Heile Familie? Von wegen!

Von Liebe und Zusammenhalt, Streit und Eifersucht, Sorgen und Nöten handeln die Familiengeschichten in der Bibel. Und sie zeigen: Familienleben ist vielfältig, ist bunt - vor allem im Alten Testament.

Von Isabelle de Bortoli

Josef hat permanent Streit mit seinen Brüdern, sein Vater Jakob lebt mit gleich mehreren Frauen zusammen, Rut hat ein inniges Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter, während Saul ein ziemlich schlechter Schwiegervater für David ist: Die Bibel ist voll mit Familiengeschichten. Mit Erzählungen, die ein vielfältiges Bild von Familie zeigen, ein Bild, das so gar nichts mit einer harmonischen Kleinfamilie zu tun hat. Vor allem das Alte Testament zeichnet überhaupt kein einheitliches Bild von Familie, stattdessen werden verschiedene Lebens- und Liebeskonstellationen gezeigt, offen und mit all ihren Problemen. „Nichts in der Bibel sagt uns: Nur so muss Familie sein“, sagt Ulrike Göken-Huismann, Theologin und Geistliche Begleiterin des kfd-Bundesverbandes. „Stattdessen ist das Familienleben im Alten Testament bunt, ganz anders, als wir es uns vielleicht vorstellen. Die so genannten Erz-Eltern-Erzählungen in Genesis 12-50 sind Familiengeschichten par excellence, von Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob und seinen Frauen Lea, Rahel, Bilha und Silpa, Josef und seinen Brüdern. Und in diesen Geschichten kommt alles vor, was Familienleben ausmacht: Zusammenhalt und Sorgen, Neid, Eifersucht, Kinderlosigkeit, Streit zwischen Geschwistern, Sorge füreinander. Jede, die das liest, wird Dinge aus ihrem eigenen Familienleben wieder erkennen.“

Dabei spielt sich das Familienleben im Alten Testament allerdings in einer völlig anderen Lebenswelt ab als in unserer heutigen Kleinfamilie: „Gezeigt wird das nomadische Leben im Clan“,erklärt Barbara Leicht, Theologin beim Katholischen Bibelwerk.

„Die Familie als Liebesgemeinschaft, Mütter und Väter vereint in der Sorge um die gemeinsamen Kinder – dieses Bild von Familie gibt es im Alten Testament nicht."

„Die Familie als Liebesgemeinschaft, Mütter und Väter vereint in der Sorge um die gemeinsamen Kinder – dieses Bild von Familie gibt es im Alten Testament nicht. Anstelle der kleinen Kernfamilie steht die Großfamilie mit mehreren Generationen, zu der auch die Sklavinnen und Sklaven gehören. Im Mittelpunkt des Zusammenlebens stehen ökonomische Fragen, der Clan ist eine Arbeitsgemeinschaft, die sich gemeinsam versorgt. Dass eine Frau alleine leben würde, quasi als Single, Alleinerziehende oder Witwe beispielsweise, das gibt es als gewollte Lebensform im Alten Testament nicht.“ Die Frau war Teil der Großfamilie, und dazu gehörte auch, für Nachkommen zu sorgen, um das Überlebendes Volkes zu sichern.

Kann sie dies nicht, gibt es Probleme, wie die Geschichte der Familie Abrahams zeigt: Abrahams Frau Sara kann – zunächst – keine Kinder bekommen. Sklavin Hagar fungiert als eine Art Leihmutter. Als Sara schließlich doch selbst schwanger wird, entsteht eine Patchworkfamilie. „Die Bibel spricht aber ganz offen auch darüber, wie herausfordernd das Leben in dieser Konstellation für die Betroffenen war“, sagt Barbara Leicht. „Abraham steht zu Sara, gibt sie aber zeitweise auch als seine Schwester aus. Sara selbst bringt Hagar zu Abraham, ist aber auch traurig und eifersüchtig. Schließlich, das große Glück, als Sara doch noch Isaak zur Welt bringt. Keine Kinder zu bekommen, also die Nachkommenschaft des Volkes nicht zu sichern, war ein großes Problem. Auch, weil die Kinder die Altersvorsorge waren.“

In einer ganz anderen, aber ebenfalls besonderen Familiensituation, befindet sich Rut: Sie lebt eine Zeit lang mit ihrer Schwiegermutter Noomi und ihrer Schwägerin Orpa als Frauengemeinschaft zusammen. Noomi war mit ihrem Mann und den Söhnen aus Israel vor einer Hungersnot geflüchtet, die Söhne finden im fremden Land Frauen. Entgegen jedem Klischee verstehen sich Schwiegermutter und -töchter gut, und gemeinsam betrauern sie später die früh verstorbenen Ehemänner und Söhne. Die drei unterstützen sich gegenseitig. Als Noomi Rut zu ihren Eltern zurückschicken möchte, sagt diese: „Bedränge mich doch nicht, dich zu verlassen, mich von dir abzuwenden. Denn wo auch immer du hingehst, da gehe ich hin, und wo auch immer du übernachtest, da übernachte auch ich. Dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott.“ (Ruth 1,16f). Die beiden gehen gemeinsam zurück nach Israel, wo Noomi schließlich dafür sorgt, dass Rut erneut heiratet und damit ihre Versorgung gesichert ist. Dass jemand ohne Familie ist: unvorstellbar.

„Das Alte Testament erzählt uns viel mehr als eine Familiengeschichte, es erzählt die Geschichte eines Volkes und letztlich eine Menschheitsgeschichte“, sagt Barbara Leicht vom Katholischen Bibelwerk. Auffällig sei auch, dass das Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ offenbar bewusst beide Elternteile einschließe: „Das sticht in dieser patriarchalen Zeit sehr heraus und unterstreicht explizit die Rolle der Frau.“ An mehreren Stellen im Alten Testament wird das Ehren der Eltern in den Mittelpunkt gerückt. „Mit dem Gebot sind sicher keine kleinen Kinder angesprochen. Hier wird an Erwachsene appelliert, sich um die alternden Eltern zu kümmern“, erklärt Ulrike Göken-Huismann.

Weg von der Großfamilie führt uns das Neue Testament: Maria, Josef und Jesus – das Bild der heiligen Kleinfamilie wurde vor allem durch das Lukas-Evangelium und die Geschichte von Jesu Geburt im Stall geprägt. Doch obwohl Jesus scheinbar in eine heile kleine Familie hineingeboren wird, wie uns alle Krippendarstellungen glauben machen, wissen wir nicht viel darüber, wie Jesus eigentlich aufgewachsen ist. „Als man anfing, sich für Jesu Kindheit zu interessieren, gab es kaum noch Quellen“, sagt Barbara Leicht. Josef als Mann, der ein fremdes Kind annimmt und versorgt, könnte man als Vorbild für die moderne Patchworkfamilie sehen. „Aber wir wissen kaum etwas über ihn. Er sagt in der Bibel kein einziges Wort“, sagt Ulrike Göken-Huismann.

Aus der Bibel heraus lässt sich auch deuten, dass Josef recht früh gestorben sein könnte: So heißt es in Markus 6,3 über Jesus: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und Bruder des Jakobus und Joses, des Judas und Simon? Und leben nicht seine Schwestern hier bei uns?“ „Maria scheint also recht früh Witwe und damit alleinerziehend gewesen zu sein – sonst wäre Jesus hier sicher als ,Sohn des Josef’ bezeichnet worden“, erläutert Barbara Leicht. „Und die Stelle zeigt auch: Jesus' Familie war größer als gedacht, er hatte Geschwister.“

"Patriarchale Strukturen scheint es in der Glaubensfamilie nicht zu geben, alle sind gleichwertig. Jesus steht hier deutlich für eine gleichberechtigte Kirche.“

Als Jesus zu predigen beginnt, seine Jüngerinnen und Jünger um sich versammelt, um mit ihnen und seinen Anhängern durchs Land zu ziehen, sorgt sich seine Familie um ihn: „Als seine Verwandten das hörten, kamen sie herbei, um ihn wegzuschleppen. Sie sagten nämlich: ,Er hat den Verstand verloren'“ heißt es in Markus 3,21. „Seine Familie hatte offenbar Vorbehalte gegenüber seinem Lebenswandel und wollte ihn nach Hause holen“, sagt Ulrike Göken-Huismann. „Ein Wanderprediger mit zweifelhaften Kontakten – da kann man aus Sicht einer Mutter schon verstehen, dass Maria sich Sorgen machte.“ Jesus reagiert daraufhin mit Abgrenzung: „Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Geschwister? Alle, die den Willen Gottes tun, sind mein Bruder, meine Schwester und Mutter“, sagt er in Markus 3,33-35. „Das zeigt: Jesus grenzt sich hier stark von seiner leiblichen Familie ab“, so Barbara Leicht. „Er schafft im Glauben eine neue Familie.“ Eine weitere Besonderheit: „Diese Stelle findet sich bei allen drei Synoptikern und das unterstreicht ihre Bedeutung“, ergänzt Ulrike Göken-Huismann. „Auffällig ist zudem: Der Vater wird von Jesus nicht erwähnt. Patriarchale Strukturen scheint es in der Glaubensfamilie nicht zu geben, alle sind gleichwertig. Jesus steht hier deutlich für eine gleichberechtigte Kirche, spricht erstmals von Brüdern und Schwestern im Glauben.“

Interessant ist auch ein Blick auf eben jene Brüder und Schwestern: Denn dabei begegnet man weiteren Formen des Familienlebens, wie es sie vor allem im Alten Testament so nicht gegeben hat. Unter den Jüngerinnen und Jüngern sind sowohl Verheiratete wie auch Männer und Frauen ohne Familie. „Maria von Magdala etwa trägt weder – wie sonst üblich – den Beinamen ihres Mannes noch ihres Vaters, sie ist offensichtlich allein unterwegs und wird daher nach ihrer Herkunft benannt“, sagt Barbara Leicht. Und auch die drei Geschwister Maria, Marta und Lazarus bilden eine Familie ohne Ehepartner oder Kinder. Damit zeigt auch das Neue Testament: Die Bibel gibt Maßstäbe für das Zusammenleben von Menschen, nicht von Familie. Achtung, Liebe, Gerechtigkeit, Sorge – das sind die biblischen Maßstäbe für ein Miteinander. „Ehe und Familie sind nicht das höchste Leitbild der Bibel. Sondern die Liebe zu Gott“, fasst Ulrike Göken-Huismann zusammen. „Und alle Familienformen sind richtig und akzeptiert.“

Stand: 21.10.2021