Logo Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands Mitglied
werden

Heiligmorgen? Warum die Weihnachtsgeschichte in der Nacht spielt

Jesu Geburt stellen wir uns meist so vor: Maria, Josef und das Kind im Stall, draußen ist es kalt, dunkel und still. Eine Szenerie, die uns durch die Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium ebenso suggeriert wird wie durch das  bekannteste Weihnachtslied weltweit: „Stille Nacht, Heilige Nacht“.
Aber: Wurde Jesus tatsächlich nachts geboren?

Von Isabelle De Bortoli

Heiligabend, die Heilige Nacht, die nächtliche Christmette – wenn wir heute Weihnachten feiern, hat das viel mit Dunkelheit zu tun. Mit Dunkelheit, die durch ein Licht erhellt wird – die Geburt Jesu, der als Licht in die Welt kommt. Aber: Steht überhaupt etwas von „Nacht“ in der biblischen Weihnachtsgeschichte? Claudia und Simone Paganini, sie Professorin für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München, er Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen, haben gemeinsam das Buch „Von wegen Heilige Nacht“ geschrieben, in dem sie die Weihnachtsgeschichte einem Faktencheck unterziehen. „Zunächst einmal muss man festhalten, dass überhaupt nur zwei Evangelien von Jesu Geburt erzählen – Matthäus und Lukas. Während Matthäus sich ausführlich mit den Sterndeutern aus dem Morgenland beschäftigt, berichtet nur Lukas von der Szenerie der Geburt im Stall“, sagt Simone Paganini. „Und nur einmal fällt ein Hinweis darauf, dass es Nacht ist: Die Hirten hüteten des Nachts ihre Herde.“ Dieser Satz werde seither als Anlass genommen, das Geschehene in der Nacht zu verorten. „Tatsächlich muss man aber sagen: Die Weihnachtsgeschichte ist keine Wiedergabe von realen Ereignissen. Die Geschichte wurde geschrieben zu einer Zeit, als man keine Erinnerungen mehr an die Tatsachen rund um Jesu Geburt hatte. Stattdessen hat man eine Geschichte voller Symbolik komponiert, und für diese Symbolik ist es wichtig, dass es Nacht ist“, so der Theologe.

Es ist kalt, still und dunkel. In dieser Zusammenstellung wirkt die Ankunft Jesu am besten.

Denn: Den Hirten erscheinen Engel. Und deren Ankunft mit Licht und Lärm wirkt in der Szene sehr viel besser, wenn es dunkel und still ist. „Wir befinden uns außerhalb der Stadt, mitten in der Nacht, es ist ruhig. Der Auftritt der Engel macht so den größten Eindruck“, erklärt Paganini. Auch die Geburt Jesu im Winter ist komponiert: Er kommt in der Zeit größter Dunkelheit zur Welt. „In der Nacht ist der Alltag unterbrochen. In der Stille, im leeren Raum schaut der Mensch die eigene Vergänglichkeit. Das macht Angst, die Nacht ist durchaus bedrohlich. Auch existenziell. In diese Szenerie erscheint Jesus als Licht der Welt“, sagt Claudia Paganini. „Es ist kalt, still und dunkel. In dieser Zusammenstellung wirkt die Ankunft Jesu am besten. Obwohl es vermutlich vor 2000 Jahren in Palästina auch im Dezember nicht gerade kalt war – wobei wir davon ausgehen können, dass Jesus auch zu jeder anderen Jahreszeit geboren sein könnte. Wir wissen es nicht“, ergänzt Simone Paganini.

Ein wichtiges Nacht-Motiv in der Bibel rund um die Weihnachtsgeschichte sind die Träume. Auch hier handelt Gott und beeinflusst das Tun der Menschen.

Die Magier träumen, nicht zu Herodes, sondern in ihr Land zurückzukehren. Josef begegnet einem Engel "wie in einem Traum", der ihn darin bestärkt, Maria zur Frau zu nehmen. In einem zweiten Traum fordert der Engel ihn auf, sich mit Maria und Jesus nach Ägypten zu retten.

Mit der Heiligen Nacht zog man übrigens (auch liturgisch) eine Verbindung zur anderen großen Nacht des Christentums: der Osternacht. Gott beginnt in der Nacht, die Menschheit zu retten: indem er seinen Sohn zu den Menschen schickt und indem dieser Sohn für die Menschen stirbt und aufersteht. Doch das sind nicht die einzig bedeutenden Nächte: „Gott agiert in den Texten der Bibel häufig nachts“, erklärt Simone Paganini. „Abraham bricht nachts mit seinem Sohn auf, Mose verbringt ausdrücklich nicht nur 40 Tage, sondern auch 40 Nächte auf dem Berg Sinai, Jakob erkennt die Verbindung von Himmel und Erde im Traum.“

In der Bibel steht bei Matthäus, dass Herodes aus Angst vor der Geburt eines neuen Königs alle Jungen im Alter bis zu zwei Jahren ermorden ließ. Das zeigt, mit welchem Abstand zu Jesu Geburt die Sterndeuter eintrafen. Sie besuchten Jesus demnach auch nicht im Stall an der Krippe, sondern im Haus der Familie.

Für eine weitere Symbolik ist es wichtig, dass die Weihnachtsgeschichte nachts und zur dunklen Jahreszeit im Winter spielt: für den Stern. Matthäus beschreibt die Geschichte der Heiligen Drei Könige – in der Bibel ist von Magiern die Rede. Es sind Astrologen aus dem Perserreich, über ihre Anzahl steht nichts in der Bibel, nur von drei Gaben. Sie sehen einen Stern, der sich bewegt und dann über Judäa stehen bleibt. „Sternkonstellationen haben in der Geschichte der Menschheit stets größte Bedeutung bei der Geburt wichtiger Persönlichkeiten. Zur Zeit von Jesu Geburt gab es tatsächlich eine besondere Planetenkonstellation, mit der sich der ,bewegliche Stern‘ erklären lassen könnte, so Simone Paganini. „Im Jahr 7 vor Christus gab es eine so genannte ,Große Konjunktion‘, in der die Planeten Jupiter, Mars und Saturn sich am Himmel zu begegnen schienen. Sie reflektierten das Sonnenlicht, so dass sie hell strahlten und sich eben als Planeten auch bewegten.“ Übrigens: Die Magier aus Persien kamen nicht wenige Tage nach Jesu Geburt am 6. Januar nach Betlehem, wie wir es heute feiern, sondern bis zu zwei Jahre danach. „In der Bibel steht bei Matthäus, dass Herodes aus Angst vor der Geburt eines neuen Königs alle Jungen im Alter bis zu zwei Jahren ermorden ließ. Das zeigt, mit welchem Abstand zu Jesu Geburt die Sterndeuter eintrafen. Sie besuchten Jesus demnach auch nicht im Stall an der Krippe, sondern im Haus der Familie“, so Paganini. „Und wir können außerdem davon ausgehen, dass Jesu Geburt nicht im Jahr 0, sondern 6 oder 7 vor Christi stattfand.“

In unseren Krippendarstellungen heute kommen all diese Traditionen zusammen: die Engel, der Stern, der Stall, die Heiligen Drei Könige. Eine schöne Szenerie – auch, wenn alles womöglich ganz anders war.

Von wegen Heilige Nacht!
Der große Faktencheck zur Weihnachtsgeschichte

Von Simone und Claudia Paganini
Gütersloher Verlagshaus,
160 Seiten, 14 Euro
ISBN: 978-3-579-02397-7

Stand: 19.12.2023