"Meine Großmutter war mein Vorbild"

Die "heute"-Nachrichten-Moderatorin Petra Gerster war neben Maria von Welser das bekannteste Gesicht von "Mona Lisa" - dem ersten Frauenmagazin im deutschen Fernsehen. Wie ihre Großmutter sie geprägt hat, warum sie die Gleichberechtigung noch lange nicht für verwirklicht hält, was sie über das Älterwerden und Gendern denkt und was sie sich für die Kirche in Deutschland wünscht.

Ein Interview von Jutta Laege

Junia: Sie haben nach mehr als drei Jahrzehnten Fernsehkarriere nun Ihren Abschied aus dem Berufsleben genommen, am 26. Mai war Ihre letzte "heute"-Sendung. Wie geht es Ihnen und was machen Sie jetzt?

Petra Gerster: Es ist noch so viel abzuwickeln und aufzuräumen in meinem ZDF-Büro nach 23 Jahren, viele liebe Briefe sind zu beantworten - ich hatte noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken.

Als Journalistin und Moderatorin sind Sie in den 1980er-Jahren beim bundesweiten Fernsehpublikum durch die erste Frauensendung, "Mona Lisa", bekannt geworden. Wie wichtig war dieses Format für Ihre persönliche Entwicklung, aber auch für das Frauenbild in Deutschland?

Sehr wichtig, "Mona Lisa" war ja das erste bundesweite Frauenmagazin mit feministischem Anspruch. Maria von Welser und ich haben kein relevantes Thema ausgelassen - von Frauen im Knast über Missbrauch in der Familie bis hin zu den systematischen Vergewaltigungen bosnischer Frauen durch Serben in den Balkankriegen der Neunziger: Durch "Mona Lisa" wurde dieses spezielle Kriegsverbrechen erst publik, kamen Frauen zu Wort, die sonst in der Berichterstattung keine Rolle spielten.

Hatten oder haben Sie weibliche Vorbilder?

Ja, meine Großmutter, ich verbrachte die Wochenenden bei ihr, wenn meine Eltern gesellschaftlich unterwegs waren. Sie hatte sich als Kriegerwitwe (des 1. Weltkriegs) mit einem Kind durchgeschlagen und ihr Geld als "Fürsorgerin" verdient. Fürsorglich war sie durch und durch, nahm Anteil an jedem und jeder und kümmerte sich. Und politisch war sie obendrein, eine engagierte Liberale, die mir die Hochachtung vor den Frauen ihrer Zeit einpflanzte, die vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht erstritten.

Gleiches Recht und gleiche Chancen für alle, unabhängig von Geschlecht und Herkunft. In unserer immer noch von (weißen) Männern dominierten Welt ist da noch viel zu tun."

Sie bezeichnen sich als Feministin. Was bedeutet das für Sie?

Das bedeutet auf den kürzesten Nenner gebracht: Gleiches Recht und gleiche Chancen für alle, unabhängig von Geschlecht und Herkunft. In unserer immer noch von (weißen) Männern dominierten Welt ist da noch viel zu tun.

Frauen in Film und Fernsehen müssen klug, empathisch und vor allem schlank und gutaussehend sein. Ein alter Hut - oder treibt zunehmende Selbstoptimierung, wie Medien aller Art sie befeuern, diesen Wahn eher an?

Ja, ein alter, aber noch sehr gegenwärtiger Hut; nur hat die geforderte Selbstoptimierung inzwischen auch die Männer erfasst. Aber alles ist im Fluss - die Gesellschaft beginnt gerade erst, diverser zu denken und auch die in den Blick zu nehmen, die die gültige Norm infrage stellen, die "anders" sind. Spannender Prozess.

Wie steht es um Ihre Selbstoptimierung? Ist 65 das neue 45? Oder haben Sie Angst vor dem Älterwerden? Stichwort: Älterwerden ist nichts für Feiglinge!

"Altwerden ist Scheiße", hat mein Vater einmal bitter gesagt. Und auch ich habe nicht gerade Lust darauf, aber früh sterben wäre ja noch blöder. Nein, ich möchte sehr gerne noch Enkelkinder erleben und tue was dafür, gesund zu bleiben.

In Nachrichten- und in Polit-Formaten haben Frauen mit den Männern gleichgezogen, sind teilweise auch die Aushängeschilder. Spielt das Thema Gleichberechtigung da überhaupt noch eine Rolle?

Frauen haben nur auf dem Bildschirm gleichgezogen, hinter den Kulissen, in den entscheidenden Positionen der Sender sitzen hauptsächlich Männer. Ich hatte bis vor Kurzem ausschließlich männliche Chefs über mir; jetzt haben wir mit Bettina Schausten zum ersten Mal eine Hauptabteilungsleiterin in der Aktualität.

Wenn ich als aktive Christin eine gute Nachricht für die Frauen in der katholischen Kirche verlesen dürfte: Na, dass Frauen zum Priesteramt zugelassen werden, natürlich!"

Gleichberechtigung ist ja längst über das Mann-Frau-Thema hinausgewachsen. Die Gender-Debatte ist in vollem Gange. Sie waren als Nachrichten-Moderatorin eine der ersten, die das Gendersternchen durch eine kleine Sprechpause eingeführt hat. Wie kam es dazu?

Naja, ich habe immer schon versucht, auch Frauen zu nennen, wenn es sich anbot. Die Doppelnennung ist manchmal aber umständlich, das gesprochene Gendersternchen ist kürzer und spricht außer Frauen zum Beispiel auch nichtbinäre Menschen an. Das finde ich gut.

Die Gender-Diskussion wird ja teilweise intensiv, um nicht zu sagen aggressiv geführt. Wie waren die Reaktionen auf Ihre modifizierte Nachrichtensprache? Und wie sind Sie damit umgegangen?

Tatsächlich kommen die aggressivsten Reaktionen von älteren Männern. Manchmal auch von älteren Frauen, oft aus dem Osten Deutschlands. Die sind mit einer anderen Sprache aufgewachsen und haben jetzt das Gefühl, es solle ihnen (wieder) etwas oktroyiert werden.

Ich verstehe das, Sprache ist ja auch etwas sehr Persönliches. Gleichzeitig hat sich Sprache aber immer mit der Gesellschaft verändert, es gibt keine für alle Zeiten gültigen Regeln. Das sogenannte generische Maskulinum war lange selbstverständlich, weil Frauen in der Öffentlichkeit keine Rolle spielten. Aber wir leben nicht mehr in einer reinen Männerwelt. Von jungen Menschen kommt übrigens viel Zustimmung zum Gendern.

Im vergangenen Jahr wurden Sie mit dem Hedwig-Dohm-Preis ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Ein toller Preis, war mir Hedwig Dohm als kämpferische Frau doch schon durch meine Großmutter vertraut. Ich habe mich sehr über die Auszeichnung des Journalistinnenbundes gefreut.

Welche Nachricht war Ihre liebste? Und welche Nachricht haben Sie kaum über die Lippen gebracht?

Eine liebste will mir partout nicht einfallen. Positives hatte ich selten zu berichten. Das Ende der Pandemie und aller Einschränkungen zu melden, war mir leider nicht mehr vergönnt. An die schlimmen erinnere ich mich leider gut: den schrecklichen Tsunami im Indischen Ozean 2004, Fukushima 2011 und dann die furchtbaren Anschläge in Frankreich im Bataclan und auf Charlie Hebdo vor einigen Jahren.

Wenn Sie als aktive Christin eine gute Nachricht für die Frauen in der (katholischen) Kirche verkünden/verlesen dürften, welche wäre das?
Na, dass Frauen zum Priesteramt zugelassen werden, natürlich; die Diskriminierung homosexueller Menschen muss aufhören und Katholiken und Protestanten sollen gemeinsam das Abendmahl feiern können. Langfristiges Ziel: eine schwarze Päpstin!

Stand: 25.06.2021