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Paulinas langer Weg zur Selbstbestimmung

Nach Gewalterfahrungen in ihrer Ehe fand die Mexikanerin Hilfe im Frauenkollektiv und lernte, sich zu emanzipieren.

Text: Sandra Weiss
Fotos: Hans-Maxim Omusielik/Adveniat

Für Paulina Méndez war es die große Liebe ihres Lebens. Ein flüchtiges Lächeln huscht über das herbe Gesicht der heute 40-Jährigen. Sie, damals gerade 21, ein schüchternes Bauernmädchen, das Kunsthandwerk aus Ton fertigte. Er ein junger Mann aus einer angesehenen, traditionsbewussten Familie aus San Bartolo Coyotepec, der Hochburg der Töpferei in Mexikos südlichem Bundesstaat Oaxaca. Sie gingen ein paar Mal zum Tanzen, flirteten ein wenig. Dann hielt Luis um Paulinas Hand an, ganz wie es sich geziemt in diesem indigenen Ort, wo Bräuche und Traditionen noch so fest verankert sind wie vor 200 Jahren. Die Hochzeit war ein rauschendes Fest.

"Ich war unheimlich glücklich und malte mir eine rosa Zukunft aus", erzählt Méndez. Die Hochzeitsgeschenke wurden von den Gästen tanzend und unter tosendem Applaus in die gemeinsame Unterkunft getragen - eine Wellblechhütte direkt hinter dem zweistöckigen Steinhaus der Mutter des Bräutigams. Auch das ist so üblich in San Bartolo. Die Menschen der indigenen Gemeinde sind arm, viele leben vom Handel, von der Landwirtschaft, vom Kunsthandwerk oder vom Recycling des Abfalls der nahegelegenen Müllkippe. Das reicht den meisten gerade so zum Überleben.

Zwei Jahre später wurde Sohn Lenin geboren, dann Tochter Alma. Kurz darauf fing es an mit den Problemen. Er begann, das Haushaltsgeld zu vertrinken, blieb oft mehrere Tage weg, verbot ihr zu arbeiten. Wenn sie im Laden um die Ecke Milch kaufen wollte, musste sie ihn um Erlaubnis bitten. Wenn sie sich beschwerte, wurde er grob. Er beleidigte und schlug sie. Paulina Méndez litt still. So hatte es ihr die Mutter vorgelebt, so ist sie erzogen. Einmal, grün und blau geprügelt, hielt sie es nicht mehr aus. Sie packte ihre Sachen und wollte weg. Schwiegermutter Isidra fing sie ab.

Mit über 3700 Frauenmorden im Jahr 2020 gehört Mexiko zu einem der gefährlichsten Länder weltweit für Frauen.

„Wenn du diese Schwelle übertrittst, gibt es keinen Weg zurück“, beschied sie ihr. Dann lernte sie Leticia Real vom Frauenkollektiv Mujeres al Viento (Frauen im Wind) kennen. Seit sechs Jahren ist Real die wichtigste Frauenrechtlerin in dem indigenen Dorf. Auch sie hat die Erfahrung mit einem trinkenden und prügelnden Mann gemacht. „Man fühlt sich gelähmt, wie in einer Falle“, erzählt sie. Hilfe fand sie in der Frauenpastoral, in die der lokale Pfarrer eine Expertin aus Mexiko-Stadt einlud – Paula Regueiro. Sie ist Mitgründerin der vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützten Frauenorganisation GEM (Grupo de Educación Popular con Mujeres), die sich auf emanzipatorische Bildungsarbeit mit Frauen spezialisiert hat. Eine dringende und schwierige Arbeit in einer vom Machismo geprägten Gesellschaft. Mit über 3700 Frauenmorden im Jahr 2020 gehört Mexiko zu einem der gefährlichsten Länder weltweit für Frauen. „Manche Mexikanerinnen wissen noch nicht einmal, dass sie Rechte haben“, erklärt Regueiro. Die Workshops von GEM setzen daher bei grundlegenden Themen wie Frauenrechten und Bewusstseinsbildung an.

Orte, die wie San Bartolo Coyotepec an der Peripherie großer Städte liegen, sind ein besonders schwieriges Terrain. Denn dort prallen Welten aufeinander; soziale, wirtschaftliche und kulturelle Gräben sind tief und führen zu Spannungen. Gerade die misshandelten Frauen seien schwer zu erreichen, erzählt Leticia Real. Viele leugnen die Gewalt oder werden von ihren Männern zu Hause eingesperrt, damit sie keine Hilfe suchen können. Die Gesprächskreise laufen daher unter dem Etikett der Frauenpastoral. „Die Kirche ist wichtig im Gemeindeleben. Wenn die Frauen in die Kirche gehen, trauen sich die Männer nicht, ihnen das zu verbieten“, sagt sie augenzwinkernd. Ein anderer Anknüpfungspunkt ist das Frauen-Spa, das Leticia Real in ihrem Wohnzimmer eingerichtet hat. Dort verabreicht sie Massagen und Kneipp-Kuren. Für viele Frauen ist das ein seltener Moment der Entspannung. In geschützter Umgebung vertrauen sie ihr familiäre Probleme an.

Über die Kirche und Massagen erreichte sie auch Paulina Méndez und ihre Schwiegermutter und lud die beiden zu den Workshops ein. „In den Gesprächsgruppen habe ich zum ersten Mal erfahren, dass ich nicht die einzige bin, die verprügelt wird. Das war sehr befreiend“, schildert Méndez. Sie nutzte auch das Angebot einer Gesprächstherapie mit einer Psychologin von GEM.

„Es hat lange gedauert, aber nach drei Jahren konnte ich mich vor Luis hinstellen und ihm sagen, dass ich wieder arbeiten will.“

„Es hat lange gedauert, aber nach drei Jahren konnte ich mich vor Luis hinstellen und ihm sagen, dass ich wieder arbeiten will“„Es hat lange gedauert, aber nach drei Jahren konnte ich mich vor Luis hinstellen und ihm sagen, dass ich wieder arbeiten will“, erzählt Méndez. Er war mehr perplex als verärgert. „Dann musst du aber auch die Hälfte der Haushaltskosten übernehmen“, habe er entgegnet. „Ich habe sofort eingewilligt und fühlte mich so glücklich und frei wie schon lange nicht mehr.“ Seither arbeitet sie als Vertreterin für Kosmetik- und Reinigungsprodukte und ist viel unterwegs. Dass sie ihr eigenes Geld verdient, macht sie selbstbewusst. Luis habe aufgehört zu trinken, erzählt sie. Paulina Méndez wurde wieder schwanger und gebar vor kurzem ein drittes Kind – ein Mädchen namens Yamile. Tochter Alma, 12, freut sich über die weibliche Verstärkung in der Familie. Sie hat den ganzen Prozess ihrer Eltern beobachtet und selbst Schlüsse daraus gezogen. „Ich gehöre zu einer anderen Generation mit mehr Freiheiten als meine Mutter und meine Großmutter“, ist ihr klar. Wenn sich ihr Bruder vor dem Abspülen drückt, wehre sich Alma, erzählt ihre Mutter stolz. Ein kleiner Schritt auf dem langen Weg zu mehr Gleichberechtigung.

Stand: 21.10.2021