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Vom Schenken

Ob zum Geburtstag oder an Weihnachten, ob zum Jahrestag oder „einfach mal so“: Das Schenken hat in unserer Gesellschaft eine lange Tradition. Wir spüren der Historie des Schenkens nach und widmen uns dabei genauer seiner Bedeutung in der Geschichte, in der Bibel und auch dem Schenken in der Philosophie. So unterschiedlich die Betrachtungsweisen sind, haben  sie alle doch Gemeinsamkeiten – Schenken macht  einfach unglaublich große Freude.

Von Nadine Diab-Heinz

SCHENKEN IN DER GESCHICHTE
Die Geschichte des Schenkens reicht weit zurück in die Menschheitsgeschichte. Und es gibt nicht nur eine, sondern mehrere Ursprungstheorien, die als plausibel betrachtet werden. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, kommt nicht an Marcel Mauss vorbei. Vor fast 100 Jahren veröffentlichte der französische Gelehrte seinen berühmten Essay „Die Gabe – Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften“. Seitdem berufen sich die meisten Forschenden zum Thema „Schenken“ auf Mauss. Der Franzose wandte sich in seinen Untersuchungen dabei dem Archaischen zu, insbesondere Gesellschaften in Polynesien, Melanesien und Nordwestamerika. Dabei ging es Mauss darum aufzuzeigen, welche Bindungen entstehen, wenn man Ge-schenke tauscht. Natürlich ist dies auch eine Form des Handels, in welcher idealerweise das Gleichgewicht von Geben, Nehmen und Erwidern stimmt.

Mauss machte sichtbar, welchen Stellenwert das Schenken in und für die soziale Kommunikation hat. Ein Beispiel: Bei den Maori jener Zeit war noch die Rede vom „hau“, dem Geist, der einer Sache innewohnt, vor allem bezogen auf den Wald und die Tiere. „Das, was in dem empfangenen oder ausgetauschten Geschenk verpflichtet, kommt daher, dass die empfangene Sache nicht leblos ist“, schreibt Mauss zu den Erklärungen des Maori Tamati Rainaipiri. Und weiter: „Selbst wenn der Geber sie abgetreten hat, ist sie noch ein Stück von ihm. Durch sie hat er Macht über den Empfänger.“ Jedes Geschenk ist also, so zumindest die Theorie, beseelt und eröffnet dem Schenkenden einen Zugang zur beschenkten Person.

Kinder reicher Eltern durften ab 1850 Wunschzettel schreiben 

Auch andere Völker kennen zu anderen Zeiten bereits die „Ars donandi“, die Kunst des Schenkens. In Europa wird diese Tradition seit der Antike gepflegt. Schon in den Epen Homers wird im Zusammenhang mit Gelagen und Besuchen stets auf die „Ehrengeschenke“ und „Gastgeschenke“ hingewiesen. Der Soziologe und Forscher Friedrich Rost von der FU Berlin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Schenkforschung. In zahlreichen Publikationen hat er sich dem Thema auf unterschiedliche Weise genähert. Für ihn ist Schenken „soziales Handeln par excellence“. Bei Rost findet man auch Hinweise darauf, wann Kinder das erste Mal offiziell beschenkt wurden. Dazu schreibt der Wissenschaftler in seinem Vortrag „Das Schenken neu bedenken“: „Der Adel fing mit dem Aufkommen von Manufakturen damit an, Geschenke anfertigen zu lassen und dabei Geschmack und Vorlieben der zu beschenkenden Personen zu berücksichtigen. Kinder reicherer Familien durften etwa ab 1850 Wunschzettel schreiben und in Adelskreisen wurden Wünsche über Verwandtschaftsverbindungen und Hof-schranzen diplomatisch übermittelt.“

Friedrich Rost unterscheidet sogenannte „Schenk-Anlässe“: Neben kalendarisch bestimmten Geschenkfesten wie Weihnachten und Ostern gibt es für Rost auch die Feste mit Geschenken bei „rituell begangenen Übergängen im Lebenslauf“ (Taufe, Geburtstag, Einschulung, Volljährigkeit, Umzug ...). Eine Gemeinsamkeit haben sie alle: „Die Feste mit Geschenken werden nicht nur von den Kindern als besonders schön empfunden“, schreibt Rost.

SCHENKEN IN DER BIBEL
Es gibt drei einzigartige Formen des Geschenks in der Bibel für Ulrike Göken-Huismann, Mitglied im Vorstand und Geistliche Leiterin der kfd. „In der Bibel wird vor allen Dingen in Zusammenhang mit Kindern geschenkt“, erklärt sie. Prominentes Beispiel: Die Josefsgeschichte im Alten Testament ist für sie eine „Familiengeschichte par excellence“ mit Verwicklungen und Verwirrungen. „Die zwölf Söhne werden immer als Geschenk empfunden“, sagt Göken-Huismann. Geht man weiter bis zu Jesus Christus, so heißt es beim Propheten Jesaja: „Denn es ist uns ein Kind geboren! Ein Sohn ist uns geschenkt!“ Kinder sind also große Geschenke, die wir bekommen und behüten dürfen.

Gaben des Heiligen Geistes sind immaterielle Geschenke

Nicht nur die Kinder nehmen als Gottesgeschenk in der Bibel eine zentrale Rolle ein, auch die Charismen als Gaben des Heiligen Geistes erachtet Göken-Huismann als wichtig. „Gabe ist ein anderes Wort für Geschenk. Und es gibt sieben Gaben“, führt Ulrike Göken-Huismann aus. „Sie werden auch in Kirchenliedern besungen. Die sieben Gaben sind keine materiellen Gaben: Weisheit, Einsicht, Rat, Erkenntnis, Stärke, Frömmigkeit und Gottesfurcht.“ In Zeiten, in denen das Schenken zu einem Konsumrausch wird, sei eine Rückbesinnung zu den Gaben eine Wohltat.

Wir in der kfd empfinden die Schöpfung, die Erde als Geschenk. Die Schöpfung ist Gabe Gottes und Aufgabe. Dieses Geschenk ist sehr bedroht, weil wir nicht gut mit ihm umgehen.

Vergleicht man das Alte und Neue Testament, so sieht die Theologin zusammenfassend die Akzentuierung unterschiedlich. Die geschenkten Gaben findet man deutlich häufiger im Neuen Testament. Gerade bei Paulus im ersten Korintherbrief sei das Motiv des Schenkens sehr präsent. Der Geist Gottes schenkt. Betrachtet man jedoch die Familiengeschichten und das Thema des Kindes als Geschenk, so sei dieses häufiger im Alten Testament anzutreffen.

Kinder, Charismen, es fehlt noch das dritte große Geschenk. Ulrike Göken-Huismann sagt: „Wir in der kfd empfinden die Schöpfung, die Erde als Geschenk. Die Schöpfung ist Gabe Gottes und Aufgabe. Dieses Geschenk ist sehr bedroht, weil wir nicht gut mit ihm umgehen.“ So liegt es an uns allen, jetzt und in Zukunft achtsam mit diesem unendlich großen Geschenk umzugehen.

SCHENKEN IN DER PHILOSOPHIE
Der Philosoph Wilhelm Schmidt, dessen Schwerpunkt die Lebenskunstphilosophie ist, hat dem Schenken ein ganzes Buch gewidmet. „Vom Schenken und Beschenktwerden“ heißt sein poetisches Werk, das einlädt, Schenken fast schon als eigene Kunstform anzusehen. Dabei beleuchtet Schmidt das Thema nicht nur aus dem philosophischen, sondern auch psychologischen Blickwinkel. Er schreibt: „Immer mehr kommt es für den Einzelnen darauf an, eigene Formen zu finden und neu zu erfinden. Zur Kunst des Schenkens gehört nun, dem Schenken eine individuelle Bedeutung zu geben und darauf zu achten, welche Bedeutung es für den jeweils anderen hat.“ Aufmerksamkeit ist nach Schmidt eine Grundvoraussetzung, um auf die richtige Weise geben und schenken zu können. Das beste Geschenk ist aus guten Gründen eine „Aufmerksamkeit, die zum Beschenkten passt“.

Auch Selbst-Geschenke sind wichtig

Zwei interessante Aspekte des umfangreichen Themas sollen an dieser Stelle noch Beachtung finden. Es ist zum einen die Typisierung der Geschenke nach Wilhelm Schmidt, die an der ein oder anderen Stellen durchaus amüsant sind. Denn der Philosoph unter-scheidet 15 an der Zahl. Um einige davon zu nennen: Freude-, Freiheits-, Dankbarkeits-, Gerechtigkeits-, Besänftigungs-, Entsorgungs- oder gar Gießkannengeschenke. Schmidt schreibt zu Letzteren: „Sie werden ohne Ansehen der Person unter Nutzung von aktuellen Sonderangeboten übers Jahr hinweg zusammengetragen, um sie wahllos über die zu Beschenkenden zu verteilen.“

Dem Thema „Geschenke für sich selbst“ hat der Autor ein eigenes Kapitel gewidmet. Denn Geschenke seien eine Möglichkeit, Seelenarbeit an sich selbst zu leisten, was wiederum erst die Seelenarbeit an anderen ermögliche. Seit Jahren beschenkt sich Schmidt daher selbst, legt ein verpacktes Päckchen nebst Brief unter den Tannenbaum.

Auf die Frage, ob er in diesem Jahr schon ein Geschenk für sich hat, hat er geantwortet: „Tatsächlich ist mir im laufenden Jahr noch kein Geschenk für mich begegnet. Wieder einmal ging mir durch den Kopf, den (erwachsenen) Kindern vorzuschlagen, die Geschenkeflut zu Weihnachten zu reduzieren. Dieses Jahr werde ich erfolgreich sein, denke ich, aufgrund der gegebenen Umstände, die schon ein halbwegs warmes Wohnzimmer zum Geschenk machen. In unserer Wohnung logiert seit Monaten ein älteres ukrainisches Ehepaar, die werden sicherlich die Tatsache als Ge-schenk wahrnehmen, hier sein zu können. So ändern die Zeiten die Geschenke!“ 

Weiterführende Literatur

Wilhelm Schmidt
Vom Schenken und Beschenktwerden. Insel-Bücherei. 2017.

Susanne Kippenberger
Die Kunst der Großzügigkeit. Geschichten einer leidenschaftlichen Schenkerin. Hanser Berlin. 2020.

Natalie Zemon Davis
Die schenkende Gesellschaft.
Zur Kultur der französischen Renaissance. Beck. 2002 

Was passiert, wenn etwas wirklich Wunderbares in deinem Leben auftaucht? Erkennst du es? Schätzt du es? Ein Bilderbuch zu Geduld, Dankbarkeit, Bescheidenheit und Zufriedenheit – weil jeder Tag ein Geschenk sein kann.

DAS GESCHENK
Von Kobi Yamada
44 Seiten, Adrian Verlag, 14,95 Euro ISBN 978-3-9858505-4-9

Stand: 14.10.2022