Gehen oder bleiben?

Zwei Schwestern erzählen ihre gemeinsame katholische Geschichte

Angesichts massiver Vorwürfe von Vertuschung und mangelnder Aufklärung im Missbrauchsskandal haben die Kirchenaustritte deutlich zugenommen. Das ist vor allem im Erzbistum Köln so, in dem durch unterlassene Hilfe und verschleppte Aufarbeitung viel Vertrauen in die Institution Kirche und deren Verantwortliche verloren gegangen ist. Die, die zum großen Teil ehrenamtlich für die katholische Kirche im Einsatz sind, haben es immer schwerer, für ihre Sache zu werben.

Von Jutta Laege

Elisabeth Bungartz ist Vorsitzende des kfd-Diözesanverbandes Köln. Sie kämpft mit den katholischen Frauen unermüdlich dafür, die Kirche von innen zu verändern. Dabei bekommt sie viel Zuspruch von denen, die die Proteste der Frauen unterstützen und sich Veränderungen wünschen. Aber sie spürt auch deutlichen Gegenwind von denen, die das alte System, man ist geneigt zu sagen, auf Teufel komm' heraus, schützen wollen.

Anna Altenhofen ist wie ihre Schwester katholisch sozialisiert. Vor einem Jahr ist die Apothekerin aus der Kirche ausgetreten, weil sie die Diskrepanz zwischen Worten und Taten nicht mehr aushielt. Eine Geschichte über Schwesternliebe, Haltungen, Hoffnungen und welche Rolle die Kirche dabei spielt.

Beim Gespräch sitzen sich die beiden Schwestern coronabedingt mit Masken gegenüber. Doch auch wenn dadurch Mimik und emotionale Zeichen eingeschränkt sind, sind Wärme und Zuneigung der beiden Schwestern deutlich zu spüren. "Elisabeth war für mich immer eine starke Persönlichkeit, sie war mein Rettungsanker. Ich nenne sie deshalb auch liebstes Schwesterherz oder Lieblingsschwester", beschreibt Anna Altenhofen.

Die Apothekerin aus Köln ist elf Jahre jünger als Elisabeth Bungartz. Gemeinsam mit einer weiteren Schwester und einem Bruder sind die beiden in einem kleinen Ortsteil im rheinischen Sankt Augustin groß geworden. Der Vater starb früh, und Elisabeth war als älteste Schwester wichtige Ansprechpartnerin. "Zu ihr konnte ich mit all meinen Sorgen und Nöten kommen." Was unfreiwillig auch manchmal störend war, wie Elisabeth Bungartz sich schmunzelnd erinnert. "Ich hatte einen Freund, und du wolltest immer dabei sein."

Zwischen Entsetzen und Pragmatismus

Die Mädchen gingen auf katholische Schulen, die Eltern sangen im Kirchenchor. Mutter Margarete, die 2008 mit 85 Jahren starb, war ehrenamtlich für die kfd im Einsatz. "Mütterverein" hieß das damals auf dem Dorf.

Und dann, 1978, wurde Anna schwanger. Mit 16. Die katholische Mutter schwankte zwischen Entsetzen und Pragmatismus: "Gut, dass dein Vater das nicht erleben muss." Aber sie hatte auch Sorge um den Ruf der Familie. "Ich weiß noch, dass sie sagte, sie könne jetzt nicht mehr in die Frauenmesse gehen", erinnert sich Elisabeth. Doch dann gab es die kfd und deren damalige Ortsvorsitzende, die kurzum entschied: "Wir werden nicht den moralischen Zeigefinger heben. Wir unterstützen Gretchen (Margarete) und ihre Familie nach Kräften."

Anna konnte als erste Mutter mit Kind Abitur an der Klosterschule machen. "Die Lehrkräfte haben sich damals echt klasse verhalten." Als Annas Sohn Christian geboren wurde, hatte ihre Schwester Elisabeth schon ihre eigene Familie: Die Kinder waren im gleichen Alter, das schweißte zusammen.

Oma Margarete half bei der Betreuung des jüngsten Enkels und ermöglichte ihrer Tochter Studium und Karriere. "Ich weiß noch, wie sie gekämpft hat, damit Christian einen Platz im katholischen Kindergarten bekommt. Es könne doch nicht sein, dass sie Küsterdienst mache und ihr Enkel nicht angenommen werde."

Rückblickend räumt Anna Altenhofen ein, dass die Kirche sehr viel für sie getan habe. Und sie bewundert nicht nur ihre Mutter für ihr Tun, sondern heute umso mehr ihre Schwester, die in der kfd ihren Weg fand, sich für Glauben und gutes Miteinander einzusetzen.

Einsatz für die kfd

Elisabeth Bungartz machte nach der Volksschule eine Ausbildung als Sachbearbeiterin, heiratete mit 23, bekam zwei Kinder, blieb 13 Jahre zu Hause und wagte dann nochmal einen beruflichen Neustart. Eine klassische Frauenkarriere zu dieser Zeit. "Eigentlich wollte ich Lehrerin werden", erzählt sie, "heute würde ich nicht mehr so lange auf den Beruf verzichten."

Ihr wichtigstes Betätigungsfeld neben der Familie wurde die kfd. Erst wurde sie Schriftführerin, dann Dekanats- und schließlich Diözesanvorsitzende des größten katholischen Verbandes in Köln. Und sie überzeugte ihre Schwester, die kfd ebenfalls zu unterstützen. "Ja, sie hat mich erfolgreich geworben", erinnert sich Anna. "Ich finde es großartig, wie sie sich einsetzt, für die Gleichberechtigung der Frauen und gegen die alten Strukturen."

Für den Verbleib in der Kirche hat es bei Anna dennoch nicht gereicht. "Es gärte jahrelang in mir", berichtet sie. "Ich bezeichne mich als Christin, ich bin regelmäßig in die Kirche gegangen, tue das auch heute noch. Aber dann erfuhr ich, wie mit Spendengeldern ein Kirchenbau in Afrika finanziert wurde, statt die Not der hungernden Kinder dort zu lindern. Und dann kam der Missbrauchsskandal - auch an unserer alten Klosterschule gab es Fälle. Das brachte das Fass zum Überlaufen."

Es gärte jahrelang in mir. Der Missbrauchsskandal brachte das Fass zum Überlaufen."

Sie hadert mit sich, ihrer Geschichte, behält ihren Entschluss für sich. "Ich habe das am Grab meiner Mutter mit ihr da oben geklärt", sagt sie. Die Schwester zu informieren, bereitet ihr Kopfzerbrechen. "Elisabeth wird sicher total enttäuscht sein, dachte ich. Ich brauchte eine Gelegenheit, wollte das nicht zwischen Tür und Angel. Leider kam dann Corona dazwischen."

Elisabeth Bungartz hat vom Kirchenaustritt ihrer Schwester zufällig erfahren. Aber sie kann es ihrer "Annemie" nicht verübeln. "Ich frage mich gerade selbst ständig, ob ich das noch durchhalte, ob ich dieses System noch unterstützen kann."

Aber dann blitzt der Ehrgeiz hinter ihrer Brille wieder auf: "Solange ich noch denke, dass ich etwas bewegen kann, werde ich für die Reformen in der Kirche kämpfen. Es hätte ja auch keiner gewagt zu glauben, dass die Mauer eines Tages fällt!"Sie ist dankbar, dass sie und ihre kfd gerade jetzt von vielen Seiten Zuspruch bekommen, und setzt ihre Hoffnungen auch auf die neuen, jungen Frauen: "Die lassen sich dieses klerikale System nicht mehr gefallen!"

Solange ich noch denke, dass ich etwas bewegen kann, werde ich für die Reformen in der Kirche kämpfen."

Ob drinnen oder draußen - für beide Frauen ist unmissverständlich klar: "Die Kirche muss den Missbrauchsskandal lückenlos aufklären. Jeder Fall muss verfolgt werden." Und wenn am Ende dann noch der Zölibat abgeschafft und Frauen Priesterinnen werden, will Anna Altenhofen es sich nochmal überlegen mit der gemeinsamen Kirche. "Bis dahin unterstütze ich Elisabeth und die kfd und viele kleine Projekte, bei denen ich hoffentlich direkt Gutes tun kann!"

Aufklärung
#MachtLichtAn
Stand: 26.04.2021