Wie muss Feminismus heute sein?

Frauenbewegung, Geschlechtergerechtigkeit, Feminismus. Selten war so viel davon. Und selten war es so unübersichtlich. Die Internet-Plattformen, die privaten Mitteilungen, die Medien sind voll davon. Kein Star, kein Sternchen, das sich nicht solidarisiert. Was sagt uns das über die Frauenbewegung von heute? Wo steht der Feminismus in diesem noch jungen, aufwühlenden Jahrzehnt? Und wo ist wirklich Feminismus drin?

Von Jutta Laege

Den Feminismus gibt es natürlich genau genommen nicht. Und es kann auch keine für sich beanspruchen, ihn erfunden zu haben. Die sichtbaren Anfänge feministischer Ideen, im Sinne politischer Bewegungen in Deutschland, reichen ins 19. Jahrhundert zurück.

Die Anfänge

Die Frauen der ersten Frauenbewegung wie Louise Peters und Clara Zetkin verschafften sich durch ihre politische Arbeit Respekt. Louise Peters gründete den "Allgemeinen Deutschen Frauenverein", es ging ihr insbesondere um die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen. 

Clara Zetkin kämpfte in der proletarischen Frauenbewegung, begründete 1910 den ersten Internationalen Frauentag, ebnete mit anderen Mitstreiterinnen den Weg zur Einführung des Frauenwahlrechts 1918. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg markierten die 1960er- und 1970er-Jahre die nächste und bis heute ebenso maßgebliche zweite Frauenbewegung. Angefangen beim Recht auf Selbstbestimmung (des eigenen Körpers), erregten die Frauen um Alice Schwarzer nicht nur großes Aufsehen, sie sorgten auch dafür, dass zahlreiche frauendiskriminierende Gesetze überarbeitet und einkassiert wurden.

"Es war eine linke, kapitalismuskritische Bewegung mit durchaus radikalen Positionen", sagt Feminismus-Expertin und Autorin Beate Hausbichler und verweist darauf, dass zum Beispiel Veränderungen im Bereich der Gewaltschutz-Gesetzgebung auf die zweite Frauenbewegung zurückzuführen sind. Kein Zufall, dass die Eröffnung des ersten westdeutschen Frauenhauses, in dem Frauen Zuflucht vor gewalttätigen Männern fanden, in diese Zeit, in das Jahr 1976, fällt.

Doch ist damit alles in schönster weiblicher Ordnung? Die Frauenbewegung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten liberalisiert, institutionalisiert, Frauen wurden in bestehenden Verhältnissen gestärkt.

Hausbichler sieht den Feminismus heute am Scheideweg: "Es wurde vieles erreicht in der Gleichstellungspolitik. Aber was jetzt noch fehlt, so scheint es, muss jede für sich selbst ausmachen." Der starke Individualisierungstrend unserer Gesellschaft schafft neue, ausdifferenzierte Positionen, kann aber auch zur Falle für den Feminismus werden. Denn je vielfältiger, desto unübersichtlicher und verwässerter wird er auch.

Grundanliegen aller feministischen Strömungen sind die Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit für alle Menschen, die im öffentlichen wie auch im persönlichen Leben verwirklicht werden sollen."

Während die amerikanische Aktivistin Marie Shear (1940 bis 2017) im vergangenen Jahrhundert noch notierte: "Feminism is the radical notion that women are people" ("Feminismus ist die radikale Auffassung, dass Frauen Menschen sind"), hat es die aktuelle Politik- und Genderforschung mit unzähligen Bewegungen zu tun: Vom radikalen Feminismus bis hin zu Netz-, Öko- und Queerfeminismus.

Feminismus-Expertin Ilse Lenz von der Heinrich-Böll-Stiftung versucht es auf den Nenner zu bringen: "Grundanliegen aller feministischen Strömungen sind die Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit für alle Menschen, die im öffentlichen wie auch im persönlichen Leben verwirklicht werden sollen."

Feminismus als kapitalträchtiges Label

Eine "Feministin" in den 1970er-Jahren galt als radikal, musste sich womöglich als solche beschimpfen lassen. Heute ist Feminismus neben all seinen Strömungen auch noch ein bedeutendes Label auf einem kapitalträchtigen Marktplatz der Möglichkeiten.

"I'm a feminist", bekennen (nicht nur am Weltfrauentag) Prominente, Frauen, Männer und auch solche, denen man es eigentlich nicht abkaufen würde. "Es ist interessant", sagt Hausbichler, "das linke, radikale Vokabular mischt sich mit eher angepassten Verhaltensweisen."

Der Feminismus lässt sich von denen umarmen, mit denen er sich vor Jahrzehnten noch angelegt hat."

Aus einer politischen Bewegung ist ein hochprofitables Geschäft geworden, das von den tatsächlichen Zielen ablenkt und diese pervertiert. Die Vermarktung von Feminismus durchdringt klassische wie soziale Medien, die Schönheitsindustrie, die Kulturindustrie - und beeinflusst am Ende unser Verständnis von Autonomie.

Was Feminismus nicht ist

Beim Feminismus geht es nicht darum, Frauen mehr Macht zu geben als Männern. Das wäre korrekterweise der Ruf nach dem "Matriarchat". Feminismus bedeutet auch nicht Männerhass. Der Begriff hierfür ist "Misandrie"!

frei nach: www.editionf.com 

"Der Feminismus lässt sich von denen umarmen, mit denen er sich vor Jahrzehnten noch angelegt hat", fasst Hausbichler zusammen. In Werbekampagnen wolle "die Industrie uns glauben machen, dass die wesentlichen frauenpolitischen Kämpfe hinter uns lägen, wir im Großen und Ganzen in einer gleichberechtigten Welt angekommen seien".

Problematisch findet sie auch, "dass Feminismus oft mit Karriere, Arbeit an uns selbst und Erfolg gleichgesetzt werde". Dieser "Marktfeminismus" liefert maßgeschneiderte Antworten: Selbstoptimierung und Selbstermächtigung, neudeutsch "Empowerment", sind die Heilsbringer. Mit Forderungen nach Gleichberechtigung, Kampf gegen herrschende Männerstrukturen und Antidiskriminierung hat das nur noch bedingt zu tun.

Autorin Julia Korbik hat dazu ähnliche Beobachtungen gemacht: "Nicht überall, wo Feminismus draufsteht, ist auch Feminismus drin. Meistens geht es nicht darum, die Gesellschaft tatsächlich gleichberechtigter zu machen und sie nachhaltig zu verändern, sondern vor allem Frauen zu vermitteln, der Kauf von angeblich feministischen Produkten sei bereits feministisches Engagement."

Sie kann dem populär gewordenen Label "Feminist*in" aber auch viel Positives abgewinnen. "Noch vor Jahren, war das eine Marke, die sich kaum jemand anheften wollte. Das hat sich geändert, auch dank Bewegungen wie #MeToo und der Tatsache, dass zahlreiche Hollywood-Stars offen über ihre feministische Haltung sprechen. Wenn sich heute deshalb mehr junge Frauen mit Feminismus identifizieren können, warum nicht?"

Und die jungen Frauen haben charismatische Antreiberinnen: Sophie Passmann und Margarete Stokowski haben mit Buchtiteln wie "Alte weiße Männer" und "Untenrum frei" deutliche Marken gesetzt. Im Internet gibt es unzählige Feminismus-Formate, Diskussions-Foren und Blogs, die die politische Perspektive der heute 20- bis 35-Jährigen in den Fokus nehmen. Das Bild, das dort entsteht, macht Mut: Die nächste Frauen-Generation ist tatkräftig und wortmächtig und kämpft für eine diskriminierungsfreie, nach-haltige Zukunft.

Retraditionalisierung und Gewalt

Unterdessen gibt es ja auch noch viel zu viel zu tun: Aktuelle Statistiken und Umfragen fördern Erschreckendes zutage. In Deutschland wird an jedem dritten Tag ein Gewaltverbrechen an Frauen verübt.

Immer noch sind Frauen von gleicher Bezahlung, gerechter Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit oder gleichen Aufstiegschancen in Politik und Wirtschaft so weit entfernt wie ein katholischer Priester von der Ehe. Eine von der kfd in Auftrag gegebene Umfrage kam zu eindeutigen Ergebnissen, was es aus Frauensicht in Sachen Frauen-Politik zu tun gibt.

Gerade vor dem Hintergrund der durch die Corona-Krise mitverursachten Retraditionalisierung der Frauen und Mütter sind die Forderungen nach gleichen Rechten, gleichen Chancen und gleicher Macht in diesem Jahr wieder lauter geworden.

Gleichzeitig ist der Feminismus heute diverser denn je. In der Wissenschaft spricht man vom "intersektionalen Feminismus", der deutlich auf das Thema Diskriminierung abzielt. Julia Korbik erklärt: "Eine schwarze Frau wird nicht nur aufgrund ihres Geschlechtes diskriminiert, sondern auch aufgrund ihrer Hautfarbe. Eine lesbische Frau wird nicht nur aufgrund ihres Geschlechtes diskriminiert, sondern aufgrund ihrer Sexualität. Letztlich geht es darum, die Vielfalt der Diskriminierungs-Erfahrungen anzuerkennen."

Beate Hausbichler erhofft sich gerade im Hinblick auf die gerade stark geführte Genderdebatte dennoch die deutliche Fortschreibung des Feminismus: "Ich wünsche dem Feminismus Beständigkeit. Und dass er inhaltlich wieder mehr Impulse und Ideen gibt." 

Junge Feministinnen sorgen sich nicht um den Feminismus, sie glauben an die Stärke des Diskurses und des Streites. "Meine feministische Reise entwickelt sich zu einem Marathon, in dem ich hier und da eine Haltung finde, die ich gut und gerne auch mal wieder über den Haufen werfe", schreibt Laura Vorsatz in ihrem Blog "Feminismusmitvorsatz".

Die Bündelung von Kräften täte möglicherweise dennoch gut, um am Ende nicht außer Atem dazustehen, viel diskutiert und wenig erreicht zu haben. Die Jungen und die Alten sind gefragt, gesellschaftspolitisch zusammenzustehen in einem progressiven Bündnis, einer großen Bewegung - unabhängig von Geschlechterrollen: für einen starken, zeitgemäßen Feminismus, der das gemeinsame Ziel der Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit für alle Menschen klar vor Augen hat.

Stand: 23.04.2021