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Vom Anfang und Ende des Lebens

Uli Michel begleitete als Hebamme 18 Jahre lang Familien vor, während und nach der Geburt eines Kindes – bevor sie sich entschloss, im Hospizdienst zu arbeiten. Sie machte Aus- und Fortbildungen zur Traumafachberaterin, in der Palliative-Care und zur Sterbeamme und unterstützt seitdem als Expertin und bei der Bethanien Diakonissen-Stiftung Familien, die ihr noch ungeborenes oder sehr junges Kind verloren haben. Warum ihre Arbeit auch schöne Seiten hat, berichtet sie in Junia. 

Junia: Frau Michel, Sie begleiten sowohl den Anfang als auch das Ende von jungem, oft sogar ungeborenem Leben. Für viele ein Widerspruch. Wie passt das zusammen?

Uli Michel: Für mich passt das gut zusammen. Der Hebammen-Beruf ist toll, ich bin immer gerne zu Geburten gefahren. Aber ich möchte auch nicht vor den Situationen, die nicht gut ausgehen, die Augen verschließen.

Ich komme aus einem Elternhaus, wo Tod und Sterben immer sehr natürlich begleitet wurden, so dass ich von dem Thema ein ganz anderes Bild hatte als das, was heute üblicherweise vermittelt wird. Beruflich habe ich dann all mein Wissen aus der Hebammen-Arbeit mit dem, was zu Sterben, Tod und Trauer gehört, verknüpft.

Warum haben Sie sich entschieden, Familien verstorbener Kinder professionell begleiten zu wollen?

In der Hebammen-Arbeit habe ich gemerkt, dass wir als Fachpersonal außer Medikamenten nichts anzubieten haben, wenn es mal schwierig wird. Beispielsweise im Umgang mit verstorbenen Kindern, sehr kranken Kindern oder nach traumatisch verlaufenen Geburten. Viele ha-ben beschämt den Kreißsaal verlassen oder waren einfach nicht da, um dies mit den Frauen aufzuarbeiten. Ich fand das schrecklich, weil ich ein Mensch bin, der hin- und nicht wegguckt.

Sie wollte und musste sofort abstillen; nur in einem Nebensatz erwähnte sie, dass ihr Kind verstorben ist.

Ein Auslöser war auch, dass mich eine Mutter anrief, deren acht Monate altes Kind verstorben war. Zufällig hatte sie von ihrer Nachbarin meine Nummer bekommen, weil ihre Hebamme nicht zu erreichen war. Sie wollte und musste sofort abstillen; nur in einem Nebensatz erwähnte sie, dass ihr Kind verstorben ist. Daraus ist dann eine sehr intensive Begleitung geworden, bei der mir klar geworden ist, dass für solche Menschen überhaupt keine Anlaufstellen da sind. Die Frau hatte fluchtartig das Krankenhaus verlassen und merkte erst im Anschluss, dass sie sich ja gar nicht richtig von ihrem Kind verabschiedet hatte. Das haben wir alles nachgeholt. Kindsverlust muss kein traumatisches Erlebnis sein und bleiben, aber es hat oft traumatische Anteile.

Wird dies in der Hebammen-Ausbildung außen vorgelassen?

Nein, wird es nicht. Es wird aber meines Erachtens nicht ausreichend behandelt. In der Praxis dürfen Hebammenschüler*innen oft nicht dabei sein, wenn ein solcher Fall im Kreißsaal ist. Aber wie sollen die jungen Kolleginnen und Kollegen das lernen? Natürlich gibt es da viele Berührungsängste.

Für junge Menschen ist es möglicherweise das erste Mal, dass sie überhaupt einen Toten sehen. Da müssen sie begleitet und herangeführt werden.

Für junge Menschen ist es möglicherweise das erste Mal, dass sie überhaupt einen Toten sehen. Da müssen sie begleitet und herangeführt werden. Wie fühlt sich so ein Körper an? Wie geht man mit ihm um? Es ist wichtig, dies zu üben, auch, um den Eltern Sicherheit vermitteln zu können. Mir erzählen immer noch viele Eltern: „Ich konnte diese mitleidigen Blicke nicht mehr sehen“ oder „Die Hebamme wollte das Kind nicht mal an-fassen“. Es tut Eltern in einer solchen Situation nicht gut, wenn sie, zusätzlich zu dem Tod des Kindes, auch noch verkraften müssen, dass sie unsicheres Personal um sich haben oder Sätze fallen, die unpassend sind. Das hat viel mit Menschlichkeit zu tun.

World Wide Candle Lightning

Zum Gedenken an verstorbene Kinder werden am zweiten Sonntag im Dezember weltweit Kerzen angezündet und ins Fenster gestellt.  

Mit dem „Weltweiten Kerzenleuchten“ zeigen Angehörige, Freunde/Freundinnen und alle, die möchten, um 19:00 Uhr Ortszeit, dass diese Kinder und ihre Angehörigen nicht vergessen werden.

In welchen Situationen melden sich Eltern bei Ihnen?

Bei mir melden sich Frauen, die einen frühen Verlust erlitten haben, eine Fehlgeburt beispielsweise. Dann gibt es Frauen, bei denen in der Schwangerschaft keine kindlichen Herztöne mehr zu hören sind oder die eine Diagnose bekommen, dass das Kind nicht lebensfähig ist. 

Eine häufig gestellte Frage ist: „Ich habe eine dreieinhalbjährige Tochter, die hat sich so auf das Baby gefreut. Was sage ich ihr nun?“ Das ist eine berechtigte Frage einer Mutter, die in Sorge ist, dass sie auch ihre Tochter in ein solches Unglück stürzen muss. 

Auch auf der Paar-Ebene ist es eine große Herausforderung. Männer erleben die Situation ganz anders, da Frauen die Kinder austragen. Häufig berichten die Frauen, dass es sich auf der körperlichen Ebene anfühle, als sei etwas herausgerissen worden. Es ist eine große Schwierigkeit für beide, den anderen so zerbrochen zu sehen. Frauen sagen mir: „Ich habe meinen Mann noch nie so weinen gesehen.“ Und umgekehrt genauso. 

Viele melden sich auch zum ersten Jahrestag wieder, denn dann kommen Erinnerungen hoch. Auch für Menschen, die sich in einer Folgeschwangerschaft noch mal auf den Weg einlassen und dann merken, dass sie doch mehr Ängste oder negative Gedanken haben, sind wir da.

Wie unterstützen Sie betroffene Eltern?

Wenn das Kind geboren, im Krankenhaus verabschiedet und bestattet wurde, kommen die Eltern alle ein bis zwei Wochen zum Einzelgespräch. In erster Linie höre ich, wie es ihnen aktuell geht: Können sie schlafen? Können sie essen? Es ist wie ein Coaching. Ich gehe mit ihnen auch in die Natur, weil die äußere Bewegung auch die innere Bewegung etwas mehr in Schwung bringt. Es ist wichtig, unterschiedliche Formate und Übungen anzubieten, damit jede und jeder was findet, auf das sie sich einlassen können.

Wenn sie etwas stabiler sind, gibt es Gespräche in einer Gruppe, wo man ja auch mit anderen schweren Geschichten konfrontiert wird. Da muss man sprach- und hörfähig sein. 

Drei Mal im Jahr machen wir für Familien ein Trauerwochenende, zu dem Menschen bundesweit kommen, weil es noch relativ wenig Angebote gibt. In den letzten zwei Jahren sind es mehr geworden, es gibt immer mehr ein Bewusstsein dafür, aber noch nehmen die Menschen weite Wege in Kauf.

Raten Sie betroffenen Eltern dazu, sich professionelle Hilfe zu holen?Und wie leicht fällt es ihnen?

Die Hemmschwelle, Hilfe zu suchen, ist hoch. Mir erzählte jüngst eine Frau, sie habe drei Tage darüber nachgedacht, ob sie sich kurzfristig vom Rückbildungskurs abmelden soll – und alle anderen Frauen sagten: Endlich spricht es mal jemand aus! Am Ende des Kurses waren alle froh, da zu sein, und sie haben sich aufgehoben gefühlt. Es ist schon ein Riesenschritt, in die Beratungsstelle zu kommen, obwohl man vorher nicht weiß, was Trauerarbeit ist und was einem dort begegnet. 

Ziel der Arbeit sollte sein, dass jede und jeder wieder fröhlich im Leben stehen kann.

Ziel der Arbeit sollte sein, dass jede und jeder wieder fröhlich im Leben stehen kann. Das behandele ich auch mit den Eltern: Wie kann ich wieder lachen? Wie kann es gelingen, dass ich wieder ausgelassen sein kann? Wie kann ich wieder Leichtigkeit in mein Leben einladen? Es ist super, wenn einem das alleine gelingt – ich freue mich über jede und jeden, der nicht zu uns kommt. Aber ich merke, dass da schon hoher Bedarf ist.

Wie war es für Sie, vom Hebammen-Beruf in die Trauerbegleitung für Eltern zu wechseln?

Gar nicht so anders. Der Prozess des Geborenwerdens bleibt ja immer derselbe. Das, was vor einer Frau liegt, die in der 24. Schwangerschafts-woche gesagt bekommt, dass keine Herztöne mehr da sind, ist: Sie ist immer noch schwanger, sie ist immer noch eine Frau, die Mutter wird – und ein Mann Vater –, wenn das Kind geboren wird. Der Prozess der Geburt muss also genauso begleitet werden. Ich erlebe, dass allen Eltern, die dies durchleben und das Kind in Empfang nehmen, das Herz aufgeht, auch, wenn es verstorben ist. Den Eltern zu sagen: Ihr seid trotzdem liebende Eltern! Das ist das verbindende.

Was ich in der Trauerarbeit erlebe, ist, dass sich Menschen, bei denen plötzlich alles zusammengebrochen ist, Stück für Stück wieder dem Leben öffnen – und das ist auch etwas wie ein „neu geboren werden“.

Was ich in der Trauerarbeit erlebe, ist, dass sich Menschen, bei denen plötzlich alles zusammengebrochen ist, Stück für Stück wieder dem Leben öffnen – und das ist auch etwas wie ein „neu geboren werden“. Das ist für mich das, was es letztlich nicht nur schwer macht. In meiner Arbeit erlebe ich auch, dass viel gelacht wird, es sind oft ganz berührende Momente miteinander, da es ein sehr intimes Thema ist. Aber zu sehen, dass jemand einen klareren Blick bekommt und sich wieder aufrichten kann und wieder mehr am Leben teilnimmt, das ist was Schönes.

Wie wichtig ist ein offener Umgang mit dem Tod eines Kindes?

Er ist essentiell – aber es kann nicht jede und jeder. Es ist ein Riesenunterschied, ob ich ein Stu-dentenpaar betreue, das nur für das Studium in diese Stadt gezogen ist und alle Bezugspersonen weit weg wohnen, oder ob ich ein Elternpaar be-treue, bei dem alle rundherum da sind, unterstützen und helfen. 

Wichtig ist, dass jede und jeder guckt, was heute für sie oder ihn möglich ist, und lernt, ganz kleinschrittig zu denken. Wenn es heute möglich ist, dass ich zumindest einer Freundin davon erzähle, bin ich vielleicht schon wieder ein Schrittchen weiter, weil es mich entlastet. 

Ich fänd es großartig, wenn wir generell mit Leiderfahrung offener in unserer Gesellschaft umgehen würden. Das ist aber nicht immer so.

Was können wir alle tun, um verwaisten Eltern in unserem Umfeld zu helfen?

Es ist wichtig, mit Interesse nachzufragen – auch nach einem halben Jahr noch: Wie ist die aktuelle Situation? Wie fühlt sich Trauer an? Das erleben viele Eltern aber nicht; für alle anderen ist nämlich irgendwann wieder Alltag. Oft hat das Umfeld auch Sorge, die Personen darauf an-zusprechen: „Heute sieht sie mal nicht so verweint aus, da spreche ich sie mal lieber nicht drauf an, sonst erinnere ich sie noch daran.“ Das ist Quatsch: Natürlich denken sie sowieso jeden Tag an das Kind.

In der Akutsituation ist das tägliche Versorgen der Familie oftmals eine Überforderung. Man ist mit den Vorbereitungen für die Bestattung beschäftigt oder so traurig, dass man gar nicht aufstehen kann. Wenn dann jemand anbietet, Mahlzeiten vorbeizubringen und gerne auch gemeinsam zu essen, ist das eine große Geste.

Eine Sorge trauernder Eltern ist auch, dass ihre Kinder vergessen werden. Da ist es gut, auch den Namen zu nennen, zu fragen, wann man das letzte Mal an das Kind gedacht hat. Ich kann mich gut an einen Vater erinnern, dem ein Jahr nach dem Tod des Sohnes bewusst wurde, dass er in dieser Zeit von keinem Mann in seinem Umfeld gefragt wurde, wie es ihm geht. Das war für ihn auch noch mal ein Trauer-Thema.

Es ist gut, behutsam zu sein und nicht mit der Tür ins Haus zu fallen. Aber das Interesse zu bekunden und nicht auszuweichen, ist etwas ganz Wichtiges.

Stand: 14.10.2022