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Mit Kaffee fing alles an

Im Interview blickt Fairtrade-Vorständin Claudia Brück auf 30 Jahre Fairtrade in Deutschland und zeigt, welche Erfolgsgeschichten mit dem Siegel geschrieben werden konnten.

Junia: Als Fairtrade vor 30 Jahren an den Start ging – welche Produkte und Lieferketten standen damals vor allem im Fokus? 

Claudia Brück: Kaffee ist das Produkt, das Fairtrade historisch geprägt hat. Beim Aufbau des fairen Handels haben christliche Organisationen eine entscheidende Rolle gespielt. In den 70er-Jahren haben kirchliche Jugendorganisationen mit sogenannten Hungermärschen gegen die globale Ungerechtigkeit protestiert. Produkte wie eigens importierter Kaffee aus Guatemala, Mexiko oder Nicaragua machten Aufklärung greifbar. Die Gründung von Fairtrade Deutschland vor 30 Jahren hat sich aus dem Wunsch entwickelt, faire Produkte für alle Verbraucher*innen erkennbar und verfügbar zu machen. Die Verbundenheit zu den historischen Wurzeln zeigt sich in der Mitgliederstruktur von Fairtrade Deutschland: Die kfd gehört von Anfang an zu unseren Mitgliedern, ebenso wie zum Beispiel Brot für die Welt und misereor, BDKJ und die evangelische Jugend aej.

Wer oder was hat eines der ersten „Fairtrade“-Siegel bekommen?

Auch das war Kaffee. Im Herbst 1992 gab es den ersten Kaffee mit unserem Siegel. Rewe war dann der erste Supermarkt, der Fairtrade-Kaffee bundesweit fest ins Sortiment genommen hat. In den Folgejahren kamen Tee, Zucker und Kakaoprodukte, Bananen, Honig, Wein, Gewürze und vieles mehr. Inzwischen gibt es in Deutschland gut 7.800 Produkte. Zu den jüngeren Kategorien gehören zum Beispiel Gold oder auch Textilien. Eine richtige Erfolgsgeschichte schreiben faire Rosen: Seit 2005 gibt es Rosen mit dem Fairtrade-Siegel. Inzwischen sind wir in Deutschland Weltmarktführer mit über einer halben Milliarde Fairtrade-Rosen pro Jahr – das ist mehr als jede dritte Rose, die hierzulande verkauft wird! 

Was konnte Fairtrade in den vergangenen 30 Jahren für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bewirken?

Der Ansatz von Fairtrade ist, einen Beitrag zu leisten, dass die Bäuerinnen und Bauern starke professionelle Organisationen aufbauen und gemeinsam ihre Verhandlungsposition verbessern. Inzwischen sind über 1,8 Mio. Menschen Teil einer Fairtrade-zertifizierten Produzentenorganisation. Zehn Prozent davon sind Beschäftigte auf Plantagen, beispielsweise Pflückerinnen auf Blumenfarmen. Gut 90 Prozent sind Mitglieder in kleinbäuerlichen Kooperativen. Sie profitieren von stabilen Mindestpreisen, die sie gegen Schwankungen auf dem Weltmarkt absichern. Und sie profitieren von der Fairtrade-Prämie: Das ist ein finanzieller Aufschlag, den sie für den Verkauf ihrer Produkte über den fairen Handel zusätzlich zum Verkaufspreis erhalten. Sie wird für Projekte vor Ort genutzt – sei es für den Bau von Schulen oder Krankenstationen, für Dünger oder Transportmittel. Seit den Anfängen von Fairtrade haben die Organisationen allein für ihre Verkäufe nach Deutschland über 216 Millionen Euro zusätzlich an Prämiengeldern erwirtschaftet. 

Wie hat sich der Blick der Verbraucher auf Fairtrade-Produkte verändert? 

Mit der Vielfalt der gesiegelten Produkte hat auch deren Sichtbarkeit und Verfügbarkeit zugenommen. Fairtrade ist neben dem Bio-Label das bekannteste Siegel in Deutschland: Über 90 Prozent der Verbraucher*innen kennen es. Ich bin überzeugt, dass Fairtrade dazu beigetragen hat, dass die gesellschaftliche Bedeutung von Nachhaltigkeit enorm gewachsen ist. Viele Bürger*innen, darunter zahlreiche Mitglieder der kfd, engagieren sich aktiv in Fairtrade-Towns für den fairen Handel, in Fairtrade-Schulen lernen Schüler*innen bereits ab der ersten Klasse den fairen Handel kennen. Beim Einkauf auf soziale und ökologische Aspekte zu achten, ist heute für viele Menschen ganz normal. Wir haben anlässlich unseres Jubiläumsjahres ein Wort erfunden, das diese Haltung ausdrückt: Immer mehr Menschen hierzulande leben „fairan“. Und nicht nur bei Verbraucher*innen ändert sich die Haltung, auch bei Unternehmen: Heutzutage kommt kein Wirtschaftsunternehmen an sozialen und ökologischen Themen mehr vorbei. Mit dem Lieferkettengesetz, das Unternehmen verpflichtet, Menschenrechte entlang ihrer Lieferkette zu achten, hat auch die Politik reagiert und eingesehen, dass die globalen Herausforderungen nur mit einem entsprechenden politischen Rahmen gelöst werden können. Nun geht es darum, auch die Umsetzung des Gesetzes so zu gestalten, dass auch die Menschen am Ende der Lieferkette davon profitieren!

Isabelle De Bortoli stellte die Fragen.

Stand: 29.04.2022