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Was bleibt nach der Flutkatastrophe?


„Kollektive Seelsorge“ nennt es eine kfd-Helferin. Unfassbare Erlebnisse und Tragödien müssen verarbeitet werden, Spenden und Nothilfen schnell kommen. Die kfd wird weiter mithelfen. 

VON JUTTA LAEGE

Wir werden nicht aufgeben, wir werden wieder aufbauen und wir werden nicht alleine sein. Wir bleiben zusammen. Wir werden einen langen Atem brauchen, den wir haben.“ An Tag 4 nach der großen Flutkatastrophe, die die Bilder und Berichte dieses Sommers bestimmt, schreibt die kfd-Bundesvorsitzende Mechthild Heil diese Zeilen bei Facebook. Seit Tagen ist sie, die selbst aus dem Kreis Ahrweiler stammt, in der zerstörten Region unterwegs, versucht zu helfen, wo Hilfe benötigt wird, zu koordinieren und zu organisieren. „Die TV-Bilder und Presseberichte erschüttern sehr, aber die Realität packt einen anders, tiefer und führt zu anderer Einsicht“, sagt sie unter dem Eindruck all der Zerstörung um sie herum. Das beschauliche, herrliche Ahrtal gibt es nicht mehr. 

So wie sie könnten es auch Hunderte Frauen der kfd beschreiben. Einige sind direkt, viele indirekt betroffen. Mehrere Zehntausend Menschen, so Schätzungen von Ende Juli, sind zwischen Erftstadt und Trier, zwischen Hagen-Hohenlimburg, wo alles anfing, Solingen, Bad Münstereifel, Schuld, Dernau und den vielen anderen Orten, die vorher national und international allenfalls als Naherholungsziel bekannt waren, von der Flut überrascht worden und sahen ihre unmittelbare Heimat untergehen. Viele kennen Menschen, die nicht nur Hab und Gut, sondern auch Angehörige verloren haben. „Ich habe meinen ältesten Freund nur zweimal in seinem Leben weinen sehen“, berichtet kfd-Frau Michaela Waßmer, die ins Katastrophengebiet in der Eifel fährt und im Örtchen Kall tagelang Schlamm und Schutt mit wegschafft. „Das eine Mal war bei der Beerdigung seines Vaters, das zweite Mal war nach der Flut.“ Doch sie schildert bei all der Anspannung und Angst, was man in den Trümmern alles finden würde, auch ein anderes Gefühl. 

 

Das waren Menschen, die ich gar nicht kannte. Die Hilfsbereitschaft war grenzenlos." 

Ob dieses Gefühl der Solidarität bleibt, ist schwer einzuschätzen. „Es wird sehr davon abhängen, wie schnell die vielen Spenden und die Nothilfe von Bund und Ländern die Menschen erreichen“, sagt Mechthild Heil. „In den kleinen Dörfern an der Ahr kann ich mir schon vorstellen, dass die Gemeinschaft, die die Leute dort untereinander erfahren haben, sie auch in die Zukunft tragen wird.“ Aber sie ist auch skeptisch. „Vor allem die Menschen, die durch die Berührung mit dem Thema Tod traumatisiert sind, brauchen anhaltende psychologische Hilfe. Und diese Hilfe sollten nach Heils Ansicht nicht nur Einzelne bekommen: „Die Gemeinschaften in den Orten müssten kollektiv begleitet werden. Sie müssen sich neu definieren, verorten, eine gemeinsame Sprache für das Erlebte finden. Nach der Katastrophe in Ramstein wurde auch so gearbeitet.“

Wie fragil die Stimmung in Notlagen ist und wie schnell sie kippen kann, davor kann Heil nur warnen. „Es gibt Kräfte in diesem Land, die die Katastrophe für ihre Propaganda missbrauchen.“ In Rheinland-Pfalz waren zeitweise Fahrzeuge unterwegs, die offiziellen Polizeiwagen ähnelten und über Lautsprecher verbreiteten, dass Polizei- und Rettungskräfte die Anzahl ihrer Einsatzkräfte reduzieren. Bewusste Falschmeldungen, wie die Polizei in Koblenz an Tag 3 richtigstellte: „Wir sind ununterbrochen da!“ 
Michaela Waßmer, die Frau, die in der Eifel erste Hilfe leistete, hat für das Erlebte einen bemerkenswerten Begriff gefunden: Kollektive Seelsorge. Gemeinsam anpacken ohne Vorbehalte oder Vorurteile. Dazu kann Mechthild Heil die kfd-Gruppen auch in den kommenden Monaten nur ermutigen: „Sie werden vor Ort wissen, wo die Not am größten ist und wie sie helfen können. Und so wie ich die kfd-Frauen kenne, werden sie das sicher alle miteinander tun.“

 

Die Gemeinschaften in den Orten müssen kollektiv begleitet werden. Sie müssen sich neu definieren, verorten, eine gemeinsame Sprache für das Erlebte finden." 

Wir haben beim Aufräumen auch gelacht, das hat uns geholfen, die schlimmsten Situationen zu überstehen. Und dann gab es ja auch noch die vielen Menschen, denen sie begegnet ist und die bis zur Erschöpfung und darüber hinaus gearbeitet haben. „Einfach so, weil sie verschont geblieben sind.“ 
Dutzende Orte in den kfd-Diözesanverbänden Köln und Trier, auch in Aachen und Essen, auch in Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg sind massiv betroffen. Margot Klein, DV-Vorsitzende in Trier, wusste eine Nacht lang nicht, ob ihre Eltern in Sicherheit waren. „Bitte geh die Treppe rauf“, hatte sie ihrer Mutter noch geraten, die anderthalb Kilometer entfernt in Jünkerath in der Eifel gemeinsam mit dem pflegebedürftigen Vater im Erdgeschoss ausharrte. Dann brach die Handyverbindung ab. Tage der Ungewissheit, dann die beruhigende Nachricht: Die Eltern hatten auf die Tochter gehört und sich in Sicherheit gebracht. Sie konnten gerettet werden. In Ahrweiler hört Mechthild Heil an Tag 1 nach der Katastrophe diese unglaubliche Geschichte: Die Flut brach auch über den Friedhof herein. Ein Mann klammert sich an einen Baum, kann sich nicht halten und wird von den Wassermassen fortgerissen. An einem meterhohen Steinkreuz findet er Halt. Er überlebte. 

Die lähmende Angst des Ausgeliefertseins hat auch Marita Fitzke, kfd-Vorstandsfrau aus Dernau, erfahren. Sie kann sich mit ihrer Tochter über einen Zugang im ersten Geschoss ihres Hauses in einen Weinhang retten. Nur eine eilig eingesteckte Taschenlampe gibt in der stockdunklen Nacht Orientierung: Wo ist das Wasser? Wie weit steigt es noch? Wer kann uns sehen? Dann hört es auf zu regnen. Gegen ein Uhr steigt auch das Wasser nicht mehr. Sie harren mit einigen Nachbarn aus. „Ich hatte mich innerlich schon von allem verabschiedet“, sagt Marita Fitzke. Als es hell wird, sehen sie im Ort Menschen auf Dächern sitzen. Hubschrauber kreisen über dem Tal, sie machen sich bemerkbar, am Nachmittag werden auch sie von der Bundespolizei rausgeflogen, kommen erst in einer Notunterkunft, später in einer Ferienwohnung unter. Ihr Haus steht noch, die zurückgelassene Katze hat überlebt, unzählige Helfer haben mit angepackt. „Das waren Menschen, die ich gar nicht kannte. Die Hilfsbereitschaft war grenzenlos“, fasst Marita Fitzke zusammen. Eine Helferin gesteht ihr, wie schön „die tolle Erfahrung Eimerkette“ gewesen und dass die Katastrophe wie ein Weckruf für die jungen Leute gewesen sei. 

Werden es Erzählungen wie diese sein, die bei der Verarbeitung helfen? Der Mann, der im Schlamm außerhalb seines Hauses zwei Tage nach der Flut seinen Ehering wiederfand? Oder die Frau, die Mechthild Heil in Schuld in Unmengen von zerstörtem Inventar, Schlamm und Unrat traf und die ihr vier Tage später stolz und regelrecht glücklich ihr Haus zeigte, das nach normalen Maßstäben immer noch unglaublich dreckig und unbewohnbar aussah, aber leer und einigermaßen trocken war. „Ist das nicht fantastisch?“, fragte die Frau. „Was wir hier gemeinsam geschafft haben. Ich bin so dankbar!“ 
Die vielen helfenden Hände und Aktionen haben Elisabeth Bungartz, DV-Vorsitzende in Köln, tief beeindruckt. „Viele kfd-Frauen haben mit angepackt, gesammelt, was gebraucht wurde.“ Oder haben direkt gespendet – von kfd-Frau zu kfd-Frau. In der Region Grafschaft organisierten zwei Männer private Bus-Shuttles nach Ahrweiler und Bad Neuenahr – jeden Tag machten sich Tausende Menschen aus dem Raum Köln-Bonn, Aachen, Rhein-Sieg- und Rhein-Erft-Kreis auf den Weg. Über die Sozialen Medien gab es unzählige Aufrufe und Anfragen. An Tag 3 gab es in einer nahegelegenen Kreisstadt in den Baumärkten keine Schaufeln mehr. Ausverkauft, um zu helfen.
Landwirte mit Traktoren, Baggerführer, Elektriker, Techniker, Feuerwehrleute, die ihr Leben riskiert und auch verloren haben, Notfallseelsorger, Sanitäter, Polizisten, Männer wie Frauen – so viele waren vor Ort unentwegt im Einsatz getrieben von zutiefst menschlichen Eigenschaften: Empathie und Mitgefühl. Das war der in Corona-Zeiten schon verloren geglaubte, vielbeschworene Zusammenhalt, ohne den Zusammenleben auf Dauer nicht möglich ist. 

 

 

Aufruf zur Hilfe

„Frauen, wir halten zusammen“ heißt der Aufruf der kfd, dem viele Mitglieder auf Bundes- und Diözesanebene gefolgt sind und weiter folgen können. In den vergangenen Wochen wurden in Deutschland Millionenbeträge und unzählige Hilfsmittel gesammelt und gespendet. Unter

www.kfd.de/wir-halten-zusammen

sind die wichtigsten Hilfsorganisationen aufgelistet, die weiter Spenden für die Flutopfer entgegennehmen. Dort finden sich auch Berichte zum Engagement von und für kfd-Frauen. Wenn Sie selbst etwas zu berichten haben, schicken Sie uns gerne Material: redaktion@junia-magazin.de

Stand: 30.09.2021