraucht und enormer Schaden für unsere Kirche angerichtet." Elisabeth Schmitz-Janßen, stellvertretende Diözesanvorsitzende, ergänzte: "Insbesondere der weitere Missbrauch an den Betroffenen im Zusammenhang der Nicht-Veröffentlichung beschämt uns."

Kritik von Bischöfen und Lai*innen

Ende Januar 2021 der nächste Paukenschlag: Der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln verurteilte die schleppende Aufklärung des Missbrauchsskandals scharf und setzt nun aus Protest seine Mitarbeit an der Bistumsreform aus. "Der Erzbischof von Köln hat als moralische Instanz versagt und zeigt bis heute keine Haltung", empörte sich der Diözesanratsvorsitzende Tim Kurzbach.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken zollte dem Diözesanrat umgehend Respekt und zeigte sich öffentlich solidarisch. Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, kritisierte, die Situation in Köln schüre in sehr vielen Menschen wieder Zweifel am ehrlichen Willen zur Aufarbeitung der Bistümer in Deutschland. "Das schadet uns allen", so Ackermann.

Auch das Präsidium des Synodalen Wegs kritisierte, die Vorgänge im Erzbistum Köln führten dazu, "dass Viele am Willen kirchlicher Autoritäten zu vorbehaltloser Aufklärung zweifeln."



Bistum Limburg

"Betroffene hören - Missbrauch verhindern": So lautet das Projekt im Bistum Limburg, mit dem Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz gezogen und "eine neue Kultur des Hinsehens im Bistum etabliert" werden sollen. Die Ergebnisse wurden im Juni 2020 vorgestellt. 46 aktenkundige Fälle wurden für den Projektbericht aus der Zeit von 1946 bis 2020 untersucht, 24 der Beschuldigten waren bereits verstorben.

Georg Bätzing, Bischof von Limburg, betonte: "Wir wollen Offenlegung von Taten, Beschuldigten und Betroffenen und wir wollen die Offenlegung von Verantwortlichen mit ihren Namen - und das haben wir getan."

Es gehe um einen Kulturwandel im Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch. Nur durch Transparenz und das Vorzeigen von Ergebnissen könne man "neues Vertrauen gewinnen". Bätzing fügte hinzu: "Man kann verloren gegangenes Vertrauen nie zurückgewinnen."

Die von den Autoren der Limburger Missbrauchsstudie vorgeschlagenen Maßnahmen sollen bis nächstes Jahr umgesetzt werden, wie etwa der geplante gemeinsame Betroffenenbeirat der Bistümer Limburg, Mainz und Fulda sowie ein Beschwerdemanagement, bei dem sich Betroffene "niederschwellig" an das Bistum wenden könnten.

Gemeinsamer Betroffenbeirat 

Die Bistümer Fulda, Limburg und Mainz suchen mit einem öffentlichen Aufruf Mitwirkende in ihrem gemeinsamen Betroffenenbeirat zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. 

"Wir können Missbrauch in der Kirche nur aus der Perspektive der Betroffenen angemessen aufklären und verhindern", betonten die Bischöfe Michael Gerber (Fulda), Georg Bätzing (Limburg) und Peter Kohlgraf (Mainz) in dem am 10. Februar 2020 veröffentlichten Schreiben.

"Wir können Missbrauch in der Kirche nur aus der Perspektive der Betroffenen angemessen aufklären und verhindern."

Zur Mitwirkung seien Menschen eingeladen, die in den drei Diözesen sexuellen Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter erlitten haben Den Bischöfen sei klar, dass es für Betroffene "eine Zumutung" sein könne, sie um Unterstützung zu bitten: "Viele Menschen haben großes Unrecht und Leid durch Vertreter der Kirche aus unseren Diözesen erfahren müssen. Das ist uns sehr bewusst." 


Bistum Mainz

Das Bistum Mainz lässt seit 2019 die Taten sexuellen Missbrauchs und sexualisierter Gewalt im Bistum und den Umgang damit untersuchen. Endergebnisse des unabhängigen Aufklärungsprojektes des Regensburger Rechtsanwalts Ulrich Weber, der auch die Missbrauchsfälle bei den Domspatzen erforscht hatte, sollen 2022 vorliegen.

Bei der Vorstellung des Zwischenberichts im Oktober 2020 wurde auf deutlich höhere Zahlen als in der MHG-Studie hingewiesen und den früheren Bistumsleitungen (darunter die prominenten und populären Kardinäle Karl Lehmann und Hermann Volk) gravierendes Fehlverhalten bescheinigt.


Erzbistum München-Freising

Das Erzbistum München-Freising hatte bereits 2010 einen unabhängigen Missbrauchsbericht vorgestellt. Ein externes Gutachten ist ebenfalls in Auftrag gegeben, das den Zeitraum von 1945 bis 2019 untersuchen und 2021 vorgestellt werden soll.

Grundlage des neuen Berichts sind neben dem Missbrauchsbericht von 2010 alle neuen Hinweise auf sexuellen Missbrauch durch Kleriker und weitere hauptamtliche Mitarbeitende, die seit 2010 bis Ende 2019 in den Verantwortungsbereich des Erzbistums fallen.

"Ich wünsche mir sehr, dass das Gutachten Klarheit schafft bei Verantwortlichkeiten", sagte der Münchner Kardinal Reinhard Marx. "Das gilt selbstverständlich auch für meine Person und meine Verantwortungsbereiche." Marx fügte hinzu, er werde "nicht eingreifen und das Gutachten beeinflussen".


Bistum Münster

Im Bistum Münster werden Missbrauchsfälle seit Oktober 2019 wissenschaftlich und unabhängig untersucht. Die Initiative für die Studie ging vom Bistum aus, das dafür rund 1,3 Millionen Euro zur Verfügung stellt.

Im Dezember 2020 legten die Forscher*innen erste Ergebnisse ihrer Untersuchung zum sexuellen Missbrauch vor: Rund 300 Opfer und 200 Beschuldigte wurden bisher gezählt, doch die Wissenschaftler*innen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus und benennen ein "intensives Leitungs- und Kontrollversagen" der Bistumsverantwortlichen.


Bistum Speyer

Das Bistum Speyer will den sexuellen Missbrauch in der Diözese weiter aufarbeiten. Ende Januar kündigte Bischof Karl-Heinz Wiesemann die Einrichtung eines Betroffenenbeirats und einer unabhängigen Aufarbeitungskommission für das Bistum an.

Wiesemann hatte im Dezember 2020 in einem Interview den tausenfachen Missbrauch in einem von Ordensfrauen geführten Kinderheim in den 1960er- und 1970er-Jahren öffentlich gemacht. Das Geschehen erschüttere das gesamte Bistum, so Wiesemann. Nach der Veröffentlichung meldeten sich weitere Personen, die selbst betroffen sind oder zur Aufklärung beitragen wollen.

"Es ist unerträglich."

"Es ist unerträglich, was da im Schatten unseres Domes geschah: dass es buchstäblich niemanden gab, der die Schreie dieser Kinder gehört, ihre körperlichen und seelischen Verletzungen gesehen und ihr Leiden wahrgenommen hat - und ihnen dann beigestanden ist in ihrer Not", zeigte sich der kfd-Diözesanverband Speyer bestürzt.

Sich an die Seite der Betroffenen zu stellen, ihnen zuzuhören und ihnen Glauben zu schenken, darauf komme es jetzt an, so das kfd-Diözesanleitungsteam.

"Wann wird es endlich soweit sein, dass die Strukturen beseitigt sind, die einen solchen Machtmissbrauch in der katholischen Kirche überhaupt erst möglich machen?"

"Es ist leider zu oft umgekehrt: es wurde und wird den Tätern geglaubt. In dem jetzt veröffentlichten Fall waren es wohl, neben den Niederbronner Ordensfrauen, studierte, eloquente Herren, fest im Sattel ihrer Machtpositionen, mit einem gut funktionierenden Netzwerk in Kirche, Politik und Justiz, und finanziell komfortabel ausgestattet. Über all das verfügen die Opfer nicht. (...) Erneut stellen wir als kfd die Frage: wann wird es endlich soweit sein, dass die Strukturen beseitigt sind, die einen solchen Machtmissbrauch in der katholischen Kirche überhaupt erst möglich machen? Die Zeit dafür ist reif - mehr als reif."


Bistum Würzburg

Im Bistum Würzburg wird eine Aufarbeitungskommission ihre Arbeit erst nach der Konstituierung des neuen Betroffenenbeirats aufnehmen. "Die Vorbereitungen sind nahezu abgeschlossen", so die Diözese.

Betroffene, die sexuelle Gewalt im Raum der katholischen Kirche erlitten haben, sind eingeladen, sich in dem künftigen Betroffenenbeirat zu engagieren. Die künftigen Mitglieder können damit die fachliche Weiterentwicklung des Umgangs mit Fragen der sexualisierten Gewalt in der Diözese unterstützen und die Aufarbeitungsprozesse begleiten.

"Mir sind der Austausch und das Gespräch mit den Betroffenen sehr wichtig", betonte der Würzburger Bischof Franz Jung. Schon im Herbst hatte er angekündigt, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt im Bistum in Zusammenarbeit mit der Universität Würzburg geschehen soll. 


 

Mit Material von KNA


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Kommentare (1)

  • Renate Coring
    Renate Coring
    vor 5 Tagen
    Es ist kein Ende abzusehen im Skandal um den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche. Die Ergebnisse der Studien sind dramatisch.
    Aber warum fällt es der katholischen Kirche so schwer, die Missbrauchsfälle voll umfänglich aufzuarbeiten. So langsam verliert die Kirche jede Glaubwürdigkeit.
    Es muss dringend darüber diskutiert werden, ob die katholische Kirche die nächsten Schritte alleine festlegen kann oder ob nicht auf der Staat in der Pflicht ist, stärker mitzuwirken. Es reicht bei den Politikern nicht mehr aus, nur entrüstete Zaungäste zu sein. Auch sie dürfen nicht das Leid der Opfer ignorieren und einfach sagen: Die Kirchen müssen sich darum kümmern.
    Die Zeit muss endlich vorbei sein, wo Täter geräuschlos versetzt und Opfer mundtot gemacht wurden/werden. Das sind wir alle den Missbrauchsopfer schuldig.
Stand: 26.02.2021