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Leben, wie Gott uns schuf

Die kfd ist ein Ort für alle Frauen – ob verheiratet und mit Kindern, verwitwet, geschieden, kinderlos, hetero-, homo- oder transsexuell. Daher haben die jüngsten Äußerungen des Papstes zu kinderlosen Paaren für erheblichen Unmut in der Frauengemeinschaft gesorgt. Gleichzeitig solidarisiert sich die kfd mit der Initiative #OutInChurch, bei der sich Ende Januar Hunderte queere* katholische Menschen deutschlandweit outeten.

Von Isabelle De Bortoli

40 Jahre lang haben sie ihre Liebe versteckt. 40 Jahre in der Angst gelebt, ihre katholischen Arbeitgeber könnten herausfinden, dass sie leben, wie sie laut Kirche nicht leben dürfen: Maria und Monika sind ein Paar. Über Jahrzehnte mussten sie ein Doppelleben führen, in der ständigen Angst, Kolleginnen und Kollegen könnten etwas ahnen, Chefs könnten an Bischöfe berichten. Als Monikas Vater starb, stand Maria nicht neben ihr am Grab. Zu groß die Furcht, dass die Liebe, die laut Katholischer Kirche nicht sein darf, öffentlich würde, dass die Jobs gekündigt werden könnten.

Die Erzieherin, der Krankenpfleger, die Ärztin, die Bildungsreferentin, der Priester, der Religionslehrer, der Museumspädagoge, die Gemeindereferentin, der Mitarbeiter für den Deutschen Katholikentag in Stuttgart: Sie alle sind Teil von „#OutInChurch“

Doch nun ist Schluss mit dem Versteckspiel: Maria und Monika sind zwei von 125 Menschen, die sich im Rahmen der Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ in der ARD Ende Januar geoutet haben. Die Dokumentation ist Teil der Initiative „#OutInChurch“. Sie zeigt auf, wie weitreichend queere Menschen von kirchlichen Bestimmungen im Alltag eingeschränkt sind. Eine ehemalige Referentin aus dem Erzbistum Paderborn erzählt, wie sie kurz vor Beginn des Mutterschutzes ihren Job verlor. Sie ist in einer lesbischen Beziehung, die Kinder wurden über Samenspenden gezeugt. Nicht akzeptabel für ihren damaligen Arbeitgeber. Ein junger Mann berichtet von seiner Geschlechtsangleichung. Im Referendariat ist er für seine Schüler der Religionslehrer, doch für die Kirche bleibt er Lehrerin: „Die Idee, für die Kirche immer nur als weiblich zu existieren, ist für mich enorm schwer zu ertragen“, erklärt er.
Die Erzieherin, der Krankenpfleger, die Ärztin, die Bildungsreferentin, der Priester, der Religionslehrer, der Museumspädagoge, die Gemeindereferentin, der Mitarbeiter für den Deutschen Katholikentag in Stuttgart: Sie alle sind Teil von „#OutInChurch“, und sie sind lesbisch, bisexuell, schwul, transident oder nicht-binär. Die Initiative fordert eine Korrektur menschenfeindlicher lehramtlicher Aussagen sowie die Änderung des diskriminierenden kirchlichen Arbeitsrechts. 

Mit rund 20 anderen Verbänden und Organisationen stellt sich die kfd an die Seite von „#OutInChurch“ und macht deutlich: „Die katholische Kirche ist so vielfältig wie die Gesellschaft selbst und Heimat für jede*n. Niemand darf wegen der eigenen sexuellen Orientierung und/oder der geschlechtlichen Identität diskriminiert oder ausgeschlossen werden. Das betrifft auch Hauptberufliche und Ehrenamtliche, die sich in der katholischen Kirche sowie in Verbänden und Organisationen aus Überzeugung und auf vielfältige Weise engagieren.“

Denn auch die kfd ist ein Ort, wo Diversität gelebt wird und künftig noch stärker gelebt werden soll. In diesem Zusammenhang wird die kfd auf der Bundesversammlung im Juni ein Positionspapier mit dem Namen „Frauenleben sind vielfältig“ verabschieden, das vorab in den Diözesanverbänden diskutiert wurde. Denn Frauen leben heute in einer größeren Vielfalt von Beziehungsformen als ihre Mütter und Großmütter. Sie leben als Single, als Ehefrau, als Ordensfrau, in Gemeinschaft oder alleine. Frauen sind verheiratet, geschieden, verwitwet, leben mit Kindern, alleinerziehend oder ohne Kinder. Frauen sind erwerbstätig und/oder Familienfrau. Frauen sind heterosexuell, lesbisch, bisexuell, intersexuell oder transsexuell. 

Liebe ist nach meiner christlichen Vorstellung nicht auf einen erfüllten Kinderwunsch beschränkt – und schon gar nicht hat die Kirche zu diktieren, in welcher Gemeinschaft und wie jemand zu leben hat.

Das Positionspapier soll zu einem offenen und wertschätzenden Umgang mit der Vielfalt von Frauenleben und Gestaltung von Sexualität beitragen. Hinzu kommt: Viele Frauen haben aufgrund der lehramtlichen Position der katholischen Kirche in Bezug auf Sexualität, Verhütung und des Verständnisses von Ehe und Familie über Jahrzehnte hinweg viel Leid und seelische Verletzungen erfahren. Und so haben auch die jüngsten Äußerungen des Papstes zu kinderlosen Paaren bei der kfd für erheblichen Unmut gesorgt. Die Vorsitzende der kfd, Mechthild Heil, erklärte: „Liebe ist nach meiner christlichen Vorstellung nicht auf einen erfüllten Kinderwunsch beschränkt – und schon gar nicht hat die Kirche zu diktieren, in welcher Gemeinschaft und wie jemand zu leben hat.“
Die Frauengemeinschaft kennt das schwierige Diskussionsfeld von Mutterschaft und Kinderlosigkeit. „Wir haben zuletzt unsere Verbandszeitschrift „Frau und Mutter“ auch deshalb in „Junia“ umbenannt, weil sich kinderlose Frauen zu Recht immer deutlicher beschwerten, dass sie nicht mit gemeint waren.“ Die ungewollt Kinderlosen litten genauso wie die bewusst Kinderlosen oft seelisch schwer unter dieser Last, nicht genug zu sein. Heil wird noch deutlicher: „Es gibt nur diese eine Losung: In unserer Frauengemeinschaft ist für alle Platz! Das sollte auch der Maßstab für die Institution Kirche sein.“
Als Reaktion auf „OutInChurch“ haben mehrere Bischöfe und Generalvikare erklärt, dass queere Personen, die sich geoutet hätten, in ihrem Bereich keine Kündigung befürchten müssten. Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, kündigte außerdem eine Reform des kirchlichen Arbeitsrechts an. 

Mehr zum Thema

Auf der Internetseite der Initiative „#OutInChurch“ erfährt man mehr über die 125 Menschen hinter der Initiative und ihre Forderungen: www.outinchurch.de

Im Herder Verlag wird außerdem im Mai das Buch „#OutInChurch – für eine Kirche ohne Angst“ erscheinen.

Bereits Ende 2021 ist das Buch „Katholisch und Queer“ im Bonifatius Verlag erschienen, in dem die Berichte queerer katholischer Menschen unter anderem um Perspektiven von Bischöfen und Theologinnen und Theologen ergänzt werden. 

Die Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ kann man in der ARD-Mediathek unter www.ardmediathek.de ansehen.

Stand: 21.02.2022